Anja Röhl

Art Violence – Filmrezension

18.10.13/ jw-Feuilleton

Wenn ein widerständiger Mensch einen Ort für seine besonderen Ideen auftut und es schafft, sie mit einem Kollektiv umzusetzen, das beflügelt und trägt; wenn diese Ideen dann die Unterdrückten ergreifen und aufzurichten beginnen, ist die Trauer nach dem Tod eines solches Menschen groß.

Juliano Mer-Khamis, Sohn einer Jüdin und eines Palästinensers, beides Friedensaktivisten, gründete im Flüchtlingslager Dschenin (Westjordanland, mehr als 12000 Bewohner, etwa zur Hälfte Minderjährige) das israelisch-palästinensische »Freedom Theatre«, vor dem er 2011 erschossen wurde. Der Mord ist unaufgeklärt.

In den kommenden Wochen wird nun ein Dokfilm des Kollektivs (Art Violence) durch die halbe BRD reisen, der von diesem Theater berichtet und es in Aktion zeigt.

Kommt drauf an, was man draus macht

Es ist schön zu sehen, wie die Künstler im Sinne des Ermordeten weitermachen, wie sie wieder Mut gefunden haben, wieviel Künstlerisches sie ausdrücken können. Man sieht dazu, wie seine zwölfjährige Tochter Milay Mer von allen einbezogen, getröstet, wertgeschätzt, als Schauspielkollegin geachtet und hier sogar als Regisseurin vorgestellt wird. Gegen Ende des Films wird Milay Mer mit nur 13 Jahren die Idee ihres Vaters aufgreifen und initiieren, »Antigone« filmisch umzusetzen. Der Kampf der Frauen um ihre Rechte wird damit thematisiert, das Soziale in den besetzten Gebieten. Sie proben es an Mauern stehend vor einem Sonnenuntergang. Oder ist es ein Sonnenaufgang? Beides ist möglich. Kommt drauf an, was man draus macht.

Die befreiende Kraft der Kunst

»Art/Violence« ist ein Film über die befreiende Kraft der Kunst. Zu Beginn dreht sich eine »rote Königin« auf einer Bühne immer schneller um sich selbst, schreit dabei ohrenbetäubend. Ein Kreisel der Wut, ein Strudel. Abblende. Zitat Mer Khamis: »Du bist verantwortlich!« Als nächste erklärt die Regisseurin und Schauspielerin Batoul Taleb ihre Kunstauffassung, es wird immer Bezug genommen, auf die Welt draußen, auf die Menschen, wie sie leben, worunter sie leiden. Und immer ist etwas Emanzipatives enthalten, in allen Stücken. Manchmal müssen sie alle Rollen wegen häufiger Verhaftungen von Schauspielern doppelt und dreifach besetzen. Nicht weil diese etwas getan hätten. Palästina soll »in die Steinzeit zurück«. Wer seine Identität, seine Kultur zu bewahren versuche, sei »für die Besatzer eine Gefahr«.

Die rote Königin

Die Figur der roten Königin stammt aus der letzten Inszenierung Juliano Mer-Khamis’, »Alice im Wunderland«.  Die Hauptregisseurin und äußerst eindrucksvolle Schauspielerin, Mariam Abu Khaled, fährt weiß geschminkt und rot kostümiert in einem Bus mit einigen Schulkindern an einen Ort, an dem Stunden zuvor fünf Häuser von Bulldozern eingerissen wurden. 50 Kinder von beiden Seiten der Mauer wurden zusammengetrommelt, um genau hier an diesem Tag Theater zu machen. Es herrscht keine Resignation, Kinder und Königin singen traurig-revolutionäre Lieder gegen die Gewalt an.

Den Shylock-Monolog mit gefesselten Händen

Das Freedom Theatre zeigt seine Inszenierungen oft auf Demos, in Schulen oder Ruinen. In einer ergreifenden Szene des Films spricht ein palästinensischer Schauspieler den Shylock-Monolog aus Shakespeares »Kaufmann von Venedig«. Seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt, seine Augen verbunden. Er kniet im Schutt eines zerstörten Hauses. Vorher ging es darum, wie er einmal am Checkpoint als einziger willkürlich aus dem Auto geholt und einfach so für 30 Tage eingeknastet wurde. Ein Textbuch zum Lernen seiner Rolle durfte er nicht mit in die Zelle nehmen.

Unter Tränen aus Brecht

Theaterszenen wechseln mit Aufnahmen des Lageralltags. Bei der Beerdigung Juliano Mer-Khamis rezitiert die Regisseurin und Schauspielerin Abu Khaled unter Tränen aus Brechts »Gewehren der Frau Carrar«. Mariam Abu Khaled hat die »rote Königin« aus seiner »Alice«-Inszenierung weiterentwickelt. Als eine »Herrscherin im Wunderland«, die »jeden dort kontrolliert und für Führer wie (Ehud) Barak oder Abu Mazen (Mahmud Abbas) steht«.

Wir haben sie aufgegeben

Höhepunkte des Films sind Szenen aus »Warten auf Godot«, in denen Mariam Abu Khaled eine der beiden Hauptrollen, den Gogo, spielt. Gegen den ausdrücklichen Wunsch Becketts wird auch der zweite Protagonist Didi von einer Frau verkörpert, der erwähnten Batoul Taleb. Die beiden Schauspielerinnen und »Art/Violence«-Regisseurinnen treten als Clown und schöne Frau auf. Die absurde Handlung wird um eine Leiter herum dargeboten. In wechselnden Tonfällen wird »Warten auf Godot« gesagt, das Publikum lacht sich kaputt. »Haben Sie uns unsere Rechte genommen?« fragt Gogo, und Didi antwortet heiter:«Nein, wir haben sie aufgegeben!«

Kunst als Waffe gegen die Zerstörung der Identität

Juliano Mer-Khamis spricht einmal auch über die »Gewalt der Unterdrückten«, in einem Interviewauszug nennt er sie »oft gerechtfertigt, aber nicht immer notwendig«. Er wolle einen anderen Weg gehen, er wolle Kunst als eine Waffe einsetzen, gegen die »Zerstörung von Identität«, die ein wesentliches Ziel aller Unterdrücker sei.  Daraus wächst Frieden als Überwindung von Unterdrückung.

Aufklärung über das Theater der Unterdrückten

»Art Violence« erzählt nicht nur von der produktiven Überwindung der Trauer um einen bedeutenden Künstler und Freiheitskämpfer, sondern klärt auch ganz praktisch über das »Theater der Unterdrückten« auf. Das entsteht überall dort, wo Menschen mit Gewalt geistig kleingehalten werden sollen. Unter den übelsten Bedingungen beginnen sie zu tanzen und zu spielen, den Unterdrückern eine Nase zu drehen und ihre Würde zurückzuerobern.

»Art/Violence«, Regie: Batoul Taleb/Mariam Abu Khaled/Udi Aloni, Palästina/USA 2013, 75 min, gerade erst angelaufen, heute in Berlin, morgen Premiere in Hamburg, 11 Uhr, Abaton

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