Anja Röhl

Ich, Daniel Blake – Filmrezension

Dieser Film von Ken Loach ist ein großes Meisterwerk, man könnte es auf die Bühne bringen, es besticht durch die Echtheit seiner Dialoge, seiner Personen, die „wie aus dem Leben gegriffen“ sind, dabei aber doch literarisch volle Kunstfiguren bleiben, die ein scharfer gesellschaftlicher Analytiker nach Exemplarizität gestaltet und ausgewählt hat.

Er hat kein Liebespaar gewählt, nein, ein zufällig sich treffendes Ersatzvater-Tochter-Paar, wollte Solidarität, Freundschaft zeigen, nicht mit Liebe vermischen. Der Film frappiert durch die Persönlichkeiten seiner Hauptfiguren, die wunderbar passend ausgewählt wurden, dann durch die Stimmigkeit auch noch der kleinsten Einzelheiten, Ähnlichkeiten mit den Filmen der Dardenne-Brüder, der englischen Sozialkomödien, obgleich dies keine Komödie, sondern eine moderne Tragödie ist. Dazu wird Arbeit gezeigt, wie sie sich heute zeigt, proletarische. Und Maschinenmenschen, die der moderne Kapitalismus hervorbringt, durch Angst und Übertechnissierung.

Inhalt:

Ein älterer Mann aus dem Baugewerbe erkrankt am Herzinfarkt und seine Ärztin erlaubt ihm noch nicht wieder zu arbeiten. Um Sozialhilfe zu bekommen, muss er als Arbeitssuchender abgelehnt worden sein, dazu muss er sich aber erstmal als solcher melden, daraus entsteht ein Teufelskreis. Parallel wird eine junge Frau, alleinerziehend gezeigt, die sich um 3 Minuten verspätet und dadurch den ganzen Monat gesperrt wird, bedeutet: Kein Geld um die Miete zu bezahlen, hungern, damit die Kinder zu essen bekommen. Deutlich wird: Die Bürokratie der Ämter führt einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung, bei der sie um jeden Pfennig feilscht, während sie der Industrie und den Großkonzernen Milliarden hinterherwirft.  Diese Themen werden aber keineswegs plakativ, verallgemeinernd oder grob dargeboten, nein, der Film hat eine leise Sprache, überzeugt durch Kleinigkeiten, ein Blick, ein Gesichtsausdruck, die Art, wie Daniel es schafft, den kleinen Sohn Dylan mit seinen Mobiles zu begeistern, und die Widerstandsaktion. Eines Tages rennt Daniel Blake vor das Arbeitsamt und schreibt in riesigen Buchtstaben seine Forderungen an die Hauswand. Jubeln, Spontanbegeisterung, Menschen könnten es schaffen, wenn sie zusammenhalten würden.

Täglich Zehntausende

Man sollte ihn auf Breitleinwänden in den Armenvierteln zeigen, denn er macht trotz seines traurigen Inhalts Hoffnung: Da versteht einer das System, einer, der es sieht, wie es täglich Zehntausende erleben. Krieg. Das ist der Grund, aus dem heraus Rechtsradikalität und Amokläufertum wachsen. Dort sind die Brutstätten, wo das gezüchtet wird. Obgleich auch die Linken bei den Gedemütigten eine Chance hätten. Dazu müssen sie aber auch Augen und Ohren aufsperren, dürfen sie nicht zulabern, müssen sich an jene wenden, die hier zermahlen werden, zu ihnen hingehen, wie es der Regisseur gemacht hat, ihre Sprache sprechen lernen, ihre Forderungen unterstützen, in ihren Schuhen laufen, wie ein altes Indianersprichwort sagt.

Unbedingt anschauen!

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