Anja Röhl

Das Salz der Erde – Filmrezension

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wim Wenders hat auf der Berlinale den Goldenen Bären für sein Lebenswerk bekommen. Zu Recht. „Das Salz der Erde“, einen seiner ungewöhnlichsten Filme, kann man momentan in den Kinos sehen. Er hat einen Künstler und sein Werk porträtiert. Den Welt-Meister der sozialen Fotografie, Sebastiao Salgado.

Wim Wenders hat nicht viel getan, er durfte den Fotografen und seinen Sohn auf einigen Reisen begleiten und dessen Geschichten und frühere Filmaufnahmen dokumentieren.  Dabei herausgekommen ist das Porträt eines großen Weltveränderers, der selber nicht im Mittelpunkt stehen will, dessen Werk aber sehr besonders ist.

Der Film führt einem anschaulich vor Augen, was Kunst bewegen kann. Die Foto-Kunstwerke Salgados auf Breitwand, die den Film chronologisch bestimmen und begleiten, wirken beweglich, nicht statisch,  sind von einer ungeheuren Tiefe des Ausdrucks.

Der Anfang

Zunächst werden zwei Menschen vorgestellt, Sebastiao und seine Frau Lejla. Sie lernen sich im Paris der frühen 60-iger Jahren kennen, wohin Sebastiao aus der heimatlichen Enge Brasiliens geflohen war. Er studiert Ökonomie. Als Wirtschaftswissenschaftler lernt er vor allem, wie gnadenlos weltumspannend Kapitalismus ist.  In den Kämpfen des 68-iger Mais lernt er, wie brutal und heftig die Polizei-Truppen diese Verbrechen gegen ihre Kritiker zu verteidigen verstehen, damals so gut wie heute, macht es ihn trostlos und wütend.

Immer stärkere Leidenschaft

Das Fotografieren lernt er, als seine Freundin und Lebenskameradin ihm eine Kamera schenkt, bald macht er die schönsten Porträts von ihr.  Doch dann fotografiert er was er sieht: Die Menschen, die Situationen, seine Zeit, in der er lebt.  Von Anfang an legt er seine Fotos als Gemälde an, starke Hell-Dunkel-Kontraste, harmonischer Bildaufbau, würdevolle Menschendarstellung. Bald darauf hat sie die Idee, die Bilder Zeitschriften anzubieten. Sie werden genommen, seine Kunst kommt an. Immer stärkere Leidenschaft packt beide und bald planen sie große, monatelange Fotoreisen und bereisen die ganze Welt.

Einen Blick auf die Welt

Doch es werden keine Reisefotos. Hauptpersonen seiner Fotos sind diejenigen „die im Dunkeln stehen“, die man auf der Sonnenseite nicht gern sehen will und dessen Existenz man gern verleugnet.  Er zeigt für uns ungewöhnliche Lebenssituationen, er zeigt körperlich schwer arbeitende Menschen, die es ja angeblich nicht mehr geben soll, er macht sichtbar. Hungernde, Menschen, denen etwas  Schlimmes geschieht, Menschen die leiden, er macht sichtbar, was geschieht. Er fängt keine Momente ein, sondern Bewegungen. Er schafft es, uns dabei zu erreichen.

Wim Wenders Verdienst ist es, sich selbst hier zurückgehalten zu haben, die wenigen Momente, wo er als Regiesseur ins Bild kommt (mit Siegelring), wirken eher deplaziert. Der Film lebt allein durch Sebastiaos Entscheidungen, enthüllt vor allem seinen Blick auf die Welt, der ein scharfpointiert-kritischer und zugleich auch poetisch ist.

Die Produktions- und Arbeits-Lebensgemeinschaft der beiden Hauptpersonen hält bis heute an. Nach der ersten Reise, die sie noch mit kleinem Baby durchführen, teilen sie sich später auf: Er reist, fotografiert, sie bleibt da, sortiert und bewirbt die Bilder.

Plastisch, nah, verstörend, künstlerisch absolut perfekt

 

Der Film folgt Salgado auf all seinen Reisen und dokumentiert nacheinander die großen sozialkritischen Bilderzyklen des Künstlers. Dabei wirken die Fotos auf beweglich, plastisch, nah, aufwühlend und schön. Künstlerisch absolut perfekt.

 

Das große Interesse am Menschen

Daneben wird das Interesse, die Neugier, die Abenteuerlust deutlich, die Sebastiao immer wieder hinaus treibt, dorthin, wohin wir nie schauen, die wir eingemauert zwischen den  glitzernden Kulissen unserer Konsumgesellschaft leben.  Interesse am Menschen ist die Basis seines Schaffens, sei es bei den Goldsuchern, den Andenbewohnern, den Hungernden in der Sahelzone.

Lässt auf Wüste Regenwald wiederaufforsten

Im Alter hat er sich vor einiger Zeit die ausgetrocknete Farm seines Vaters zurück gekauft, und lässt mit Millionen von Bäumen den Regenwald wiederaufforsten.

Sein letztes Projekt dient der Hoffnung: Salgado hat sich noch einmal auf den Weg gemacht, die 50 % der Erde zu erkunden, die noch nicht der wertschöpfenden Entdeckung zum Ofer gefallen ist,   Naturlandschaften, Urvölker, Arktis. Dabei gibt es ein witziges Foto, wo Piguine Kopfsprung machen.  Ist das der Abschluss seines Werkes? Mal sehen, sagt er und lächelt hintergründig. Wim Wendes hat Sebastiao ein Denkmal gesetzt.

Läuft noch überall, viel Spaß

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