Anja Röhl

Die schwarzen Balken im Buch: „Die Frau meines Vaters“

Strittige Kinderszenen aus dem Buch: Die Frau meines Vaters – Erinnerungen an Ulrike Meinhof, im Buch mit schwarzen Balken versehene Auslassungen:

Kinderszenen: Diese mit Belegen und Kommentaren ergänzten Textstellen sind die zum Teil durch schwarze Balken im Buch des Nautilusverlags versehenen Auslassungsstellen. Es sind Textstellen, gegen die der RA meiner Schwester R. R., Persönlichkeitsrecht (da sie eine nichtöffentliche Person ist) geltend gemacht hat, sein Argument war, dass ich eine völlig neue Sicht auf die Kindheit meiner Geschwister beschreibe, die zu einem Wiederaufleben medialen Interesses zu Lasten ihrer Person führen könnte. Ich argumentiere dagegen, dass meine Beschreibungen in ähnlicher Art schon in anderen Veröffentlichungen vorgekommen sei, hier kann sich jeder ein eigenes Bild machen:

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 24:

Ulrike liegt in einem blauen Zimmer mit zugezogenen Vorhängen. Sie liegt tief in den Kissen. Ihre Haare sind offen und zu einer Seite gekämmt. Sie lacht: „Stell dir vor, es sind zwei Babys, Zwillinge!“ „Zwillinge?“ fragt das Kind ungläubig. Ja, es sind zwei Kinder, zwei Mädchen. Das Kind strahlt, jetzt hat es sogar zwei Geschwister auf einmal. Ein Baby liegt noch im Babyzimmer, sagt der Vater. Es musste Sauerstoff bekommen. Das andere Kind liegt bei Ulrike im Arm. Ganz ruhig liegt es da, die Augen zu, schläft. Das Kind sieht sich das Baby genau an. Ein kleines Gesicht, zart, ernst. Das Kind betrachtet dieses Baby, versunken und ausgefüllt von einem unglaublichen, vorher nie empfundenen Gefühl.

Belege in anderen Veröffentlichungen:

Das Babyzimmer und die Kinder nach der Geburt sind beschrieben worden in:

Röhl, Klaus Rainer: Die Genossin, 1975:

S. 163: „Als er sich über das Bett beugte, sah er zwei winzige Köpfe rechts und links neben Katharina liegen,…Siebenmonatskinder, sie mussten sofort in einen Brutkasten, Blutaustausch, künstliche Ernährung, aber sie würden durchkommen, hoffentlich auch die Mutter…“

und auf S. 168:

…“Nach drei Monaten…verlangte nach Hause zu kommen und die Kinder zu sehen, die erst nach mühsamen Wochen in der Frühgeburtenstation zu lebensfähigen Wesen aufgepäppelt worden waren.“

Prinz, Alois: Lieber wütend als traurig, 2003,

S. 119:

„Die zu früh geborenen Zwillinge überlebten im Brutkasten… (ohne Quellenabgaben)

S.121:

     „Drei Monate nach der Operation wurde Ulrike Meinhof aus der Klinik entlassen,… der Zustand der Zwillinge war nun so stabil, dass sie nach Hause durften, die Eltern hatten sich geeinigt, sie Regine und Bettina zu nennen, beide mit zweitem Namen Ingeborg, nach Ulrikes verstorbener Mutter. 

Letho, Katriina: Ulrike Meinhof, 1934-76 – Ihr Weg in den Terrorismus, 2010, S. 175 unter der Überschrift: Geburt der Zwillinge, aus einem Brief Ulrike Meinhofs an Heidi Leonhardt vom 26.9.62 zitiert, also 4 Tage nach der Geburt:

„ Ich hätte im Traum nicht zu denken gewagt, dass es Zwillinge werden könnten und finde es – wie Du- so wunderbar. Es liegt so ein Überschwang, so eine Fülle, so eine riesige Verschwendung darin…ich denke morgens und abends immer nur: Mein Gott, ich und Zwillinge-wie schön!“

Und auf S. 177 (ders):

„ …habe gar keine Angst vor der Kopfoperation, und ich glaube, das kommt von dieser Geborgenheit guter Gedanken, in der ich – spätestens seit der Geburt der Zwillinge – lebe“

Weiter auf S. 177 (Zitate aus Brief an Heidi Leonhardt vom 29.9.62):

Bettina sei „etwas klein“ gewesen, und sie durfte Meinhof in den ersten acht Tagen kein einziges Mal sehen, danach wurde jedes Kind abwechselnd zu ihr gebracht: „Bettina habe ich noch kein einziges Mal gesehen. Nur Regine wurde mir die ersten drei Tage morgens und abends zum Angucken gebracht“        

Und auf S. 179 (ders), am Tag ihrer Entlassung aus der Klinik, zitiert aus einem Brief Ulrike Meinhofs an Heidi Leonhardt vom 6./7. November 62 ( 6 Wochen nach der Geburt):

„Dieser Tag will im Kalender angestrichen werden; schade, daß ich keinen Kalender habe. Fassen wir es zusammen: Die Sonne scheint, ich gehe nach Hause. Die Kinder sind wohlauf. Der böse Traum ist aus. Ich bin nicht unglücklich, sondern glücklich. Schluß jetzt, leb wohl, hab Dank, Deine glückliche, gesunde, dankbare Ulrike“

Kommentar: Es handelt sich, wie man den Originalbriefen entnehmen kann, um nur knapp 6 Wochen, nicht drei Monate Abstand zwischen Geburt und Entlassung, die Zwillinge wurden in keinem Brutkasten gehalten und künstlich ernährt, sondern nur im Babyzimmer, ein Zwilling bekam noch 8 Tage etwas Sauerstoff, das andere wurde zweimal täglich der Mutter gereicht, was damals zeitüblich war. Hier hat mein Vater übertrieben und meine Geburt, ich war Siebenmonatskind, lag im Brutkasten etc. mit den Zwillingen, sie waren Achtmonatskinder, vermischt. Dies wurde häufig übernommen, so von Prinz und auch von Bettina Röhl

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 25:

Das Kind erzählt Sonja von den Geschwistern: „Stell dir vor, ich habe jetzt zwei Geschwister“, sagt sie, „Zwillinge!“ „Das ist ja toll“, sagt Sonja, „Hast du es gut.“ Dann wird sie einsilbig, denn sie wünscht sich auch Geschwister.

[…] Seit die Babys da sind, herrscht ein ziemlicher Trubel. Sie schreien oft gleichzeitig. Ulrike rennt hin und her. Das Kind versucht zu helfen. Wenn die eine kleine Schwester schreit, nimmt Ulrike sie auf den Arm. Dann schreit aber auch die andere! Ulrike erklärt dem Kind, dass die Babys ja nicht wissen, dass da noch ein Baby ist, es sei ihr Recht zu schreien, die armen Mäuse. Sie nennt sie Mäuse, das findet das Kind schön, Mäuse, denkt sie.

Belege aus anderen Veröffentlichungen:

Letho, Katriina: Ulrike Meinhof 1934-1976, S. 184ff:

   „Vorige Woche hatten wir Klaus´ neunjährige Tochter hier. Die drei Kinder verstehen sich fabelhaft miteinander, aber es war natürlich auch aufregend, die ganze Bande, ob zwei oder neun, Kinder sind sie ja alle. Die Große steht den Kleinen immerhin näher als den Erwachsenen. Ich lade Anja ein so oft ich kann, schließlich ist sie Klaus´ Tochter und die Halbschwester der Zwillinge.“

Der Ausdruck „Mäuse“ für die Kinder ist belegt durch:

Aust, Stefan: Der Baader-Meinhof-Komplex, 1997, S. 275, Briefausschnitt Ulrike Meinhof an ihre Kinder:

„ He Mäuse – … Ich sitze hier in der Zelle und führe meine Gedanken spazieren…“

„Sie brauchen mehr Personen“, sagt Ulrike, „Omas und Opas, Freunde, Onkel, Tanten, wir sind zu wenige. Gut, dass du da bist“, sie legt dem Kind eines der Babys auf den Arm. Das Kind ist ganz vorsichtig, hält es behutsam fest. Sie kann die beiden Zwillinge gut unterscheiden.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters,S. 26:

Wenn die Kinder schlafen, liegen sie gemeinsam in ihren Zwillingskorbwägen, mit Vorhängen drüber.  Ulrike hat sie neben sich im Zimmer stehen und schreibt.

Beleg:  Zwei Zwillingskorbwägen: Foto auf S. 144f im Buch: Röhl, Bettina: So macht Kommunismus Spaß, Bildteil erstes Foto, nach S. 144

Das Kind ist seit der Geburt der Zwillinge häufiger in Lurup, schläft dort in den Ferien oder wenn die Mutter krank ist. Das Kind sitzt neben den Zwillingen, reicht ihnen Spielsachen, spricht mit ihnen, beobachtet, wie sie Fortschritte machen. Manchmal darf das Kind sie in einer langen Zwillingskarre um die Häuser fahren. Die Zwillinge sitzen sich gegenüber, so dass sie sich sehen können, es sieht so aus, als mache es ihnen großen Spaß, miteinander auszufahren und die Welt zu erkunden.

Das Kind hat Angst, etwas falsch zu machen und nimmt die Babys nur vorsichtig hoch.

Beleg Zwillingskarre sowie der Freude, damit auszufahren, finden sich im Buch von Bettina Röhl: „So macht Kommunismus Spaß“, 2006, S. 435ff:

„Im Zwillingskinderwagen – ich weiß noch, wie ich meiner Schwester in Anorak und Handschuhen gegenübersaß – ging´s für uns mit einem Kindermädchen zum Einkaufen…Immer wird in meinem Leben neben mir, vor mir oder hinter mir meine Schwester liegen, sitzen, laufen, stehen oder gehen, und wir werden uns allmählich kennenlernen. Von den Mützen, die uns unsere Halbschwester Anja strickt, kriege ich die rote und Regine die hellblaue…jeden Nachmittag geht´s mit Mami, Omi, Anja, einem Kindermädchen oder Papi zum Spielplatz, und dies bei Wind und Wetter.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 30:

So schnell wie möglich will das Kind wieder Ulrike und die Zwillinge besuchen. Das Kind fühlt sich dort größer als sonst, es ist da die große Schwester. Sie fährt mit ihren kleinen Schwestern spazieren, nimmt sie in die Arme, tobt mit ihnen.

Belege:

Bettina Röhl: „So macht Kommunismus Spaß“, 2006, S. 441:

„Auch meine Halbschwester Anja, die Tochter aus der ersten Ehe meines Vaters kam häufig zu Besuch, sie verbrachte jetzt ihre „Papitage“…gerne bei uns und verstand sich auch mit unserer Mutter. … Anja nahm sich in geradezu rührender Weise ihrer kleinen, sieben Jahre jüngeren Halbgeschwister an, nahm uns bei Spaziergängen an die Hand und hat meiner Mutter oft damit eine Freude gemacht, dass sie mit uns Zwillingen fröhlich spielte und scherzte. In Anja waren wir als Kinder ganz verliebt. Sie war im Umgang mit kleinen Kindern ein Naturtalent“  

S. 455:

 …“Fast jeder Sonntag war den Ausflügen reserviert. Oft war unsere Halbschwester Anja dabei, wenn wir nach Stade zu den Großeltern fuhren“

…“Dann warf sich unsere ganze Familie, …Papi, Mami, Onkel Wolfgang, Anja, Regine und ich, auf den Waldboden und robbte durchs Gras“

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 30:

[…] Ab und zu, wenn Ulrike nicht da ist, kommt eine Nachbarin und macht den Kindern das Abendbrot, eine Übergangslösung, sagt Ulrike. Die Nachbarin ist eine große Frau mit einer Schürze. Einmal droht sie, sie würde die Kinder in den dunklen Keller sperren, wo ein schwarzer Mann hause, solange bis sie wieder artig seien. Ulrike erklärt, dass manche Erwachsene nur deshalb Lügen erzählen, weil sie selbst Angst hätten. Dann geht sie mit den Kindern in den Keller, wo sie einen Mann suchen, der natürlich gar nicht da ist. Anschließend sagt sie ihnen, sie bräuchten keine Angst mehr zu haben, die Nachbarin käme nie wieder. 

Belege:

Beleg Nachbarin Frau Galeck:

Bettina Röhl: „So macht Kommunismus Spaß“, 2006, Seite 437ff:

Bettina Röhl stellt sie hier vor:

Mit Frau Galeck verstand ich mich wie mit fast allen Kindermädchen besonders gut…“

Und beschreibt sie auf den folgenden Seiten sehr liebevoll. Dass Bettina Röhl als damals Zwei- bis Dreijährige eine andere Erinnerung an sie zurückbehalten hat als ich, ist normal. Mir hat sich zu dieser Nachbarin, deren Namen ich in meinem Buch nicht nannte, das andere Erlebnis eingeprägt, von dem mir Ulrike erzählt hat.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 31:

Abends kocht Ulrike Grießbrei und gießt ausgepressten Apfelsinensaft drüber. Später bringt sie die Zwillinge ins Bett.

Beleg für das innige Mutter-Kind-Verhältnis in: Röhl, Klaus: Die Genossin, S. 186:

… „ Katharina, die immer wie eine Glucke von Karl und Rosa verfolgt wurde und sich hauptsächlich auf die Kinder konzentrierte

Röhl, Anja:Die Frau meines Vaters, S. 31:

[…] Später sagt der Vater einmal zur Mutter, dass ihm Ulrike verboten hätte, die Zwillinge zu prügeln, sie habe gesagt, dass sei keine gute Erziehungsmethode. Er sagt das ganz stolz.

Einmal erzählt Ulrike dem Kind, dass sie eine der Zwillinge aus Versehen auf die Finger gehauen habe. Sie hatte Angst, die Kleine verbrenne sich an der Herdplatte. Da habe sie reflexartig zugeschlagen. Das war doof von mir, sagt sie später zu dem Kind, man darf keine Kinder schlagen.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 44:

Das Mädchen macht sich Sorgen um die Zwillinge. Haben sie den Streit belauscht? Wieviel bekommen sie mit? Das Mädchen erklärt ihnen stotternd, dass es besser ist, wenn Eltern sich scheiden lassen, als wenn sie zusammenbleiben und sich immer streiten.

Belege:

Beleg Streit zwischen den Ehepartnern in:

Röhl, Bettina: So macht Kommunismus Spaß, S.460:

… „auch hier gibt es manchmal heftige Streitereien zwischen meinen Eltern, eine mißgelaunte Mutter und einem fidelen und oft zynischen Vater“

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 45:

Die Zwillinge bekommen in der mittleren Etage zwei große Zimmer, eins zum Schlafen, eins zum Spielen. Das neue Kindermädchen heißt Almut.

Die Kindermädchen werden von Bettina Röhl, So macht Kommunismus Spaß, auf S. 439 genannt, sogar mit Klarnamen:

… „Ute und Marianne, von meinem Vater: `Ute , die Gute´ und `Marianne, die Pfanne´genannt

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 47:

Das Mädchen hört den Lärm bis in die Zimmer der Zwillinge, die kahl und verlassen sind. Die Spielsachen, Bücher und Malkästen, alles ist verschwunden.

Ich habe ihnen nicht Tschüs gesagt! Ich weiß nicht, wohin sie gegangen sind! Das Mädchen geht in den Garten. Sie schließt die Augen und sieht die Zwillinge vor sich. Ich werde sie nie mehr wiedersehen, denkt das Mädchen.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 54:

Dann steht sie am Flughafen Tempelhof in Berlin und schaut sich um. Die Zwillinge kommen auf das Mädchen zugestürmt. Sie sind richtig groß geworden. „Und ihr geht nun schon in die Schule?“, fragt sie und hockt sich zu ihnen. Ulrike fragt, ob sie Hunger habe. Das Mädchen sagt: „Ein wenig.“ Die Zwillinge rufen: „Ja, wir wollen Pizza essen!“ Sie fahren direkt zum Athena-Grill am Kurfürstendamm und kaufen Pizza. Ein Stück kostet eine Mark.

[…] Die Beschreibungen des Vaters stimmen überhaupt nicht, es ist gar nicht dreckig, es ist auch nicht schlampig. Es gibt hunderte Bücher, und es ist schön bunt, es gibt ganz viele Sachen.

Ulrike und die Zwillinge sind fröhlich, albern herum. Abends, als die Zwillinge im Bett sind, sagt Ulrike: „Weißt du, wie gut ich mich hier fühle? Früher habe ich geglaubt, dass man das nie alleine schaffen kann, ich dachte, man braucht einen Mann und dazu noch ein Hausmädchen. Aber jetzt habe ich weder das eine noch das andere und komme prima klar! Es gibt Freundinnen, die mir helfen, und außerdem entwickelt man Organisationstalent … es gibt auch viel weniger Streit.“ Sie macht eine Pause und sagt dann ernst: „Aber natürlich ist es schwierig. Alles, was ich hier mache, beäugt Papi misstrauisch und macht es ihnen schlecht.

Belege für die abwertende Schilderung meines Vaters:

Klaus Rainer Röhl in: Die Genossin, Beschreibungen der Wohnung und der Lebenssituation in Berlin, in der der Vater gar nicht wohnte, S. 217:

…“ Karl und Rosa lebten sich nicht ein. Sie heulten in einem fort, und niemand konnte sie daran hindern, auch nicht die Tatsache, dass sie so lange heulen durften, wie sie mochten, und überhaupt, fast alles durften“

Und S. 227:

…“ Dadurch war allerdings auch nirgends mehr etwas richtig sauber und aufgeräumt und abgewaschen wie bei den auf Hausfrau und Reinlichkeitsfimmel gedrillten Ehefrauen“

…“Manchmal sah es ziemlich schlimm aus in der Küche…und wenn dann ein Handtuch allmählich so fleckig aussah, dass sie es nicht mehr mitansehen mochte.. und Karl und Rosa herumschimpften, dass sei ihnen alles zu dreckig, dann schmissen sie das Zeug weg.“

Und auf S. 234:

…“Mit Unbehagen dachte sie an ihre Wohnung, die sie , die sie unaufgeräumt und schmutzig wieder vorfinden würde.“….“ die spakigen Betten, die Mengen Wäsche, die noch nicht verputzten Wände, die herumstehenden Möbel und Bücher, Prospekte, Zigarettenasche, Papierkörbe, Kisten und Pappschachteln“

Und auf S. 235:

.“Das Fürsorgemädchen…war nicht gut. Es log und zankte und stahl…, klaute wie ein Rabe… und die Kinder heulten noch mehr, weil I. nicht freundlich zu ihnen war, nicht lieb.

Und auf S.236ff, zum neuen Freund von Ulrike und der Berliner Situation:

…“Ein Freund, ein Gammler…Er wollte Filmemacher werden, …aber er konnte nichts, auch nichts lernen, überhaupt nicht. Wahrscheinlich wäre er ein guter Anstreicher oder Tapezierer geworden. Aber er konnte etwas anderes.. Er konnte trösten. Er konnte Katharina übers Haar streichen und mit ihr schlafen. Es war keine große Liebe, weiß Gott nicht, aber es ging….die Kinder quengelten…

…die Kinder, …sie störten alle mit ihrem Gequengel und Gezanke und Geheule.“

Und auf S. 238:

…“ Mit ihren vom Trampen schmutzigen Klamotten, mit ihren amerikanischen Soldatenbeuteln und Umhängetaschen. Das Zeug lag alles im Flur herum, zwischen den kaputten Spielsachen der Kinder und den Einkaufstüten…Es sah allmählich wie im Nachtasyl aus….Die Musik wurde nur noch übertönt von dem Heulen der Zwillinge, die aufwachten oder gar nicht schliefen und zu den Erwachsenen kamen und nicht ins Bett wollten

Dagegen Anja Röhl, als direkte Augenzeugin:

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 58:

Abends im Bett stellt sich das Mädchen vor, wie sie in Berlin in eine Schule gehen wird, um die Ecke Ulrike und die Zwillinge. Sie stellt sich auch die Berliner Wohnung vor und wie sie den Zwillingen bei den Schularbeiten hilft. Tagelang trägt sie den Brief mit sich herum.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 61:

Das Mädchen stürzt am Rand des Tisches herab, versucht sich noch festzuhalten, hat aber keine Kraft mehr. Sie schreit: „Neeiiiin!“,ganz laut schreit sie es, langgezogen, immer wieder: „NEEIIIIIIIN!“ Mord? Sie sieht ihren Vater tot in einer Blutlache liegen, die Zwillinge weinen, klammern sich aneinander, alleingelassen, zitternd. Wo sind die Zwillinge?, denkt sie, und dass sie sofort zu ihnen muss. Sie sieht Ulrike, über Felder fliehend, gejagt von Polizisten. Sie begreift, dass nichts mehr so sein wird wie früher. Ich werde sie nie wieder sehen, denkt sie. Ulrike ist unglücklich, sie wird ins Gefängnis kommen, wenn sie nicht schon erschossen ist. Das Mädchen malt sich alles aus, einen ganzen Roman.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 63:

Ein Anruf von ihrem Vater, sie solle kommen, die Zwillinge seien wieder da. Der Vater beschreibt ausführlich, mit wie vielen Behörden er zusammengearbeitet hat, um die Kinder zu finden. Viele verschiedene Spuren seien verfolgt worden. Wo immer sich zwei kleine blonde Kinder zeigten, hätte sich gleich das FBI auf deren Fährte gesetzt. Schließlich wurden sie in Sizilien gefunden. Ein Freund, Stefan Aust, brachte sich in Kenntnis des Losungsworts, mit dem die Kinder einem Boten von Ulrike hätten übergeben werden sollen. Er kam damit Ulrike um einen Tag zuvor.

Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, 1997, S. 134, 135,136 und 137

Dass die Kinder von Aust, zusammen mit Homann mittels eines Losungswortes, in Sizilien gefunden und abgeholt wurden, wird ausführlich im Buch von Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, 1997, S. 134, 135,136 und 137 (durchgehend) beschrieben, das ist dort wesentlich detaillierter beschrieben als in meinem Buch, also ist es Quatsch, mir das zu beschreiben, zu verbieten.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 63:

So habe er sie nun heimgeholt, erklärt er dem fassungslosen Mädchen. Die Kinder seien in Blankenese, sie brauche nur zu kommen, die Kinder fragten schon nach ihr. Das Mädchen fährt augenblicklich.

Die Zwillinge spielen im Garten und schaukeln. Sie haben ganz helles Haar bekommen. Sie laufen dem Mädchen entgegen. Das Mädchen schleudert sie herum, und dann spielt sie mit ihnen im Garten, als seien sie nie weg gewesen. Das Mädchen fragt sie nicht aus. Sie fährt nun wieder, wie früher, einmal pro Woche zu ihnen.

Belege:

Röhl, Bettina: So macht Kommunismus Spaß, Bildteil, S. 504 ff:

Eines der Stern-Garten-Fotos von 1972 (Kinder mit dem Vater im Garten, Hintergrund Villa) wurde 2006 im Buch von Bettina Röhl zwischen 504 und 505 abgebildet, dazu gab es schon 1972 einen Artikel, der die Geschichte der Kinder in Sizilien und wie sie wieder zurückkamen und schließlich im Garten spielend ihre Halbschwester begrüßen, „als wären sie nie weg gewesen“.

[…] Der Vater braucht Hilfe für die Kinder. So kommt Emmi ins Haus, die Mutter von Wolf Biermann, sie zieht in ein Zimmer in der Villa.

 „Ich tue es für Ulrike“, sagt sie dem Mädchen, wenn sie abends gemeinsam vor dem Fernseher sitzen. „Für niemanden sonst“, setzt sie hinzu, denn sie ist sauer auf den Vater. Er kümmert sich ihrer Meinung nach zu wenig. Morgens, sagt sie, schlafe er seinen Rausch aus, mittags gehe er in die Firma und anschließend noch zu Konferenzen, die in Kneipen stattfänden.

Am Wochenende fährt der Vater oft nach Köln zu seiner griechischen Geliebten, mit der er dort eine geheime Extrawohnung hat. Einmal nimmt er seine drei Kinder mit und führt sie stolz in dem kleinen Domizil herum.

S. 64:

Die Zwillinge bewohnen zwei kleine Kammern unter dem Dach. Die ehemaligen Kinderzimmer sind jetzt die Schlafgemächer des Vaters, durch die er zum Bad gehen kann. In den Kinderzimmern stehen nur Möbel, die schon beim Einzug in das Haus vorhanden waren, dunkelbraune Stühle, eine Kommode, ein kleiner Sofatisch und je ein Bett. Das Mädchen denkt manchmal an die Berliner Wohnung zurück, in der die Kinder große Zimmer mit vielen Spielsachen hatten.

Der Vater ruft das Mädchen oft an und fragt, ob sie übers Wochenende bei den Zwillingen bleiben kann. Das Mädchen macht das gerne. Wenn er hinzukommt, ist er aufgeräumt und lustig. Er kocht dann, gibt sich lieb und einfallsreich. Doch wie gut der Vater auch gelaunt sein mag, immer besteht die Gefahr, dass ein unbedachtes Wort alles zum Kippen bringt, wie bei allen jähzornigen Menschen.

 S. 65:

Wie er dem Kind früher Detektivgeschichten erzählte, so redet er jetzt von Lösegeldforderungen und behauptet, dass Baader die Zwillinge entführen werde.

 S. 66:

Glücklicherweise kann er auf sie nicht ganz verzichten, immer wieder braucht er sie zum Beaufsichtigen der Zwillinge, mindestens einen Nachmittag in der Woche und viele Wochenenden. Dem kommt sie gerne nach, auch mit Horst zusammen, den sie dem Vater aber nicht vorstellt.

 S. 68:

In der folgenden Zeit kann die junge Frau mit den Zwillingen über alles unbefangen reden, nur nicht über Ulrike. Einmal fragt sie die Zwillinge nach ihrem Besuch im Gefängnis. Das Gespräch stockt. Das Schweigen bleibt zwischen ihren Sätzen hängen wie eine Mauer, an der sich die Worte brechen. „Mami will, dass du auch mal kommst“, hallt im Raum.

 S. 71:

Die junge Frau klingelt bei ihrem Vater an der Tür. Die Zwillinge öffnen und begrüßen sie fröhlich. Eine der beiden hat einen Brief in der Hand, den der Postbote eben eingeworfen hat. Der Vater steht auf der Treppe und hat einen Brief in der Hand, der eben mit der Post gekommen ist. Der Brief hat einen Trauerrand, als sei jemand gestorben. Der Vater liest den Brief und beginnt schallend zu lachen. Es hört sich an wie ein Triumphgeschrei. „Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, große Sünden später. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit“, sagt er. Dann kann die junge Frau den Brief auch lesen. Eine Todesanzeige. Darin steht: „Wir möchten Euch hiermit in Schmerzen mitteilen, dass unsere kleine Tochter … im zehnten Lebensjahr an Leukämie verstorben ist.“ Die Tochter der Familie Holtkamp ist gestorben. Das waren die Freunde, zu denen Ulrike die Kinder gebracht hatte, als sie in den Untergrund ging. Sie wollte, dass die Kinder dort bleiben und nicht zum Vater kommen. Nun lacht der Vater  über den Tod ihres Kindes.  Das Mädchen blickt auf die Treppe, das braune Geländer verläuft in geschwungenen Bögen. Mein ganzes Leben wird nicht ausreichen, das wieder gut zu machen, denkt sie.

„Sie werden wieder versuchen, die Kinder zu entführen!“ Davon ist der Vater überzeugt. Er hat Angst, verlangt Polizeischutz „Sie sind in der Lage, kleine Kinder zu töten, wenn es ihrem politischen Zweck dient. Sie werden versuchen, die Kinder zu entführen, um Ulrike freizupressen.“ Den Zwillingen sagt er: „Mami ist da hineingeraten. Sie wollte etwas Gutes, aber es ist nichts Gutes dabei herausgekommen.“

 S. 74:

Momentan mache es Spaß, Zeitung zu lesen, die Linken seien leider nicht genug, aber auch schon verdammt viele, die junge Frau solle mal dafür sorgen, dass die Zwillinge auch welche werden.

 S: 77:

Um die Zwillinge nicht zu verlieren, spricht sie mit ihm wie mit jemandem, mit dem sie sich die Erziehung zweier Kinder teilt. Sie haben eine Art Erwachsenen-Kumpelverhältnis, in dem sie die Babysittertermine miteinander absprechen.

Trotzdem schreibt sie den Zwillingen. Fragt sie, wie es ihnen geht, und diese erzählen von ihren Urlauben mit der griechischen Familie. Sie werden nun offenbar häufiger dorthin mitgenommen. Sie erzählen von Urlauben auf Sylt, vom Christianeum, von ihren Freundinnen und Freunden dort und den ersten Jungensbekanntschaften. Es scheint ihnen gut zu gehen, sie werden wohl langsam erwachsen, denkt die junge Frau. In einem Brief fragt sie, ob die beiden nicht mal Lust hätten, zu ihr zu kommen, das neue Zuhause anzuschauen, und das Wunder geschieht, sie wollen. Und sie kommen tatsächlich.

Es klappt alles gut, sie holt sie vom Bahnhof ab, zeigt ihnen die Wohnung, sie geht mit ihnen essen und an einen Baggersee, aber die Zwillinge sind ihr doch ein wenig fremd geworden. Die junge Frau hat das Gefühl, als schauten sie sich in der Wohnung genau um und als fänden sie die Einrichtung unordentlich. Es kommt nur schwer ein Gespräch auf. Die Zwillinge scheinen ihr misstrauisch. Wenn sie etwas fragen, fühlt die junge Frau sich ausgefragt.