Anja Röhl

Ein Großes Fest der Frühlingsfrauen: LFT

Die Aula auf dem legendären Lesben-Frühlings-Treffen (LFT) in Hamburg ist voll. Thema Südafrika: Erstaunen herrscht darüber, dass die südafrikanische Verfassung zwar die Fortschrittlichste der Welt ist, aber gleichzeitig das Land die höchste Gewaltrate gegen Frauen hat. Insbesondere machen „Hass-Morde“ auf sich aufmerksam, seit 2004 gibt es 30 Fälle von Lesbenmorden mit schwersten Misshandlungen, die besonders solche Frauen treffen, die nicht dem herrschenden Frauenrollenbild entsprechen. 2008 traf es eine prominente Fußballspielerin, Eudy Simelane, deren Körper mit Zigarettenspuren übersäht, deren Vagina aufgeschnitten war, die von 24 Männern misshandelt und vergewaltigt wurde. Die Täter kamen ausnahmslos aus den untersten Schichten der verarmten und verelendeten Townships, sie fühlen sich durch die nicht-gender-konformen Menschen in ihrer ohnehin fragilen und ständig gedemütigten Männlichkeit bedroht und treten nach unten, was sie nach oben buckeln müssen, rächen sich, wie so oft, an den Falschen. Folgen für Frauen: Angst. Immer mehr Frauen werden zu Butchs, (Männerimmitierende), versuchen sich so wenigstens zu wehren. Ein sicherer Raum für Frauen existiert in den Townships nicht, aber es formiert sich Gegenwehr. Von dieser Gegenwehr erzählt Phumi Mtewa. Zusammen mit 25 weiteren Organisationen haben sie die „Act-Hate-Kampagne“ ins Leben gerufen, die zahlreiche öffentlichwirksame Aktionen durchgeführt hat, von denen sie ermutigende Bilder zeigt. Es wird konkrete Opferhilfe organisiert und es wurde eine Brücke über ein kleines Flüsschen gebaut, Sinnbild für Verständigung gegen Krieg. Zwischen arm und reich und schwarz und weiß, verlaufen in Südafrika Gräben, die im Nachklang der Apartheid unter den neoliberalen Bedingungen des neuen Imperialismus, tiefer wie die Grand Canons das Land durchschneiden. Polizei und Justiz stehen auf Männerseite. Von den 24 Männern, die an der Zerstückelung der Fußballnationalspielerin beteiligt waren, sind von den fünfen, die man festnahm, einer schon vor dem Prozess freigelassen worden, einer während des Prozesses, einer hat gestanden, der bekam 32 Jahre, einer bekam lebenslänglich. Alle anderen Prozesse sind eingestellt worden, dieser nur deshalb nicht, weil eine Prominente betroffen war. Phumi Mtewas Vortrag blendet auch die Hintergründe nicht aus: Nach der Apartheid gab es kein Geld, nur neue Knechtschaft. Konzerne wie Daimler-Kreisler, die Jahrzehntelang Profite aus dem Land gezogen haben, wurden frei gesprochen. Immer höhere Verschuldung und Aids treiben Millionen in Verzweiflung und Brutalität, die Frauen, unter ihnen die Nicht-konformen haben es in fürchterlichster Weise auszubaden. Betroffenheit, Bewunderung für den Mut der dortigen Frauen, langer Beifall. Das Gleiche beim nächsten Vortrag, Shadi Amin: Im Iran herrscht Zwangsheterosexualität, Homosexualität gibt es nicht, es gibt nur Menschen, die sich im falschen Geschlecht fühlen, wird gesagt und daher wird hier jedem, der es wünscht, eine operative Geschlechtsumwandlung möglich gemacht. Was meist bedeutet: Verstümmelung, denn die erotische Empfindungsfähigkeit wird mit dem zwangsoperierten Geschlecht gleich mit zerstört. Aber die verzweifelten Betroffenen, denen ansonsten der Tod durch Steinigung, Aufhängen, Erwürgen und Schlimmeres droht, willigen in alles ein, nur um ihrer Liebsten willen, die nun zufällig ihr eigenes Geschlecht hat. Da es im Iran nicht möglich ist schwul oder lesbisch zu leben, flüchten sich die Betroffenen auch in eine Abneigung gegen den eigenen Körper, empfinden sich als falsch, hässlich, ungenügend und ihre Abneigung der ihnen zugewiesenen gesellschaftlichen Rollen, wird zu einer biologisch gedeuteten Empfindung, dass sie zwischen den Geschlechtern stehen und so definiert sich im Iran die homoerotische Comunity komplett als transsexuell und willigt in die Operationen ein. Dazu kommen folgende Rahmenbedingungen: Im Iran ist ein Mädchen mit 9 Jahren heiratsfähig und strafmündig, ein Junge erst mit 15, bei Morden ist das „Blutgeld“ auf ein Mädchen nur die Hälfte dessen wert, was es „kostet“, einen Jungen zu ermorden, das führt dazu, dass wenn ein Mann seine Frau tötet, die Familie der Ermordeten für die Todesstrafe am Mann doppelt so viel zahlen muss. So werden allein aus diesem Grunde schon doppelt so viele Todesstrafen gegen Frauen ausgesprochen. Männer rächen ist teurer, wenn Männer morden, haben sie es billiger. Auch das fördert die Geschlechtsumwandlungen. Klar, dass hinter der Liberalisierung der Geschlechtsumwandlung im Iran, einzigartig in der Welt übrigens, eine feindliche, biologistische und faschistische Position steht. Und es gibt zwar auch eine starke Frauenbewegung im Iran, sie arbeitet im Untergrund, doch auch dort wird Homoerotik tabuisiert. Daher müssen alle trotz alledem bestehenden lesbischen Beziehungen im Geheimen ausgeübt werden, vielfach sind die Frauen verheiratet, haben Kinder, schämen sich ihrer Liebesbeziehungen, sagen von sich, sie hätten etwas Ekelhaftes gemacht, auf diese Weise können natürlich keine gesunden Beziehungen entstehen, nur solche die von Angst und Misstrauen beherrscht werden. Logisch: Heimliche Treffpunkte von schwulen Männern wurden schon nach Kurzem zu Horten der Gewaltkriminalität und dann aufgegeben. Treffpunkte von Frauen gibt es nicht, nur heimliche: Hamams zum Beispiel, oder Fittnissstudios. Leider gibt es auch bei uns Leute, die dies unterstützen zB Prof. Steinbach in Hamburg, der die Geschlechtsumwandlungsliberalität anpreist. Das Besondere: Hochtechnische Modernität mit moralischem Mittelalter gepaart. Shadi Amin arbeit seit Jahrzehnten gegen das iranische Regime, ihren bewegenden Vortrag ergänzt sie mit vielen eindrucksvollen persönlichen Geschichten aus ihrem eigenen Leben. Nächstes Land: Russia, St. Petersburg, Polina Korchagina und Tatjana Lehatkova führen durch die Diskussion, 1991 Entkriminalisierung der Homosexualität (nur noch 3-5 Jahre Gefängnis), 1993 Abschaffung der strafrechtlichen Verfolgung, 1999 Streichung aus der internationalen Krankheitsliste. Dies gilt nur für Männer, Frauen wurden lange Zeit bis heute einfach als psychisch krank angesehen. Bis heute gibt es keinerlei Rechte für LBGT-Menschen, stattdessen Morde, ausgeführt von der anwachsenden rechten Bewegung. Daher organisieren sie in St. Petersburg und in Moskau Gegenwehr. Eine Menge von besonderen Aktionen um die Rechte der LBGT-Menschen auf die Straße zu tragen. In Petersburg muss man jede Versammlung ab drei Personen anmelden, aber man darf auf der Straße unangemeldet langlaufen, spazieren gehen. So kleben sich also am „Tag des Schweigens“ 15 Protagonisten mit dicken roten Klebebänden den Mund zu, verteilen Flugblätter und laufen durch die Fußgängerzonen. Zum Frühlingsanfang haben 150 Teilnehmer Luftballons steigen lassen, eine Tradition, die hier genutzt wurde, um die Homophobie anzuprangern. Doch Rechtsradikale haben sich untergemischt, einer der Protestierer wurde von ihnen ermordet, zahlreiche fanden sich in Krankenhäusern wieder, die Polizei hat weggeguckt. Das führte zu einem Rückschlag, aber nicht zum Aufgeben ihrer Aktivitäten. Große Organisationen haben sich gegründet, überall arbeiten LBGT-Menschen zusammen, es werden viele Aktionen gemacht, die immer ins Netz gestellt, immer von der Presse begleitet werden, davon werden viele Fotos gezeigt. Internationalismus und Widerstand gehen Hand in Hand und die Zuschauerinnen konnten sich angeregt fühlen, auch hierzulande einmal wieder über politische Aktionen nachzudenken. In einem Seminar konnte frau sehen, dass sich Toleranz gegenüber Lesben und Schwulen und Rechte für sie bisher auf einem winzig kleinen Arreal der Welt zusammendrängt, es gibt also noch viel zu tun. Ein Hauch von Ahnung zieht durch das Publikum, wie schwer erkämpft doch jeglicher Millimeter Toleranz auf diesem Gebiet ist, auf welchem schmalen Grad, international betrachtet, wir also selbst sitzen. Zeit zum Ausruhen ist da eigentlich nicht vorhanden, auf dem LFT aber dafür schon. Massage, Kunst, Kultur, Musik, und Wohlfühl-Workshops gab es durchaus auch, dazu das Safia-Cafe´ , die Kuchenoase der älteren Lesben, die sich vor über 30 Jahren einst auch mal auf einem LFT als Gruppe, später Verein gegründet haben und wachsenden Zustrom zu verzeichnen haben. Nie war das LFT in den letzten Jahren derart politisch aktiv, hieß es im Publikum. Zum Thema Armut wurde sich mit der Geschichte des Geldes kritisch beschäftigt und welche Alternativen es geben könnte (Kerbholzsystem, Schweiz), in einem Vortrag wurde sich kritisch mit Frauen und Werbung beschäftigt, immer mit PPP, mit vielen Beispielen, manchmal mit einem Buch (Falschgeld), eine ungeheure Vielfalt. Die „Las Migras“, eine Gruppe lesbischer Emigrantinnen aus Berlin kritisierten, dass das Motto: „Lesben, leinen los – Zwischen Hamburg und Südafrika“ bei den Afrikanerinnen kolonialistische Gefühle auslöse, denn immerhin sei gerade die Hamburger „Woermann-Linie“, die den Slogan einst kreierte, eine absolut imperialistische Linie gewesen, hätte in Südafrika KZs gebaut, hätte dort mitgeholfen, Völker zu vernichten. Weitere internationale Berichte und Workshops gab es aus Argentinien und Spanien, wo sich Lesben in reinen Männergesellschaften gesellschaftlich behaupten müssten, mit Sexismus auseinandersetzen, mit Gewalt, es gibt aber Gegenwehr (30/40 Lesbenorganisationen in Spanien), gesetzliche Änderungen, die durchkommen, Veränderung. Dies gibt nur einen kleinen Ausschnitt, von 120 Worksshops konnte ich, neben meiner vierstündigen Tätigkeit als Sanifrau, leider nur 10 Veranstaltungen besuchen, abends wurde bis zum Umfallen getanzt, ein rundum gelungenes Event, nicht kleinzukriegen! Das Abschlussplenum war basisdemokratisch, wertschätzend, ermutigend, fröhlich, alle durften ausreden, jedes Thema wurde so ernsthaft ausdiskutiert, dass es nie langweilig wurde, das Orga-Team, die freiwilligen Frauen, die ein Jahr lang alles vorbereiteten, in rasendem Applaus verabschiedet, zum Abschluss gemeinsam aufgeräumt. Nach Aussage einer Rednerin, „eine einzige antikapitalistische Veranstaltung“, denn wie schon gesagt, alles absolut ohne Kommerz, ohne gekaufte Leute mit Pseudolächeln, voller Solidarität und Kraft. Um vieles reicher, gehen die Frauen nach Hause. Das nächste Mal, 2011, ist diese, seit 35 Jahren unkommerziell stattfindende Veranstaltung in Rostock.

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