Anja Röhl

Ein Schiff wird kommen – teaTanzt im Wendland

Wer sehen und erleben will, wie in einem ganzen Gebiet eine Widerstandsbewegung seit nun schon vier Jahrzehnte die komplette Gesellschaft, Dörfer, kleine Städte, Kulturhäuser, Bauernhöfe, Schulen, Arbeitsstellen, Verwaltung und sogar das „Wirtschaftsleben“, nämlich das Kleingewerbe durchzieht, beflügelt, durchtränkt hat und darin nun schon drei Generationen aufgewachsen sind, in einem Geist, der gelernt hat infrage zu stellen, sich aufzulehnen, sich einzusetzen, ideenreiche Alternativen auszuklügeln, aufzubauen, selbstorganisiert und selbstbestimmt, das Berufsleben wie Privatbeziehungen jenseits aller Vorgaben neu zu gestalten, der muss nach Gorleben fahren. Nicht nur, wenn dort konkrete Widerstandsaktionen anstehen, sondern in ruhigeren Zeiten, zu Besuch bei Kulturveranstaltungen, in den Sommerferien, wenn sich die Bewegung erholt, aber nie schläft, im Gegenteil, neue Aktionsformen vorbereitet, die beispielhaft sind.

Nie hat die dortige Bewegung aufgehört Handlungsspielraum zu gewinnen, gegen einen Staat, der von Anfang an auf Zerstörung gesetzt hat, brutal und bedingungslos. Erfahrungen mit selbstaufgebauten Hüttendörfern, die von Polizeibulldozern niedergewalzt wurden, nur weil man einen Wald gegen die Vernichtung eines Waldes erhalten wollte, weil man Leben gegen den Strahlentod vieler Generationen gesetzt hat, und, da man Erfahrungen mit brutalen Knüppel- Wasserwerfer- und Tränengaseinsätzen samt Verfolgungsjagden, die für viele in Krankenhäusern endeten, gemacht hat, das Anwachsen von Solidarität und Kreativität in gemeinsamen Widerstandsaktionen erlebte, woraus sich ein staatskritischer Geist entwickelte, wie man ihn in Deutschland nur selten kennt und entwickeln konnte.

Der ließ Kreativität hervorbrechen, auch Erkenntnisse, vor allem, dass keine Repression, sei sie auch noch so gewalttätig, diese Bewegung abwürgen konnte, im Gegenteil, die Bewegung erstarkte, nichts konnte den Widerstand brechen, bis man sich nun allmählich, heute, weil es zu teuer und zu umständlich wird, nach anderen Ablagerungsorten für Strahlenschrott umsieht und die Widerstandsaktions-Erfahrungen weitergetragen werden müssen, beispielhaft und unvergessen,  nach Stuttgart 21 zum Beispiel, an die G8-Fronten, und in viele andere Gegenden, wo Menschen lernen, dass, wenn sie einmal geschafft  haben, sich Gewalt von oben nicht mehr gefallen zu lassen, sie nichts mehr aufhalten kann.

Wer nach Gorleben reist, weiß um all dieses und hat das gegenwärtig, glaubt in eine kleine Zone einer halbbefreiten Zukunft zu reisen, er sieht Widerstandskreuze an jedem Haus, unkonventionelle, einfallsreiche Gestaltung von Häusern und Gärten, in jedem Dorf überall Anti-Atomplakate, oft die mit der Faust, überall: Freie Republik Wendland-Wappen, die noch aus Hüttendorf-Zeiten stammen, überall tradierte Erfahrungen von Zweifel an Macht und Autorität, viele Ideen, wie Macht entgegengearbeitet werden kann, in jeder Schule die Jugendlichen, ein Reservoir aufmüpfiger junger Leute, die immer nachzuwachsen scheinen, und, der Versuch der Verbürgerlichung durch Integration, gelingt nie ganz, er scheitert immer am nächsten Castortransport, wenn dann die Staatsmacht wieder ihre Zähne zeigt, mit der sie bereit ist, ihre Hochtechnologie der Vernichtung zu verteidigen. Dann wird wieder etwas klarer, für weitere Generationen, das ist nicht schlecht, ein zwei viele Gorleben, das könnte auch ein sinnfälliger Spruch in Abwandlung des Che-Spruches sein.

Ein Schiff wird kommen, zwischen Flucht und Frontex

In meinem Besuchsfall in dieser Gegend gab es ein Tanztheaterstück: „Ein Schiff wird kommen“ , Choreografie und Leitung: Ursula Pehlke, Premiere am 19.7.14. 10 Frauen und ein Mann tanzen die Flucht nach Europa, die Verfolgung durch Frontex unter der Musik einer verbotenen Arie. Motto: „Wenn ich in den Spiegel sehe, will ich einen Menschen sehen!“.

Die Tänzerinnen und der Tänzer des TeatTanzt-Ensembles sind in grau und schwarz gehalten, Alltagsklamotten, dazu tragen sie absolut identische, weißblonde 60-iger Jahre-Frauen-Perücken, diese konterkarieren die übliche Flüchtlings-Vorstellung, die meist geprägt ist von Dunkelhhaarigkeit, erinnern aber auch an Schaumkronen im Meer und lassen die Figuren sich blitzschnell in deutsche kleinstädtische Hausfrauen verwandeln, die finden, das Flüchtlingsheime nicht in ihrer Umgegend gebaut werden sollen. Die Tänzer werden durch sie aber auch eindeutig zu Figuren, die etwas spielen, es nicht sind. Die Szenen sind locker aneinander montiert, beginnen mit dem Meer, das durch Hin-und Her-wehen von dünnen Plastikplanen dargestellt wird, unter denen sich die Tänzerinnen später verstecken, hinhocken, warten. Es gelingt erstaunlich gut, mit den dünnen Planen, in Verbindung mit der Musik den Eindruck von Wellen darzustellen. Die Planen bleiben das einzige Requisit.

Als Auftakt stürzen die Figuren von oben herab auf die Bühne mit stereotyp hervorgestoßenen Sätzen: „Es beginnt mit Verfolgung / Es beginnt mit Diktatur / Es beginnt mit Entsetzen / Es beginnt mit zwei Kugeln / … mit Waffen aus Deutschland / …mit einem Entschluss /… mit einer Nacht voller Panik.“

Dann sieht man die Wellen auf dem Meer unter denen die Menschen sich verbergen, dazu herzschlagähnliche Geräusche, unter denen sich die Menschen langsam beginnen zu erheben, sie befreien sich aus den weißen Meeresschatten, tanzen, schwingen im Wind, weichen zurück, drücken nach vorn, die Menschen wogen nun selbst wie ein Meer. Regen, Gewittergeräusche, Wind geht. Ein Bild auf der Leinwand von einem untergehenden Schiff, an das sich Leute anklammern. Sie kämpfen, wehren sich, angstvoll „schreiende“ Musik. Es handelt sich um eine verbotene Arie von G.-F. Händel (1685-1759), gesungen von C. Bartoli –

Opera Proibita, aus Arie der Schönheit

Ein Gedanke, dem Frieden feindlich,
Hat die Zeit unbeständig, gefräßig gemacht
Und mit ihr mit seinen Flügeln die Sichel gegeben.
Ein neuer, betörender Gedanke entstand,
Einer so strengen Herrschaft zu trotzen,
in der die Zeit nicht mehr die Zeit ist.

Oft wird dabei die Geste vom Vorzeigen von Pässen gebracht, die hat etwas Bittendes, dazu eine Szene zu einem Kanon-artig vorgetragenen Gedicht von Brecht:

„ Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird“.

Szenenwechsel: Herzlich willkommen Europa! Nun sind alle Frontex-Soldaten, mit militärischen Bewegungen, automatenhaftem Rucken: „Wir spielen jetzt Menschen verjagen und Schiffe versenken“  Das Soldatenhafte, die Waffen, die militärischen Tätigkeiten der Überwachung, alles wird choreografisch dargestellt, es wirkt puppenhaft steif, doch sieht man genau die Stuben vor sich, in denen sie auf Bildschirme starren, die Ufer, an denen sie patrollieren und mit Fernrohren hantieren.

Szenenwechsel: „Herzlich willkommen in Deutschland: Arbeitsverbot /Abschiebehaft/Meldepflicht/Lagerhaft – versüßen ihren Aufenthalt“ Die Tänzerfiguren gehen diskutierend zum Publikum hoch (Bühne ist angeschrägt), versuchen die Leute für ein sauberes Lüchow zu begeistern: „Sind Sie nicht auch dafür? Wir wollen keine Flüchtlinge hier!“

Szenenwechsel: Suchen mit Taschenlampen nach den Booten, dramatische Menschenjagden. Hin-und Herfluten von Menschen, von den Booten stürzen, Schwimmbewegungen, Gefangennahme.

Dann wieder die Konsumwelt dagegen, es unterhalten sich zwei Schick-Gestylte über die Vorzüge von H&M, Konsum-Menschen hierzulande werden mit Handys, in Fittniss-Studios, wie eine  Affenherde durch die Welt hoppelnd, hier was kaufend, dort was kaufend, gezeigt:„Dank Frontex! 51 Millionen Menschen sind auf der Flucht-Warum?“

Szenenwechsel Gefangene: Dargestellt durch einen Tanzkreis, der sich im kleinsten Kreise dreht, mit hochgereckten Armen wird Fesselung symbolisiert. Blitzschnell zogen die Gefangenen dazu jeder ein Hemd hoch über den Kopf, dass sie schon die ganze Zeit an hatten, die Wirkung ist enorm, man sieht die Gefangenen wie in Guantanamo vor sich.

Nach der Gefängnisszene kommt eine starke Einzelszene auf einem auf dem Boden durch eine Plane skizziertem Segelboot, die wirkt fast träumerisch, aber steht in gutem Kontrast zur eben gezeigten harten Realität:

„Wenn morgen die Sonne aufgeht, dann möchte ich in einer Welt leben, in der es Menschenrecht gibt, die für alle gelten. Wo nicht mehr Menschen um Leben, kämpfen müssen,während andere im Überfluss verblöden. Wenn morgen die Sonne aufgeht, dann möcht ich aufwachen in einer Welt, in der wir Menschen es gelernt haben ohne Machtstrukturen leben zu können. Wo jeder frei ist zu gehen wohin er oder sie möchte. Wo es egal ist wen du liebst, welche Herkunft du hast, welchen Glauben oder welches Geschlecht. Wenn ich morgen früh aufwache möchte ich in einer Welt leben, wo wir Menschen es endlich gemerkt haben, dass man Geld nicht essen kann“.

Am Ende Erschießungschoreografietänze, dazu Möwengeräusche, Schwimmbewegungen: Werfen von Flugblättern zum Publikum hoch: „Keine Titanic vor Lampedusa: Hätte ich drei Klassen, hätt ich einen Namen, den in hundert Jahren noch jeder kennt. Doch ich bin nur illegal, bin ein Schiff der vierten Wahl“. Dazu die Charta von Lampedusa, eine neue Menschenrechtscharta jenseits aller Nationen:  Bewegungsfreiheit, freie Wahl des Aufenthaltsortes, Bleibefreiheit, Freiheit der Person, Freiheit zum Widerstand…“ Mit Kreide wird auf den Boden geschrieben: Free to Lampedusa, no border, we are one!“

Am Ende ein Chor: „Es endet mit Abschiebung / Es endet mit Heimweh /es endet mit Aufstand,…mit Frage nach Identität/ …mit Freiheit / …mit Arbeitserlaubnis“

Kleines Ensemble: Großes Tanztheater. Die Botschaft klar, die Bewegungen passend und knapp, alles aufs Wesentliche reduziert, große Wirkung. Wiederaufnahme im September.

Kontakt über: info@theatanzt.de

Kommentar hinzufügen