Anja Röhl

Ein Tag in einem Führerdorf

Nennen wir es A., es ist ein beschauliches Dorf, früher eine Führungselitenschule im Tausendjährigen Reich, wie es viele in Deutschlands Drittem Reich gab. Es wurde es im Jahr drei nach der Machtergreifung in einem alten Schloss am T.see gegründet. Gut verborgen in und umgeben von einem üppigen Wald liegen zahlloseweit auseinanderliegende, großräumige Fachwerkhäusern auf beinahe 100 Hektar Landfläche, die sich zum See hin in autofreien Wegen abschrägt. Welch eine Idylle und der Führungselitenpark so unberührt am Rande. 

Das Dorf A. erlebte Großes in einer großen Zeit, wovon heute noch manches zeugt. Zunächst wurde es von den Nazis gesäubert, die alten Häuser wurden abgetragen, neue Häuser wurden in einem verkitscht altniederdeutschen Fachwerkstil, rechts und links einer Lindenallee in Puppenstubenmanier angelegt, was geschah wohl mit denen, die nicht einverstanden waren? Dazu eine Kampagne: Der Führer schenkt dem Volk ein Dorf. Auf jedes Haus kam dann die Aufschrift, wann es, nach Hitlers Machtergreifung, gebaut wurde. Und das, oh Wunder liest man  noch heute dort, in weiß-stechend hervorgehobener altdeutscher Schrift, direkt über den Hauseingängen steht heute, im Jahre 2010: „Haus Thüringen – im Jahre 3“, „ Haus Sachsen – im Jahre 4“, Haus Westfahlen – im Jahre 5, dazu neckische Blumenkästen, Holzstapel, das Fachgewerk ohne einen einzigen Makel, schwarz und hell lackierte Eichenbohlen, die Fächer rot verklinkert, die Fugen weiß – strahlend. Welch ein Dorf!

Das Ziel Tausend Jahre bestehen zu bleiben, ist für zunächst 77 Jahre bestens erreicht worden. Das macht, nachdem man durch überwiegend elend verarmte Gegenden, durch graue, ostdeutsche Straßendörfer, in denen zahllose Häuser einen aus leeren Fensterhöhlen anstarren, hergefahren kam, einen überaus bunt-prosperierenden Eindruck. In den Gärten stehen schicke Autos – Grilldüfte, Radiomusik, Wäsche flattert.

Es gibt auch Ausstellungen in dem Dorf, ein Verein bemüht sich seit Jahren um Aufarbeitung der nationalsozialistischen Hinterlassenschaft. Dies in einem Haus, dass in keinster Weise als ehemaliges Gutshaus zu erkennen ist. DDR-Verputzung, dunkle Fenster, unbewohnt wirkend, außen Abstützgerüste, kaputte Treppe, verwilderter Garten, dort ist auf einer verblichenen Tafel zu lesen „Ausstellung“. Es empfängt mich eine Frau in leeren Räumen, Linoleumböden, hellgrau, schmucklos, Decken in siebziger Jahre- Manier abgehängt mit Industrieleuchten, Bohnerwachsgeruch, DDR-Flair. Sie freut sich, dass mal jemand kommt. Die Ausstellung richte der Verein aus, das Haus soll später renoviert werden, man sammele gerade Geld. Der Verein lade auch zu Tagungen lade, bemüht sich, scheints, Informationen zusammenzutragen über den historischen Standort, dessen Bedeutung niemals in Vergessenheit geraten soll. Die Ausstellung ist gut und lehrreich, die Räume leider leer.

Mein Gefühl sagt mir und auch die Frau bestätigt das, die Ausstellung ist im Dorf nicht gerade beliebt.

Auf einem Hügel mit Blick auf den See, der hinter grünen Hügeln blaugläsern schimmert, schaue ich auf ein riesig dimensioniertes Tagungshaus, schräg hinter der zusammenfallenden Villa. Dem Baustil des Hauses ist nicht anzusehen, ob es alt oder neu ist, perfekt renoviert, ebenfalls im Stil der Fachwerkhäuser, ihn durch Größe und Monströsität übertreffend, einem niederdeutschen Gemeinschaftshaus germanischer Größe ähnlich, ragt es, mit riesigen Glasfenstern an allen Seiten, durch Schrägdächer aber doch in die Hügel eingepasst, über den tiefer gelegenen See hinaus. Später erfahre ich: Ein Neubau, angeblich Wirtschaftsgebäude. Leer, ohne Bilder, fast ohne Mobiliar, spartanisch. Was ist dies? Es erinnert zumindest, es mutet an: Neu-Gemanische Gemeinschaftsstätte? Nur mein Gefühl.

Beim Dorfspaziergang wird klar, hier hat „der Führer seinem Volk ein Dorf geschenkt“ und das dankt es ihm. Wie mächtig die Balken, wie dick das Mauerwerk, das üppig Rohrdach, wie stabil das Fundament  – Das Dorf ist für die Ewigkeit gebaut und die Menschen, die darin wohnen, müssen einfach dankbar sein. Das scheint so zu sein, denn niedlich umzäunt, mit Blumenkästen geschmückt, sorgfältig die Vorgärten eines jedes, die schmucken Musterhäuser strahlen urdeutsche Gemütlichkeit aus. Dabei sind sich alle Häuser völlig gleich, gerecht ist es zugegangen bei dieser Massenschenkung. Alles bäuerlich rustikal, ach, was würde sich Adolf, wie ich ihn im Dorf eben hab nennen hören, wie würde er sich freuen, könnte er heute A., sein Musterdörflein, sehen. Kann man es den Leuten, die darin heute wohnen vorwerfen? Bestimmt nicht, nein. Doch das es sozusagen typisch deutsch ist, das drängt sich auf, das muss man sagen dürfen.  Auch wirkt das Dorf irgendwie konstruiert, gekünstelt, die „Bauern“ hier waren nur Zierwerk, aber keine Bauern, sie arbeiteten der „Führerschule“ zu, da braucht es nicht viel eigenen Boden, das Musterdorf wurde auf dem Reißbrett konstruiert worden.

Die Dorfbewohner haben es schwer. Einige von ihnen haben den Aufarbeitungsverein gegründet und bemühen sich um die störrische Geschichte, andere wollen gerade davon nichts wissen. Im Internet findet sich über A. sodann auch kein Hinweis auf die braune Vergangenheit, stattdessen: Lindenblütenfest, das besondere Dorf, Fußballturnier, Preisschießen, Basteln mit Kindern, Bauplätze seien noch frei, auf Plakaten im Dorf wirbt „Mirkos Blaßkapelle“.

Dass Martin Bormann im Gutshaus von A. lange Zeit immer wieder die obere Etage bewohnte, erfahre ich auf einem Spaziergang von einen Dorfbewohner im Unterhemd, der an einem Trecker lehnt. Da hätte er auch bis vor einiger Zeit gewohnt, sagt er, bis ihn die „Juden“ da rausgeworfen hätten, womit er den Erinnerungsverein zu meinen scheint.

Den Park der „Führerschule“ hat kürzlich eine „Lebensgemeinschaft“ gekauft, die zweite kritische Ausstellung ist auf dem dortigen Gelände untergebracht. Löblich, doch leider auch nur auf Nachfrage und daher kaum der Öffentlichkeit wirklich zugänglich.

Leider, so beschweren sich manche Dorfbewohner, lassen sie diese gute Gut so verkommen, machten nichts an den Häusern, ja, sie liefen sogar in zerrissenen Hosen herum, ließen ihre Kinder sogar ebenso herumlaufen. Manche der Dorfbewohner gehen nicht mehr gern in den Park, seit die Lebensgemeinschaft da wohnt.

Aber auch die Lebensgemeinschaft, eine Gruppe von 30 Menschen, die dort Biowirtschaft betreibt, will scheints nicht viel mit der brauen Dorfvergangenheit zu tun haben. Im dorfeigenen Prospekt findet sich kein Wort dazu.  

Die Gemeinschaft wirkt zwar lebendig, frei und freundlich, man weiß aber nicht genau, Sekte, Glaubensgemeinschaft, Utopia ? Immerhin, ein alternativer Lebensentwurf an diesem Ort. Wir messen der Zeit des Nationalsozialismus nicht so viel Bedeutung bei, sagt eine freundliche Frau im langen Gewand, in der Hand ein Kräutersträußchen. Dieser Ort sei eine alte keltische Kultstätte, deshalb hätten ja auch die Nazis hier gesiedelt, der Ort habe „viel positive Energie“, er gebe Kraft, nun wohnten auch schon viele Kinder im Dorf, man wolle neu aufbauen. Mir wird mulmig zumute.

Ein altes „Gästebuch“ von A. , wer da nicht alles und in was für schönen Worten, hineingeschrieben hat; Himmler, Bormann, lauter Prominiente, sogar Japaner waren dabei. Der Enkel hats ihm überlassen. Dazu Fotos: A. im Sommer, A. mit Männern in Turnanzügen, die Sport treiben, die Nazifahne wehend auf dem Apellplatz. 

Ein Film sei gefunden worden auf einem Dachboden. Dieser Film würde in 17 Minuten das Lagerleben zeigen, unverfälscht, echt und unkommentiert. Der Film zeigt fröhliche Mannen in Sporthemden, wie sie sich in lockerer Jugendherbergsathmosphäre, gegenseitig boxend und überaus lustig vergnügen. Zum Ende des Films wird es sogar frivol, man sieht einen Mann in eine etwas üppigere Männerbrust greifen, diese kneten und kneifen, allgemeines Gelächter. Körperkult, mehr Negatives ist nicht zu finden in diesem Film. Nur dass es dieser Kult möglich machte, dass Gas in Luken geworfen wurde mit dem Ziel Menschen  industriell zu töten in Millionenhöhe und das Mengele freundlich lächelte, wenn er mit seinen Handbewegungen an der Rampe den Tod befahl.

Das Cafe´an der „Wache“ hat tausendjährige Hakenkreuze im Mauerwerk, dort gibt es eine überaus schmackhafte Gemüsesuppe aus dem Garten der Lebenspark-Gemeinschaft. Vor dem „Dorfgemeinschaftshaus“ sind in den Boden aus Steinen die Zahlen 1-9-3-6 eingelassen, dazu die Buchstaben I.Z. 

Mich stört dieses Offensichtliche der Nazisymbolik, bin ich die Einzige?

Was wäre die Alternative? Abreißen, übermauern, übermalen?Totschweigen? Gras drüber? Gar nichts machen? Das kann nur schief gehen. Insofern ist die Planung einer Gedenkstätte sicher ein gutes Anfang. Meiner Meinung nach aber gehört in dieses Dorf an jede Straßenecke eine Mahntafel mit Bildern der Opfer, auch wenn sich das vielleicht dumm anfühlt für die dort Wohnenden, aber hier muss die Idylle durch echte Gegenentwürfe gebrochen werden. Ich selbst, wenn ich dort wohnen würde, würde das auch wollen, könnte ohne Opfergeschichte gar nicht leben in diesen Häusern mit den weißlackierten Aufschriften, vorn die stolzen Jahreszahlen nach Hitler, wo schon das Nichtmähen der Rasenflächen des Lebensparks und deren zerrissene Hosen für die Dorfbewohner Grund genug ist, sich von ihnen abzuwenden, wo man von „Juden“ spricht, wenn man den Erinnerungsverein zur Tätergeschichtenaufarbeitung meint, wo zumindest einer sich freut über „Bormann´s Haus“ und „Adolf“ zu sprechen. Der Schoß ist fruchtbar noch.

Erinnerungsarbeit ist bitter nötig. Im Park liegt ein Stein, auf ihm steht: Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung. Erinnerung an wen? Das muss ganz klar sein.

Kommentare

Es gibt 1 Kommentar für "Ein Tag in einem Führerdorf"

  • Hähnel sagt:

    Der Stein im Park bezieht sich bewußt auf die von Ihnen nicht erwähnte Seite des Ortes:
    Von 1948-1952 befand sich hier eines der Kinderdörfer der „Volkssolidarität“. Ein Waisenheim für Kinder aus Königsberg, Stettin, für die ärmsten Kriegsopfer. Gemeinsam mit ehem. Heimkindern, Lehrern u.a. wurde z.B. an diesem Stein 2005 an die Beseitigung der Euthanasie-Ärzteschule der SS und KV im Jahr 1945 durch den Sieg der Roten Armee erinnert und die humanistsiche Leistung der Volkssolidarität bei der Kinderbetreuung in den Nachkriegsjahren. Im Dorf wohnen auch Menschen, die aktiv an der Überwindung des Nazigeistes mitwirkten.
    Mit frdl. Gruß

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