Anja Röhl

Entartete Kunst in der Deutschen Oper – Liederabend und Dichterlesung – Rezension

Etwas Besonderes erwartet einen ab der neuen Spielzeit in der Deutschen Oper Berlin. Die Reihe „Lieder und Dichter“ verbindet bekannte, thematisch angelegte klassische Liederzyklen mit aktueller Lyrik. Der erste Abend dieser Reihe widmet sich im schwarz ausgeschlagenen Foyer der Oper einer Musik, die in der Zeit des Nationalsozialismus als „entartet“ galt und unterdrückt wurde. Verbunden und untermalt wird sie von einer heute engagierten humanistischen Lyrik von Kerstin Hensel.

Diese Kombination zum Thema „Entartete Musik“ will sich Publikum über das klassische des Opernpublikums hinaus erschließen. Die ergänzenden Gedichte schaffen ein gutes Gegengewicht zu der zT schwer-traurigen und gverzweifelt-düsteren, dann aber auch schnellen und ungewöhnlich modernen Musik der 20er Jahre. Sie bilden die Brücke zum Heute. Das erschüttert und bewegt. Kerstin Hensel (geb: 1961 in Karl-Marx-Stadt) thematisiert in ihrem jüngsten Gedichtband „Schleuderfigur“ (Luchterhand Literaturverlag 2016) konkrete Lebenszustände. Sie ergänzt das Liedprogramm mit wunderschön ausgewählten Gedichten von Mascha Kaléko, Nelly Sachs, Theodor Kramer und Bertolt Brecht.

Spätromantik bis Schönberg

Die Sänger singen sehr professionell, aber wirken manchmal im Ganzen etwas zu steif, zu fein, zu brav, zu sauber für diese Variante der Musikszene der ausgehenden Zwanziger Jahre in ihrer tieftraurigen Abgründigkeit und ihrer herausplatzenden Leidenschaftlichkeit. Ihr Repertoire und Können ist aber unbedingt zu bewundern: Von Liedern der Spätromantik über die Zwölftontechnik Arnold Schönbergs bis hin zum Versuch einer Synthese aus klassischen und Jazz-Elementen. Eine große Bandbreite. (Zusammengestellt von John Parr) Authentischer klingen die Lieder mit Jazz-Elementen. Das gesamtprogramm umfasst Lieder von Kurt Weill, Ernst Krenek und Erwin Schulhoff, von Bruno Walther und Ignatz Waghalter, die letzteren Gerneralmusikdirektoren der Deutschen Oper, verfolgt und gedemütigt von den Nazis. Das Programm beginnt mit klassischen Motiven zu Tod und Trauer um am Ende mit Kurt Weill und Brecht wieder etwas fröhlicher zu werden.

Toll die Verbindung von Musik und Dichterlesung, die gleichzeitig eine von gestern und heute ist und sowohl Literaturbegeisterte zur Musik, als auch Musikbegeisterte zur Literatur führen kann, das ist ein gutes Konzept und kann man sehr empfehlen!

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