Anja Röhl

Erstes internationales Erzählfestival in Berlin – Rezension

Viel wird heute über das Buch und sein Verschwinden debattiert, aber etwas anderes ist schon lange verschwunden und soll jetzt wiederbelebt werden: Das Erzählen. 

Manche kennen es als besonders schöne Kindheitserinnerung, in alten Büchern liest man davon, dass Großeltern oder Mütter einem Kind zum Schlafen eine Geschichte erzählen. Dabei denken sie sich etwas unmittelbar aus und entwickeln es je nach Beziehung mit demjenigen, je nach eigener Stimmung in dem Moment, je nach gesellschaftlich-historischer Situation, in der sie gerade leben, weiter. Die Erzählenden wissen dabei selbst noch nicht wo es hingehen soll, sie sind aktiv-kreativ vor den Augen und Ohren der Zuhörer, sie erfinden im selben Moment, wo sie mitteilen, Kinder lieben das. Jeder, der das schon einmal ausprobiert hat, wird es von seinen Kindern immer wieder gesagt bekommen haben: „Erzähl mir eine Geschichte, eine ausgedachte!“ Der Witz daran, die Zuhörer wohnen einem Akt unmittelbarer Offenheit und Entwicklung bei, sie beeinflussen ihn sogar, beflügeln ihn durch ihr Stauen, Nachfragen und Drängeln auf die oder jene „Lösung“.

Wo in langen Nächten die Menschen eng zusammen sitzen

Erzählen ist eine uralte Technik menschlicher Kultur, sie liegt lange vor jeder Verschriftlichung. Und sie ist eine Kultur der Ärmsten, die kein Buch hatten und der Schriftsprache nicht mächtig waren.  Das Erzählen diente immer dem Verarbeiten, dem Trost, dem Ermutigen. Eine Mutter in einem palästinensischem Flüchtlingslager wird ihren Kindern in den schlimmsten Situationen Geschichten erzählen, Geschichten aus uralten, aus besseren Zeiten. So war es im feudalen Mittelalter unter den geknechteten Bauern, so ist es überall da, wo in langen Nächten die Menschen eng zusammensitzen und sich gegenseitig Mut machen wollten. So geht es auch Menschen in Gefangenschaft, in Schützengräben, in Bombenkellern. Erzählen dient dem Nicht-Verzweifeln an der Realität.

Aus Traum und Sehnsucht eine Vorstellung von dem, was man sich wünscht

Viele Erzählgeschichten folgen unbewusst Märchenmustern, formen sie aber um, neu, vermischen sie, mit Mythen, mit Realitätseinsprengseln. So wird aus Wirklichkeit und Irrealität eine neue, bessere Wahrheit, aus Traum und Sehnsucht eine Vorstellung von dem, was man sich wünscht, und daraus das, was man einstmals vielleicht erreichen könnte. Die Erzählkunst wird neuerdings wieder mehr gepflegt, Erzählwerkstätten haben sich gegründet, Erzähler finden ihr Publikum auf Märkten, ein Verein zur Förderung der Erzählkunst ist entstanden, sogar einen Studiengang „Erzählen“ gibt es schon.

Viele waren überrascht und begeistert

Nun hat letzten Freitag bis Sonntag ( 5 – 7.9.) das „Erste Festival des freien Erzählens“ in Berlin stattgefunden. Dabei waren internationale ErzählerInnen zu hören, (koreanisch, italienisch, osteuropäisch, arabisch…), als auch Geschichten von Zauber-, Wasserwelten-weltenweit, von Nachtwesen, von Beziehungen,  von Lust und Leidenschaft, nach dem Motto: Wer´s glaubt, ist selig. Highlight des Festivals aber war die Nacht vom Samstag auf Sonntag, wo am 6. September um 20 Uhr drei Erzählerinnen, Kathleen Rappolt, Janine Schweiger und Christine Lander einen gemeinsamen Sack voller Geschichten öffneten. Es waren 40 – 50 Gäste da, plus die Erzählerinnen, viele waren durch die Presseankündigungen neugierig geworden, kannten Erzählkunst noch nicht und waren überrascht und begeistert, viele trugen sich in den Newsletter für zukünftige Erzählveranstaltungen ein.

Mitgetragen in andere Welten

Eine Lektorin, die normalerweise Lesungen besucht, stellte fest: „Erzählen ist  so unmittelbar, viel direkter als Lesungen, aber es ist eben auch nicht Schauspiel, was ich nicht so mag. Ich kann mir meine eigenen Bilder machen und unglaublich kreativ werden und werde von den Erzählerinnen mitgetragen in eine andere Welt. Ich werde jetzt öfter auf Erzählveranstalt-ungen gehen. Eine Expertin der Erzählkunst, Rachel Clarke, Storyteller mit schottischem Ursprung, stellte lapidar fest: „Eine lange Nacht mit Erzählerinnen auf so hohem Niveau mit so vielen unbekannten Geschichten habe ich bisher noch nirgends erlebt.“

Es gibt keine mediale Verwertbarkeit – nur den Moment

Die Erzählenden waren alles Frauen. Die Veranstalterinnen nach dem Grund gefragt, meinten: Erzählen ist eine Kunst, die hauptsächlich von Frauen ausgeübt wird – vielleicht, weil man es einfach und überall tun kann, man benötigt keinen Verlag, keine Medien, keine Schreibmaschine, keinen Computer, man kann damit nicht berühmt werden, es gibt keine mediale Verwertbarkeit – nur den Moment. Der ist dafür einzigartig, spannend aus dem Moment heraus und unvergesslich für alle, die daran teil haben. Erzählen ist der Frauen- und Familienrolle seit Hunderten von Jahren tradiert, vielleicht hängt es damit zusammen. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch Erzähler gibt. Jürgen Kretzschmar ist einer von ihnen, er hat sich nach seiner Arbeitszeit diesem Medium verschrieben und immer mehr Lust darauf bekommen. „Je mehr Spaß es mir macht, desto stärker kann ich auch das Publikum begeistern“, sagt er dazu.

Worte fließen aus ihnen heraus

Erzählerinnen sind Menschen, die sich mit ihren Geschichten auf ein Glatteis begeben, sie haben außer den Bildern im Kopf keine Sicherheit, keinen auswendig gelernten Text im Kopf. Sie improvisieren sprachlich, müssen ganz präsent sein, die Worte fließen aus ihnen heraus, jedes Mal anders, und jedes Mal doch auch auf hohem Niveau – sonst könnten sie nicht fesseln. Geschichtenerzählerinnen und -erzähler werden immer besser, je öfter sie erzählen, sie müssen täglich proben, um schnell und gekonnt die Worte parat zu haben für jedes beliebige Bild, was ihnen in den Kopf schießt. Sprachtempo, Rhythmus, Gestik und Mimik muss beherrscht werden, das Publikum muss überrascht, mitgerissen, und in Bann gezogen werden.

Das Publikum wurde einbezogen

Zum Abend der langen Erzählerinnennacht kamen Kathleen Rappolt, eine junge Erzählerin mit grünem Kleid und roten Lippen vor einen leuchtend roten Vorhang, sie wurde von zwei Seiten durch Christine Lander und Janine Schweiger ergänzt, die ebenfalls grün angezogen waren. Die drei begannen: Aufgaben, die sie lösen mussten um die Gunst eines imaginären Prinzen zu erringen:  Mit der goldenen Else dank magischem Schenkeldruck über Berlin fliegen und Strom für die lange Nacht erzeugen, alle Bundesparlamentarier von der Bundestags-Glaskuppel aus zum Lachen bringen, oder einfach nur drei schöne Männer in Berlin zum Küssen finden….Das Publikum wurde einbezogen.

Auch Internationales

Die Potsdamer Erzählerin Suse Weisse erzählte aus Schottland, wo Jack in seinem Suff einen Dornbusch mit einer alten frierenden Frau verwechselte. Ein Lügenmärchen von Carmela Marinelli kam dazu, das auf italienische Traditionen zurückging, die Koreanerin Soogi Kang brachte auch eine Geschichte von Ihrer Heimat auf die Bühne – in der ein Junge einem alten Mann mit einer List half, den Fluch eines Stolpersteins ins Gegenteil zu verwandeln. Die Cottbusser Erzählerin Dörte Hentschel erzählte eine Geschichte aus Australien, die sie dort von einer australischen Erzählerin gehört hatte und das Publikum sang mit zur Unterstützung im Kampf gegen einen Riesen. Auch eine Amerikanerin war da,  Lydia Baldwin erfand eine  witzige Froschballade.

Das Verhalten der Helden darf kritisiert, umgebaut werden

Alles erzählt auf eine neuartige, moderne Weise, Elemente des Alltags werden eingebaut, Inkonsequenzen, Unerwartetes. Eine Brücke zur heutigen Welt. Jder  kann mittun. Es gibt nichts Vorgegebenes. Das Verhalten der Helden darf kritisiert, umgebaut, anders gedeutet werden, als es die enge Märchentradition vorschreibt.

Mit Hühnern, Kühen und Salzstangen

Die Erzählerinnen warfen manchmal auch nur Stichworte in den Raum – schon fand sich  eine andere, der eine Geschichte einfiel. Auf derselben Bühne stand man in der Ukraine, lief durch die Wüste, folgte einem Menschenfresser in sein Wohnzimmer, worin er jeden Abend von neuem den König braten ließ oder tanzte im Supermarkt mit Hühnern, Kühen und Scheunentoren und trank Cola und aß Salzstangen dazu.

Geschichten erzählen aktiviert

Nach zweieinhalb Stunden war das Publikum noch nicht müde. Als es zur Abstimmung durch Applaus kam, hätten alle gern noch mehr Geschichten gehört. Am Ende wurde das Prinzenmotiv gebrochen, die Konkurrenz zwischen den Erzählerinnen aufgehoben.  Bei Wein, Bier und eigenen Geschichten wurde dann die lange Nacht noch ein bisschen länger. Geschichten erzählen aktiviert, macht Spaß, Mut und Lust, seine Phantasie zu gebrauchen!  www.berlin-erzählt.de

Kommentar hinzufügen