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	<title>Anja Röhl</title>
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		<title>Die fabelhaften Millibillies       &#8211;        Rezension</title>
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		<pubDate>Sat, 04 Feb 2012 01:48:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anja</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theaterrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[ jw /feuilleton / 2.2.2012

 Eine letzte Bastion nicht autoritärer Erziehungsideale, von verstehender und emanzipativer Pädagogik ist das Gripstheater in Berlin.  
Von den Forderungen unserer neuzeitlichen Kontrollgesellschaft lässt es sich nicht irre machen und zeigt weiterhin, wie man sich als kleiner Mensch im Leben mit den Großen zurechtfindet, ohne dass man den Kopf einziehen muss.
 Doof geborn ist keiner
Eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div><em> jw /feuilleton / 2.2.2012</em></div>
<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-2377" title="Jennifer Breitrück" src="http://www.anjaroehl.de/wp-content/uploads/2012/02/millibilli.jpg" alt="Jennifer Breitrück" width="120" height="180" /></strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Eine letzte Bastion nicht autoritärer Erziehungsideale, von verstehender und emanzipativer Pädagogik ist das Gripstheater in Berlin.  </strong></p>
<p>Von den Forderungen unserer neuzeitlichen Kontrollgesellschaft lässt es sich nicht irre machen und zeigt weiterhin, wie man sich als kleiner Mensch im Leben mit den Großen zurechtfindet, ohne dass man den Kopf einziehen muss.</p>
<p><strong> </strong><strong>Doof geborn ist keiner</strong></p>
<p>Eine kleine Produktion am Rande schien mir der Liederabend »Die fabelhaften Millibillies« zu sein, der berühmte Songs aus alten Grips-Stücken zu einem kleinen Programm zusammenfaßt, damit sie nicht vergessen werden bei der Flut pädagogischer Gegenpropaganda. Wie überrascht aber war ich von dem Ergebnis. Die Lieder: »Wir werden immer größer, jeden Tag ein Stück«, »Doof geborn ist keiner!«, »Mattscheiben-Milli«, »Trau Dich!« und »Manchmal hab’ ich Wut!« werden nicht nur mitreißend gesungen, sondern von einer genialen Choreographie begleitet, die Jennifer Breitrück so eindrucksvoll kindgerecht (nicht kindertümelnd!) rüberbringt, daß man tatsächlich meint, ein Kind von ca. acht Jahren vor sich zu haben.</p>
<p><strong>Tonwelle aus zusammengerolltem Bettlacken</strong></p>
<p>Es wird viel dafür getan, daß man die Lieder auf allen Sinneskanälen wahrnimmt. Beispielsweise begleitet sie die in den Liedtexten vorkommenden Gegenstände mit einer spielerischen Geste, genau wie es Kinder in den berühmten Klapp-Handspielen, bei denen man sich gegenseitig abklatscht und dazu illustrierende Bewegungen macht – in einer Art Vorform des Rap. Oder es wird mit Hilfe einer Leine aus zusammengerollten Bettlaken eine Tonwelle zum Schwingen gebracht. Bestimmte Stimmen, wie die von meckernden Eltern, werden mit den Händen weg- und wieder hergezaubert.</p>
<p><strong>Wut ausdrücken und Freundlichkeit kennenlernen</strong></p>
<p>Jennifer Breitrück spielt Emilia, die sich sozusagen eine ganze Band herbei imaginiert, die man auf der Bühne, einer Art Abstellraum mit zwei Malerleitern rechts und links, auch hören kann. Außerdem träumt sie von einem Freund (Jens Modalski) aus ihrer Klasse, der aber immer zu Stress hat, weil er versucht, die Anforderungen der Erwachsenen an ihn zu erfüllen. Auf der Bühne sind zwei Kreise, im einen steht »Wut«, im anderen »Glück«, zwischen denen hin- und hergehüpft wird. Während der Traumjunge eine Unmenge an Wut im Bauch hat, kennt Emilia keine Wut, da ihre Eltern selbst die strengsten Dinge freundlich und gedämpft, also falsch und heuchlerisch sagen und sie also gegen sie gar keine Handhabe hat. So lernt sie, Wut auszudrücken, und er Freundlichkeit kennen, und in dieser Art geht es den ganzen kleinen Liederabend lang weiter. Daß man durch Freundschaft Mut kriegen kann, daß man gemeinsam Angst überwinden kann, daß man größer wird: »…auch wenn man uns einsperrt oder verdrischt: Wir werden immer größer, da hilft alles nischt!«</p>
<p><strong>Es kommt drauf an, dass man entdeckt, was in ihm steckt</strong></p>
<p>In dem Lied »Ottokar hat Segelohren«, in dem für die krudesten Unterschiedlichkeiten, für die Kinder schon immer ausgelacht wurden (Sommersprossen, schiefe Zähne, krumme Beine, klein, groß, dick, Leberflecken, Doppelkinn), Reklame gemacht wird, verbirgt sich der gegen Vorurteile gerichtete Refrain: » Na und? Na und? Die Welt ist eben bunt. / Jeder Mensch sieht anders aus, da mach dir nichts draus. / Es kommt nur darauf an, daß man entdeckt, was in ihm steckt.«</p>
<p><strong>Alles sehr gelungen und phantasieanregend</strong></p>
<p>Familien sitzen mit Kind und Kegel da, und ich traue meinen Augen nicht, sehe um mich herum erwachsene Handwerker-Männer singen und mit­swingen bei: »Trau Dich, trau Dich, auch wenn es danebengeht / Trau Dich, trau Dich, es ist nie zu spät! / Wer’s nicht selber ausprobiert, der wird leichter angeschmiert / Trau Dich, trau Dich, dann haste was kapiert! / Glaub nicht alles, was du hörst, auch wenn Du sie mit Fragen störst (…) Trau Dich, trau Dich, Du bist nicht allein!« Alles sehr gelungen und phantasieanregend.</p>
<p><em>Nächste Vorstellungen (die nicht ausverkauft sind): 27.2., 28.2., 11 Uhr</em></p>
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		<title>Yasou Aida in der Neuköllner Oper   &#8211;   Rezension</title>
		<link>http://www.anjaroehl.de/yasou-aida-in-der-neukollner-oper-rezension/</link>
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		<pubDate>Tue, 31 Jan 2012 07:43:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anja</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theaterrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[jw /feuilleton/ 31.1.2012
Die Neuköllner Oper hat sich etwas vorgenommen: Das griechische Drama auf die Bühne zu bringen. Oder vielmehr, das zeitgenössische Drama um Griechenland. Um Stücke von Aristophanes oder Sophokles geht es der Neuköllner Oper dabei weniger.
Ziel sei zum einen nämlich gewesen, den momentan gängigen Ressentiments gegen das hellenische Volk entgegenzuwirken, und zum anderen, einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-2367" title="Yasou Aida" src="http://www.anjaroehl.de/wp-content/uploads/2012/01/Yasou-Aida.jpg" alt="Yasou Aida" width="180" height="108" /></strong><em>jw /feuilleton/ 31.1.2012</em></p>
<p><strong>Die Neuköllner Oper hat sich etwas vorgenommen: Das griechische Drama auf die Bühne zu bringen. Oder vielmehr, das zeitgenössische Drama um Griechenland. Um Stücke von Aristophanes oder Sophokles geht es der Neuköllner Oper dabei weniger.</strong></p>
<p>Ziel sei zum einen nämlich gewesen, den momentan gängigen Ressentiments gegen das hellenische Volk entgegenzuwirken, und zum anderen, einen Überblick über die finanzpolitischen Zusammenhänge zu bieten. Die Idee: Eine moderne Version der »Aida« zu bringen (ursprünglich ja etwas Ägyptisch-Französisches mit spanischem Namen und italienischem Autor, nämlich Verdi), auf dem Hintergrund des Finanzkriegs der EU gegen das griechische Volk. Aber nicht nur das: Es wurde eine Ko-Produktion griechischer und deutscher Musiker und Regisseure, die die Oper direkt aus ihren konkreten Bedingungen schufen, wie auch im Programmheft im Inszenierungstagebuch, das zwischen Athen, Thessaloniki und Berlin-Neukölln geführt wurde, erzählt wird.</p>
<p><strong>Angela Merkel wie die Göttin Isis</strong></p>
<p>»Yasou Aida!« statt nur Aida. Verdis Oper handelt von der Unterwerfung der Äthiopier durch die nördlich angrenzende, siegreiche Großmacht Ägypten, in der drei junge Leute ihre privaten Wünsche gegen dieses System der Unterwerfung entwickelten. »Ein Volk wird unterworfen und vorgeführt, und so fühlen wir uns auch«, so Alexandros Efklidis (Idee und Regie). »Eine Figur wie Angela Merkel scheint in unserer Presse wie die Göttin Isis, die letztlich über Gedeih und Verderb entscheidet.«</p>
<p><strong>Mutig die Handlung in einen Börsentempel verlegt</strong></p>
<p>Aida ist nun von der Königstochter zu einer EU-Praktikantin geschrumpft, ein Trainee mit Aufstiegswünschen. Radames, der sich dem Krieg verweigert und sich in die Tochter des Feindeskönigs, nämlich Aida, verliebt, wird zu Rainer Mess, einem Mitarbeiter im grauen Anzug. Die Musik ist klassisch Verdi mit neu unterlegten Texten. Das gewagte Unternehmen, das mutig die Handlung in einen der neuzeitlichen Politbörsenpaläste verlegt, wo leeres Stroh in englischer Sprache gedroschen wird, leidet aber ein wenig darunter, daß die Neuzeit zu fade für die Gewalt von Verdis Musik ist. Denn wo Leidenschaften musikalisch ausgedrückt werden, sind keine Leidenschaften im Ambiente des Börsentempels spürbar.</p>
<p><strong>Nur ein kühler Flirt</strong></p>
<p>Die Liebelei zwischen dem Trainee und ihrem Kollegen Rainer Mess entbehrt jeder Leidenschaft, sie ist nichts, ein Flirt, ein kühler Hotelzimmerabend, eine Handybekanntschaft, die Eifersucht der anderen Frau nichts als Zickenterror, kein Vergleich zur Vorlage, die ein klassischer, shakespeare-esker Plot ist. Es mag am zugegeben gekonnt karikierten EU-Ambiente mitsamt ihren Barbiepuppen liegen, aber die Täuschung ist zu echt, es kommt kein Gefühl einer echten Liebe auf, daher auch keine Betroffenheit über das Unrecht. Natürlich ist es streckenweise witzig, und politisch werden viele Wahrheiten über die postkolonialistische Neuzeit herausgedonnert, gesungen wird auch professionell und schön (besonders der Bass: Arkadios Rakopoulos, aber auch die Frauenstimmen bestechen durch kraftvolle und selbstironische Interpretation: Lydia Zervanos, Sopran, Anna Riche, alt), doch leider, leider – inhaltlich ermüdet die Geschichte.</p>
<p><strong>Findet irgendwie nicht zu sich selbst</strong></p>
<p>Die kleine Affäre der Aida, in der sich die ganze große Politik spiegeln soll, schafft es hier eben nicht zu nachvollziehbarer, fühlbarer Größe. Womit leider auch die politischer Kraft verloren geht. Mit anderen Worten: Das Stück findet irgendwie nicht zu sich selbst. Vielleicht ist die politische Intention zu sichtbar, zu eindeutig, zu stark dem alten Stück angeklebt. Es gibt zu wenig Dialektik, die Handlungen sind zu wenig widersprüchlich, eine wirkliche Spannung baut sich nicht auf. Die Einheit des Ortes wird übertrieben, alles spielt sich im Konferenzgebäude ab, wo man sich fühlt wie im Raumschiff Orion, es fehlt jeder Bezug zur Realität, die aber doch die wichtigste Rolle hätte spielen müssen.</p>
<p><strong>Debtocracy &#8211; ein sehr guter Aufklärungsfilm</strong></p>
<p>Drei Tage nach der Premiere legt die Neuköllner Oper noch mal nach: Eine Filmvorführung des glänzenden griechischen Films »Debtocracy«, ein Film, der dem Phänomen Staatsschulden nachgeht, die als illegitim bezeichnet, belegt und bewiesen werden. Der Film zeigt unter anderem, dass die Entschuldung von Staatsschulden immer dann möglich ist, wenn es unseren internationalen Finanzoligarchen gefällt, nach kriegerischer Niederwerfung des Iraks und Sadaam Husseins Sturz plus Ermordung, war es den Nachfolgern mit einem Federstrich möglich, in anderen ähnlichen Fällen auch. Ein toller Film, höchstseltsam nur, daß er ausgerechnet von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung präsentiert wurde, die ihn allerdings im beiliegenden Prospekt als »einseitig« denunziert hat und mit langweilig salbadernden Finanzexperten als Rednern garnierte, die das freie Unternehmertum gegen die Finanzhaie verteidigen wollen und damit dem Modell raffendes und schaffendes Kapital das Wort redeten. Schade also, dass die Neuköllner Oper sich zum Steigbügelhalter der absteigenden FDP machen muss. Das hat sie dann doch nicht nötig.</p>
<p><em>Yasou Aida!, 2.–5., 9.–12., 16.–19. und 23.–26. Februar, 20 Uhr, Neuköllner Oper, Berlin</em></p>
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		<title>Ziemlich beste Freunde    &#8211;    Rezension</title>
		<link>http://www.anjaroehl.de/ziemlich-beste-freunde-rezension/</link>
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		<pubDate>Sat, 28 Jan 2012 14:46:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anja</dc:creator>
				<category><![CDATA[Filmrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[`Ziemlich beste Freunde´ ist eine Filmkomödie der Regisseure Olivier Nakache und Eric Toledano mit Francois Cluzet und Omar Sy, die momentan in Paris Bestnoten einfährt.  Kunststück, der Film  ist ein Klassenversöhnlerfilm, denn der reiche Körperbehinderte freundet sich mit dem schroffen, schwarzen Unterschichtler der Pariser Banlieue an und beide lernen dabei fremde Welten kennen. Der Arbeitslose will sich nur einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>`Ziemlich beste Freunde´ ist eine Filmkomödie der Regisseure Olivier Nakache und Eric Toledano mit Francois Cluzet und Omar Sy, die momentan in Paris Bestnoten einfährt.  Kunststück, der Film  ist ein Klassenversöhnlerfilm, denn der reiche Körperbehinderte freundet sich mit dem schroffen, schwarzen Unterschichtler der Pariser Banlieue an und beide lernen dabei fremde Welten kennen. Der Arbeitslose will sich nur einen Stempel holen, da kommt der behinderte Millionär auf die Idee, dass dies der einzige Mensch ist, den er ertragen kann, da alle anderen vor Mitleid zerfließen und ihm daher zum Speien über sind.</p>
<p><strong>Die Welt aus der Behindertenperspektive</strong></p>
<p>Das Anfreunden beider führt dazu, dass die Zuschauer die Welt aus der  Behindertenperspektive kennen lernen, leider aus einer so reichen, überzeichneten Perspektive, dass das Ganze streckenweise zum Hollywoodkitsch verkommt, was sehr schade ist, denn der Film enthält neben dem klassenversöhnenden auch etwas die Klassen sprengendes, nämlich ein wirkliches Annähern beider Welten mit einem Überwinden von Vorurteilen in bezug auf Behinderung und Nichtbehinderung, schwarz und weiß und Pber- und Unterschicht. In Unbefangenheit und mit Neugier werden die jeweilig sich fremden Welten geöffnet und dem Publikum zugänglich gemacht. Die Welt des Arbeitslosen Banlieue-Jugendlichen wird dicht und trotz nur kurzer Einstellungen intensiv sicht- und erkennbar. Und das keineswegs  denunzierend. Er selbst und sein Lebensstil ist direkter, aber moralisch und kräftemäßig nicht weniger großartig als all der reiche Glitzer und Glimmer um ihn herum, so dass hier eindeutig gegen das Vorurteil gearbeitet wird, dass diese Jugendlichen von Natur aus verhaltensgestörte Jungkriminelle seien, die rausgeworfen gehören. Auch dass die Verhältnisse den Menschen prägen, (die Mutter rackert von früh bis spät und kommt doch nicht hin mit dem Geld) wird klar und dass daraus aber trotzdem Würde, Mut und Kraft wachsen kann. Und auch die Kälte in reichen Häusern wird ansatzweise klar, denn viel lieber würden die lieben Verwandten den Behinderten ins Heim stecken.</p>
<p><strong>Psychologisch lehrreich</strong></p>
<p>Für Menschen, die behinderten Menschen assistieren, kann dieser Film in vielerlei Hinsicht menschlich und psychologisch lehrreich sein. Auch die Sympathie, die dem Prekariat hier zuteil wird, wirkt Vorurteilen entgegen, doch nur selten, das ist schon mal klar, wird es sich dabei so günstig fügen, dass der Assistent durch seinen Arbeitgeber ebenfalls zum Millionär wird, wie hier geschehen und im Abspann auch noch als dokumentarisch aufgedeckt wird. Beide Freunde und die ganze Storry hat es wirklich gegeben, was ja schön für die beiden ist, die Realität des Assistierens, des Lebens mit Behinderung, sowie den Widerspruch zwischen Bourgeosie und Prekariat aber natürlich nicht trifft, sondern es wird durch den Sozialkitsch des &#8220;lieben&#8221; Reichen leider jede Übertragung auf die Realität komplett kontakarriert.  </p>
<p><strong>Für beide Klassen etwas und doch auch Tiefe</strong></p>
<p>Und daher bleibt die an sich gut gemeinte und gut gesdrehte und auch einfühlsam-witzige Geschichte, in der zwei benachteiligte Gruppenvertreter aufeinander treffen und sich gegen den Rest der Welt verbünden, sozusagen auf halben Wege stecken, sie enthält einerseits für beide Klassen positive Identifikationsebenen, die vielleicht sogar ansatzweise klassenüberwindend sein könnten, sie bleibt aber ein trotzig modernes Märchen, dass nur deshalb in die Kinos gefunden hat, weil die Welt der Reichen hier eine ungeheure Glorifizierung erfährt. Uns so nährt sie natürlich Tellerwäscher-Illusionen und die liebt das Volk besonders in solchen Zeiten des harten Gegenwindes eines allseitigen Sozialkriegs, den die herrschende Klasse den anderen längst erklärt hat. </p>
<p>Klassenversöhnlerisch, aber trotzdem sehenswert, denn es wird sich über keine der benachteilgten Gruppenvertreter lustig gemacht, stark und witzig sind die Szenen der gegenseitigen kulturellen Annäherung gestaltet, am stärksten die, wo der Assistent bei einer Feier  &#8221;seine&#8221; Musik vorführt und später bessere Bilder, als in jedem modernen Museum zu sehen sind, malt.  Und natürlich die Freundschaft der beiden, die durchaus Tiefe und Entwicklung besitzt.</p>
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		<title>Rappaport in Steglitz  &#8211;   Rezension</title>
		<link>http://www.anjaroehl.de/rappaport-in-steglitz-rezension/</link>
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		<pubDate>Wed, 18 Jan 2012 15:47:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anja</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theaterrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[jw-Feuilleton / 18.1.12
Das Stück „Ich bin nicht Rappaport“ von Herb Gardner im Steglitzer Schlossparktheater ist keineswegs ein rassistisches, sondern ein ausgesprochen humanistisches Stück, es wird auch nicht rassistisch interpretiert, sondern ausgesprochen sozialkritisch.
Die Helden sind zwei ältere Männer, von denen der eine eher zaghaft und anpasslerisch, der andere ein Geschichten und Lebensläufe erfindender Alt-68iger Jahre Kämpfer ist. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>jw-Feuilleton / 18.1.12</em></p>
<p><strong>Das Stück „Ich bin nicht Rappaport“ von Herb Gardner im Steglitzer Schlossparktheater ist keineswegs ein rassistisches, sondern ein ausgesprochen humanistisches Stück, es wird auch nicht rassistisch interpretiert, sondern ausgesprochen sozialkritisch.</strong></p>
<p>Die Helden sind zwei ältere Männer, von denen der eine eher zaghaft und anpasslerisch, der andere ein Geschichten und Lebensläufe erfindender Alt-68iger Jahre Kämpfer ist. Beide finden sich aufs Abstellgleis geschoben, am Ende ihres Lebens im Centralpark, nahe eines U-Bahnschachts, auf zwei Parkbänken zusammen, und unterhalten sich. Sie rauchen auch zusammen Gras und helfen einander. Das Ganze ist witzig und durchaus lehrreich, was die Akzeptanz älterer Lebensweisen und ihrer selbstwerterhaltenden Verrücktheiten und unseren Umgang mit ihnen angeht. Die Hautfarbe erkennt der eine beim anderen erst nach längerer Zeit, da beide altersbedingt halbblind sind. Das Gespräch beider über ihre grauen und grünen Stare und wie man dann schwarze Tunnel im Auge sieht, ist bemerkenswert stimmig und bringt den Menschen auf witzige Weise nicht nur ein typisches Altersdilemma absolut nicht mitleidsheischend, nahe.</p>
<p><strong>Selbstbestimmung im Alter</strong></p>
<p>Natürlich sind es Typen, die hier dargestellt werden, sie bedienen aber kein Klischee, sie arbeiten dagegen an. Im Detail stimmig, ist die Zauberformel des Epischen Theaters, im Ganzen typisch, genau das ist hier getroffen. Dazu entwickeln sie sich, der Angepasste wird aufmüpfig, der Aufmüpfige gibt nur scheinbar klein bei. Thema ist eine moderne Fassung der Brecht´schen Unwürdigen Greisin, die Selbstbestimmung im Alter.</p>
<p><strong>Mit Humor statt mit Holzhammer </strong></p>
<p>Dietrich Hallervordens eigene Dialektik scheint dem Stück entsprungen, es war wohl ein Bubenstück, das marode Gebäude zu kaufen, darin spießbürgerliches Provinztheater anzubieten, und nun mit eine antikapitalistischen Katze aus dem Sack zu kommen. In der Kunst wird jedenfalls oft schon etwas gemacht, was die politischen Parteien  vergeblich probieren, den Massen nah zu kommen und diese von kritischem Gedankengut überzeugen zu wollen. Das Ganze mit Humor, statt mit Holzhammer, ein guter Anfang im biederen Steglitz.  </p>
<p><strong>Nicht einen Funken Abwertung </strong></p>
<p>Aus diesem grunde halte ich es auch für falsch,was gegen die Aufführung losgetreten wurde: Wo steht denn geschrieben, dass schwarze Rollen nur von Schwarzen gespielt werden dürfen? Frauen also nur von Frauen, Männer nur von Männern, Kinder nur von Kindern, wo soll das denn enden? Es muss doch im Schauspielfach legitim sein, die Hautfarben zu verändern, ebenso wie ja auch Geschlecht, Alter, Haartracht, Mimik und Gestik immer jeweils der Rolle und nicht zunächst dem Spieler angepasst werden. Es darf nur nicht abwertend und gemein geschehen. Rassismus ist doch, wenn man glaubt, dass dunkle Hautfarbe ein &#8221;Rassen&#8221;merkmal ist.  Es gibt aber gar keine Menschenrassen. Dunklere und hellere Hautfarben sind regional unterschiedlich verteilt auf der Welt, es hat sich an sie allerdings eine soziale Unterdrückungs-Geschichte, ein millionenfaches Morden, Quälen, Erniedrigen geheftet.   Und das kann man dem Stück vielleicht vorwerfen, dass der Schwarze der friedliebende Ruheständler, der Weiße der aufmüpfige Revoluzzert ist, und dass das Friedliebende ein uraltes Sklavenmerkmal darstellt, was man lieber nicht noch durch eine solche Rolle bestärken sollte.  In dem Fall wäre es dann aber noch schlimmer gewesen, hätte man diese angeblich abfällige Rolle durch einen Schwarzen spielen lassen. Aber ich kann im ganzen Stück nicht einen Funken Abwertung, Zynismus, Kälte, Chauvinismus , Überheblichkeit und Unterdrückungsstereotypien entdecken, weder bei dieser, noch bei jener Figur. Beide sind gleichwertig, gleich sympathisch, gleich witzig, originell und stark im Ausdruck   angelegt, keiner dominiert den anderen, der Weiße fühlt sich dem Schwarzen nicht überlegen, an keinem Punkt und das wird auch nicht suggeriert. Beide sind treffend und echt gespielt. </p>
<p><strong>In abgetragenem Sherlock-Holmes Mantel</strong></p>
<p>Inhalt der Geschichte ist die: Der ältere Parkbanknachbar mit Namen Nat, im früheren Leben Kellner, vormals Anti-Vietnamkriegsdemonstrant, Indianer, Detektiv, Rechtsanwalt, Vereinsvorsitzender des Vereins Unmut e.V. hat tausend ausgedachte und mit Leidenschaft angefüllte Leben. Er läuft in abgetragenem Sherlock-Holmes-Mantel, knüpft gern Gespräche an und macht gern Leuten Mut zum Sich-Wehren, zum Beispiel Midge, der sich seiner Meinung nach zu viel gefallen lässt. Aus dem Blickwinkel seiner Tochter ist er nichts als umtriebig, ständig von Unfällen verfolgt, immer in irgendeinen Ärger verwickelt und komplett vertüdelt. Doch er ist ein ausgesprochener Schlaukopf und all seine Spielereien machen Sinn und führen ihren ganz privaten Kampf gegen die überall vorkommenden Ungerechtigkeiten zwischen „denen da oben“ und dem Rest des Volkes: „Einen Großkapitalisten fress ich doch zum Frühstück“. Seine Tochter hat er früher am liebsten auf Barrikaden gesehen, als sie einmal eine Nacht im Knast verbracht hat, holte er sie freudestrahlend morgens dort mit Sekt ab, heute ist sie ihm zu bieder geworden. </p>
<p><strong>Midge, der seine Ruhe haben will</strong></p>
<p>Der andere ist Midge, ein ruhiger, Zeitung lesen wollender, eher in sich gekehrter Hausmeister, der seine Ruhe haben will und nicht zum Zeitung lesen kommt. Später erzählt er Nat, dass er noch im 80. Jahr seinen Hausmeisterjob in einem uralten Heizungskeller, auf den er stolz ist, macht, da nur er sich mit der 60 Jahre alten Heizanlage und den ständig nachgeflickten Rohren auskennt. Ihm droht aber nun Entlassung, und dann wird er sich die angeschlossene Wohnung nicht mehr „leisten“ können. Nat hilft Midge gegen den Jogger, seinen Yuppy-Hausbesitzers-Versammlungsvorsitzenden und beide wehren sich gegen den Schutzgeld kassierenden Jugendlichen, aber der vorsichtige Midge muffelt Nat zu all dem in köstlicher Altherrenweise an, denn er will keinen Ärger, den er dann aber reichlich bekommt, als Nat ihn schließlich noch in eine Schlägerei verwickelt. Doch das angebotene Gras lehnt Midge dann aber doch nicht ab, beide versöhnen sich und träumen von früheren Zeiten, und Midge hat außerdem Kraft bekommen von seinem unverhofften Messerangriff gegen den Dealer im Park. </p>
<p><strong>Drei Alternativen der Altersversorgung</strong></p>
<p>Nat macht auch schon mal Randale in einem Lebensmittelgeschäft wegen der überhöhten Preise und vor seiner Tochter, die ihm drei Alternativen seiner Altersversorgung (Seniorenresidenz, Tagesstätte, Vollversorgung) anbietet, flieht er, wenn möglich, notfalls bis in eine Lügengeschichte über eine aus unbekannten Landen angereiste neue Tochter, da er sich nicht entmündigen lassen möchte.  Das Altersproblem ist hier Thema, die Hautfarben spielen eine untergeordnete Rolle.</p>
<p><strong>Punktgenaue Dialoge</strong></p>
<p>Die beiden selbst schon betagten Schauspieler, Didi Hallervorden, den in den letzten Jahren politisch radikalisierten Witzbold, und Joachim Bliese spielen das Stück hochsensibel und als komisches Charakterstück, als sei es von Kästner oder Tucholsky geschrieben. Die Dialoge sind sparsam, scharf, punktgenau und provokant.</p>
<p><strong>Politisches Pflichtprogramm für Bevölkerungsdemografen</strong></p>
<p>Die politische Botschaft ist die nach Selbstbestimmung unserer Alten, die nicht caritativ verstanden werden will, sie ist es, die etwas Besonderes auf dem Berliner Theatermarkt ist und weswegen dsich das Stück anzusehen lohnt. Und sie ist notwendig genug, wo alle Welt vom „demografischen Problem Deutschlands“ faselt. Die Geschichte der beiden Alten sollte meines Erachtens Pflichtprogramm für alle werden, die der eugenischen Überbevölkerungsthese anhängen.</p>
<p><em>Nächste Vorführungen: 2.-5.2.12 und wieder im April</em></p>
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		<title>Dantons Tod im BE &#8211; Rezension</title>
		<link>http://www.anjaroehl.de/dantons-tod-im-be-rezension/</link>
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		<pubDate>Sun, 08 Jan 2012 23:00:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anja</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theaterrezensionen]]></category>

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 9.1.12 / jw Feuilleton
Keineswegs hat Büchner DANTONs Tod gegen die Revolution geschrieben, er wollte nicht verteufeln,  sondern Tragik herausarbeiten, nicht heroisieren, sondern zu erklären versuchen.
Büchner nämlich trieb die Frage um, und die ergab sich aus seinen eigenen poltischen Bedingungen im Jahre 1835, aus welchen Gründen revolutionäre Erhebungen scheitern können und er machte sich Gedanken, wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-2308" title="Danton" src="http://www.anjaroehl.de/wp-content/uploads/2012/01/Danton.jpg" alt="Danton" width="240" height="160" /></strong></p>
<p><strong> </strong><em>9.1.12 / jw Feuilleton</em></p>
<p><strong>Keineswegs hat Büchner DANTONs Tod gegen die Revolution geschrieben, er wollte nicht verteufeln,  sondern Tragik herausarbeiten, nicht heroisieren, sondern zu erklären versuchen.</strong></p>
<p>Büchner nämlich trieb die Frage um, und die ergab sich aus seinen eigenen poltischen Bedingungen im Jahre 1835, aus welchen Gründen revolutionäre Erhebungen scheitern können und er machte sich Gedanken, wie man das zeigen könnte, um daraus zu lernen.</p>
<p><strong>Geschichte studiert</strong></p>
<p>In einem Brief an die Familie vom 28.7.35 schreibt er über sein Drama: „und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut, wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was … um sie herum vorgeht“ . Er selbst hat zu diesem Zweck ebenfalls die Geschichte studiert. Ein Großteil der Sätze sind neu zusammengesetzte Zitate aus Büchners eifrigem Quellenstudium.  Er wollte daraus zu einem einzigen Zweck lernen, nämlich es beim nächsten Mal besser zu machen, denn er war ein Freund der Revolution, wie auch einer der Gerechtigkeit und des geknechteten Volkes, er war nur ein großer Skeptiker ob des richtigen Zeitpunkts und der richtigen Methode. Dies wird im BE-Programmheft unmissverständlich klar gemacht, denn da findet sich keineswegs nur der Originaltext mit Anstreichungen, dort heißt es auf der erste Seite:  „Wenn in diesen Zeiten etwas helfen soll, dann ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unserem Fürsten zu erwarten haben. Alles was sie bewilligen, wurde ihnen durch die Notwendigkeit abgezwungen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen, wie eine erbettelte Gnade, um dem Maulaffen Volk seine zu eng geschnürte Wickelschnur vergessen zu machen. Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch von Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, dass wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen…Was nennt ihr gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? Und dies Gesetz, unterstützt durch rohe Militärgewalt und durch die dumme Pfiffigkeit seiner Agenten…ist ewige, rohe Gewalt, angetan dem Recht und der Vernunft..“ (6.4.33 an die Familie)</p>
<p><strong>Schärfster Kritiker von Gewalt in revolutionären Prozessen</strong></p>
<p>Und doch machte er sich mit Dantons Tod zum schärfsten Kritiker von Gewalt und sinnlosem Morden in revolutionären Prozessen. Seine Idee war, zu erklären, warum sich die ursprünglich revolutionäre, für das Volk eintretende, antiroyalistische Bewegung am Ende wieder dem Königshaus zuwendet. Er war ein scharfer Analytiker und Beobachter. Demzufolge sind Büchners Figuren keine Karikaturen und Monster, sondern Menschen, die sich unter bestimmten Bedingungen  in bestimmte Richtungen entwickelt haben, ebenso wie sich Zeit und Handelnde gegenseitig durchdringen und beeinflussen. Sie sollen auch nicht zeigen, dass der Mensch angeblich „nicht für eine Revolution gemacht“ sei, oder jedes Mal scheitere, wenn er das Gute wolle, sondern, dass es die Bedingungen zu untersuchen gelte, indem man sich anschaut, wie es genau gewesen ist.</p>
<p><strong>Robespierre und Danton nicht Dreh- und Angelpunkt</strong></p>
<p>Ist dies in der neuesten BE-Inszenierung deutlich geworden?  Ja und nein. Gut ist, dass zum Thema nicht der Blutrausch, die entfesselte Gewalt, wohl aber deren Hang sich institutionell zu maskieren, wurde. Zwei Gerichtsmänner des Wohlfahrtsausschusses, mit Perücken dem Beamtenstande zugehörig gemacht, werden als die verborgenen Drahtzieher verselbstständigter staatlicher Gewalt durch Kostüm und Verhalten sehr stark hervorgehoben,  Die Antinomie von Robesspierres asketischer Tugendhaftigkeit und Dantons morbider „Liederlichkeit“   wird nicht zum Dreh- und Angelpunkt, sondern tritt nur als Symptom auf.</p>
<p><strong>Weiß symbolisiert die eine Seite, schwarz die andere Seite der Degeneration</strong></p>
<p>Die Dantongruppe ist in weiße Kostüme gekleidet, leger, sportlich, das Leichtlebige symbolisierend, im Gegensatz zur eher militaristischen Schwarzkluft der Robesspierre-Fraktion, einschließlich aller Beamten des Wohlfahrtsausschusses.  Die erste Gruppe wird uns im Bordell vorgestellt, wo sie Karten spielen, saufen und huren und Danton, der seine Zeit vorausschauend schon gekommen sieht, vom Grab schwafelt, dass er im Körper seiner Geliebten finden will.</p>
<p><strong>Eine windschiefe Guillotine</strong></p>
<p>Der Gegensatz zwischen Pflicht und Genuss, wird mit dem zwischen Hunger und Sattheit und dem zwischen oben und unten verbunden, dies wird durch Farb- und Formgebung, durch Spiel und Ausdruck und auch durch die Bühne sichtbar gemacht, in der eine komplizierte Technik jeweils den Boden anhebt zu einer ins Nichts führenden Straße oben, an deren Ende die Armen wie Gewürm hervorquellen um dann brüllend und wütend die Straßen hinunterzustürzen. Ein anderes Mal steht eine windschiefe Guillotine am Ende der Straße oben. Die Bühnenbildervarianten sind raffinierte, sehr stark perspektivisch erscheinende Bilder in schwarz, wie von einem modernen Künstler hingeworfen, mit feinem lila, weichem rosa und dunklem Violett in klerikal-aristokratischen Farben unterlegt. Durch schmale, hohe Fenster, die die Form der Guillotione nachahmen, fällt jeweils scharfkantiges Licht von hinten auf die Bühne, in deren Umrissen die Protagonisten auf dem jeweils leicht farbigen Grund spielen. Die Ästhetik besticht durch originalität und  Tiefe: Hier wird vor allem die Tragik versinnbildlicht. </p>
<p><strong>Das Volk &#8211; elend und anfällig für Verführung</strong></p>
<p>Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Darstellung des Volkes. Gleich zu Beginn kommt eine starke Szene, in der das Volk arm, elend, wütend und verzweifelt gezeigt wird, wenn auch anfällig für jegliche Verführung, gibt sie ihnen nur genügend Aussicht auf Rache und Brot. Hier hat Ursula Höpfner-Tabori ihre große Stunde, wie sie die proletarisch-abgerissene Frau im Elend gibt, ist unvergleichlich aufwühlend, aber auch witzig, in der Art wie sie plötzlich den prügelnden Ehemann als Trunkenbold der Lächerlichkeit preisgibt. Die weiteren Volksszenen bleiben für meine Begriffe leider etwas plakativ und clownesk,  manchmal erstarren die Einzelnen darin zu bloßen Statisten. Angela Winkler hat einen kurzen, aber intensiven Auftritt, gibt die Ambivalenz zwischen Opferstatus und Selbstbehauptung eines Freudenmädchens in einer sehr eigenwilligen Weise, mit einem immer etwas verrückten leisen Lachen,  tragisch und witzig, doch sehr besonders. Die anderen Freuden- und Gassenmädchen betonen mit ihrer clownesken Gestaltung Degeneration und Verzweiflung dieser morbiden revolutionären Phase. </p>
<p><strong>Einer wird zum Mordinstrument des anderen</strong></p>
<p>Die Handlung beginnt zu einem Zeitpunkt, wo die Revolution schon über ihren Höhepunkt hinausgekommen ist, sie scheint einerseits erstarrt, andererseits degeneriert, die Protagonisten, einst befreundet, haben sich zu einem Gegensatzpaar auseinanderentwickelt, die Verhältnisse, einst noch überschaubar, haben sich in einem unübersehbaren Strudel verfangen.  Einer wird zum Mordinstrument des anderen, nach Danton fällt auch Robesspiere, das weiß sogar er selbst schon. Die Szenen im Wohlfahrstausschuss und im Revolutionstribunal zeigen gut die institutionelle Verfestigung, die nochmal mit einem deutlichen Anwachsen von Brutalität und Gewalt einher geht, das Absingen der Marseillaise gerät zur Karrikatur, die das unschuldige Lied trifft.</p>
<p><strong>Trauerszenen eindringlich</strong></p>
<p>Die Tragik der Gefängnis- , Trauer- und Abschiedsszenen sind dagegen nachvollziehbar und eindringlich gespielt, hier sie sind frei von karikierender Übertreibung und das ist auch gut so, auch Danton als Figur wird im Laufe des Stückes von Ulrich Brandhoff immer echter gegeben und dadurch dem Publikum näher gerückt. Die Sprache Büchners wird hier überzeugender gesprochen, die beiden Frauengestalten,  Julie (Katharina Susewind) und Lucile (Antonia Bill) spielen sehr gut in den Trauerszenen, wie mir auch der Darsteller von St. Just ( Georgios Tsivanoglou) in seiner knappen, aber eindeutigen Art sehr gut gefallen hat.</p>
<p><strong>Analysierender Charakter</strong></p>
<p>Ich fand es gelungen, dass die Darsteller von Robespiere und Danton nicht zu Helden stilisiert wurden, auch nicht in ihrem Spiel, es ruhte nicht der ganze Fokus auf ihnen,  die Inszenierung schien sie mit Absicht abgeschwächt zu haben.  Für mich betonte dies den analysierenden Charakter des Autors, der ergründen und darstellen, aber nicht verteufeln wollte. </p>
<p><strong>Reale heutige Elemente? Aktualität des Stückes? </strong></p>
<p>Man hätte die Kostüme, die Umgebung, die Handlungen mit Versatzstücken heutiger rebellischer und revolutionärer Bewegungen anreichern können, man hätte reale heutige Elemente durch Filmaufnahmen und Stimmen aus dem Off aus diesem oder jenem Land integrieren können, hätte man alles machen können, es war aber nicht angedacht und hat trotzdem nicht gelangweilt. Peymann hat Büchner inszeniert und ist dahinter zurückgetreten, anstatt daraus hervorzukommen. Der Überbedeutung des Stoffs hat das meines Erachtens nicht geschadet. Eine Aktualität erfuhr die Aufführung trotzdem, einmal durch die moderne zeichnerisch-bildhafte Bühne, die ich ausgesprochen originell gestaltet fand, zum Zweiten durch einen Vorfall, der sich zwischen den beiden Teilen abspielte, gleich nach der Pause. Aus den Rängen ertönt die Marsaillaise, eine Protestversammlung schafft sich Gehör. Ihre Forderungen skandierend, lässt sie Flugblätter flattern, die darüber informieren, dass am BE ungerechte Tarife und Entlohnung herrschen. Einen besseren Aktualitätsbezug hätte man sich gar nicht einfallen lassen können. Spiel verschmolz so direkt mit Realität. Nicht einer fernen, an irgendeiner Börse stattfindenden Ungerechtigkeit, sondern einer nahen, unmittelbar in Reichweite der Zuschauer befindlichen. Und so wie der Revolutionär Büchner in seinem Drama der schärfste Kritiker der großen Revolutionäre Robesspiere und Danton war, so sind die Schauspieler hier die schärfsten Kritiker ihres eigenen Schauspielhauses und seiner Arbeitsbedingungen.   Ich hätte schwören können, dass dies zum Stück gehörte, es war einmalig passend. Es hat keineswegs den &#8220;künstlerischen&#8221; Genuss gestört und es ist gut, dass die Besucher etwas über die Arbeitsbedingungen am BE erfahren!</p>
<p><strong>Mit 23 Jahren</strong></p>
<p>Eine uralte, auf Krücken gehende Frau aus dem Publikum, die von einer anderen geführt wird, kommt, vor der Garderobe stehend, zu dem enthusiastischen Ausruf: „Und das hat Büchner mit 23 Jahren geschrieben!“   Dem ist nichts hinzuzufügen.</p>
<p><em>Weitere Aufführungen <a href="http://www.berliner-ensemble.de/spielplan">hier</a></em></p>
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		<title>Thomas Brasch im BE    &#8211;    Rezension</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Jan 2012 10:14:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anja</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theaterrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[5.1.11 / jw-Feuilleton

 
Als es die DDR noch gab, kämpften ihre Dissidenten in enger Verbundenheit zu den West-68ern für Frieden, Freiheit und Basisdemokratie, selbstverständlich waren sie gegen den Kapitalismus. Nach ’89 zerfiel das. Ost und West- Protestler sprachen nun oft verschiedene Sprachen
Umso interessanter ist Thomas Brasch. In der DDR war er für Sympathiebekundungen mit dem »Prager Frühling« [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div><em>5.1.11 / jw-Feuilleton</em></div>
<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-2292" title="Thomas Brasch" src="http://www.anjaroehl.de/wp-content/uploads/2012/01/Thomas-Brasch.bmp" alt="Thomas Brasch" /></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Als es die DDR noch gab, kämpften ihre Dissidenten in enger Verbundenheit zu den West-68ern für Frieden, Freiheit und Basisdemokratie, selbstverständlich waren sie gegen den Kapitalismus. Nach ’89 zerfiel das. Ost und West- Protestler sprachen nun oft verschiedene Sprachen</strong></p>
<p>Umso interessanter ist Thomas Brasch. In der DDR war er für Sympathiebekundungen mit dem »Prager Frühling« in den Knast gekommen, dafür hatte sein Vater als stellvertretender Kulturminister gesorgt; 1976 ging Thomas Brasch in den Westen, ließ sich da aber nicht kaufen. Nie hat man von ihm ein Wort gehört, das im Sinne der Apologeten des Kapitalismus verwendbar wäre. Es ging ihm um das Suchen nach Wahrheit, nach Erklärungen, seine Sprachkraft war einmalig.</p>
<p><strong>Angst und Wut öffentlich machen</strong></p>
<p>Nach ’89 wohnte er lange direkt am Berliner Ensemble, wo er seit seinem zehnten Todestag am 3. November ausführlich gewürdigt wird, mit diversen Aufführungen und einer Ausstellung samt aufwendigem Katalog. Für das Stück »Vor den Vätern sterben die Söhne« hat Regisseur Manfred Karge den gleichnamigen Prosaband um Stück- und Gedichtauszüge ergänzt. Den Titel dieser Collage sollte man nicht zu sehr auf Brasch beziehen, auch wenn in ihm etwas gestorben sein muß, als ihn sein Vater zum Staatsfeind erklärte. Vorher wie nachher war Thomas Braschs Anliegen vor allem, die Welt verstehbar zu machen, » Angst und Wut öffentlich« zu machen</p>
<p><strong>Nicht kleingekriegt</strong></p>
<p>Zu sperrig für den westdeutschen Buchmarkt, passte er sich nicht an. An seiner Absicht, der größte deutsche Dichter nach Brecht zu werden, hielt er fest. Daß eine ganze Vätergeneration dagegen stand, hat ihn nicht kleingekriegt, doch früh sterben lassen, eingemauert in Tausenden »undruckbaren« Seiten</p>
<p><strong>Da lerne er Gemeinschaftsgeist</strong></p>
<p>In dem Stück von Karge wird Braschs lyrisches Ich von drei jungen Leuten verkörpert, die an Gittern lehnen, während ein älterer Mann an einem Tisch vorliest. Brief vom Vater an den Sohn in der Kadettenanstalt: Er könne sich durch eine militärische Erziehung sehr wohl auf den Beruf eines Schriftstellers vorbereiten, da lerne er Gemeinschaftsgeist. Auf einer Leinwand darüber ein Foto von Thomas Brasch als Kind in einem übergroßen Uniformmantel. Das dreigeteilte Ich erklärt synchron: »Ich kann nicht aus meiner Haut, ich kann nicht in Deine Haut, gebt mir eine neue Haut.« Und später: »Die Erde &#8211; ein kalter Stern, mit dem wir um die Sonne fliegen!« Die drei spielen kaum, sie stehen nur da und blicken das Publikum anklagend, wütend und trotzig an. Sie klammern sich an die Gitter, nie aneinander, stehen jeder für sich allein, sprechen dann als wieder andere: Fremde, Bekannte, Schaulustige: »Jetzt soll er sehen, wohin er fällt, von dem haben wir uns getrennt, das ist einer, der in die Kissen flennt, einer, der sich selbst ausbrennt.« Der innere Monolog dazu: »Wo ich lebe, da will ich nicht sterben, wo ich sterbe, da will ich nicht hin, bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.«</p>
<p><strong>Ich war mittendurchgebrochen</strong></p>
<p>Später Szenen in einer Fabrik. Die Figuren zeigen, wie ein Werkstück im Akkord gemacht wird, oben ist Chaplin am Fließband zu sehen: »Im Schlaf kämpfen die Arme noch mit Eisen! – Ich war wie mittendurchgebrochen. Die Fabrik hört nie auf, wo immer auch ihr Ausgang ist.« Braschs Worte senken sich »wie Steine auf den Boden« jedermanns Seele, man merkt sie sich, sie hallen in einem wider, zum Beispiel: » In euren Akten werdet ihr alle ertrinken</p>
<p><strong>Komm in den Steingarten</strong></p>
<p>Handlung ist in dem assoziativen Stück nicht erkennbar. Einer liest in einem Wohnzimmer etwas vor, jüngere stehen an Eisengittern. Es sind Traumfetzen, Erinnerungen an Wut und Verzweiflung, oft gereimt: »Nacht oder Tag oder jetzt / will ich bei dir liegen / vom schlimmsten Frieden gehetzt, zwischen zwei Kriegen / Ich oder wir oder du, denken ohne Gedanken / schließ deine Augen zu, siehst du die Städte schwanken / Traum oder Tod oder Schlaf, komm in den Steingarten / Wo ich Dich nie traf, will ich jetzt auf Dich warten</p>
<p><strong>Allereigenste Enge</strong></p>
<p>Insa Wilke hat in ihrer Brasch-Dissertation geschrieben, er wolle mit seiner Kunst in die »allereigenste Enge«. Er selbst hat einmal festgestellt: »Wer schreibt, der treibt, so oder so«. Das macht Karges sparsame Bearbeitung sichtbar. Ihr sollen weitere folgen</p>
<p><em>Nächste Vorstellungen: 13. und 26.1., 19.30 Uhr</em></p>
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		<title>Lost Love Lost  &#8211;  Shakespaere im Ramba Zamba Theater  &#8211;   Rezension</title>
		<link>http://www.anjaroehl.de/lost-love-lost-shakespaere-im-ramba-zamba-theater-rezension/</link>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 08:05:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anja</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theaterrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[jw Feuilleton / 23.12.11
Ein Spiel »mit« Shakespeare ist das neue Stück des Berliner Theaterensembles Ramba Zamba. 
Eine Schauspielertruppe strandet an der Insel des verbannten Prospero, der sie auf Tod oder Leben Shakespeare spielen läßt. Den grün geschminkten Magier gibt der körperbehinderte Sven Normann, der seine dünnen Beine nicht versteckt wie allgemein üblich. Im Rollstuhl spielt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>jw Feuilleton / 23<img class="alignleft size-full wp-image-2299" title="Lost Love Lost" src="http://www.anjaroehl.de/wp-content/uploads/2012/01/Lost-Love-Lost.jpg" alt="Lost Love Lost" width="227" height="151" />.12.11</em></p>
<p><strong>Ein Spiel »mit« Shakespeare ist das neue Stück des Berliner Theaterensembles Ramba Zamba. </strong></p>
<p>Eine Schauspielertruppe strandet an der Insel des verbannten Prospero, der sie auf Tod oder Leben Shakespeare spielen läßt. Den grün geschminkten Magier gibt der körperbehinderte Sven Normann, der seine dünnen Beine nicht versteckt wie allgemein üblich. Im Rollstuhl spielt er wie auf einem Menschheitsthron. Er kann, wie es aussieht, nur einen Arm bewegen, den schleudert er mit umso größerer Kraft gebieterisch nach vorn. Selten ist die Macht des Bösen, das aus erlittenem Unrecht kommt, so greifbar. Der Zauberer sitzt allein auf einer Empore über dem Abgrund, in dem gespielt wird, und führt durch das Stück. Sein Gefolge ist eine Armada von Rollstuhlspielern mit überdimensionalen weißen Totenmasken, die schon beim Einlaß zu unheimlicher Sphärenmusik herumgeistert.</p>
<p><strong>Ein spannendes Stück aus einem Guss</strong></p>
<p>Erstmals spielt in einem Ramba-Zamba-Stück das gesamte Ensemble aus körperlich und geistig Andersfähigen mit. Die Rahmenhandlung basiert auf »Der Sturm«. Um ihr Leben spielen die Gestrandeten zum Teil stark veränderte Szenen aus »Hamlet«, »Othello« und »Richard der III.«. Regisseurin Gisela Höhne und Dramaturg Hans Nadolny haben mit dem Ensemble ein spannendes Stück aus einem Guß entwickelt. »Lost Love Lost oder Laßt mich den Löwen auch noch spielen!« ist sein vollständiger Titel. Premiere war am 15. Dezember.  400 Jahre nach Shakespeare darf Lady Anne (großartig: die gehörlose Rosemarie Walter) sich dabei der Verführung durch den Vater- und Gattenmörder widersetzen. »Die versteht man ja gar nicht!« meckert ein Spieler, das bezieht sich auf ihre Gebärdensprache, die daraufhin einer der Rollstuhlgeister in verständliche Worte kleidet. Andersrum übersetzt der Luftgeist Ariel (Joannis Bacharis) in einzigartiger Choreographie alles Gesprochene für die Gehörlosen. Es gibt in diesem Stück keine Beschönigungen, kein umständliches Bemühen um Normalität, alles wird offen und klar gezeigt, nichts verborgen.</p>
<p><strong>Hamlet verrückt &#8211; Ophelia schön &#8211; König Mörder</strong></p>
<p>Ein Höhepunkt ist der Gebärdentanz aller Schauspieler, der zunächst nur Gebärden erklären will, aber dann wild und martialisch wird. Am Ende rücken alle deklamierend gegen das Publikum vor: » Hamlet verrückt – Ophelia schön – König Mörder!« Geiz, Machtgier, Mordlust der Mächtigen werden angeprangert. Desdemona und Ophelia sind mit Juliana Götze und Nele Winkler sehr gut und passend besetzt – wunderschön, wie Desdemona dem eifersüchtigen Othello ihre Liebe zeigt.</p>
<p><strong>Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?</strong></p>
<p>Ein weiterer Höhepunkt ist der Liebestanz zwischen Caliban und Emilia (Jan-Patrick Kern und Zora Schemm), die beide gedankenverloren über ihre Köpfe streichen, auf denen kein einziges Haar ist. Aus dem berühmten Shylock-Monolog wird zitiert: »Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?« Das tragen Menschen vor, die es nach Ansicht von Pränatalmedizinern nicht mehr geben sollte.</p>
<p><strong>Spiel im Spiel</strong></p>
<p>Vieles ist als Spiel im Spiel inszeniert. Gerade bei den Geistern wird klar: Die gibt es nicht. Da spielen nur welche – um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Das Finale ist großartig. Björn Wunsch, der vorher Laertes gespielt und den Shylock-Text rezitiert hat, fragt: »Wollt ihr denn ewig Sklaven sein, maulend und kotzend? Wollt ihr nicht endlich frei sein, Mensch sein?« Abspann: »Wir haben hier nur gespielt, dann unsere Rollen verloren, waren auf einer Insel gestrandet, wir froren, wir hatten Hunger, und deshalb spielten wir, Hamlet und Ophelia, Othello und Desdemona, Richard der III. und Lady Anne.«</p>
<p><strong>Ein nachdenklich machendes Stück mit Profischauspielern</strong></p>
<p>Ein großartiges Stück mit einer Tiefenwirkung über Tage und Nächte, wer will, träumt davon, sieht die Gesichter, die Masken, die Gesten und Tänze, hört die auf irrwitzigsten Instrumenten live gespielte Musik. Alles in allem ein nachdenklich machender Shakespeare-Abend mit Profischauspielern eines ungewöhnlichen Theaters, und einer deutlichen Botschaft: »Wenn ich der Herr hier wäre, dann gäb es keine Herren, keine Diener, keine Reichen, keine Polizei, kein Geld, keine Banken und allen ginge es gut.«</p>
<p><em>Nächste Vorstellungen: 4., 6., 7., 10. 1., 19 Uhr, 5. u. 9.1., 12 Uhr, Karten hier<br />
</em></p>
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		<title>Farewell Karratsch   &#8211;   Degenhardt- Konzert</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Dec 2011 17:59:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anja</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[ 
Es war ein einmütiges Treffen Ost- und Westlinker aller Zeiten. Begrüßungen, Umarmungen, Zurufe, draußen die RBB-Übertragungswagen, die Veranstaltung in Koop von Melody &#38; Rhythmus, BE und der jungen welt organisiert, war sehr gut besucht, man kam kaum durch.
 
Konstantin Wecker und Prinz Chaos II führen durch den Abend: „Das sollte eigentlich ein Geburtstagsfest sein, es wurde heimlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE"><strong> </strong></span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE"><strong>Es war ein einmütiges Treffen Ost- und Westlinker aller Zeiten. Begrüßungen, Umarmungen, Zurufe, draußen die RBB-Übertragungswagen, die Veranstaltung in Koop von Melody &amp; Rhythmus, BE und der jungen welt organisiert, war sehr gut besucht, man kam kaum durch.</strong></span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE"> </span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE">Konstantin Wecker und Prinz Chaos II führen durch den Abend: „Das sollte eigentlich ein Geburtstagsfest sein, es wurde heimlich in Gang gebracht, dann hat er sich doch gefreut, nun ist er hinter seiner schwarzen Tür und kommt nie wieder“. „Wir hätten ohne ihn das Singen nie angefangen. Eine völlig neue Welt hat sich da aufgetan.“</span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE"> </span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE"><strong>Viele schöne Würdigungen</strong></span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE"> </span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE">Wecker zitiert ein süddeutsches Blatt, das schrieb, dass das Liedermacher-Genre tot sei, diesem möchte er widersprechen, indem nun einige Liedermacher auftreten würden, die durchaus noch lebendig seien. Doch zuerst werden Gäste begrüßt, eine davon Gisela May, eine alte grand dame, sie steht auf in der ersten Reihe und braucht für ihren Beitrag kein Mikrofon. Lieder machen, der Begriff stamme vom alten Brecht, obschon er Angst gehabt hätte, dass es zu einfach erscheinen könne, dieses `machen´, sie sei zwar nicht gefragt worden, ob sie auch etwas singen solle, sie wolle aber schon mal sagen, dass man für derlei nie zu alt sei. Standing ovations für die jung gebliebene alte Dame, und sie singt dann kurz das Lied vom Kopf an, der dem Menschen nicht ausreiche. Konstantin Wecker, sagt sie, habe zuerst Opernsänger werden wollen, das habe sie ihm aber ausreden können.</span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE"><strong> </strong></span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE"><strong>Die wenigen Frauen waren spitzenmäßig</strong></span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE"> </span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE">Ich kann nun hier leider nicht sämtliche Liedermacher in Reihenfolge ihres Auftretens würdigen, auch nicht deren durchweg wunderschöne Interpretationen der Degenhardt-Lieder, jeder sang je ein Lied von Degenhardt und eins von sich selbst, so wurde Degenhardt gewürdigt, auch in Erinnerung gerufen und die neuen Liedermacher mit und durch ihn bekannt gemacht. Eine sehr bunte Mischung durchweg empörter, witziger Liedermacher mit politischem Anspruch und auch sehr schönen eigenen Liedern. Die wenigen Frauen waren spitzenmäßig, insbesondere die mir bisher völlig unbekannte Dota Kehr. Sie sang zunächst von Degenhardt das Lied: Ein schöner Land und glänzte dann mit einem eigenen, das an Witz, politischer Botschaft und Originalität der musikalischen Umsetzung, die der meisten anderen positiv überstrahlte.</span></span></span></div>
<div><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE"><strong>Die ganze Bäckerei</strong></span></span></span></div>
<p><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span style="font-size: small; font-family: Calibri;"><span lang="DE">Ausgangspunkt sei ein Yorkbrückenzitat gewesen: „Es geht nicht um ein Stück vom Kuchen, sondern um die ganze Bäckerei“, Kern ihrer Aussage: &#8220;Die Welt ist was Gemachtes&#8221;, die Waren- und Konsumwelt sei nichts als Schein, ein „trommelnder Hase“ „Ich erkläre meine Steuer, sie erklärt sich mir nicht“ – „Geld ist Thyrannei“ , die Musik dazu führt zu standing ovations, äußerst originell. Aber auch andere gute Texte gab es, zB zum Thema der neuesten Objektivität von Bildern in den Medien: „Streubombe oder Lunchpaket, kommt drauf an, wie man die Kamera hält – Wo Geisterhände die Kulissen schieben und dahinter Geschwader fliegen“ ,</p>
<p>Carmen Meyer-Ajoni rezitierte Texte Degenhardt aus den Zeiten der zweiten Kommunistenverfolgung, die im Gedächtnis der 68-iger Westlinken durch die gründliche Verhaftungs- und Verhetzungspolitik der Adenauerzeit zunächst fast versunken waren.</p>
<p><strong>Viele aktuelle Themen bewegen die Musiker, erfreulich wenig Kitsch und Banalitäten, die Weichspülzeit der Liedermacher scheint jedenfalls vorbei zu sein, eine erfreulich kämpferische Frische spricht aus diesem Konzert der doch noch äußerst lebendigen Liedermacherszene. Danke an die Veranstalter und an Väterchen Franz, den viel zu früh gestorbenen Karratsch.</strong></p>
<p> </p>
<p> </p>
<p> </p>
<p> </p>
<p> </p>
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<p> </p>
<p></span></span></span></p>
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		<title>Bessere Zeiten    &#8211;    Filmrezension</title>
		<link>http://www.anjaroehl.de/bessere-zeiten-filmrezension/</link>
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		<pubDate>Tue, 13 Dec 2011 07:53:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anja</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Pernilla August spielte in Ingmar Bergmans »Fanny und Alexander« eine  Haushälterin und später in »Star Wars« die Mutter von Anakin Skywalker.  Ihr Spielfilmregiedebüt »Bessere Zeiten« ist die Verfilmung des  gleichnamigen Romans, der im Schweden der 70er Jahre spielt. Ohne  Kontakt zu ihren alkoholkranken Eltern hat Leena (Noomi Rapace) sich in  [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-2257" title="serveImage. bessere zeiten" src="http://www.anjaroehl.de/wp-content/uploads/2011/12/serveImage.-bessere-zeiten.jpg" alt="serveImage. bessere zeiten" width="180" height="121" />Pernilla August spielte in Ingmar Bergmans »Fanny und Alexander« eine  Haushälterin und später in »Star Wars« die Mutter von Anakin Skywalker.  Ihr Spielfilmregiedebüt »Bessere Zeiten« ist die Verfilmung des  gleichnamigen Romans, der im Schweden der 70er Jahre spielt.</strong> Ohne  Kontakt zu ihren alkoholkranken Eltern hat Leena (Noomi Rapace) sich in  den besseren Zeiten aus dem Titel eingerichtet. Sie liegt mit dem sie  zärtlich liebenden Ehemann im wohltemperierten Bett, zwei als Engel  verkleidete Kinder bringen das Frühstück. Da ruft die Vergangenheit an,  zuerst ihre Mutter mit tränenerstickter Stimme, danach das Krankenhaus, ihre  Mutter liege im Sterben und wolle sie sehen. Ab da ist die  Hauptdarstellerin meistens erstarrt.</p>
<p><strong>Flieht in den Schwimmsport</strong></p>
<p>Der Mann nimmt alles in die Hand, die Kinder kommen mit, ist sicher gut  für sie. Auf der Fahrt ans Sterbebett ihrer Mutter verursacht Leena  beinahe einen Unfall, sie ist gereizt, steht unter dem Eindruck von  Flashbacks. Man sieht sie als neunjährige Ersatzmutter ihres  sechsjährigen Bruders. Erinnerungen an eine Kindheit mit starken  Stimmungsschwankungen, sexualisierten Exzessen und Gewaltausbrüchen. Die  Neunjährige ist mit Tehilla Blad stark besetzt, davon leben die  Rückblenden. Ab und an gibt es noch Normalität, ein Gespräch mit den  Eltern, Hoffnung auf eine neue Wohnung, aber meist überwiegen Scham und  Angst der parentalisierten Tochter. Tagsüber liegen die Eltern betäubt  in den Betten, nachts grölen sie herum. Leena flieht in den  Schwimmsport, ihr Bruder entwickelt eine katatone Schizophrenie. Immer  wieder badet sie ihn und taucht seine Ohren ins warme Wasser, damit er  das Brüllen der Eltern nicht mit anhören muß. Die hilflosen Versuche,  ihn seelisch am Leben zu erhalten, scheitern, er schafft es nicht. Sie  selbst reagiert sich im Wasser ab, durch dass sie immer schneller krault,  von Sieg zu Sieg.</p>
<p><strong>Erinnern, wiederholen, durcharbeiten<br />
</strong></p>
<p>Am Bett der Mutter im Hospital versteinert Leena weiter. Härte und Kälte  strahlen nun auch auf ihre Kinder und ihren Mann ab. Auf einmal brüllt  sie, wird handgreiflich – Abklatschbilder der Flashbackszenen,  Verarbeitung durch Wiederholung. Erinnern, wiederholen, durcharbeiten,  sagte Freud, aber möglichst nicht in der eigenen Familie, sondern auf  der Analytikercouch.<br />
Leena schafft auf Wunsch der Mutter die Urne des Mannes herbei, der ihr  Leben zerstört hat. Als die Mutter daraufhin findet, sie habe ein  »lustiges Leben« gehabt, brüllt Leena, das sei gelogen und übrigens habe  die Mutter ihren Sohn auf dem Gewissen. Daraufhin stirbt die Mutter,  Leena krümmt sich: Das habe sie nicht gewollt. Letzte Szene: Sie streift  der Toten den Ehering des Vaters über.</p>
<p><strong>Bessere Zeiten? Arme Kinder haben keine</strong></p>
<p>So wird die autobiographische Romanvorlage psychologisch genau  nachgespielt. Das beste sind die Rückblenden. Ansonsten bleibt der Film  etwas dünn und glatt, es fehlt vor allem Widersprüchliches. Als Sozialdrama  angelegt, bietet er kaum Sozialkritik, bleibt irgendwo stehen, ich kann  nicht genau sagen wo. Die Erwachsenenfiguren sind eher flach geraten. »Bessere  Zeiten« sehe ich übrigens auch nicht. Arme Kinder haben keine, und das  liegt nicht am Einzelnen, wie es in diesem Film manchmal scheinen könnte.</p>
<p><em>&#8220;Bessere Zeiten&#8221;, Regie: Pernilla August, Schweden 2010, 94 min, bereits angelaufen</em></p>
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		<title>Der Prozess  &#8211;  Rezension</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Dec 2011 22:56:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>anja</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theaterrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[
jw / Feuilleton / 5.12.11
Die Bühne, an deren Rändern die Zuschauer sitzen, ist voll mit Papier. Bei näherem Hinsehen handelt es sich um Teile von Prozessakten, abgefaßt in einem Justizchinesisch, das man nur mit Hilfe von Rechtsanwälten versteht.
Als wäre das Gebäude gerade erstürmt worden, liegen die Blätter herausgerissen auf dem Boden, sie bedecken ihn ganz. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-2247" title="serveImage Knasttheater Pr" src="http://www.anjaroehl.de/wp-content/uploads/2011/12/serveImage-Knasttheater-Pr.jpg" alt="serveImage Knasttheater Pr" width="180" height="120" /></strong></p>
<p><em>jw / Feuilleton / 5.12.11</em></p>
<p><strong>Die Bühne, an deren Rändern die Zuschauer sitzen, ist voll mit Papier. Bei näherem Hinsehen handelt es sich um Teile von Prozessakten, abgefaßt in einem Justizchinesisch, das man nur mit Hilfe von Rechtsanwälten versteht.</strong></p>
<p>Als wäre das Gebäude gerade erstürmt worden, liegen die Blätter herausgerissen auf dem Boden, sie bedecken ihn ganz. Auch an der Rückwand kleben welche. Aus ihr lösen sich Schauspieler wie nächtliche Traumgestalten, trampeln in Schlafanzügen und Pantinen auf den Blättern herum, missachten damit die Autorität einer Gerichtssprache, die das normale Volk heute so einschüchtert wie zu Kafkas Zeiten. Wir befinden uns in einem modernen Knast in Berlin-Tegel. Alle Schauspieler sitzen hier ein.</p>
<p><strong>Jeder Satz ein Vorwurf</strong></p>
<p>Zunächst wird über den Josef K. aus »Der Prozess« geredet. Nachbarn, Freunde, Verwandte kommen zu Wort, wundern sich über seine Verhaftung oder wundern sich nicht. Jeder Satz ist ein Vorwurf. Noch die eigene Besorgtheit wird dem Verhafteten wütend vorgehalten. Seine Schuld bleibt nicht nur ihm unklar, auch den Zuschauern. Die kafkaeske Stimmung ist gut getroffen. Sie ähnelt der eines Dreijährigen, der ununterbrochen von Erwachsenen verlacht, grob angefasst, beschimpft, gegängelt und gemaßregelt wird und nie versteht, worum es eigentlich geht. Die Szene bricht ab: Musik, Jahrmarktatmosphäre, einer stellt seine Mitspieler wie in einem Zirkus vor. Das entspricht Brechts Forderung, den Schauspieler deutlich von seiner Figur abzugrenzen.</p>
<p>Dann wird unter Perücken über Josef K. getratscht: »Ich finde Gerichtssachen sehr interessant!« »Ich finde Gerichtssachen auch sehr interessant!« »Das Fräulein Bürstner ist schon öfter nachts mit fremden Herren spazierengegangen und dabei auch gesehen worden!« Auch diese Szene bricht ab. Es geht jetzt ohne Perücken weiter, Josef K. kommt zu Wort. Rüde werden die Passagen aus der Romanvorlage kommentiert: »Mach den Scheiss mal aus, ich versteh das hier überhaupt nicht!« Der Gesamteindruck zerfällt nicht, im Gegenteil.</p>
<p><strong>Ihr hattet doch Aussichten befördert zu werden</strong></p>
<p>Steven Mädel gehört erst seit einigen Monaten zum Ensemble, wollte aber schon als Kind Theater spielen. Eine seiner vielen Rollen ist die Vermieterin Grubach: »Es muss also im Sinne des Mieters sein, die Pension reinzuhalten!« Herrlich, wie er den Kopf nach hinten wirft, die Lippen schürzt und das Publikum anbrüllt. Er spielt Frauen- und Männerrollen mit viel Kraft, wütend, sehr variationsreich, bekommt oft Spontanapplaus. Einmal wendet er sich an die echten Schließer im Raum, brüllt ihnen Kafka entgegen: »Ihr habt doch…, ihr seid doch alle Beamte, ihr hattet doch Aussichten, befördert zu werden!« Das ist stark.</p>
<p><strong>wie Schmerz unter der eigenen Haut</strong></p>
<p>Das Traumhaft-Groteske ist gut herausgearbeitet. Als Josef K. sich zu verteidigen versucht, wird er zum Ankläger eines kleinen Beamten gemacht. Er will das nicht, schwächt seine Worte ab, muß aber der Misshandlung dieses Beamten beiwohnen, soll sogar dessen Henker werden. So schließt sich der Teufelskreis: Ob Josef K. redet oder schweigt, leugnet oder gesteht – er macht sich mehr und mehr schuldig. Das wird sehr authentisch rübergebracht. Obwohl die vorgeführten Demütigungen nur darin bestehen, im Kreis zu gehen, zu piepsen oder gekniet wippen zu müssen, spürt man die Erniedrigung wie einen Schmerz unter der eigenen Haut. So wird das von Darstellern am Bühnenrand auch kommentiert: »Ey Mann, lass dir das nicht gefallen!« Gewalttaten werden rein verbal ausgeführt: »Na los, mach schon, hopp, sag, daß du ein verfressenes Schwein bist!« »Ich bin ein verfressenes Schwein!« »Lauter, ich hab nichts gehört!« Und dann das Flehen und Katzbuckeln, die Anbiederung des Gequälten: »Bitte Herr, ich will Prügler werden! Lassen Sie mich Prügler werden, so wie Sie!« So rücken Gedemütigte nach oben auf.</p>
<p>Das Stück ist eine Collage aus Auszügen des Kafka-Romans und Texten, die den Schauspielern dazu eingefallen sind. Der Aufführungsort sorgt für zusätzliche Spannung. An den Ausgängen sitzen stocksteif die Schließer, klatschen nicht, fragen sich, ob sie lachen dürfen, lauern, bewachen. Sie sind im Dienst. Was das heißt, wird auf der mit Paragraphenblättern zugemüllten Bühne verhandelt, auf der die Darsteller nur eine relativ freie begrenzte Zeit verbringen.</p>
<p><strong>In Plastiksäcken in der Stadt verteilt</strong></p>
<p>Kurz werden auch kriminelle Karrieren von heute karikiert. Nacheinander stellen sich vor: ein Drogen-, Waffen- und Frauenhandelskonzernchef mit Jacht und Villa, wohnhaft Elb­chaussee Hamburg, die Kinder studieren in England und den USA; ein Friseur, der sich selbst zum Arzt weiterbildete und 43000 Operationen durchführte, sowie ein Teenager, der bei Ebay ein Hemd für 30 Euro versteigerte und den Käufer, als der nur 15 bezahlen wollte, erschoss, mit dem Messer traktierte und in Plastiksäcken in der Stadt verteilte.</p>
<p><strong>Da hat ihn doch der Türsteher betrogen</strong></p>
<p>Auch Ugur Türün hat das Zeug zum Profischauspieler. Sein türkisch-deutscher Mutterwitz verhilft dem Stück zu Volksnähe und läßt das Publikum toben. Als Kafkas aus dem »Prozeß« abgeleitete Novelle vom Türsteher zitiert wird, empört sich Türün: »Ja, da hat ihn dann doch der Türsteher betrogen!« »Nein, das verstehst du nicht, das ist anders gemeint, so kann man das nicht sagen.« »Na klar, Mann, da hat ihn der Türsteher betrogen!« Das könnte eine Auslegung im Sinne Kafkas sein, der diesseits von literarischen Symposien verstanden werden wollte. Die Mühsal der Entrechteten hat er geschildert, ihr Ausgeliefertsein angeprangert. Und als Jurist in seiner Versicherungsanstalt versuchte er, Arbeitsschutzgesetze für Industriearbeiter durchzusetzen, wie sie gerade wieder Stück für Stück abgeschafft werden. Wie sollte Kafka da nicht aktuell sein?</p>
<p>Die Regisseure Dirk Moras und Krzysztof Minkowski haben vor dem »Prozeß« schon drei Stücke zum Thema Verbrechen im Frauenknast Berlin-Pankow inszeniert und im vergangenen Jahr eine »Ilias«-Adaption mit Flüchtlingen. Ihre Arbeiten sind Appelle gegen Willkür und Unrecht.</p>
<p><em>Nächste Aufführungen: 6. und 7.12. in der JVA Berlin-Tegel, Karten über Gefängnistheater Aufbruch oder Volksbühne, sie müssen mehrere Tage vorher  bestellt werden!</em></p>
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