Anja Röhl

Presseberichte und Belege

Pressebericht vom 17.03.2016 18:12 Uhr, in: Oberhessische Presse (OP-Marburg)

Anja Röhl über Erinnerungen an Ulrike Meinhof

Bemüht um eine andere Sicht

An die hundert neugierige Besucher fanden den Weg in den Wintergarten des Technologie- und 
Tagungszentrums. Zu Gast war Anja Röhl, die Stieftochter von Ulrike Meinhof.

Anja Röhl stellte ihre Erinnerungen an die RAF-Mitgründerin 
Ulrike Meinhof vor.

© Wolfgang Dietz

Marburg. Anja Röhl, 1955 geboren, ist die Tochter der Journalistin Bruni Röhl und des „Konkret“-Gründers Klaus Rainer Röhl. Der Titel ihres Buches „Die Frau meines Vaters“ bezieht sich aber nicht auf ihre leibliche Mutter, sondern auf Ulrike Meinhof, die ihr Vater 1961 in zweiter Ehe heiratete.

Die wenigsten Besucher ahnten vermutlich, welch heraus­forderndem Vortrag mit anschließendem Podiumsgespräch sie beiwohnen würden, der emotionale Grenzbereiche berührte.

Ulrike Meinhof bildet den roten Faden der Lesung. Exponiert, stets im Spannungsfeld und – zuweilen – Leuchtfigur. Der starke und doch auch tragisch am Leben gescheiterte Mensch auf der einen – Staatsfeindin, Mitbegründerin und Aktivistin eines radikalisierten RAF-Kernes Anfang der 70er Jahre auf der anderen Seite. „Die Tote nicht vergessen“ ist eines der Leitmotive des Buches.

Spot wandert durch die Alltagsszenen

Der Beginn der Aufzeichnung überrascht. Chronologisch und ganz ohne Pathos entblättert Anja Röhl die beklemmenden Kindheitswahrnehmungen. Heranwachsen. Sehnsucht nach Papa, nach Zuwendung. Zeitweise schickt man das Kind in eine Heim-Anstalt.

Es ist repressive, düstere Wirklichkeit für hunderttausende Waisen und Heranwachsende in einer noch fragilen, ideologisch weder im Inneren noch im Äußeren ausbalancierten BRD der 1960er Jahre. So nah, so wahr wirken die Berichte, stilistisch betont durch den pointiert-personalen und dadurch Abstand schaffenden Erzählstil.

Minutiös wandert der Spot durch die Alltagsszenen. Erste Begegnung mit Ulrike Meinhof, der „neuen Freundin“. Der Weggefährtin, die auch zuhört, die ermutigt und Antworten hat. „Was die für Sachen sagt“, denkt das Kind. Und es folgt das schonungslose Ausleuchten des Menschen Ulrike aus sehr nahem Blickwinkel.

Selbst den Abschied Ulrike Meinhofs, ihren finalen Bruch mit Familie und bürgerlicher Welt kommentiert Anja Röhl nicht. Vielmehr betrachtet sie. Schildert tiefe Hilflosigkeit und gründliche Konsternierung als junge Frau, die von der Festnahme erfährt. Ihre Angst, Ulrike Meinhof werde womöglich auf der Flucht erschossen. Ihre Besuche im Gefängnis, stets observiert, und schließlich ihr Zusammenbruch, als sie von deren Tod erfährt.

Viele junge Zuhörer im TTZ

Es ist ein bedrückendes Buch – in jeder Zeile jedoch bemüht um klare Sicht. Eine sehr besondere, persönliche Familientopographie, die die reine Mediensicht auf Ulrike Meinhof niemals zuließe. Schwärzungen im Text des Buches erinnern an die juristisch verminte und erkaltete Beziehung zu den Töchtern Ulrike Meinhofs. Es sind redaktionell ganz bewusst im Text belassene Zeichen der zerrissenen Familie.

Anja Röhl ist eine Zeitzeugin, ihr Buch ein Zeitdokument auch für viele junge Zuhörer, die anwesend waren. Menschlich wie intellektuell ist sie durch Ulrike Meinhof geprägt, die übergroße Protagonistin. Die Frau, die in den mörderischen Kampf zog gegen den Staat.

Doch wirkt es allemal so, als könne Anja Röhl in Frieden berichten. Nicht kommentierend, nicht anklagend. Trotz der emotionalen Wucht an den entscheidenden Wendemarken der Vita. Stärke? „Ja, stark, das war sie!

Und dies ist zugleich auch die Hoffnung. Stärke, die sich weiter tragen lässt, ungefärbt“, sagt Anja Röhl. Nicht Doktrin, nicht Forderung. Aber Haltung. „Wir können Entscheidungen treffen“, sagt sie zum Schluss, „zum einen oder auch zum anderen hin.“

Anja Röhl ist Mutter dreier Kinder. Sie ist examinierte Krankenschwester, Dozentin und Theaterrezensentin. Sie studierte Germanistik, Psychologie, Sozialpädagogik sowie Kunst und lebt in Berlin.

  • Anja Röhl: „Die Frau meines Vaters. Erinnerungen an Ulrike Meinhof“, Edition Nautilus, 160 Seiten, 18 Euro.

von Wolfgang Dietz

INTERVIEW/008: Ulrike Meinhof – Im Spiegel der Erinnerung, Anja Röhl im Gespräch (SB)

Gegen das Bild der Rabenmutter angeschrieben

Interview mit Anja Röhl am Literaturhaus Schleswig-Holstein in Kiel am 7. April 2014 (leicht korrigierte Fassung)

Wer sich an einer Per­son wie Ul­ri­ke Mein­hof ab­ar­bei­tet, tut das immer auch an der Zeit­ge­schich­te – und an sich selbst. Kaum eine Er­schei­nung in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Ge­schich­te nach ’45 hat die Na­ti­on und ihre Men­schen so ge­spal­ten wie die RAF und Ul­ri­ke Mein­hof als einen ihrer füh­ren­den Köpfe. Sie wurde als Staats­fein­din ver­teu­felt, ver­folgt und ver­ur­teilt, wegen ihrer prä­zi­sen po­li­ti­schen Ana­ly­sen sowie ihres ge­sell­schaft­li­chen En­ga­ge­ments gegen Miß­stän­de aber durch­aus auch wert­ge­schätzt. Po­si­ti­ves zu be­rich­ten tun sich die meis­ten den­noch schwer. Zu leicht han­delt man sich den Vor­wurf eines rechts­wid­ri­gen Sym­pa­thi­san­ten­tums ein oder Schlim­me­res. Dabei läßt sich nie­mand aus der RAF al­lein auf den oh­ne­hin frag­wür­di­gen Ter­ro­ris­mus­be­griff re­du­zie­ren oder aus­schließ­lich darin un­ter­brin­gen. „Keine öf­fent­li­che Figur in die­sem Land ist der­ma­ßen unter Le­gen­den, My­then und Fäl­schun­gen be­gra­ben wie Mein­hof“, ur­teilt die Mit­be­grün­de­rin und ehe­ma­li­ge Vor­sit­zen­de der Par­tei Die Grü­nen Jutta Dit­furth, die 2007 eine Bio­gra­fie zur Per­son vor­ge­legt hat. [1]

Einen sehr pri­va­ten Blick der Er­in­ne­rung hat im letz­ten Jahr Anja Röhl mit ihrem Buch „Die Frau mei­nes Va­ters“ preis­ge­ge­ben. [2] Die Toch­ter des Kon­kret-Be­grün­ders Klaus Rai­ner Röhl aus ers­ter Ehe lern­te Ul­ri­ke Mein­hof als die neue Freun­din und spä­te­re zwei­te Ehe­frau ihres Va­ters schon als Kind ken­nen – und war be­ein­druckt. Sie sei die erste Er­wach­se­ne ge­we­sen, die ihr zu­hör­te, ohne sie zu be­vor­mun­den, die ihr ei­gen­stän­di­ges Den­ken för­der­te und sie zum Wi­der­spruch er­mu­tig­te, die ihr mit Wärme und An­teil­nah­me be­geg­ne­te. In der Zeit der aus­ge­hen­den 50er und be­gin­nen­den 60er Jahre, als Prü­gel­stra­fen in Schu­len, Hei­men und Eltern­häu­sern noch selbst­ver­ständ­lich waren und Mäd­chen in Hosen ein Un­ding wahr­lich keine Selbst­ver­ständ­lich­keit im Um­gang mit Kin­dern.

Anja Röhl auf einer Parkbank im Alten Botanischen Garten - Foto: © 2014 by SchattenblickAnja Röhl
Foto: © 2014 by Schat­ten­blick

Die Ver­öf­fent­li­chung des Bu­ches, das auch eine Er­in­ne­rung an die ei­ge­ne Kind­heit und ein Sit­ten­ge­mäl­de der Bun­des­re­pu­blik die­ser Zeit ist, war nicht un­um­strit­ten und hat ei­ni­ge recht­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen hin­ter sich. An­läß­lich einer Au­to­ren­le­sung im Li­te­ra­tur­haus Schles­wig-Hol­stein am 7. April traf der Schat­ten­blick Anja Röhl im Alten Bo­ta­ni­schen Gar­ten in Kiel zu einem Ge­spräch über das Buch, seine Ent­ste­hung, ihr Ver­hält­nis zu Ul­ri­ke Mein­hof und ihren ei­ge­nen Weg.

Schat­ten­blick (SB): Was hat den Zeit­punkt des Schrei­bens und des Pu­bli­zie­rens dei­ner „Er­in­ne­run­gen an Ul­ri­ke“ be­stimmt?

Anja Röhl (AR): Ich bin mit die­sem Buch lange schwan­ger ge­gan­gen. 2003 gin­gen meine Kin­der aus dem Haus und dann habe ich mich in­ten­siv damit be­fas­sen kön­nen. Ich habe eine Weile ge­braucht, um es in eine Form zu be­kom­men, die mir ge­fällt. Es ist ein sub­jek­ti­ves, ein bel­le­tris­ti­sches Buch, also kein Sach­buch. Ich habe mir Mühe ge­ge­ben, es so zu schrei­ben, daß es ver­stan­den wird, denn ich muss­te gegen ein an­de­res Bild Ul­ri­ke Mein­hofs an­schrei­ben, das auch aus dem nahen Fa­mi­li­en­be­reich her ge­zeich­net wor­den ist, da braucht man ein biß­chen. Es hängt auch damit zu­sam­men, daß ich mich, als meine Kin­der her­an­wuch­sen, ihren Fra­gen stel­len mußte. Es konn­te ihnen nicht ent­ge­hen, daß dazu in un­se­rer Fa­mi­lie kon­tro­ver­se Mei­nun­gen exis­tier­ten.

SB: Wie geht man nach so lan­ger Zeit mit dem Pro­blem der Er­in­ne­rung um, die ja bruch­stück­haft, se­lek­tiv und zwangs­läu­fig auch immer in­ter­pre­tiert ist. Wie­weit sind dann auch li­te­ra­ri­sche Kunst­grif­fe ein Mit­tel?

AR: Aus der ame­ri­ka­ni­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft kommt die Vor­stel­lung, daß Li­te­ra­tur immer Fik­ti­on ist. Das kann zu dem Irrtum führen, Literatur sei immer etwas Ausgedachtes. Li­te­ra­tur ist aber Au­then­ti­zi­tät, ei­ge­nes, in­ne­res Füh­len. Da­durch gibt es ja ge­ra­de die Mög­lich­keit, daß man durch Li­te­ra­tur Wahr­hei­ten ver­mit­teln kann und wahr­nimmt. Li­te­ra­tur be­zieht sich auf Spra­che, sie wählt eine Spra­che, die ins In­ne­re dringt und einen da an­packt, auf­bricht, trifft, Er­kennt­nis­se ent­ste­hen lässt, ohne zu sug­ge­rie­ren. Das Li­te­ra­ri­sche be­zieht sich aus­schließ­lich auf die Form, die ich ge­wählt habe, nicht auf den In­halt. Der In­halt ist au­then­tisch. Es gibt einen kom­po­si­to­ri­schen Plan, da ich von einer Rück­blen­de aus­ge­gan­gen bin. Von dem Tag, als ich vom Tod Ul­ri­kes er­fah­re, gibt es eine Rück­blen­de, die in der Kind­heit an­fängt und wie­der bis zu die­sem Tod zu­rück­geht. Das ist etwas, was man in der Li­te­ra­tur häu­fig fin­det.

Altes Haus mit Fachwerk am Rande des Parks - Foto: © 2014 by SchattenblickDas Li­te­ra­tur­haus Schles­wig-Hol­stein im Alten Bo­ta­ni­schen Gar­ten in Kiel
Foto: © 2014 by Schat­ten­blick

Mit der Er­in­ne­rung ist das nun so, daß ich das Glück habe, daß ich mich sehr gut er­in­nern kann. Ich neige nicht zur Ver­drän­gung. Schon als klei­nes Kind habe ich mir bei man­chen Er­leb­nis­sen immer wie­der ge­sagt, das darfst du nie ver­ges­sen – da war ich drei. Ich er­in­ne­re mich an die ers­ten Sze­nen mit 2 ½ und da fängt auch das Buch an. Das liegt, glau­be ich – Erich Fried be­schreibt so etwas – auch an Din­gen wie Schmerz. Ich war sehr viel al­lei­ne als Kind. Und wenn man viel al­lei­ne ist, dann denkt man viel nach. Dann redet man mit sich selbst, quasi in Ge­dan­ken. Das ist, wie Han­nah Arendt es so schön be­schreibt, das Den­ken: mit sich selbst dis­ku­tie­ren, reden, nach­den­ken, re­flek­tie­ren, und das habe ich schon als klei­nes Kind ge­macht. Ich er­in­ne­re mich na­tür­lich an die Dinge, die mein In­ne­res aus die­sem Gan­zen aus­ge­wählt hat, die mir da­mals wich­tig waren, weil sie mich be­ein­druck­ten oder mir Schmer­zen oder Glück ver­ur­sacht haben. Damit habe ich das Buch ge­füllt. Mit aus­ge­wähl­ten Er­in­ne­rungs­stü­cken.

SB: Über Ul­ri­ke Mein­hof po­si­tiv zu schrei­ben ist nach wie vor in der Bun­des­re­pu­blik ein Tabu, über einen Staats­feind schreibt man nichts Gutes.

AR: Ja, rich­tig, das kann man sagen. Damit hat man es nicht leicht.

SB: Wel­che An­fein­dun­gen hast du er­fah­ren und wie bist du damit um­ge­gan­gen?

AR: Die bür­ger­li­chen Me­di­en haben be­schlos­sen, das Buch tot­zu­schwei­gen. Das ist in­so­fern ganz gut, weil man öf­fent­lich nicht so viel be­lei­digt wird. Und in­so­fern na­tür­lich schlecht, als ich ja nicht so be­kannt bin, und mich immer noch bei den Le­sun­gen Leute fra­gen, ob ich eine der Zwil­ling­s­töch­ter Ul­ri­ke Mein­hofs sei. Das ist das Er­geb­nis des­sen, daß ich mich die ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te, als an­de­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der ihre Sicht auf Ul­ri­ke Mein­hof öf­fent­lich kund­ge­tan haben, zu­rück­ge­hal­ten habe, da ich ihnen, weil ich sie lieb­te, kei­nen öf­fent­li­chen Ge­schwis­ter­streit auf­drän­gen woll­te. Jetzt aber fand ich es an der Zeit, daß ich auch meine Mei­nung, meine Er­fah­run­gen bei­steu­ern soll­te.

SB: Und hat dein Vater dazu Stel­lung ge­nom­men?

A.R.: Mein Vater hat nicht re­agiert, er weiß, warum. Er hat al­ler­dings schon in an­de­rem Zu­sam­men­hang öf­fent­lich auf mich re­agiert, in der Preu­ßi­schen All­ge­mei­nen. Meine Schwes­tern waren gegen das Buch, be­son­ders eine von ihnen, nicht, weil sie meint, es stim­me nicht, was ich dort schrei­be, son­dern weil sie sich nicht noch ein­mal in der Öf­fent­lich­keit haben will. Das kann ich ver­ste­hen, aber gleich­zei­tig habe ich ein an­de­res In­ter­es­se. Daher ging es um das Aus­han­deln von Kom­pro­mis­sen. Ich habe, so gut es ging, ver­sucht, meine Ge­schwis­ter her­aus­zu­hal­ten und nur von mir zu be­rich­ten. Wich­tig war mir, der Ra­ben­mut­ter-The­se zu wi­der­spre­chen, weil ich es völ­lig an­ders er­lebt habe. Und ich habe Ul­ri­ke eben frü­her ge­kannt, ich war, als meine Ge­schwis­ter sie­ben waren, schon 14. Da kann­te ich Ul­ri­ke schon über zehn Jahre lang in­ten­siv und hatte viel be­ob­ach­tet, ins­be­son­de­re na­tür­lich auch ihren Um­gang mit ihren Kin­dern.

Die Ver­dich­tung hat dem Buch gut­ge­tan, so ähn­lich wie bei Men­schen, die unter der Zen­sur schrei­ben. Es wurde ei­gent­lich immer bes­ser da­durch. Die üb­rig­ge­blie­be­nen Sze­nen sind re­du­ziert auf fünf Sei­ten, von denen jeder Satz schön ist und in­ni­ge und lie­be­vol­le Si­tua­tio­nen zwi­schen Mut­ter und Kin­dern be­schreibt. Doch am Ende hat der Rechts­an­walt mei­ner Schwes­ter ge­sagt, es darf gar nichts mehr über meine Ge­schwis­ter drin­ste­hen. Wir haben uns das nicht ge­fal­len las­sen wol­len und des­halb mit dem Nau­ti­lus Ver­lag, bei dem das Buch er­schie­nen ist, be­schlos­sen, Pas­sa­gen zu schwär­zen. Dazu gibt es ein sehr ein­drucks­vol­les Vor­wort des ver­stor­be­nen Ver­le­gers Schu­len­burg im Vor­spann. Ich hoffe, dass eines Tages die Entschwärzung der Teststellen möglich ist.

Anja Röhl im Gespräch - Foto: © 2014 by SchattenblickFoto: © 2014 by Schat­ten­blick

SB: Wann bist du Ul­ri­ke Mein­hof zum ers­ten Mal be­geg­net, wann zum letz­ten Mal und unter wel­chen Um­stän­den?

AR: Ich bin ihr zum ers­ten Mal be­geg­net, als ich fünf Jahre alt war, so er­in­ne­re ich das. In Brie­fen von Ul­ri­ke an Heidi Le­on­hard, die heute im Fried­rich-Ebert-Ar­chiv öf­fent­lich zu­gäng­lich sind, schreibt sie „die vier­jäh­ri­ge Anja, die ist ja immer ganz wild nach mir“, so in der Art, und „die be­sucht uns ganz häu­fig.“ Also kann­te sie mich schon etwas frü­her. Da­nach habe ich nur we­ni­ge Er­in­ne­run­gen, sie be­gin­nen erst wie­der an dem Zeit­punkt, wo meine Schwes­tern auf die Welt kamen. Da war ich dann sehr oft da, ein­mal die Woche, und dann auch viel im Ur­laub oder manch­mal, wenn meine Mut­ter im Kran­ken­haus war. Ich bin dann von dort zur Schu­le ge­gan­gen. Wie ge­sagt, ich bin sie­ben Jahre älter, das ist ein Rie­sen­ab­stand. Ich habe die Kin­der ver­sorgt, ‚rum­ge­fah­ren, habe mich mit Ul­ri­ke über Kin­der­er­zie­hung aus­ge­tauscht. Ich fühl­te mich schon sehr viel er­wach­se­ner, als ich es mit sie­ben war.

Das letz­te Mal habe ich Ul­ri­ke im Knast be­sucht. Erst fuhr ich immer nach Köln-Ossendorf, dann nach Stuttgart Stammheim. Man bekam nur alle 6 Monate einen Besuch von 15 Minuten genehmigt. An­dert­halb Jahre vor ihrem Tod hatte ich nur noch wenig Brief­kon­takt, wir hat­ten ir­gend­wann keine Lust mehr, immer nur Nich­tig­kei­ten aus­tau­schen zu kön­nen. Viele Brie­fe wur­den nicht durch­ge­las­sen, es reich­te, auch nur das Ge­rings­te po­li­tisch an­zu­rei­ßen, ich wuss­te nicht mehr, was ich schrei­ben soll­te. Sie war dann auch sehr be­schäf­tigt mit dem Pro­zeß und man hat ge­merkt, daß sie sich mehr dar­auf kon­zen­triert. Die letz­te Be­geg­nung war ir­gend­wann in Stamm­heim, wir haben uns um­armt, da gab’s noch keine Trenn­schei­be, das war sehr schön, weil wir das ei­gent­lich nicht durf­ten. Wir wur­den dafür auch gleich an­ge­schrien, aber wir haben es trotz­dem ge­macht, es war sehr schön. Aber der Knast und diese Be­su­che waren na­tür­lich immer ein har­ter Bro­cken, weil man nicht wirk­lich sagen konn­te, was man woll­te, weil es zu kurz war, weil es unter vielköpfiger Beobachtung stattfand.

Ir­gend­wann habe ich dann be­schlos­sen, dar­auf zu war­ten, daß ich eines Tages wie­der mit ihr spre­chen kann, wenn sie frei­ge­las­sen ist. Es war ein­fach schwer, sich dem gan­zen Pro­ce­de­re immer aus­zu­set­zen. Wir muss­ten un­se­re Brie­fe vor­her in of­fe­nen Um­schlä­gen an die Si­che­rungs­grup­pe Bonn-Bad-Go­des­berg schicken, BKA. Heute weiß man, daß da fast nur Fa­schis­ten ge­ses­sen haben. Da­mals haben wir das nur den Be­lei­di­gun­gen ent­neh­men kön­nen, die wir bei den Be­su­chen zu hören be­ka­men. Wir haben Be­su­che ge­habt, da waren acht Leute dabei, Staats­schutz, GSG 9, Bun­des­kri­mi­nal­amt, was weiß ich. Ich weiß nicht mehr, wann der letz­te Be­such war. Ich habe auch meine ei­ge­nen Brie­fe nicht, die lie­gen immer noch ir­gend­wo beim BKA, keine Ah­nung. Ich habe keine Lust, bei denen heute um meine Brie­fe zu bet­teln, es waren Brie­fe, die ich nie so schrei­ben durf­te, wie ich woll­te. Aus Äu­ße­run­gen bei den Be­su­chen konn­te ich da­mals ent­neh­men, die wuß­ten alles über mich. Das war ein blö­des Ge­fühl.

SB: Ei­ni­ge bür­ger­lich-in­tel­lek­tu­el­le Krei­se haben sich schwer damit getan, den Weg von Ul­ri­ke Mein­hof in den Un­ter­grund und ihr Be­kennt­nis zum be­waff­ne­ten Kampf nach­zu­voll­zie­hen, aber an­de­rer­seits auch ge­nau­so damit, sie gänz­lich zu ver­teu­feln und voll­stän­dig ab­zu­leh­nen. Zur Eh­ren­ret­tung einer Per­son, die ein­mal eine der ihren war, haben sie ihr ent­we­der einen kran­ken Kopf oder die Zu­fäl­lig­keit eines fol­gen­rei­chen Sprungs aus dem Fens­ter an­läß­lich der Baa­der-Be­frei­ung und damit zwangs­läu­fig in die Il­le­ga­li­tät un­ter­stellt. Viele haben sie auch als Opfer ihrer Ge­nos­sen ge­se­hen.

AR: Rich­tig. Und daß sie völ­lig ab­hän­gig war von An­dre­as Baa­der. Das hat mir letz­tens wie­der eine Zu­hö­re­rin bei einer Le­sung er­zählt, sie wäre an­geb­lich völ­lig fi­xiert ge­we­sen auf den An­dre­as Baa­der; so hat sie es je­den­falls in­ter­pre­tiert. Ich habe to­ta­le Zwei­fel an die­ser Schwä­che­the­se. Es war mein In­ter­es­se, ein dif­fe­ren­zier­te­res Cha­rak­ter­bild zu skiz­zie­ren.

Kat­ri­i­na Leh­to-Ble­ckert aus Finn­land hat eine Dok­tor­ar­beit über Ul­ri­ke Mein­hof ge­schrie­ben, die sehr gut ist: „Ul­ri­ke Mein­hof 1934-1976“. [3] Sie hat dafür schon vor 20 Jah­ren re­cher­chiert und ist an un­glaub­lich viele Brief­wech­sel her­an­ge­kom­men. Und sie ist neben Jutta Ditfurth die ein­zi­ge, die nicht stän­dig nur Män­ner, bzw. den verlassenen Ehemann, meinen Vater zi­tiert. Ich emp­feh­le das immer, weil es so einen klugen fe­mi­nis­ti­schen Stand­punkt hat. In Finn­land hat die­ses Buch einen sehr lan­gen Titel, aber ich finde ihn gut, es ist ein Zitat von Ul­ri­ke Mein­hof. „Nicht der Wirk­lich­keit, der Wahr­heit nach­ge­hen“, heißt es da im Un­ter­ti­tel. Und das ist auch ein biß­chen syn­onym für das Buch. Es ist erst vor we­ni­gen Jah­ren ins Deut­sche über­setzt, aber nur in einer 150er-Auf­la­ge ge­druckt wor­den. Kein Mensch hat es re­zen­siert. Meine Re­zen­si­ons­an­ge­bo­te sind ab­ge­lehnt wor­den, ich sei zu nah dran. Hier heißt der Un­ter­ti­tel: „Ihr Weg zum Ter­ro­ris­mus“, den hat der Ver­lag aus­ge­wählt, ein Wis­sen­schafts­ver­lag.

In dem Buch wird ganz deut­lich, daß es eine Ent­schei­dung war, die auf Basis einer Le­bens­ent­wick­lung ge­trof­fen wurde, die so­zu­sa­gen zu dem Schluß ge­kom­men war, daß man hier, also gegen den wie­der­auf­kom­men­den Fa­schis­mus im neuen Ge­wand, wie man das da­mals stark emp­fand, auf Basis der Not­stands­ge­set­ze und der Be­tei­li­gung am Völ­ker­mord in Viet­nam mit 2 Mil­lio­nen Toten, das man also nun, immer wie­der zu­rück­wei­chend, nicht mehr wei­ter­kommt durch Schrei­ben. Das war eine schmerz­li­che Er­fah­rung da­mals, eben­so, daß pa­zi­fis­ti­sche De­mons­tra­ti­ons­teil­neh­mer zu Mas­sen kri­mi­na­li­siert wur­den und in die Knäs­te ein­fuh­ren. Das war lange vor jeder RAF-Be­we­gung. Es war eine Ent­schei­dung, die in der da­ma­li­gen Zeit sehr, sehr viele Men­schen um­trieb. Man denke an Wolf Bier­mann, er dich­te­te in einem Lied gegen Chile, daß die Macht, auch für das Gute, nun­mehr aus den Ge­wehr­läu­fen kom­men soll­te. Die damaligen Protestierer, Widerständler, Revolutionäre und jungen Leute, sie dachten, dass ein neuer Faschismus nah war, bzw. der alte noch nicht überwunden. Jutta Ditfurth hat in ihrem Buch über Ulrike Meinhof dann ja auch eindrücklich bewiesen, dass daran durchaus viel dran war. Die weiteren Tatsachen werden im Laufe der nächsten 50 Jahre sicher noch ans Licht kommen.

SB: Und daß sie ein Opfer ihrer Ge­nos­sen war, bis in die Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Ge­fäng­nis, wo es heißt, sie habe nicht standge­hal­ten?

AR: Ich bin für sol­che Fra­gen die Fal­sche, denn ich habe das nicht mit­er­lebt. Ich war nie beim Prozess in Stamm­heim, habe mir nie so einen Pro­zeß­tag an­ge­guckt. Ein Au­gen­zeu­ge, den ich selbst er­lebt habe und der in mei­nem Buch auch vor­kommt, ist Axel Az­zo­la – in­zwi­schen lei­der auch tot -, ein Rechts­an­walt und Rechts­pro­fes­sor aus Darm­stadt. Der war, wie man da­mals sagte, bür­ger­lich li­be­ral, je­den­falls nicht links­ra­di­kal. Spä­ter wand­te er sich der Links­par­tei zu. Als jü­di­scher Ru­mä­ne ge­hör­te er einer ver­folg­ten Grup­pe an, seine ge­sam­te Fa­mi­lie ist in Ausch­witz um­ge­kom­men. Er war Fa­schis­mu­ser­fah­ren und er hatte daher eine ge­hö­ri­ge Por­ti­on Skep­sis. Er glaub­te nicht an die­sen Staat, der in den 50er Jah­ren Fa­schis­ten zu Mas­sen frei­ge­las­sen und sie sich in Le­gis­la­ti­ve, Exe­ku­ti­ve und Ju­di­ka­ti­ve wunderbar wieder ein­sor­tiert hatte.

Axel Az­zo­la hat Ul­ri­ke Mein­hof nicht ge­kannt, bevor sie im Knast war. Als sie in Stutt­gart-Stamm­heim saß, hat sie sich an ihn ge­wandt, weil sie mit der Linie ihrer an­de­ren An­wäl­te nicht ein­ver­stan­den war – das hat er mir er­zählt – und hat zu ihm ge­sagt: Ich kenne dich nur aus dei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen. Du scheinst ein klu­ger Mensch zu sein. Ich möch­te gerne mit dir reden. Ich möch­te gerne, daß du meine Ver­tei­di­gung über­nimmst. Er hat sie also das erste Mal in sei­nem Leben im Knast ge­se­hen und hat er­zählt, daß die­ser Be­such für sein Leben prä­gend war. Die Frau sei ihm als die klügs­te Frau der Welt er­schie­nen, nie sei ihm je­mand Klü­ge­res be­geg­net, so in der Art. Mag sein, er war ein schwär­me­ri­scher Mensch, aber es ist in­so­fern in­ter­es­sant, als zu der Zeit öf­fent­lich ge­sagt wurde, sie hat einen Hirn­tu­mor und kann nicht mehr rich­tig den­ken. Dann kann sie ja nicht so ge­bro­chen, un­si­cher, ab­hän­gig, hörig, ge­hirn­ka­putt ge­we­sen sein, wenn das ein Rechts­pro­fes­sor sagt, der schließ­lich ein durch­aus ge­bil­de­ter Mann war.

Dar­auf­hin hat er sie mehr­mals be­sucht und sie haben dann sehr er­folg­reich zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Das ver­an­laß­te Az­zo­la auch, gegen die Selbst­mord­the­se zu sein. Er war einer – das habe ich auch in mei­nem Buch be­schrie­ben -, der auf der Be­er­di­gung öf­fent­lich aus­ge­ras­tet ist. Da­nach wurde er vom Ver­fas­sungs­schutz so sehr ver­folgt, daß er dar­über nie wie­der ge­spro­chen hat, er hatte große Angst um seine Fa­mi­lie. Ich habe ihn vor sei­nem Tod noch­mal be­sucht, Mitte der 90er Jahre, und er hat mir das alles noch ein­mal be­stä­tigt.

Wegstück mit Blick auf blühende Wiese und alten Baumbestand - Foto: © 2014 by SchattenblickEin Stück Weges ge­mein­sam ge­gan­gen
Foto: © 2014 by Schat­ten­blick

SB: Dein Vater und Ul­ri­ke Mein­hof haben, heißt es, sehr oft und sehr dras­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen ge­habt. Man fragt sich manch­mal, wie ihre Le­bens­auf­fas­sung und sein Le­bens­stil über­haupt zu­sam­men­ge­paßt haben. Was hat die bei­den ver­bun­den?

AR: Das ist na­tür­lich auch so ein Mys­te­ri­um, das wird sehr stark von man­chen Leu­ten un­ter­stützt. Sie be­ru­fen sich dabei auf die im Klaus-Röhl-Buch von 1972 ge­schil­der­te Selbst­be­schul­di­gungsze­ne, wo an Sil­ves­ter, kurz vor der Tren­nung von mei­nem Vater und Ul­ri­ke, mein Vater plötz­lich seine Ge­lieb­te öf­fent­lich vor­führ­te und Ul­ri­ke dabei war. Das wird als ex­em­pla­ri­sche De­mü­ti­gungs­si­tua­ti­on be­schrie­ben. Ich kenne eine Zeit­zeu­gin von da­mals, die das mit­er­lebt hat und die das sehr be­stürzt hat. Meine ganze Kind­heit hin­durch war mein Vater aber oft so, das ge­hört zu sei­nem wi­der­spruchs­vol­len Cha­rak­ter. Diese Zeit­zeu­gin war mit mei­nem Vater be­freun­det und konn­te es nicht er­tra­gen zu sehen, daß mein Vater Ul­ri­ke damit de­mü­tig­te. Ich habe aber Ul­ri­ke in vie­len an­de­ren Si­tua­tio­nen, die ich mit­er­lebt habe, immer als die­je­ni­ge emp­fun­den, die die Ober­hand hatte in der Be­zie­hung und die Stär­ke­re war. Be­son­ders auf der in­tel­lek­tu­el­len, der Ar­gu­men­ta­ti­ons­ebe­ne, da war sie ihm immer über­le­gen.

Mei­nen Vater und sie hat die 58er-Be­we­gung ver­bun­den, die An­ti-Atom­tod-Be­we­gung, die po­li­ti­sche Basis, sie haben auch viel Ernst­haf­tes dis­ku­tiert. Sie hatte die Vor­stel­lung, mit Kon­kret sehr viel zu be­wir­ken, was ja auch stimm­te. Sie hat in­ner­halb die­ser Be­zie­hung ge­kämpft mit Ar­gu­men­ten. Wenn er be­trun­ken war, hat es schon Aus­ein­an­der­set­zun­gen ge­ge­ben, und ir­gend­wann hat sie dann eben auch ge­sagt, ich will das nicht mehr. So hab‘ ich das er­lebt. Aber na­tür­lich war es für sie auch schmerz­haft und trau­rig – klar.

Als ich sie in Ber­lin be­such­te, wo sie al­lei­ne lebte mit den Kin­dern, war sie je­den­falls mun­ter, zu­frie­den, kein biß­chen de­pres­siv. Da hat sie zu mir ge­sagt, ich er­in­ne­re das ganz genau, sie habe frü­her immer ge­dacht, man brau­che Haus­mäd­chen und Mann und alles, aber sie komme viel bes­ser al­lei­ne klar. „Ich fühle mich hier be­deu­tend woh­ler als vor­her“, das hat sie mir ge­sagt. Und ich habe sie da in kei­ner Weise ge­schwächt er­lebt.

SB: Ist sie für dich ein Vor­bild ge­we­sen und ist sie es immer noch?

AR: Vor­bild ist nicht das rich­ti­ge Wort, das klingt so nach an­schwär­men. Sie war für mich eine be­deu­ten­de Er­wach­se­ne, die mich ver­stan­den hat. Sie hat mit mir so ge­spro­chen, daß bei mir im Kopf das kri­ti­sche Den­ken be­gann. Ich habe immer das Ge­fühl ge­habt, wenn sie redet, dann bringt sie genau das zum Aus­druck, was ich ge­ra­de den­ken will. Es war ein­fach eine ganz pro­duk­ti­ve Be­zie­hung, die mich wei­ter­ge­bracht hat. Ich habe sie nicht er­lebt wie Che Gue­va­ra oder Rudi Dutsch­ke, die man sich da­mals an die Wand ge­hängt hat. Sie ge­hör­te ja zu mir, sie war die Mut­ter mei­ner Ge­schwis­ter, ich habe sie als Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge er­lebt und als Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge habe ich sie ge­liebt. Ich hab‘ sie ge­liebt, und wenn man je­man­den liebt und der stirbt, dann sieht man den­je­ni­gen über Jahre und Jahr­zehn­te vor sich, hört ihn spre­chen, sieht seine Be­we­gun­gen, sieht ihn als Men­schen vor sich, als sei er noch le­ben­dig. Daher ist es wich­tig, daß die­je­ni­gen Zeug­nis über einen Men­schen ab­le­gen, die ihn ge­liebt haben, denn sie er­in­nern sich an den­je­ni­gen am bes­ten.

SB: Viele Zeit­ge­nos­sen, auch sol­che, die ihre Auf­fas­sun­gen nicht ge­teilt haben, schätz­ten an Ul­ri­ke Mein­hof ihren schar­fen Ver­stand, ihre prä­zi­se Ana­ly­se, deut­li­che Spra­che, klare Po­si­tio­nie­rung und große Em­pa­thie. Du hast ein­mal ge­sagt, daß das Wich­tigs­te, waszeit­ge­schicht­lich von ihr blei­ben wird, ihre fälsch­li­cher­wei­se als sol­che be­zeich­ne­ten bür­ger­li­chen Texte sind.

AR: Ge­nau­so sehe ich das auch – fälsch­li­cher­wei­se als bür­ger­lich. Ob­wohl sie das selbst auch so ge­se­hen hat. Das halte ich für einen gro­ßen Feh­ler. Sie hat mir ja bei­ge­bracht, daß man sie ruhig kri­ti­sie­ren darf [lacht] und das würde ich z.B. ab­so­lut kri­ti­sie­ren. Mumia Abu-Ja­mal sitzt nicht im Ge­fäng­nis, weil er Bom­ben ge­schmis­sen hat, son­dern weil er Jour­na­list ist und eine klare Spra­che spricht und über­zeu­gend ist für viele, viele Men­schen und weil er solidarisch mit einer revolutionären Bewegung war. Diese Verbindung ist es, dieden Staaten gefährlich ist. So ist es auch bei Rudi Dutsch­ke so ge­we­sen. Man hat, wie ich glau­be, das At­ten­tat auf ihn in Auf­trag ge­ge­ben oder wie auch immer pro­vo­ziert, weil er eine so starke in­te­gra­ti­ve Wir­kung hatte auf so viele Men­schen. Und das ist na­tür­lich das Ge­fähr­lichs­te, was man sich vor­stel­len kann, wenn man an der Macht blei­ben will, ein Mensch, wie auch Rosa Lu­xem­burg, der eine so große Brei­ten­wir­kung und Über­zeu­gungs­kraft hat und ein revolutionäres Bewusstsein.

SB: Kann, darf oder muß man den Men­schen Ul­ri­ke Mein­hof mit sei­nen po­li­ti­schen Über­zeu­gun­gen von sei­nen dar­auf fol­gen­den Hand­lun­gen tren­nen, tun sich da Wi­der­sprüch­lich­kei­ten auf oder läßt sich das eine mit dem an­de­ren zu einem durch­aus lo­gi­schen Le­bens­ent­wurf ver­bin­den?

AR: Auch da bin ich nicht die Ex­per­tin, aber es gibt eine sehr gute Ar­beit genau zu dem Thema, die in der Kurt-Eiss­ner-Ge­sell­schaft ca. 2003 ver­öf­fent­licht wurde [4], eine klei­ne Schrift, in der es um den me­dia­len und den ju­ris­ti­schen Um­gang mit die­ser Grup­pe geht und darum, daß es eben ein po­li­ti­scher Akt war, diese Grup­pe so ex­trem zu iso­lie­ren und ihre po­li­ti­schen Ziele kom­plett zu ver­fäl-

Anja Röhl mit SB-Redakteurin auf einer Parkbank - Foto: © 2014 by SchattenblickAnja Röhl im Ge­spräch mit dem Schat­ten­blick
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schen. Die Grup­pe hat al­ler­dings dazu bei­ge­tra­gen, weil sie auch in ihrer Spra­che und schließ­lich dann auch in ihren Hand­lun­gen es­ka­lier­te. Das ist aber nur in­ter­ak­tiv zu ver­ste­hen und muss des­halb his­to­risch se­ri­ös re­cher­chiert wer­den. Man kann das ja nach­le­sen bei Dos­to­je­w­ski oder Sart­re, wie das dann pas­siert in illegalen Grup­pen, selbst Brecht hat das be­schrie­ben. Die Grup­pen, die im Wi­der­stand und il­le­gal leben, fan­gen an, unter dem Druck der Si­tua­ti­on und der Angst vor Spit­zeln sich zu sehr im eigenen Kreise zu drehen, zu ver­ro­hen. Ul­ri­ke hat dann ihre ei­ge­nen Texte als un­zu­läng­lich emp­fun­den, als ‚bür­ger­li­ches Ge­schreib­sel‘ be­zeich­net, weil sie etwas emp­fand, was ja auch pas­siert, wie wir immer wie­der sehen kön­nen: Alle fort­schrittli­chen Dinge wer­den in einer ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaft in­te­griert, auf­ge­so­gen, um­ge­wan­delt, so, wie man das ja auch bei den Grü­nen oder bei den Lin­ken über­all sieht, wie es mit allen Be­we­gun­gen pas­siert. Was ur­sprüng­lich ein un­ab­hän­gi­ges Ju­gend­zen­trum war, eine fort­schritt­li­che Psych­ia­trie-, In­klu­si­ons- oder Päd­ago­gik­be­we­gung – das alles wird nach einer Weile kon­ser­va­tiv um­ge­wan­delt, wie ein­ge­so­gen, und steht dann spä­ter plötz­lich ganz an­ders da.

Man muss es his­to­risch se­ri­ös an­fan­gen zu un­ter­su­chen, wie die ge­nau­en Zu­sam­men­hän­ge sind. In die­ser klei­nen Bro­schü­re und in dem Le­tho-Buch, der Dok­tor­ar­beit der Fin­nin, ist das getan wor­den und das finde ich total span­nend. Beide Au­to­rin­nen un­ter­su­chen die me­dia­le und po­li­ti­sche Pro­zeß­füh­rung, wie der Staat da­mals ei­gent­lich im In­ne­ren einen Bür­ger­krieg ge­führt hat. Mit dem Interesse, die Voraussetzungen für das Privateigentum zu erhalten. So einfach ist das, die Spätauswüchse kann man jetzt ja überall sehen: Ungerechtigkeit, Massenarmut, Neofeudalisierung. Und damit er­klä­ren sich die Brü­che, es musste damals bis heute die­ser My­thos ge­pflegt werden, es wären so ein paar Irr­sin­ni­ge ge­we­sen. Das widerlegt auch das Buch von Jutta Ditfurth.

SB: Du en­ga­gierst dich ja sel­ber po­li­tisch seit vie­len Jah­ren. Ist Ul­ri­ke Mein­hof da der oder ein Zün­der ge­we­sen?

AR: Das könn­te man den­ken, aber so emp­fin­de ich es nicht. Ich habe mich nicht für den be­waff­ne­ten Kampf oder für die Stadt­gue­ril­la en­ga­giert. Ich habe mich auf an­de­ren po­li­ti­schen Fel­dern be­wegt. Ich ge­hö­re zu der Ge­ne­ra­ti­on der 70er Jahre, die sich ganz stark ins pro­le­ta­ri­sche Mi­lieu be­ge­ben hat. Ich bin ins Kran­ken­haus ge­gan­gen, habe Kran­ken­schwes­ter ge­lernt, habe Be­triebs­po­li­tik ge­macht.

Ich habe auch re­vo­lu­tio­nä­re Si­tua­tio­nen im An­satz er­lebt, näm­lich nach Tscher­no­byl, wo ich sehr be­tei­ligt war. Da hatte ich das Ge­fühl, daß sich ku­mu­la­tiv ein neues Be­wußt­sein in der Bevölkerung ent­wi­ckelt, das fand ich un­glaub­lich, das war für mich ein Ein­schnitt, auch ’68 war für mich sowas. Ich habe mich schon vor­her für Po­li­tik in­ter­es­siert, si­cher waren das auch die Ge­sprä­che als Kind, das kann man nicht mehr so rich­tig aus­ein­an­der­hal­ten. Ich habe mir aber immer eine ganz ei­ge­ne Mei­nung ge­macht. Ich bin durch die Schüs­se auf Dutsch­ke und Benno Oh­ne­s­org po­li­ti­siert wor­den, bin von selbst auf die Moor­wei­de ge­gan­gen, habe Teu­fel ge­le­sen und Beat­les ge­hört und bin dann An­ti-AKW-Geg­ne­rin ge­wor­den. Die RAF als po­li­ti­sche Op­ti­on habe ich auf­grund der in­ne­ren Be­trof­fen­heit aus mei­nem Ge­hirn eher ganz aus­ge­blen­det.

SB: Noch­mal zum Buch zu­rück. Wer sind die Leser und wel­che Re­ak­tio­nen gibt es dar­auf?

AR: Ich kann das nur von den Le­sun­gen be­ur­tei­len. Viele sind im glei­chen Alter, die sich an­ge­spro­chen füh­len durch die Kind­heits­schil­de­run­gen der 50er und 60er Jahre und sich dort wie­der­fin­den. Dann kom­men ehe­ma­li­ge Linke, die heute eher bür­ger­lich li­be­ral sind und sich an diese Zeit er­in­nern wol­len und dann so Sätze sagen: „Das ist ja er­staun­lich, wie au­then­tisch das ist.“ Und weil ich die an­de­ren Sa­chen so echt und au­then­tisch be­schrie­ben habe, sagen sie, glau­ben sie mir daher dann auch das, was ich über Ul­ri­ke ge­schrie­ben habe. Das gibt mir Mut und Kraft. Ul­ri­kes Ge­nos­sen, die heute nur noch zum Teil leben, in deren Um­feld ist es sehr schweig­sam, eher ver­hal­ten. Ich kann das auch ver­ste­hen, weil sie das wahr­schein­lich bei mir alles zu pri­vat fin­den. Das ist aber auch gar nicht meine Ziel­grup­pe, son­dern eher eine an­de­re, wo die ver­zerr­te Wahr­neh­mung der gesamten 68-er Bewegung und seiner Protagonisten schon ge­grif­fen hat. Ul­ri­ke ist ja eine his­to­ri­sche Per­son der Bun­des­re­pu­blik und wird es auch über die nächs­ten Jahr­hun­der­te blei­ben. Umso wich­ti­ger, daß man da was ge­ra­de rückt, und ich woll­te halt einen winzigen Mo­sa­ik­stein dazu bei­tra­gen.

SB: Anja Röhl, vie­len Dank für das of­fe­ne Ge­spräch.

Fußnoten:

[1] Jutta Ditfurth, Ulrike Meinhof, Die Biografie, Ullstein Verlag, Berlin 2007

[2] Anja Röhl, Die Frau meines Vaters – Erinnerungen an Ulrike, Edition Nautilus, Hamburg 2013

[3] Katriina Lehto-Bleckert: Ulrike Meinhof 1934-1976, Ihr Weg zur Terroristin. Tectum Verlag, Marburg 2010 (deutsche überarbeitete Ausgabe der Dissertation an der Universität Tampere 2010)

[4] Isabel Erdem, Staatlicher und publizistischer Umgang mit der Stadtguerillabewegung in der BRD, in: Kurt-Eisner-Verein für politische Bildung (Hrsg.), Neue Kritik aus Schule und Hochschule, Heft Nr. 6, München 2004

 

18. April 2014


aus:

2014 by MA-Verlag
Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
Redaktion Schattenblick, Dorfstraße 41, 25795 Stelle-Wittenwurth
www.schattenblick.de

Anhang:

Strittige Kinderszenen aus dem Buch: Die Frau meines Vaters – Erinnerungen an Ulrike Meinhof

Kinderszenen:

Kinderszenen mit Belegen und Kommentaren, gegen die der RA meiner Schwester R. R., Persönlichkeitsrecht (da sie eine nichtöffentliche Person ist) geltend gemacht hat, sein Argument war, dass ich eine völlig neue Sicht auf die Kindheit meiner Geschwister beschreibe, die zu einem Wiederaufleben medialen Interesses zu Lasten ihrer Person führen könnte. Ich argumentierte dagegen, dass meine Beschreibungen in ähnlicher Art schon in anderen Veröffentlichungen vorgekommen sei, hier kann sich jeder ein eigenes Bild machen:

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 24:

Ulrike liegt in einem blauen Zimmer mit zugezogenen Vorhängen. Sie liegt tief in den Kissen. Ihre Haare sind offen und zu einer Seite gekämmt. Sie lacht: „Stell dir vor, es sind zwei Babys, Zwillinge!“ „Zwillinge?“ fragt das Kind ungläubig. Ja, es sind zwei Kinder, zwei Mädchen. Das Kind strahlt, jetzt hat es sogar zwei Geschwister auf einmal. Ein Baby liegt noch im Babyzimmer, sagt der Vater. Es musste Sauerstoff bekommen. Das andere Kind liegt bei Ulrike im Arm. Ganz ruhig liegt es da, die Augen zu, schläft. Das Kind sieht sich das Baby genau an. Ein kleines Gesicht, zart, ernst. Das Kind betrachtet dieses Baby, versunken und ausgefüllt von einem unglaublichen, vorher nie empfundenen Gefühl.

Belege in anderen Veröffentlichungen:

Das Babyzimmer und die Kinder nach der Geburt sind beschrieben worden in:

Röhl, Klaus Rainer: Die Genossin, 1975:

S. 163: „Als er sich über das Bett beugte, sah er zwei winzige Köpfe rechts und links neben Katharina liegen,…Siebenmonatskinder, sie mussten sofort in einen Brutkasten, Blutaustausch, künstliche Ernährung, aber sie würden durchkommen, hoffentlich auch die Mutter…“

und auf S. 168:

…“Nach drei Monaten…verlangte nach Hause zu kommen und die Kinder zu sehen, die erst nach mühsamen Wochen in der Frühgeburtenstation zu lebensfähigen Wesen aufgepäppelt worden waren.“

Prinz, Alois: Lieber wütend als traurig, 2003,

S. 119:

„Die zu früh geborenen Zwillinge überlebten im Brutkasten… (ohne Quellenabgaben)

S.121:

     „Drei Monate nach der Operation wurde Ulrike Meinhof aus der Klinik entlassen,… der Zustand der Zwillinge war nun so stabil, dass sie nach Hause durften, die Eltern hatten sich geeinigt, sie Regine und Bettina zu nennen, beide mit zweitem Namen Ingeborg, nach Ulrikes verstorbener Mutter. 

Letho, Katriina: Ulrike Meinhof, 1934-76 – Ihr Weg in den Terrorismus, 2010, S. 175 unter der Überschrift: Geburt der Zwillinge, aus einem Brief Ulrike Meinhofs an Heidi Leonhardt vom 26.9.62 zitiert, also 4 Tage nach der Geburt:

„ Ich hätte im Traum nicht zu denken gewagt, dass es Zwillinge werden könnten und finde es – wie Du- so wunderbar. Es liegt so ein Überschwang, so eine Fülle, so eine riesige Verschwendung darin…ich denke morgens und abends immer nur: Mein Gott, ich und Zwillinge-wie schön!“

Und auf S. 177 (ders):

„ …habe gar keine Angst vor der Kopfoperation, und ich glaube, das kommt von dieser Geborgenheit guter Gedanken, in der ich – spätestens seit der Geburt der Zwillinge – lebe“

Weiter auf S. 177 (Zitate aus Brief an Heidi Leonhardt vom 29.9.62):

Bettina sei „etwas klein“ gewesen, und sie durfte Meinhof in den ersten acht Tagen kein einziges Mal sehen, danach wurde jedes Kind abwechselnd zu ihr gebracht: „Bettina habe ich noch kein einziges Mal gesehen. Nur Regine wurde mir die ersten drei Tage morgens und abends zum Angucken gebracht“        

Und auf S. 179 (ders), am Tag ihrer Entlassung aus der Klinik, zitiert aus einem Brief Ulrike Meinhofs an Heidi Leonhardt vom 6./7. November 62 ( 6 Wochen nach der Geburt):

„Dieser Tag will im Kalender angestrichen werden; schade, daß ich keinen Kalender habe. Fassen wir es zusammen: Die Sonne scheint, ich gehe nach Hause. Die Kinder sind wohlauf. Der böse Traum ist aus. Ich bin nicht unglücklich, sondern glücklich. Schluß jetzt, leb wohl, hab Dank, Deine glückliche, gesunde, dankbare Ulrike“

Kommentar: Es handelt sich, wie man den Originalbriefen entnehmen kann, um nur knapp 6 Wochen, nicht drei Monate Abstand zwischen Geburt und Entlassung, die Zwillinge wurden in keinem Brutkasten gehalten und künstlich ernährt, sondern nur im Babyzimmer, ein Zwilling bekam noch 8 Tage etwas Sauerstoff, das andere wurde zweimal täglich der Mutter gereicht, was damals zeitüblich war. Hier hat mein Vater übertrieben und meine Geburt, ich war Siebenmonatskind, lag im Brutkasten etc. mit den Zwillingen, sie waren Achtmonatskinder, vermischt. Dies wurde häufig übernommen, so von Prinz und auch von Bettina Röhl

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 25:

Das Kind erzählt Sonja von den Geschwistern: „Stell dir vor, ich habe jetzt zwei Geschwister“, sagt sie, „Zwillinge!“ „Das ist ja toll“, sagt Sonja, „Hast du es gut.“ Dann wird sie einsilbig, denn sie wünscht sich auch Geschwister.

[…] Seit die Babys da sind, herrscht ein ziemlicher Trubel. Sie schreien oft gleichzeitig. Ulrike rennt hin und her. Das Kind versucht zu helfen. Wenn die eine kleine Schwester schreit, nimmt Ulrike sie auf den Arm. Dann schreit aber auch die andere! Ulrike erklärt dem Kind, dass die Babys ja nicht wissen, dass da noch ein Baby ist, es sei ihr Recht zu schreien, die armen Mäuse. Sie nennt sie Mäuse, das findet das Kind schön, Mäuse, denkt sie.

Belege aus anderen Veröffentlichungen:

Letho, Katriina: Ulrike Meinhof 1934-1976, S. 184ff:

   „Vorige Woche hatten wir Klaus´ neunjährige Tochter hier. Die drei Kinder verstehen sich fabelhaft miteinander, aber es war natürlich auch aufregend, die ganze Bande, ob zwei oder neun, Kinder sind sie ja alle. Die Große steht den Kleinen immerhin näher als den Erwachsenen. Ich lade Anja ein so oft ich kann, schließlich ist sie Klaus´ Tochter und die Halbschwester der Zwillinge.“

Der Ausdruck „Mäuse“ für die Kinder ist belegt durch:

Aust, Stefan: Der Baader-Meinhof-Komplex, 1997, S. 275, Briefausschnitt Ulrike Meinhof an ihre Kinder:

„ He Mäuse – … Ich sitze hier in der Zelle und führe meine Gedanken spazieren…“

„Sie brauchen mehr Personen“, sagt Ulrike, „Omas und Opas, Freunde, Onkel, Tanten, wir sind zu wenige. Gut, dass du da bist“, sie legt dem Kind eines der Babys auf den Arm. Das Kind ist ganz vorsichtig, hält es behutsam fest. Sie kann die beiden Zwillinge gut unterscheiden.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters,S. 26:

Wenn die Kinder schlafen, liegen sie gemeinsam in ihren Zwillingskorbwägen, mit Vorhängen drüber. (bitte so wieder reinnehmen, so war es ursprünglich auch) Ulrike hat sie neben sich im Zimmer stehen und schreibt.

Beleg:  Zwei Zwillingskorbwägen: Foto auf S. 144f im Buch: Röhl, Bettina: So macht Kommunismus Spaß, Bildteil erstes Foto, nach S. 144

Das Kind ist seit der Geburt der Zwillinge häufiger in Lurup, schläft dort in den Ferien oder wenn die Mutter krank ist. Das Kind sitzt neben den Zwillingen, reicht ihnen Spielsachen, spricht mit ihnen, beobachtet, wie sie Fortschritte machen. Manchmal darf das Kind sie in einer langen Zwillingskarre um die Häuser fahren. Die Zwillinge sitzen sich gegenüber, so dass sie sich sehen können, es sieht so aus, als mache es ihnen großen Spaß, miteinander auszufahren und die Welt zu erkunden.

Das Kind hat Angst, etwas falsch zu machen und nimmt die Babys nur vorsichtig hoch.

Beleg Zwillingskarre sowie der Freude, damit auszufahren, finden sich im Buch von Bettina Röhl: „So macht Kommunismus Spaß“, 2006, S. 435ff:

„Im Zwillingskinderwagen – ich weiß noch, wie ich meiner Schwester in Anorak und Handschuhen gegenübersaß – ging´s für uns mit einem Kindermädchen zum Einkaufen…Immer wird in meinem Leben neben mir, vor mir oder hinter mir meine Schwester liegen, sitzen, laufen, stehen oder gehen, und wir werden uns allmählich kennenlernen. Von den Mützen, die uns unsere Halbschwester Anja strickt, kriege ich die rote und Regine die hellblaue…jeden Nachmittag geht´s mit Mami, Omi, Anja, einem Kindermädchen oder Papi zum Spielplatz, und dies bei Wind und Wetter.

 

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 30:

So schnell wie möglich will das Kind wieder Ulrike und die Zwillinge besuchen. Das Kind fühlt sich dort größer als sonst, es ist da die große Schwester. Sie fährt mit ihren kleinen Schwestern spazieren, nimmt sie in die Arme, tobt mit ihnen.

Belege:

Bettina Röhl: „So macht Kommunismus Spaß“, 2006, S. 441:

„Auch meine Halbschwester Anja, die Tochter aus der ersten Ehe meines Vaters kam häufig zu Besuch, sie verbrachte jetzt ihre „Papitage“…gerne bei uns und verstand sich auch mit unserer Mutter. … Anja nahm sich in geradezu rührender Weise ihrer kleinen, sieben Jahre jüngeren Halbgeschwister an, nahm uns bei Spaziergängen an die Hand und hat meiner Mutter oft damit eine Freude gemacht, dass sie mit uns Zwillingen fröhlich spielte und scherzte. In Anja waren wir als Kinder ganz verliebt. Sie war im Umgang mit kleinen Kindern ein Naturtalent“  

S. 455:

 …“Fast jeder Sonntag war den Ausflügen reserviert. Oft war unsere Halbschwester Anja dabei, wenn wir nach Stade zu den Großeltern fuhren“

…“Dann warf sich unsere ganze Familie, …Papi, Mami, Onkel Wolfgang, Anja, Regine und ich, auf den Waldboden und robbte durchs Gras“

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 30:

[…] Ab und zu, wenn Ulrike nicht da ist, kommt eine Nachbarin und macht den Kindern das Abendbrot, eine Übergangslösung, sagt Ulrike. Die Nachbarin ist eine große Frau mit einer Schürze. Einmal droht sie, sie würde die Kinder in den dunklen Keller sperren, wo ein schwarzer Mann hause, solange bis sie wieder artig seien. Ulrike erklärt, dass manche Erwachsene nur deshalb Lügen erzählen, weil sie selbst Angst hätten. Dann geht sie mit den Kindern in den Keller, wo sie einen Mann suchen, der natürlich gar nicht da ist. Anschließend sagt sie ihnen, sie brauchten keine Angst mehr zu haben, die Nachbarin käme nie wieder.

Belege:

Beleg Nachbarin Frau Galeck:

Bettina Röhl: „So macht Kommunismus Spaß“, 2006, Seite 437ff:

Bettina Röhl stellt sie hier vor:

Mit Frau Galeck verstand ich mich wie mit fast allen Kindermädchen besonders gut…“

Und beschreibt sie auf den folgenden Seiten sehr liebevoll. Dass Bettina Röhl als damals Zwei- bis Dreijährige eine andere Erinnerung an sie zurückbehalten hat als ich, ist normal. Mir hat sich zu dieser Nachbarin, deren Namen ich in meinem Buch nicht nannte, das andere Erlebnis eingeprägt, von dem mir Ulrike erzählt hat.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 31:

Abends kocht Ulrike Grießbrei und gießt ausgepressten Apfelsinensaft drüber. Später bringt sie die Zwillinge ins Bett.

Beleg für das innige Mutter-Kind-Verhältnis in: Röhl, Klaus: Die Genossin, S. 186:

… „ Katharina, die immer wie eine Glucke von Karl und Rosa verfolgt wurde und sich hauptsächlich auf die Kinder konzentrierte

Röhl, Anja:Die Frau meines Vaters, S. 31:

[…] Später sagt der Vater einmal zur Mutter, dass ihm Ulrike verboten hätte, die Zwillinge zu prügeln, sie habe gesagt, dass sei keine gute Erziehungsmethode. Er sagt das ganz stolz.

Einmal erzählt Ulrike dem Kind, dass sie eine der Zwillinge aus Versehen auf die Finger gehauen habe. Sie hatte Angst, die Kleine verbrenne sich an der Herdplatte. Da habe sie reflexartig zugeschlagen. Das war doof von mir, sagt sie später zu dem Kind, man darf keine Kinder schlagen.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 44:

Das Mädchen macht sich Sorgen um die Zwillinge. Haben sie den Streit belauscht? Wieviel bekommen sie mit? Das Mädchen erklärt ihnen stotternd, dass es besser ist, wenn Eltern sich scheiden lassen, als wenn sie zusammenbleiben und sich immer streiten.

Belege:

Beleg Streit zwischen den Ehepartnern in:

Röhl, Bettina: So macht Kommunismus Spaß, S.460:

… „auch hier gibt es manchmal heftige Streitereien zwischen meinen Eltern, eine mißgelaunte Mutter und einem fidelen und oft zynischen Vater“

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 45:

Die Zwillinge bekommen in der mittleren Etage zwei große Zimmer, eins zum Schlafen, eins zum Spielen. Das neue Kindermädchen heißt Almut.

Die Kindermädchen werden von Bettina Röhl, So macht Kommunismus Spaß, auf S. 439 genannt, sogar mit Klarnamen:

… „Ute und Marianne, von meinem Vater: `Ute , die Gute´ und `Marianne, die Pfanne´genannt

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 47:

Das Mädchen hört den Lärm bis in die Zimmer der Zwillinge, die kahl und verlassen sind. Die Spielsachen, Bücher und Malkästen, alles ist verschwunden.

Ich habe ihnen nicht Tschüs gesagt! Ich weiß nicht, wohin sie gegangen sind! Das Mädchen geht in den Garten. Sie schließt die Augen und sieht die Zwillinge vor sich. Ich werde sie nie mehr wiedersehen, denkt das Mädchen.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 54:

Dann steht sie am Flughafen Tempelhof in Berlin und schaut sich um. Die Zwillinge kommen auf das Mädchen zugestürmt. Sie sind richtig groß geworden. „Und ihr geht nun schon in die Schule?“, fragt sie und hockt sich zu ihnen. Ulrike fragt, ob sie Hunger habe. Das Mädchen sagt: „Ein wenig.“ Die Zwillinge rufen: „Ja, wir wollen Pizza essen!“ Sie fahren direkt zum Athena-Grill am Kurfürstendamm und kaufen Pizza. Ein Stück kostet eine Mark.

[…] Die Beschreibungen des Vaters stimmen überhaupt nicht, es ist gar nicht dreckig, es ist auch nicht schlampig. Es gibt hunderte Bücher, und es ist schön bunt, es gibt ganz viele Sachen.

Ulrike und die Zwillinge sind fröhlich, albern herum. Abends, als die Zwillinge im Bett sind, sagt Ulrike: „Weißt du, wie gut ich mich hier fühle? Früher habe ich geglaubt, dass man das nie alleine schaffen kann, ich dachte, man braucht einen Mann und dazu noch ein Hausmädchen. Aber jetzt habe ich weder das eine noch das andere und komme prima klar! Es gibt Freundinnen, die mir helfen, und außerdem entwickelt man Organisationstalent … es gibt auch viel weniger Streit.“ Sie macht eine Pause und sagt dann ernst: „Aber natürlich ist es schwierig. Alles, was ich hier mache, beäugt Papi misstrauisch und macht es ihnen schlecht.

Belege für die abwertende Schilderung meines Vaters:

Klaus Rainer Röhl in: Die Genossin, Beschreibungen der Wohnung und der Lebenssituation in Berlin, in der der Vater gar nicht wohnte, S. 217:

…“ Karl und Rosa lebten sich nicht ein. Sie heulten in einem fort, und niemand konnte sie daran hindern, auch nicht die Tatsache, dass sie so lange heulen durften, wie sie mochten, und überhaupt, fast alles durften“

Und S. 227:

…“ Dadurch war allerdings auch nirgends mehr etwas richtig sauber und aufgeräumt und abgewaschen wie bei den auf Hausfrau und Reinlichkeitsfimmel gedrillten Ehefrauen“

…“Manchmal sah es ziemlich schlimm aus in der Küche…und wenn dann ein Handtuch allmählich so fleckig aussah, dass sie es nicht mehr mitansehen mochte.. und Karl und Rosa herumschimpften, dass sei ihnen alles zu dreckig, dann schmissen sie das Zeug weg.“

Und auf S. 234:

…“Mit Unbehagen dachte sie an ihre Wohnung, die sie , die sie unaufgeräumt und schmutzig wieder vorfinden würde.“….“ die spakigen Betten, die Mengen Wäsche, die noch nicht verputzten Wände, die herumstehenden Möbel und Bücher, Prospekte, Zigarettenasche, Papierkörbe, Kisten und Pappschachteln“

Und auf S. 235:

.“Das Fürsorgemädchen…war nicht gut. Es log und zankte und stahl…, klaute wie ein Rabe… und die Kinder heulten noch mehr, weil I. nicht freundlich zu ihnen war, nicht lieb.

Und auf S.236ff, zum neuen Freund von Ulrike und der Berliner Situation:

…“Ein Freund, ein Gammler…Er wollte Filmemacher werden, …aber er konnte nichts, auch nichts lernen, überhaupt nicht. Wahrscheinlich wäre er ein guter Anstreicher oder Tapezierer geworden. Aber er konnte etwas anderes.. Er konnte trösten. Er konnte Katharina übers Haar streichen und mit ihr schlafen. Es war keine große Liebe, weiß Gott nicht, aber es ging….die Kinder quengelten…

…die Kinder, …sie störten alle mit ihrem Gequengel und Gezanke und Geheule.“

Und auf S. 238:

…“ Mit ihren vom Trampen schmutzigen Klamotten, mit ihren amerikanischen Soldatenbeuteln und Umhängetaschen. Das Zeug lag alles im Flur herum, zwischen den kaputten Spielsachen der Kinder und den Einkaufstüten…Es sah allmählich wie im Nachtasyl aus….Die Musik wurde nur noch übertönt von dem Heulen der Zwillinge, die aufwachten oder gar nicht schliefen und zu den Erwachsenen kamen und nicht ins Bett wollten

Dagegen Anja Röhl, als direkte Augenzeugin:

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 58:

Abends im Bett stellt sich das Mädchen vor, wie sie in Berlin in eine Schule gehen wird, um die Ecke Ulrike und die Zwillinge. Sie stellt sich auch die Berliner Wohnung vor und wie sie den Zwillingen bei den Schularbeiten hilft. Tagelang trägt sie den Brief mit sich herum.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 61:

Das Mädchen stürzt am Rand des Tisches herab, versucht sich noch festzuhalten, hat aber keine Kraft mehr. Sie schreit: „Nein!“, weil sie nicht will, dass das wirklich passiert ist, was sie da gerade gehört hat. Mord? Sie sieht ihren Vater tot in einer Blutlache liegen, die Zwillinge weinen, klammern sich aneinander, alleingelassen, zitternd. Wo sind die Zwillinge?, denkt sie, und dass sie sofort zu ihnen muss. Sie sieht Ulrike, über Felder fliehend, gejagt von Polizisten. Sie begreift, dass nichts mehr so sein wird wie früher. Ich werde sie nie wieder sehen, denkt sie. Ulrike ist unglücklich, sie wird ins Gefängnis kommen, wenn sie nicht schon erschossen ist. Das Mädchen malt sich alles aus, einen ganzen Roman.

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 63:

Ein Anruf von ihrem Vater, sie solle kommen, die Zwillinge seien wieder da. Der Vater beschreibt ausführlich, mit wie vielen Behörden er zusammengearbeitet hat, um die Kinder zu finden. Viele verschiedene Spuren seien verfolgt worden. Wo immer sich zwei kleine blonde Kinder zeigten, hätte sich gleich das FBI auf deren Fährte gesetzt. Schließlich wurden sie in Sizilien gefunden. Ein Freund, Stefan Aust, brachte sich in Kenntnis des Losungsworts, mit dem die Kinder einem Boten von Ulrike hätten übergeben werden sollen. Er kam damit Ulrike um einen Tag zuvor.

Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, 1997, S. 134, 135,136 und 137

Dass die Kinder von Aust, zusammen mit Homann mittels eines Losungswortes, in Sizilien gefunden und abgeholt wurden, wird ausführlich im Buch von Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, 1997, S. 134, 135,136 und 137 (durchgehend) beschrieben, das ist ohne Zweifel wesentlich detaillierter als in meinem Buch

Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, S. 63:

So habe er sie nun heimgeholt, erklärt er dem fassungslosen Mädchen. Die Kinder seien in Blankenese, sie brauche nur zu kommen, die Kinder fragten schon nach ihr. Das Mädchen fährt augenblicklich.

Die Zwillinge spielen im Garten und schaukeln. Sie haben ganz helles Haar bekommen. Sie laufen dem Mädchen entgegen. Das Mädchen schleudert sie herum, und dann spielt sie mit ihnen im Garten, als seien sie nie weg gewesen. Das Mädchen fragt sie nicht aus. Sie fährt nun wieder, wie früher, einmal pro Woche zu ihnen.

Belege:

Röhl, Bettina: So macht Kommunismus Spaß, Bildteil, S. 504 ff:

Eines der Stern-Garten-Fotos von 1972 (Kinder mit dem Vater im Garten, Hintergrund Villa) wurde 2006 im Buch von Bettina Röhl zwischen 504 und 505 abgebildet, dazu gab es schon 1972 einen Artikel, der die Geschichte der Kinder in Sizilien und wie sie wieder zurückkamen und schließlich im Garten spielend ihre Halbschwester begrüßen, „als wären sie nie weg gewesen“.

[…] Der Vater braucht Hilfe für die Kinder. So kommt Emmi ins Haus, die Mutter von Wolf Biermann, sie zieht in ein Zimmer in der Villa.

 „Ich tue es für Ulrike“, sagt sie dem Mädchen, wenn sie abends gemeinsam vor dem Fernseher sitzen. „Für niemanden sonst“, setzt sie hinzu, denn sie ist sauer auf den Vater. Er kümmert sich ihrer Meinung nach zu wenig. Morgens, sagt sie, schlafe er seinen Rausch aus, mittags gehe er in die Firma und anschließend noch zu Konferenzen, die in Kneipen stattfänden.

Am Wochenende fährt der Vater oft nach Köln zu seiner griechischen Geliebten, mit der er dort eine geheime Extrawohnung hat. Einmal nimmt er seine drei Kinder mit und führt sie stolz in dem kleinen Domizil herum.

S. 64:

Die Zwillinge bewohnen zwei kleine Kammern unter dem Dach. Die ehemaligen Kinderzimmer sind jetzt die Schlafgemächer des Vaters, durch die er zum Bad gehen kann. In den Kinderzimmern stehen nur Möbel, die schon beim Einzug in das Haus vorhanden waren, dunkelbraune Stühle, eine Kommode, ein kleiner Sofatisch und je ein Bett. Das Mädchen denkt manchmal an die Berliner Wohnung zurück, in der die Kinder große Zimmer mit vielen Sachen hatten.

Der Vater ruft das Mädchen oft an und fragt, ob sie übers Wochenende bei den Zwillingen bleiben kann. Das Mädchen macht das gerne. Wenn er hinzukommt, ist er aufgeräumt und lustig. Er kocht dann, gibt sich lieb und einfallsreich. Doch wie gut der Vater auch gelaunt sein mag, immer besteht die Gefahr, dass ein unbedachtes Wort alles zum Kippen bringt, wie bei allen jähzornigen Menschen.

 S. 65:

Wie er dem Kind früher Detektivgeschichten erzählte, so redet er jetzt von Lösegeldforderungen und behauptet, dass Baader die Zwillinge entführen werde.

 S. 66:

Glücklicherweise kann er auf sie nicht ganz verzichten, immer wieder braucht er sie zum Beaufsichtigen der Zwillinge, mindestens einen Nachmittag in der Woche und viele Wochenenden. Dem kommt sie gerne nach, auch mit Horst zusammen, den sie dem Vater aber nicht vorstellt.

 S. 68:

In der folgenden Zeit kann die junge Frau mit den Zwillingen über alles unbefangen reden, nur nicht über Ulrike. Einmal fragt sie die Zwillinge nach ihrem Besuch im Gefängnis. Das Gespräch stockt. Das Schweigen bleibt zwischen ihren Sätzen hängen wie eine Mauer, an der sich die Worte brechen. „Mami will, dass du auch mal kommst“, hallt im Raum.

 S. 71:

Die junge Frau klingelt bei ihrem Vater an der Tür. Die Zwillinge öffnen und begrüßen sie fröhlich. Eine der beiden hat einen Brief in der Hand, den der Postbote eben eingeworfen hat. Der Vater steht auf der Treppe und hat einen Brief in der Hand, der eben mit der Post gekommen ist. Der Brief hat einen Trauerrand, als sei jemand gestorben. Der Vater liest den Brief und beginnt schallend zu lachen. Es hört sich an wie ein Triumphgeschrei. „Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, große Sünden später. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit“, sagt er. Dann kann die junge Frau den Brief auch lesen. Eine Todesanzeige. Darin steht: „Wir möchten Euch hiermit in Schmerzen mitteilen, dass unsere kleine Tochter … im zehnten Lebensjahr an Leukämie verstorben ist.“ Die Tochter der Familie Holtkamp ist gestorben. Das waren die Freunde, zu denen Ulrike die Kinder gebracht hatte, als sie in den Untergrund ging. Sie wollte, dass die Kinder dort bleiben und nicht zum Vater kommen. Deshalb lacht der Vater nun über den Tod ihres Kindes. Was kann das Kind dafür? Das Mädchen blickt auf die Treppe, das braune Geländer verläuft in geschwungenen Bögen. Mein ganzes Leben wird nicht ausreichen, das wieder gut zu machen, denkt sie.

„Sie werden wieder versuchen, die Kinder zu entführen!“ Davon ist der Vater überzeugt. Er hat Angst, verlangt Polizeischutz „Sie sind in der Lage, kleine Kinder zu töten, wenn es ihrem politischen Zweck dient. Sie werden versuchen, die Kinder zu entführen, um Ulrike freizupressen.“ Den Zwillingen sagt er: „Mami ist da hineingeraten. Sie wollte etwas Gutes, aber es ist nichts Gutes dabei herausgekommen.“

 S. 74:

Momentan mache es Spaß, Zeitung zu lesen, die Linken seien leider nicht genug, aber auch schon verdammt viele, die junge Frau solle mal dafür sorgen, dass die Zwillinge auch welche werden.

 S: 77:

Um die Zwillinge nicht zu verlieren, spricht sie mit ihm wie mit jemandem, mit dem sie sich die Erziehung zweier Kinder teilt. Sie haben eine Art Erwachsenen-Kumpelverhältnis, in dem sie die Babysittertermine miteinander absprechen.

Trotzdem schreibt sie den Zwillingen. Fragt sie, wie es ihnen geht, und diese erzählen von ihren Urlauben mit der griechischen Familie. Sie werden nun offenbar häufiger dorthin mitgenommen. Sie erzählen von Urlauben auf Sylt, vom Christianeum, von ihren Freundinnen und Freunden dort und den ersten Jungensbekanntschaften. Es scheint ihnen gut zu gehen, sie werden wohl langsam erwachsen, denkt die junge Frau. In einem Brief fragt sie, ob die beiden nicht mal Lust hätten, zu ihr zu kommen, das neue Zuhause anzuschauen, und das Wunder geschieht, sie wollen. Und sie kommen tatsächlich.

Es klappt alles gut, sie holt sie vom Bahnhof ab, zeigt ihnen die Wohnung, sie geht mit ihnen essen und an einen Baggersee, aber die Zwillinge sind ihr doch ein wenig fremd geworden. Die junge Frau hat das Gefühl, als schauten sie sich in der Wohnung genau um und als fänden sie die Einrichtung unordentlich. Es kommt nur schwer ein Gespräch auf. Die Zwillinge scheinen ihr misstrauisch. Wenn sie etwas fragen, fühlt die junge Frau sich ausgefragt.

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