define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true); Gerdas Schweigen Rezension | Anja Röhl

Anja Röhl

Gerdas Schweigen Rezension

Ein Geheimnis wird erst dadurch zum Geheimnis, dass man es vor den Menschen verbirgt.

Gerdas SchweigenBis dahin ist es nur etwas Besonderes, was man erlebt hat. Es gibt Liebesbriefe an heimliche Geliebte, die man erst nach dem Tod der Großmutter auf dem Dachboden findet, aus denen dann Bücher werden. Effi Briest´s Briefe entfalteten ihre Schlagkraft erst viele Jahre nach dem Ereignis selbst. Jeder kennt so etwas und jeder hat schon mal ein „Geheimnis“ gehabt. Es wird dadurch zum Geheimnis, dass man es auch den allerliebsten und nächsten Menschen seiner Umgebung verbirgt. Warum tut man so was? Manchmal, weil es sich so ergeben hat, weil nie der Zeitpunkt passend erschien, diese Sache zu erklären, weil man sich für etwas meint schämen zu müssen, weil man dies eben ganz für sich allein behalten will.

Sie war mutig

In dem Film Gerdas Schweigen, der unbedingt sehenswert ist, geht es um solch ein Geheimnis. Der Autor und Interviewer seiner alten Tante in New York entdeckt es sukkzessive. Es entfaltet sich zunächst gegen den Widerstand der älteren Dame und doch ist sie am Ende spürbar erleichtert, als sich ihr ganzes Leben verändert hat. So nah kommen einem die Menschen selten im Film und so direkt ist man selten Zeuge von Entwicklung in einem Leben und dann noch in einem so alten Leben. Gerda ist 85 Jahre alt, als die Interviews beginnen. Sie ist Holocaust-Überlebende und erzählt erstmalig ihre Geschichte dem Mann, der sie als kleiner Junge in der Familie, die sie aufgenommen hat auf ihr Kind ansprach, über das sie nie sprechen wollte. Auf den Jugendbildern blickt einen eine mutige und lebenslustige Frau mit zwei Grübchen im Gesicht an. Sie war mutig, lief vom Sammelplatz weg, als sie geholt werden sollte, verbarg sich illegal in Berlin, wurde „gefasst“ und kam in die Fänge Mengeles nach Ausschwitz. Dort geriet sie in die Versuchsserie von schwangeren Frauen, denen „erlaubt“ wurde, ihr Kind zu gebären um es dann systematisch verhungern zu lassen. Mengele wollte „testen“, wie lange Säuglinge ohne Nahrung überleben und nach wie viel Tagen welche Symptome auftreten. Der Mutter wurde die Brust eingegipst, so dass sie ihr Kind nicht nähren konnte. Als Gerda davon erzählt, stockend und nur mit Mühe, spricht sie das erste Mal darüber und gibt ihrem Kind einen Namen: Silvia.

Ich konnte nicht drüber sprechen

Nun ist das „Geheimnis“ raus und entfaltet rasch seine Gefährlichkeit, denn Gerda hat nie darüber mit ihrem Mann und ihrem Sohn gesprochen. Warum nicht? Sie weiß es nicht. Es war ihr peinlich, dass sie schon einen Mann vor ihm hatte, es hatte sich nicht ergeben, sie hat nicht auf Verständnis gehofft, da es undenkbar schien, vor der Ehe Verkehr zu haben. Und das Trauma selbst wollte verdrängt sein: „Ich konnte nicht darüber sprechen! Ich wollte mich nicht erinnern! Ich wollte es mit ins Grab nehmen!“  so sagt Gerda und ist doch erleichtert, als sie endlich, ihr Sohn ist schon über vierzig Jahre alt, mit ihrem Sohn drüber sprechen kann. Er akzeptiert es nicht, er ist tief gekränkt. Warum spricht er nicht mit ihr darüber, sondern erstmalig mit einem völlig Fremden, noch dazu einem Deutschen? Er kann es nicht glauben, dass sie dieses Geheimnis so lange vor ihm verbarg. Er ist überhaupt ein Verzweifelter, denn er stammt von zwei Menschen ab, die die einzigen Überlebenden ihrer Familien sind. Da gab es nie eine Großmutter, nie Tanten und Onkel, nie Cousinen, nur immer sie und ihn, den Vater und die Mutter, jetzt nur noch die Mutter, denn der Vater ist tot.

Das Kind Silvia hat einen Namen bekommen

Die langsame Wiederannäherung zwischen Gerda und ihrem Sohn ist die letzte Sequenz des Filmes und dem Autor ist damit ein kleines Wunder gelungen. Nicht nur die Geschichte dieses vergessenen Kindes mit Namen Silvia hat er hervorgelockt und dem Kind damit Leben eingehaucht, auch eine neue Tiefe in der Beziehung zwischen Mutter und Sohn gelegt, die wie ein neuer Anfang Leben auch für den Sohn ist. „Meine Schwester“, sagt er am Ende und eine Verzeihung scheint angebahnt. Dieser Film ist etwas ganz Besonderes, denn er lässt einen nicht mehr los. Was ist mit den eigenen „Geheimnissen“, die man seinen Nächsten nicht erzählt hat? Warum erzählt man sie nicht? Je länger man sie verbirgt umso mehr kränken sie, wenn sie einstmals enthüllt werden. Darf man deshalb keine Geheimnisse mehr haben? Das sind so Fragen, die man sich stellt und ist doch froh, dass Gerda es „geschafft“ hat zum Ende ihres Lebens. Wenn sie es nicht getan hätte, wenn Knut Elstermann nicht gekommen wäre und sich interessiert und ihre Geschichte erfragt hätte, dann hätte dieses Kind mit Namen Silvia nie wirklich gelebt. So aber hat es nun einen Namen bekommen.

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