Anja Röhl

Giovanni – eine Passion – Rezension

Eine sehr eigenwillige Giovanni-Aufführung wird derzeit in der Neuköllner Oper gegeben, in ihr tritt eine Männergruppe gegen eine Frauengruppe auf, in ihr wird der Widerspruch Machismo und Hingabe, Männerfreuden und Frauenelend allgemein verhandelt.

Und in der Musik vermischt sich das Heute mit dem Gestern, die Jahrhundert-Musik Mozarts kommt wie in einem aufbrausenden Meer unterschiedlichster Töne daher, taucht unverhofft aus den tosenden Wellen eines Klangmeeres hervor, wird dann plötzlich allein und glasklar hörbar, brilliert in allen Verführungssequenzen mit unglaublich zärtlichen Original-Tönen, wird von wunderbar versierten Interpreten gegeben, absolute Stars, so dass mit dieser Aufführung auch Nicht-Klassik-Kennerinnen zu Mozart-Fans werden.

Nach den Verführungsszenen, in denen die Melodien wie im Liebesspiel flüsternden streicheln, wird die Musik danach rauer, moderner, härter und Gefühle wie Wut, Verzweiflung, Mord und Leidenschaft werden in neuer Musik dazwischenkomponiert und improvisiert.

Es ist, als ob die Töne ebenso tanzen und springen, wüten und lieben würden, wie die Masse der Menschen auf der Bühne der Neuköllner Oper, die zu dem Zweck ganz in vor-elektrisches Kerzen-Dunkel getaucht ist.

Die Klassikmelodien werden im Meer der fröhlichen Tanz-Musik erneut wieder nach unten verwirbelt, andere Klänge kommen hervor, neuere, technischen Geräuschen ähnlich, oder schreienden Stimmen. Ja, der Auftritt Elviras ist eine wilde schreiende Raserei, und doch schön, nie hysterisch. Eine schöne, wilde, laute Aufführung mit vielen internationalen Künstlerinnen und Künstlern.

Ein neuer Mozart mit besonderem Orchester 

Und mit einem absolut besonderem Orchester: Ein Orchester, dass, die Instrumente geschultert, mitspielt, mitsingt, mitspricht und tanzt. Sowas hatte ich noch nie gesehen. Das Stegreiforchester ist eine Neugründung im Klassikfach, junge Leute hatten genug vom Orchesterstehen, dem Dirigentenpult, auf das sie starren mussten und den Noten. Sie wollten auch, wie die Jazzer, zwischendurch mal improvisieren, sie wollten auch mal frei sich bewegen können, einander zugewandt spielen und siehe da: Ein ganz neuer Mozart wird uns da präsent.

Die Spielerinnen und Spieler rennen und tanzen mit ihren Gitarren, ihren Celli, ihren Geigen und Hörnern, ihren umgeschnallten Blasinstrumenten lustig springend über die Bühne, von einem Fest zum anderen. Zu Beginn getragen, trauernd, stehen sie zunächst in einem Spalier, durch das die Zuschauer wie eine Trauergemeinde geführt werden, dann schreiten sie wie in einer Prozession, oben mit sich führen sie einen Schrein, auf dem liegt die Uniform des Ermordeten, des Vaters der jüngst von Giovanni Verführten Anna, eine südländisch-katholische Beerdigungsszene, die alsbald in ein rauschendes Fest übergeht, die Hochzeit, wo Giovanni die nächste verführen will.

Mit Schmerz und Eros durchzogene Liebe

Die Oper Mozarts wird choreografisch, spielerisch und bildhaft ins Alltags-Spanien des 18. Jahrhunderts zurücktransportiert, und da in die Volksmassen getragen. Die Handlung wird in Art eines „Spiels im Spiel“ dem Volk vorgeführt, wobei das immer wieder erstaunliche und besondere das ist, dass die Musiker sich gegenseitig zuspielen, sich zulächeln, das Publikum einbeziehen,  miteinander und über die Instrumente hinweg und mittels der Instrumente, beginnen sie zu kokettieren, zu schäkern, eine allseitig mit Schmerz und Eros durchzogene Liebe wird gestaltet, als ein Spiel, als ein lustiges und auch Todes-Wut erzeugendes Spiel.

Die Sängerinnen und Sänger, allen voran die isländische Sopranistin Hrund Osk Arnadottir (Elvira, Masterstudium Eisler-Hochschule), die über eine enorm breit angelegte Stimmkraft verfügt, und Derya Atakan (Anna, ebenfalls Master Eisler-Hochschule, Konzertsopranistin), sowie Daniel Arnaldos (Tenor), Thomas Florio und Justus Wilcken (Baritone) waren in ihrer Gegensätzlichkeit und Aufeinanderbezogenheit sehr überzeugend.

Die beste Männerstimme hatte mit Abstand Enrico Wenzel (Baß), der durch ein Baal´sche Vitalität auffiel und auch an der Deutschen Oper, am Deutschen Theater u.v.a. Stätten schon gastierte.

Stegreif-Orchester: Ohne Noten, ohne Dirigent, ohne Stühle  

Eine großartige Idee war die, den Giovanni zusammen mit dem Stegreiforchester Berlin zu inszenieren (Juri de Marco und Anna-Sophie Brüning (musikalische Leitung) und Ulrike Schwab (Regie) haben sich da wirklich eine tolle Sache einfallen lassen. Das Orchester (www.stgrf.com) (Stegreif e.V.), tritt stets ohne Noten, ohne Dirigent und ohne Stühle auf, es spielte neben dem Tanzen, Springen, rennen und laufen, atemberaubende zwei Stunden auswendig und virtuos, wodurch der Volksfestcharakter des Stückes und seine Verbundenheit mit den bäuerlich-feiernden Schichten wunderbar großartig betont wurde.

Und wie in einem Spiegel der Haupthandlung wiederholte so das Ensemble das Spiel von Liebe und Hass, umgarnen und wüten, bis es sich zum Schluss in die erneute Bluttat hochsteigerte, nach der nur noch der Tod folgte, die Stille. Das Ende Giovannis ist auch das Ende der Verführungszärtlichkeit? Mozart sah es so. Ein zutiefst menschliches Problem zwischen allen Schichten, Geschlechtern, Glaubensrichtungen und Herkunftsunterschieden.

Das Temperament aller sprang schließlich aufs Publikum über, und am Ende tobte der Saal, jubelte frenetischen Beifall. Ein großer Wurf der Neuköllner Oper, die sich modernen, aufklärerischen Stoffen widmet, Kunst immer wieder kritisch hinterfragt, seit 1969 neu gestaltet, und den Orchestergraben schon vor 4 Jahrzehnten abgeschafft hat. Die Opernbühne für alle, nicht nur für die oberen Schichten. Absolut sehenswert!

 

 

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