Anja Röhl

Günter Herburger Nachruf: Wildnis, singend

5.5.2018 / jw-Feuilleton / Seite 11

„Wildnis, singend“

Zum Gedenken an den Dichter Günter Herburger

Zwischen Landsberger Allee und Storkower Straße spielt in der Berliner S-Bahn ein alter Mann Geige, eine traurige Melodie, ich gebe ihm mein ganzes Kleingeld, aber er kann nicht weiterspielen, er muss raus, in den nächsten Wagen. Ich merke, Musik hilft. Ich steige aus und höre einen Vogel über mir singen, ich blicke mich um und suche ihn, der einsam gegen den Lärm der Stadt ansingt. Mein Freund Günter Herburger ist tot.

Er starb in der Nacht zum Donnerstag, im Alter von 86 Jahren, an den Folgen eines tragischen Unfalls, an dem vor einigen Wochen schon seine Frau Rosemarie gestorben war.

Marathonläufer und Raucher

Günter, der Vielschreiber, Günter, der Philosoph, Günter, der Kenner und Bewunderer neuer Musik, Günter, der nicht aufhören konnte, zu erzählen und der nicht aufhören konnte zu lachen, der Lästerer über die Spießbürger, der Italienfahrer, der Marathonläufer und Raucher. Günter aus Berlin, Günter aus München, Günter aus Isny, Allgäu. Den ich in einem rosa Hemd mit einer weißen Weste im Sommer 1968 das erste Mal sah.

Behutsam der Wahrheit nähern

Freunde nannten ihn oft nur »Herburger«. Er wollte in seinem Werk Jesus erklären.Er schrieb »Die gleichmäßige Landschaft«, die so gar nicht gleichmäßig, sondern furchterregend war. Er war noch bei der Gruppe 47 gewesen und dann auch lange bei der DKP, obwohl er antiautoritär war. Er interessierte sich gleichermaßen für Phantastik und Realismus, seine Art zu schreiben hatte etwas sehr Besonderes. Sie scheint gleichsam verschlüsselt, wenn auch einfach formuliert und hat stets etwas Sezierendes. Die Texte zerbrechen oft in Tausenderlei Einzelheiten, mit denen sich behutsam der Wahrheit, nicht der Wirklichkeit, angenähert wird.

Viel zu wenig bekannt

Günter Herburger schuf gigantische Werke, in denen die Worte nach Gebrauchsfertigkeit und Zusammenhang suchten, da sie expressiv eine Welt nicht nur erklären, sondern auch zu bewältigen anstrebten. Viel zu wenig bekannt wurde seine »Thuja-Trilogie« über linke Kämpfe und Wünsche in beiden deutschen Staaten ab 1970, die er 1991 abschloss, nachdem er mehrere Jahrzehnte daran gearbeitet hatte. Als wilder und beständiger Kritiker unserer Zeit schrieb er Zukunftsromane, in denen sich die Apokalypse schon eingerichtet hatte, aber auch Bücher über das Langstreckenlaufen, das er mit knapp 50 begonnen hatte.

Eine Glühbirne, die sprechen und fliegen kann

Am erfolgreichsten waren seine »Birne«-Bücher in den 70er Jahren, es sind Klassiker der aufklärerischen Kinderliteratur. Im Mittelpunkt stand kein Fabelwesen, kein Rotkäppchen im Walde, sondern eine Glühbirne. Erfunden hatte sie sein kleiner Sohn Daniel und erfand für ihn die Abenteuer einer Glühbirne, die sprechen und fliegen kann und die die neue, hochtechnisierte Welt zum Besseren verändern will.

»Birne kann alles«, das erste Birne-Buch, empfiehlt Dietmar Dath in seiner ausgewählten Literaturliste am Ende seiner aktuellen Karl-Marx-Einführung, zusammen mit Werken von Brecht, Hegel, Poistone, Luxemburg und Pohrt.

Ein gefühlvoller Mann.

Günter war gut zu Kindern und lieb zu Frauen. Keiner, der mehr von sich hielt, als von anderen; einer, der die Welt liebte, ein einfühlsamer, gefühlvoller Mann. Er hat sich für Menschen in seiner Nähe, wenn diese Not litten, krank oder einsam waren, eingesetzt und hat einen nie im Stich gelassen, seine Frau nicht, sein Kind nicht, seine Freunde nicht.

Ich lernte von ihm, wie man schreibt.

Dreißig Jahre befand ich mich mit ihm im Briefwechsel, wir scherzten, stritten und erschütterten uns, besprachen die Dinge des Alltags, genauso wie die der großen Politik. Ich lernte von ihm, wie man schreibt, er war da sehr kritisch. Er schrieb gerne Briefe und hatte zahllose Briefpartner und Briefpartnerinnen, ich war eine von ihnen und seine Briefe haben mein Herz stets über die Maßen erfreut.

Wildnis, singend.

Günter hinterlässt eine trauernde Familie und trauernde Freunde und Leser. Sein großes Werk ist mehr und mehr in Vergessenheit geraten. 2016 erschien von ihm der Roman »Wildnis, singend« im neugegründeten Berliner Verlag Hanani über zwei Aussteiger in der süddeutschen Bergwelt, es sind ein Athlet und eine Madonna. Und eben hatte sich sein Verlag entschlossen, sein zuletzt abgeliefertes Werk zu drucken, da traf die Nachricht des Unfalls ein.

Ein Nazivater, der nicht mehr heimkehrte

Günter war ein Kind der 1930iger Jahre und des Krieges, desillusioniert und wach geworden, mitten in einem Jahrhundertverbrechen. 1932 im Allgäu geboren, kam er 1942 noch in die Hitlerjugend, wo sie ihm das Kämpfen beibringen wollten. Er aber sah die Bomber und Tiefflieger und passte auf. Es blieb ihm der Nazivater, ein Tierarzt, der nicht mehr heimkehrte. Weihnachten 1942 bekam er auch das Buch, das sein Literaturverständnis – wie er später sagte – am meisten prägte: »Rulaman« von David Friedrich Weinland, Erstauflage 1876. Ein Zoologe, der Geschichten über einen jugendlichen Jäger schrieb, die in der Steinzeit spielen – und auf der Schwäbischen Alb.

Gegen Krieg aufgelehnt

Günter gehörte mit zu den ersten, die sich gegen den Nachkriegsmief auflehnten. Und dann gegen den Krieg der USA in Vietnam. Er hat die ganze Welt bereist, später dann erlaufen, er ist von den höchsten Klippen gesprungen und suchte stets das extreme Abenteuer. Er strebte stets nach Aufklärung und Aufbruch, all seine Figuren sind davon gezeichnet, auf witzige und originelle Art. Er nimmt in ihnen unsere Gesellschaft auseinander, wirbelt sie durcheinander und setzt sie neu zusammen. So kommt es, das man mit ihm hinter die Dinge sieht.

An der Gesellschaft ist er, dank seines immerwährenden Schreibens, bis zuletzt nicht zerbrochen. Weinen konnte er, wie selten ein Mann, und lachen, unbändig lachen.

Am 28. Mai findet in Berlin eine Gedenkveranstaltung für Günter Herburger statt, um 19 Uhr im Buchhändlerkeller, Carmerstr 1

Kommentare

Es gibt 2 Kommentare für "Günter Herburger Nachruf: Wildnis, singend"

  • Henner Bechtle sagt:

    Sehr geehrte Frau Röhl,
    ich war ein Freund von Günter Herburger. Sein unerwarteter Tod hat mich sehr erschüttert.
    Seither bin ich auf der Suche nach der wahren Todesursache. Einige schreiben im Nachruf, es sei ein Autounfall gewesen, wobei seine Tochter Kathrin ebenfalls gestorben sei.
    Herr Wilkening vom Hananik-Verlag meinte, er sei in seiner Wohnung in der Blissestr.
    zusammen mit seiner Frau an einer Rauchvergiftung gestorben. Und er wolle mir Ihre
    Telefonnummer geben in den nächsten Tagen, denn Sie wüssten mehr darüber. (was er aber bisher nicht getan hat)
    Aus vielen Gesprächen mit Günter weiss ich, dass Sie eine gute Freundin von ihm
    waren.
    Falls diese Nachricht Sie jemals erreicht, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir
    die wirklichen Ursachen von Günters Ende sagen oder mailen könnten.
    (oo41 43 2775406)

    Mit freundlichen Grüssen
    Henner Bechtle

  • anja sagt:

    Ich rufe Sie an

Kommentar hinzufügen