Anja Röhl

Hundertjähriges Anti-Kriegsgedenken in der jw-Ladengalerie

Aus Anlass des hundertjährigen Mahngedenkens an den Ausbruch des ersten Weltkrieges, gab es in der Ladengalerie vom 15.11. bis zum 29.1.14 die Ausstellung „Kunst wider den Krieg“ zu sehen. 

Grafiken und Zeichnungen aus der Sammlung Gerd Gruber aus Wittenberg zum Thema“Kunst wider den Krieg“  haben das Publikum gleichermaßen erstaunt und begeistert. Die Blätter zeigen, dass es eine große Kunst in Deutschland immer gegeben hat, nur hat sie sich bis heute meist im Verborgenen bewegt.

Die Bilder sind prophetisch, düstere Nebelwüsten

Beim Betrachten der Bilder denkt man: Wie bekannt einem das alles vorkommt, wie erschreckend ähnlich doch die Zeiten des ersten imperialistischen Raubzugs mit heute sind. Die ausgestellten Zeichnungen, Radierungen und Lithografien zeigen düstere Nebelwüsten beider Kriege und deren Zerstörungen, in heftigen Kontrasten gegeneinander gesetzte Holzschnitte sich verschärfender sozialer Gegensätze, aufrüttelnde, Karikaturen ähnliche Politblätter und zahllose Alltagssituationen aus dem Widerstand gegen die Naziherrschaft, viele Blätter sind prophetisch, sie sahen das Unheil voraus und nahmen es bildnerisch vorweg, alle aber dokumentieren ausnahmslos eine Geschichte von unten, aus dem Blickwinkel der Armen und Entrechteten.

Nicht in gläsernen Palästen

Selbstverständlich sieht man solche Kunst nicht in gläsernen Palästen,  sie wäre vielleicht auch zum größten Teil vergessen, hätte sie nicht einer seit seinem 14. Lebensjahr gesammelt: Gerd Gruber aus Wittenberg , dessen Sammlung gleich in zwei dicken Bänden zusammengetragen worden ist und in der jw weiterhin ausliegt, (`Aufbruch der Moderne´ und `Bedrängnis und Widerstand´) lohnt sich sehr anzuschaffen.  Aus dessen Zusammentrag waren für die Ladengalerie 57 Blätter zum Thema: „Weltkriege und Widerstand – Kunst wider den Krieg“ ausgewählt worden.  

Die Bilder sind einfach, unpathetisch

Sie haben Titel wie:  `zerstörter Wald in Flandern´ , `Bildnisse von Verwundeten´, `was hinter der Nazilarve steckt´, `im Westen nichts Neues´, Erschießung im Kasernenhof´ , `Überlebende´, `Angst´, `Totentanz´. Sie warnen und mahnen, sie sagen: „Nie wieder!“, zeigen  Raubzüge, Kriegsschauplätze, und sind doch von ihrer Machart einfach, unpathetisch, sie wirken oft wie kleine Momentaufnahmen, schnelle Holzschnitte und Lithos für das nächtliche Flugblatt.

Im Westen nur von den 68-igern gewürdigt

Im Westen sind die meisten der verfemten Künstler der NS-Zeit und der Emigration erst im Zuge der 68-iger Bewegung für eine kurze Zeitspanne mal in der NBK in Ausstellungen zu sehen, in der DDR sind die überlebenden Künstler der faschistischen Verfolgung  meist auch später noch gewürdigt worden, man kann es den beigefügten Biografien entnehmen.

Lea und Hans Grundig

Zu sehen waren Blätter und Skizzen, Zeichnungen, Drucke, Radierungen, Lithos von Künstlern wie Otto Dix, Käthe Kollwitz, Lea und Hans Grundig, Max Ernst, Eberhard Viegener, Bruno Beye, Paul Fuhrmann und weiteren 46 Grafikern, die nicht nur zwischen 1914 und 1948 gemalt und gewirkt haben, sondern die auch oftmals später, sofern sie überlebten, die Welt noch weiter bereicherten, viele davon in der DDR, wo sie, oft als Hochschullehrer, einen nicht unwichtigen Anteil an der Ausbildung nachfolgender Künstlergenerationen hatten.

Verfemte haben die DDR-Kunst positiv beeinflusst

Dies mag nachdrücklich dazu beigetragen haben, die jetzt schon historisch zu konstatierende Entwicklung zu begründen, dass die DDR-Kunst der 60/70/80-iger Jahre als eine eigenständige, besondere Kunstrichtung in die Historie eingehen wird, die den US-Trend vollkommen sinnentleerter Kunst, wie sie sich in falsch verstandener Nachfolge der abstrakten Kunst entwickelt hatte, nicht mitmachte, aber doch nicht dem sowjetischen `politischen Realismus´ zuzurechnen ist, weil ihr nämlich jegliche Pathetik fehlt.Diese Kunst bleibt immer bescheiden, schon, weil die Formate oft klein, die Gegenstände aus dem Alltagsleben sind.

Finissage sehr gelungen

Bei freiem Eintritt und dazu einer Lesung der  Schauspielerin Esther Zimmering aus Briefen und Texten von Lea Grundig, gab es am 29.1.14 um 19 Uhr eine wunderschön arrangierte Finnissage und dazu ein letztes Mal diese kleine Auswahl aus dem riesigen Sammlerwerk des Wittenbergers Gerd Grubers zu sehen. Eines Sammlers, der den Verdienst hat, auch die weltunbekannteren Künstler aufgehoben zu haben, deren Namen erloschen sind, weil ihr Werk weitestgehend oder fast vollständig zerstört wurde.

Nicht vom Schicksal

Nicht vom Schicksal, nein, von aufgehetzten Massen, im Zuge einer militärisch angeordneten Aktion wurde die Kunst verfemt, vernichtet und diskriminiert. Im Dienste eines faschistischen Systems zum Erhalt der aus dem Ruder gelaufenen überdimensionierten Profite. Diese haben es mit viel Geld und billigster Propaganda hinbekommen, den Menschen in Deutschland ein X für ein U vorzumachen und ihnen gerade die Künstler auszureden und schließlich mit Gewalt auszutreiben, die auf ihrer, nämlich der Seite der Unterdrückten immer und ewig gestanden haben.

Erschreckend nah kommen einem die Bilder

 Bei den Kurzbiografien aller 46 Künstlerporträts liest man stets die Worte `verfemt´, ` in Zuchthaushaft gesessen´, `im Widerstand organisiert´, bedeutende Werke dieser Menschen sind zerstört worden, mit ihrer Kunst standen sie gegen den herrschenden Ungeist. Veränderung war es, was sie bewirken wollten, aufrütteln, dokumentieren, für die Nachwelt erhalten, die es einmal besser machen sollte. Erschreckend nah kommen einem die Bilder, erschreckend deutlich wird, dass alles vorauszusehen war und es immer schon viele kluge und höchst kreative Leute  gegeben hat. Lauter Kassandras, die das Unheil kommen sahen und davor gewarnt haben, per Zeichnung und auf Drucken, auf Flugblättern und als Karikaturen in Zeitungen. Überall, unübersehbar. Da half auch nicht das Verbrennen. 

Wunderschön ausdrucksvolle Porträts

Wunderschön ausdrucksvolle Porträts waren dabei, wunderschöne Menschengesichter. Eine sehr schöne Finissage am 29.1. 14 in der Ladengalerie der jungen welt, wo man nachträglich noch das umfangreiche Sammlerwerk des Gerd Gruber aus Wittenberg anschauen kann.

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