Anja Röhl

Ausverkauf der Altenpflege

25.7.11 / jw-Feuilleton

Da kann man noch so nett sein und wird doch nichts als Hospitalismus produzieren! Wer kämpft mit Brigitte Heinisch gegen den Ausverkauf der Altenpflege?

Mit großer Freude las ich am Freitag, daß der Umgang Berlins mit der Altenpflegerin Brigitte Heinisch vor sechs Jahren gegen die Europäische Menschenrechtscharta verstieß. Heinisch war nach Beschwerden über unzumutbare Arbeitsbedingungen vom landeseigenen Vivantes-Konzern fristlos entlassen worden. Die BRD muß sie nun entschädigen. Dem Bundesarbeits- und dem Verfassungsgericht zum Trotz steht damit fest, daß in den deutschen Altenheimen ein riesiger Reibach auf Kosten von Menschen gemacht wird, die sich nicht wehren können.

Empörung in Handeln umsetzen

Das Strasbourger Urteil sollte ermutigen, gegen die Ohnmacht der Altenpflege aufzubegehren. Über den Ausverkauf ihrer Berufsethik wissen wir auf dem Buchmarkt alles, nur leider sorgt das bisher kaum für Empörung, die in Handeln umgesetzt würde. Wie bekannt, findet hier im Verborgenen etwas so Grauenhaftes statt, das man erst versteht, wenn man mittendrin steckt. Filme wie »Späte Aussicht« oder Bücher wie »Abgezockt« und »Sauber und still« werden fast nur von Betroffenen gelesen. Die Mehrheit scheint sich zu sagen: Alter? Was ist das? Da kommen wir doch gar nicht mehr hin! Von Bedeutung mag auch die neoeugenische Argumentation sein, wir würden leider viel zu alt und das sei eben zu teuer.

Ist das gut? fragt sie

Ich habe kürzlich ein Wohn- und Pflegeheim im reichen Hamburg besuchen dürfen, weil eine gute Freundin nach einem Narkosefall dement geworden und dahin gekommen ist. Ein gerade privatisiertes Heim der Luxusklasse. Eine Angehörige der Freundin versichert mir, daß hier alle nett seien. Ich verbringe vier Stunden mit meiner Freundin. Wir gehen spazieren, schauen Schwäne und Enten an. Im von mir vorstrukturierten Gespräch lacht sie, versteht, adäquat zu antworten, findet manchmal nicht die richtigen Begriffe für das, was sie sagen will, ist etwas langsam; die Irrtümer räumen wir aber immer schnell aus. In Gesprächspausen bringt sie eigene Assoziationen zur Sprache. Wir betreten gegen 17.30 Uhr das Heim, zum Abendessen wird sie in einen kleinen Raum mit Vierertischen gebeten, alle haben Hospitalisierungsstereoty­pien und reden nicht. Sie selbst beginnt auch, kaum sitzt sie an einem Tisch, stereotyp aufzustehen und sich wieder hinzusetzen. Ein Zwang, der ausgelöst wird, sobald man sie mit dem Rollstuhl an den Tisch karrt. Ich sage, daß das gut sei, da sie dadurch ihre Beine trainiere. »Ist das gut?« fragt sie mich erstaunt, als sage man sonst zu ihr, sie solle das sein lassen.

Jahrzehntelang an Literatur herangeführt

Das Essen rollt an. Die es hinstellen, sprechen nur das Nötigste, Deutsch ist auch nicht ihre Muttersprache. Meine Freundin, ein Sprachgenie, war bis vor einigen Monaten noch Gymnasiallehrerin, jahrzehntelang hat sie Abiturklassen an deutsche Literatur und abendländischen Humanismus herangeführt. Meine Gesprächsangebote zu Literatur und Kunst kann sie mühelos aufgreifen, sie lacht mich dabei an und sagt, ich sei ganz die Alte geblieben, sie freut sich, sie versteht. Als ich der Schwägerin versichere, daß sie mich mit der Freundin allein lassen kann, da ich im Erstberuf Krankenschwester sei, sagt meine Freundin, daß sie mir vertraue, aber nicht, weil ich Krankenschwester sei, sondern aufgrund meiner menschlichen Eigenschaften. Mit jedem Thema, das ich ihr vorgebe, kann sie etwas anfangen. Über einen Grammatikfehler bei einem Diavortrag im Heim lacht sie sich kaputt, das weiß sie noch eine halbe Stunde später, mit Geld, Zahlen, Alltagswörtern aber kann sie nicht mehr umgehen.

Hinter hochgezogenen Bettgittern 70 Bewohner

Im Heim haben alle rollstuhlgerechte Einzelzimmer mit Bad, hinter jeder zweiten Tür, die offen steht, sieht man einen Pflegebedürftigen hinter hochgezogenen Bettgittern liegen. Auf dem Weg zum Fahrstuhl treffe ich im Schwesternzimmer auf einen Mann vor einem PC, der seine Worte mühsam suchen muß. Er beschäftigt sich »mit Dokumentationen«, hat »wenig Zeit«, erteilt aber einige Auskünfte. Sie haben auf dem Flur 69 Pflegebedürftige, beinahe alle dement und nicht gehfähig. Er sei »Pflegehelfer«. So nennt man die ohne einjährige Ausbildung zum »Krankenpflegehelfer«. Sie arbeiten zu dritt: zwei Pflegehelfer und eine ausgebildete Kraft auf 70 Bewohner. Seit der Privatisierung seien die Gehälter gekürzt, die Bewohnerzahlen aber erhöht worden.

Übrig bleibt Hospitalismus

Da kann man noch so nett sein, da kann man nichts als Hospitalismus produzieren – unter diesen Bedingungen bleiben die Bewohner immer allein. Für die Gehfähigen werden Referenten eingekauft, die Diavorträge halten. Das ist löblich, aber verwirrte Menschen brauchen Gespräche, einzeln, mit spürbarer Zuwendung. Mehr als das regelmäßige Waschen brauchen sie Menschen, die sie gern haben, die sie kennen oder im Laufe der Zeit kennenlernen könnten. Das ist nicht möglich auf diese Art. Kein Wunder, daß der Alltag in den Pflegeheimen so aussieht wie von der mutigen Brigitte Heinisch am Freitag im Interview mit dem Deutschlandfunk geschildert: Hilflose, alte Menschen, die nichts verbrochen haben, »spielen mit ihren Exkrementen, essen sie und schmieren sie an die Wände wie an Knastmauern«. Was da läuft, ist nicht mal Verwaltung und Verwahrung, sondern die total auf Profit abgestellte Verdinglichung des Menschen.

Statt Preise Konsequenzen!

Welche Konsequenzen Heinischs Triumph vor dem Gerichtshof des Europarats haben wird, liegt auch an uns. Je länger wir Augen und Ohren verschließen, nach dem Motto, was geht es uns an, desto schlimmer werden die Zustände. Wenn wir heute nichts dagegen tun, leiden wir morgen selber in diesem »Pflegesystem«. Sollte es in Deutschland nur eine einzige Frau geben, die das begriffen hat? Von allen Seiten hagelt es nun Preise auf sie herab. Ich glaube, das war nicht ihr Anliegen, sie wollte, daß etwas in den Heimen geschieht, jetzt, sofort, noch heute.

Originalartikel hier