Anja Röhl

Kaufen, wo die Kanonen donnern

Immer, wenn ich das vermute, was einige Jahre später aktenkundig wird, dass fundamentalistische angebliche Islamkämpfer, die Hunderte von Zivilisten in die Luft jagen, waffenstrotzende, vermeintlich Aufständische, die fürs Steinigen von Frauen eintreten, oder Massaker verübende Kindersoldaten vom CIA bezahlt werden, der im Auftrag internationaler Konzerne agiert, dann sagen mir regelmäßig manche Leute, dass ich eine Verschwörungstheoretikerin sei.

Dass eine rechte Gewalttätertruppe, die NSU, die bisher nicht mal bekannt war, vom Staatsschutz, den man, statt SS, heute VS nennt, nicht nur bezahlt, sondern auch aufgebaut, unterstützt, gedeckt, getarnt und ausgebildet wurde, das hätte ich aus diesem Grunde bisher niemals laut zu vermuten gewagt.

Keine Satire, ein Börsenblatt

Kürzlich stach mir die Überschrift einer Zeitschrift ins Auge, als ich an der Kasse eines Supermarktes stand, auf der Titelseite hieß es: „Kaufen, wo die Kanonen donnern“. Beim Näherkommen sah ich, dass es sich um kein Satire-, sondern um das deutsche Börsenblatt handelte. Ein Professor Max Otte (ein relativ berühmter Berater diverser Politiker, einschließlich von Frau Merkel) empfahl seinen Mitanlegern da zu investieren, wo gerade „Krisen“ die Welt erschüttern würden. Das sei eine schon über hundert Jahre alte Weisheit von Finanzgenies, an die man sich halten solle. Mitgeliefert wurde eine Statistik weltweiter „Krisen“ (unschwer als Umschreibung von Kriegen erkennbar), deren Grafikkurve erst Kurseinbrüche und nachher steile Aufschwünge verzeichnete. Auch Herr Maischberger war dafür und noch ein anderer „Experte“.

Europäische Aktien werden wie eine Rakete abgehen

Selten hört man es so klar aus der sauberen Industrie-Etage unserer Klassenge-sellschaft, selbst unter Ihresgleichen herrscht oft ein Um-den-heißen-Brei-Herumreden.  Nun stand es hier ganz klar und deutlich: Krisen sind gut, denn die brauchen wir, um die „Wirtschaft“ anzukurbeln. Und wortwörtlich: „Bei Schwäche zugreifen. Wenn sich dann die ersten Lichtblicke am Horizont zeigen, werden europäische Aktien wie eine Rakete abgehen.“  Wer in Krisenzeiten investiert, gewinnt! (Der Aktionär, Börsenpflichtblatt, N. 32/12, S. 14)

Krieg führt man wegen dem Gewinn

Ich hatte schon 1998, auf dem Kriegsparteitag der Grünen, Brechts Mutter Courage zitiert: „Krieg führen die Leute wegen dem Gewinn!“ und doch gehen über viele aufgeklärte Menschen, die sich nach Selbsteinschätzung für zumindest linksliberal halten, immer noch jedem angeführten „humanitären“ Kriegsgrund auf den Leim, wo ein ehemaliger Verbündeter nach dem anderen plötzlich als Bösewicht aus dem Hut gezaubert wird.

Kriege bringen Aufschwung

Dabei bedeutet die Börsenblattempfehlung doch nichts anderes als: Kriege bringen den Aufschwung, denn nach der Zerbombung ist das Land geschwächt und kann kein ernstzunehmender Konkurrent um die eigenen Rohstoffe mehr da sein, die wird man dann quasi „geschenkt“ bekommen, es muss auch erst wieder aufgebaut werden, daran kann man auch verdienen und eine um 30-50% verringerte Bevölkerung lässt sich leichter als Absatzmarkt erschließen, wenn sie alles verloren hat.

An anderer Stelle resümiert der illustre Professor darüber, dass europäische Aktien „im Süden extrem heruntergeprügelt“ worden seien, dass das für ihn aber unter den Begriff „Einkaufsmöglichkeit“ falle, dazu: „wenn Griechenland abbröckeln würde, wäre mir das ganz recht, denn letztlich gehört dieses Land nicht in die Eurozone.“ (ebenda: S. 15)

Parlamentarier sind abhängig

Ich weiß nicht, warum, wenn man von Interessen spricht und wie die Klassen sie jeweils durchsetzen, und wen sie dafür angestellt haben, man immer so auf Unverständnis stößt, wenn man von den Interessen der herrschenden Finanzmonopolmagnaten spricht.  Die Parlamentarier sind nun mal von ihnen abhängig, sie können doch gar nichts ohne sie tun. Das hat Sartre in seinem Roman „Räderwerk“ meisterhaft beschrieben. Der nach einer Revolution neugewählte Präsident hat sich kaum auf dem  halbverrußten Stuhl seines Vorgängers niedergelassen, als schon ein Ölmagnat des Landes durch eine Seitentür eintritt und seine Bedingungen stellt, ohne die der arme Mann keinen weiteren Tag regieren kann. Wenn also eine Volksmeinung erzwingt, dass man Energie sparen sollte, um das Polkappenschmelzen aufzuhalten, so erhöhen die Energiegesellschaften eben ihre Preise und der Staat vergibt hochenergieverschwenderische Aufträge. Das künstliche Wachstum muss erhalten, verbessert, in die Höhe getrieben werden, egal, ob es die Pole abschmelzt, Kriege entfesselt, Krebs über Land und Leute bringt.

Eine sich selbst immer wieder zerstörende Wirtschaftsform

Das ist das Chaos des Kapitalismus, einer sich selbst immer wieder zerstörenden Wirtschaftsform, die man auch als staatlich gefördertes Verbrechertum betrachten könnte und die momentan sogar schon dabei ist, Teile ihrer bürgerlichen Schichten und die ihrer Unterstützer zu verlieren. Das sind gefährliche Zeiten, wenn das passiert, dann drohen die Kriege nicht nur in den Absatz- und Rohstoffländern, dann drohen sie unter den kapitalistischen Staaten selbst und gefährden unser das bequeme Dasein. Konkurrenz belebt das Geschäft, sagt man, in diesem Fall facht es Kriege an. Wo werden also demnächst „Kanonen donnern“? Man darf gespannt sein, Tatsache ist, die Börsenblattabonnenten reiben sich schon die Hände. Momentan wird der Süden Europas vom Norden ausgepresst und erwürgt, in den Zeitungen verbreitet man aber, es werde Geld verschenkt.

Systematische Aufreizung zum Kriege

Das kommt einer systematischen Aufreizung zum Kriege gleich, denn was wird diesen Ländern schließlich anderes übrig bleiben? Den Deutschen, versteht sich, wird dann wieder erfolgreich eingeredet werden, sie seien angegriffen worden und selbstverständlich müssen sie sich dann wieder wehren mit großem Trara. Wenn daraus dereinst der 3. Weltkrieg entstanden sein wird, will es wieder niemand vorausgesehen haben.  Aber ich weiß, ich bin ein Verschwörungstheorieanhänger. Hier ist es doch ruhig, sagen die, die nachher am meisten schreien werden. Befürchtungen, dass es nicht  ruhig bleiben wird, wird jetzt mit den unbemannten Dronen entgegengehalten, das wäre etwas Feines, ein neues Spielzeug am Kriegshimmel. Die Menschen in den Gebieten, wo diese programierten Robotermörder jetzt schon seit Jahren herumfliegen, verzeichnen eine Zunahme von schweren psychischen Angst-Erkrankungen.

Wehe, wenn das Unrecht erkannt wird

Die Ruhe hierzulande gleicht einem Lähmungszustand, der dumm und kalt macht, weil man dumm und kalt sein muss, um das alles nicht wahrnehmen zu müssen. Die einzigen, die offen nach Kanonen rufen, sind die M.O. – Parlamentsberater der Börsenszene. Die Hartz IV-gelähmten Massen triezen bislang noch ihre Kinder. Aber wehe, wenn sie aufwachen! Wehe, wenn das Unrecht erkannt wird. Doch auch das kann womöglich noch zu einer börsenfreundlichen Zerstörungsaktion umgelenkt werden, davor graut mir.

Es gibt es nur eins: Entmachtung der Börse, Entflechtung der Konzerne, Banken in die Hände des Volkes! Öffentliche Kriegstreiber in Sicherheitsverwahrung.

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