Anja Röhl

Keinen Schritt weiter – Jugend im Grips – Rezension

Aus 40 Jugendlichen der GRIPS-AKADEMY-Masterclass bekamen 11 Jugendliche die Chance über 4 Wochen in den Sommerferien mit dem belgischen Künstler Gregory Caers zu arbeiten. Mit der Uraufführung des daraus entstandenen Stückes „Keinen Schritt weiter“ eröffnet das Grips jetzt seine neue Spielzeit.

Wer aber dachte, er bekommt hier Laientheater zu sehen, sah sich getäuscht. Gegeben wurde eine hochprofessionelle Aufführung. Mit lediglich zwei nur durch silbrige Jalousien angedeuteten Räumen auf der Bühne, mit einer Musik, die zum Teil aus Atmen, Kratzen auf seltsamen Gegenständen und anschwellenden Trommelwirbeln bestand, sowie einer an Simon Rattle erinnernden atemberaubenden Choreografie, gelang es der Gruppe eine wirklich gute Atmosphäre der Verdichtung und Spannung zu erzeugen. Das Stück kann sich sehen lassen: Es ist der Blick ins Innere einer heutigen Jugendparty. Erwachsene haben davon gehört, sehen am Ende die verwüstete Wohnung, die Polizei beklagt manchmal Opfer, aber was passiert in Wahrheit, worum geht es, was bewegt die Einzelnen, was spielt sich in ihnen selbst ab? Dies wird hier durch mehrere interessante Kunstgriffe deutlich, die sehr gut dramatisiert sind.

Etwas ist passiert, man weiß nicht was

Es ist ein Zeitsprung eingebaut, denn in einem der Räume spielt sich chronologisch das Geschehen ab, im anderen wird jeweils eine spätere Zeit gezeigt. In dieser Zeit gibt es Polizeiverhöre, nachdenkliche Monologe, Verzweiflung, Trauer, Appelle, Fragen an die Erwachsenen, die offen bleiben. So erfährt der Zuschauer schon am Anfang, dass auf dieser Party etwas passiert sein muss. So beginnt er zu lauern, genau zu beobachten, aufmerksam zu sein. Es beginnen ihm Kleinigkeiten aufzufallen, eine junge Frau scheint Angst zu haben, sie steht abseits, ist merkwürdig, ein junger Mann scheint in eine verliebt zu sein, er traut sich aber nicht, auch hier wächst Spannung.

Von der Künstlichkeit in immer exzessivere Selbstentäußerung

Am  meisten beeindruckt die Steigerung der Stimmung aus Künstlichkeit, Harmlosigkeit, Langeweile in immer exzessivere Selbstentäußerung. Man versteht plötzlich ohne Worte, was diese Jugendlichen für ein Problem haben. Die Auflösung ist unspektakulär und wie zufällig, auch das ein sehr guter Kunstgriff. Sehr professionelle Choreografie, die einen keine Minute langweilt und sehr viel mehr ausdrückt, als gesagt wird. Jede der Spielerinnen und Spieler hatte auch mehrere herausragende Einzelszenen, so gab Jing Xiang eine klassische Stotterszene, die in sehr kraftvoller Art aufgelöst wurde. Aber auch andere überraschten mit großartiger Sprech- und Körperkunst sowohl in den Einzel- wie in den Gruppenszenen.

Warum ist es verboten aus der Mülltonne Essen zu klauen?

Die Fragen der Jugendlichen in der Verhörkabine: „Warum ist es verboten aus der Mülltonne Essen zu klauen, wo es doch weggeschmissen wurde?“  „Warum halten sich Menschen für die bessere Rasse?“  Verzweiflung, Wut, ein ungeheuer energiereiches Bedürfnis die Welt zu nehmen, die sich ihnen jedoch verweigert und für diese Gefühle nur Partys und Konsum vorhält, wo sie zu Automaten ihrer selbst werden. Stark assoziativ, sehr körperbetont umgesetzt.

Alle Inhalte wurden von den Jugendlichen selbst erarbeitet, selbst getextet, selbst gewählt, Choreografie und Regie hat lediglich geholfen, dies in eine gemeinsame dramatische Form zu bringen. Bravo. Sehr gelungen! Man kann es heute Abend noch einmal und dann nochmal im September anschauen.

Neue Spielzeit: Jette und Frieder von Klaus Kordon – Ein Revolutionsstück

Die neue Spielzeit enthält viele politische Stücke, so eines über eine Altenkommune, sowie die Dramatisierung des Klaus Kordon-Romans: 1848 – Jette und Frieder, ein Revolutionsstück. Man darf gespannt sein.

Nächste Aufführungen von „Keinen Schritt weiter“: Heute: Sa, 10.8.13 um 19.30 Uhr, Grips im Podewil        

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