Anja Röhl

Kind aller Länder – Rezension

Anja Panse hat kürzlich die vergessene Irmgard Keun auf die Bühne gebracht, im Stück „Kind aller Länder“ wird aus Sicht einer zunächst Fünfjährigen, dann Zehnjährigen das Drama von Flucht und Vertreibung beschrieben. 

Es handelt sich um das Mädchen Kully, dessen Nachname nur einmal fällt: Er lautet Roth, sie ist der Tochter von Joseph Roth nachempfunden, während der Emigrationsjahre.  Irmgard Keun gehört neben Vicki Baum und anderen zu den vergessenen Schriftstellerinnen der 30er Jahre, die, in die Emigration gezwungen, nach 1945 in Deutschland, das noch den Nachfaschismus ausschwitzte, niemals wieder „hoch“ kamen.  Zu Unrecht fand die Regisseurin Anja Panse (Rosa, Trotz alledem!) und hat in einer atemberaubenden Inszenierung mit einer einzigen Schauspielerin (Glänzend: Friederike Pöschel, sie ist auch Co-Produzentin) die kindlichen  Gefühle und inneren Monologe in einer zerrissenen Zeit, die verdächtig ins Heute deutet, mit viel Kunstfertigkeit und Originalität auf die Bühne gebracht.

In Hotels bin ich nicht gern gesehen

Da ist zunächst eine Frau in einer nicht genau definierten Nachkriegszeit (50-60er Jahre), die in einem Hotelzimmer sitzt und auf ihrem Stift herumzukauen scheint. Sie will etwas schreiben, doch es gelingt nicht.  Die Bühne besteht aus einem Tisch mit Schreibmaschine, einem viereckigen roten Teppich und drei leeren, gelblichen Stellwänden, die um das Teppichquadrat wie Wände eines Hotelzimmers herum stehen, kommentiert: „in Hotels bin ich nicht gern gesehen, ich hasse Hotels und sie hadert: Wenn einem nichts mehr einfällt, ist man schon verfault und tot!“

„Nicht weinen, Pauline, nicht weinen!“,

So füllt sie nun plötzlich mit der Stimme ihrer Eltern ihre eigenen Erinnerungslücken, „wir sind ausgewandert!“ Dann geht sie zu einem seitlich stehenden alten Koffer mit vielen Aufklebern und nimmt ein Buch heraus, liest Tagebuchsequenzen vor, mit denen der Zuschauer nun in die Kinderwelt eintritt. Die Frau verwandelt sich, wird zum Kind. Zu diesem Zweck hat sie eine interessante Haarfrisur, rechts streng nach hinten, eine Erwachsenenfrisur, links ein herabhängendes Zöpfchen, das oft lustig zu wippen scheint. Sie lacht, als sie von den ersten Erinnerungen an Ostende erzählt, Meeresgeräusche, Möwen, Kully sammelt Seesterne und Muscheln und tobt am Strand mit anderen Kindern und lernt unanständiges französisch. Das Kind ist da noch Kind, der Übergang ins Erwachsenenleben geschieht unmerklich, fließend. Das Stück lebt durch eine sehr gut beobachtete kindliche Filterung der abgelauschten Erwachsenenkommentare und –gespräche, der Radioreden und der Zeitungsausschnitte, die die Eltern diskutieren.

In die Freiheit ausgewandert

Dass Schule ausfällt und nun die Mutter sie unterrichtet, findet sie gut, fragt sich aber, warum die Kinder in Deutschland noch lesen und schreiben lernen, wenn sie nachher, so wie ihr Vater, nicht mehr schreiben dürfen und deshalb „in die Freiheit“ auswandern müssen. Sie singt, lernt spielend die Sprachen französisch, dänisch, schwiezer dütsch, englisch, sie lernt, was ein Pass, ein Visum, eine Grenze ist (köstliche Sequenzen darüber: Ein Visum kann ablaufen, eine Grenze kann man nicht einmal sehen!)

Kinder in Zeiten von Krieg und Vertreibung

Im Folgenden werden die traumatischen Stationen dieses unsteten Lebens in Hotels, deren Rechnungen oft lange unbezahlt bleiben, Trennungserlebnissen vom Vater, immer mit großer Angst verbunden, dass der Vater nicht mehr wiederkommt, oft ohne geregeltes Essen (wir gehen jetzt oft Sonne essen!), später mit schwer kranker, wie tot daliegender Mutter, die schließlich sogar in Europa zurückgelassen wird, eine nach der anderen, assoziativ, in Rückblenden, aus der Erinnerung hervorgeholt, was schließlich ein ungeheures Gesamtbild dafür bietet, wie es Kindern in Zeiten von Krieg und Vertreibung geht.

Da lebte ich noch nicht, als die Zeiten besser waren

Erst spielt sie noch lustig mit einem Ball, da geht die Mutter kurz weg, sofort senkt sich die Angst auf das Kind, ob die Mutter überhaupt nochmal wiederkommt. Der Stoff erinnert an „La storia“ von Elsa Morante in seiner Eindringlichkeit und bis zum nächsten Tag wird man das Bild dieses Kindes nicht los, wenn es während der ganzen Zeit fast nie das eigene Elend sieht, sondern nur das der Eltern, sich beständig Sorgen um deren Belange machen muss, keine Spielkameraden in all den Orten mehr hat, überhaupt ganz und gar vereinsamt und entwurzelt wird. Wenn die Mutter von den besseren Zeiten schwärmt, sagt sie sich lakonisch: „Da lebte ich ja noch nicht, als die Zeiten besser waren“.

Mal ist sie ein Vogel

Als sie einmal ganz allein eine Ozeanüberfahrt machen muss, kommentiert sie: „Jetzt sind wir alle allein!“, und sie möchte schließlich so lange Arme haben, dass sie beide Eltern umarmen kann, was wiederum bedeutet, Trost den Eltern zu schenken, und wer tröstet sie? Doch Anja Panse inszeniert den Stoff nicht nur traurig, was eindimensional wäre, sie bringt immer wieder auch magische Momente ein, in denen sich das Kind durch Eintreten in eine Traumwelt hilft, mal ist sie ein Vogel, kann über alles hinwegfliegen, mal aber auch gerät sie in Panik, das Stück schafft es, die Problematik auf vielen Ebenen sinnlich erfahrbar zu machen, so dass das Wesen eines Kindes ungeheuer vielschichtig und auch erschreckend verstehbar wird.

Was erleiden sie?

Was muten wir unseren Kindern zu? Was ist uns zugemutet worden? Was erleiden täglich Tausende von Kindern auf der Flucht vor Krieg und Gewalt zusammen mit ihren Eltern oder getrennt von ihnen, allein in Rettungsbooten, auf die unsere Soldateska Jagd macht, und sie ins Mittelmeer zurücktreibt, wo schon 30.000 von ihnen ertrunken sind? Was erleiden sie, falls sie überleben, hier, in unserem unwirtlichen Land, wo von Willkommen in schönen Worten geredet wird, aber das Handeln die brandschatzenden Hooligans bestimmen? Das sind die Fragen, mit denen man aus dem Stück kommt.

Eine Puppe, der sie alles anvertraut

Großartig auch die Leistung der Darstellerin. Zunächst fällt sie sehr abrupt aus ihrer Erwachsenen- in die Kinderrolle, dann gelingt der Wechsel jedes Mal übergangslos und überzeugend. Mehr und mehr wird sie selbst zum Kind, das all das fühlt, wovon sie mit ihrer Puppe spricht. Ein Motiv, was Anja Panse schon in ihrer Rosa-Inszenierung erfolgreich angewandt hat, der innerlich Monologisierende will zu einem Gegenüber sprechen, wenn es nur sich selbst hat und das Kind wählt die Puppe. Viele Kinder haben oft so eine Puppe, der sie alles anvertrauen, ein Selbsttrostfaktor. Auch die Musikerin ist wieder die schon aus der Rosa-Inszenierung bekannte, die Klänge sind sanft untermalend, drängen sich nie formalistisch in den Vordergrund begleiten die seelischen Zustände jeweils sehr einfühlsam.

Die Krabbe ausgetrickst

Die Reliquien aus dem Koffer, die den Erinnerungen der Protagonistin entsprechen hängen zum Ende alle an den leeren Hotelwänden und umrahmen die Szenerie warm und anregend, das Zimmer ist am Ende nicht mehr leer und todesähnlich langweilig, sie ist nun angefüllt, wir sehen die Eltern, den Verleger Krabbe, wie er erst steif ist, mit Kindern nicht kann, dann tobt, als Kully ihm verrät, dass der Vater noch 200 Seiten schreiben muss, und schließlich Kullys Weinen nicht aushält und so die Hotelrechnung doch übernimmt. Eine wunderschöne Szene, in der das Kind von einem ängstlichen Tierchen zu einem Fisch in einem gedachten Meer wird, der die böse Krabbe wunderbar austrickst.

In Kleinigkeiten andeuten

Anja Panse hat als Regisseurin eine unverwechselbare Handschrift, ein Regietheater der ganz besonderen Art, assoziativ, mit Traumsequenzen, intensiv, seelisch einfühlsam, klug, historisch wahr, originell und sehr besonders auch in der Art der Requisite, die nicht die Realität vermeiden will, jedoch auch nicht einfach abbildet, sondern in Kleinigkeiten nur jeweils dem Zuschauer andeutet, so dass er weiterdenken, weiter assoziieren kann, was als das wichtigste Prinzip des epischen Theaters gilt. Man kann sagen, dass Anja Panse mit diesem Stück Irmgard Keun wirklich von den Toten widerauferstehen gelassen hat, „ Kind aller Länder“, ein hochaktuelles Stück! Hingehen, Freunde mitnehmen, das Einfraustück mit nur wenig Requisite ins örtliche Kulturhaus einladen! Es lohnt sich!

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