Anja Röhl

Kleiner Mann, was nun? – In neuer Fassung – Rezension

Nach dem neuerlichen Welterfolg des ersten antifaschistischen Nachkriegsroman: „Jeder stirbt für sich allein“, kam Ende 2016 jetzt auch der Arbeitslosenroman „Kleiner Mann, was nun?“ ungekürzt heraus, eine Überraschung, auch dieser Roman, oft als trivial und „kleinbürgerlich“ verlacht,  hat nun die Dimension Balzacs oder Zolas: Ist große realistische Literatur!

Durch Zufall konnte Briefen entnommen werden, dass es noch irgendwo eine Urfassung geben müsste, diese wurde gefunden und ausgewertet, und siehe da, über 25 % des Romans waren einer Kürzung zum Opfer gefallen, mehrmals berichtet Fallada ironisch, dass man dies der höheren Töchter und des Verlags willen getan habe. Es kann aber sein, dass sich hier bereits die aufkommende Naziherrschaft ( Ende 1932 gab es mehrere größere Wahlerfolge der Nazis) als Schere in den Köpfen der Verlagslektoren bemerkbar gemacht hat.

Weniger unschuldig, dafür vielschichtiger

Nun hat Aufbau erstmals die ungekürzte Fassung von „Kleiner Mann, was nun?“  vorgelegt. Es macht keinen Spaß Stelle um Stelle zu vergleichen, aber unbedingt, alles noch einmal zu lesen. Siehe da, unser Held Pinneberg ist weniger unschuldig, weniger schüchtern, weniger unbedarft, dafür vielschichtiger, echter. Auch erfüllt Lämmchen, seine Frau, viel weniger das typische bürgerliche Rollenbild, sie konterkariert es an vielen Stellen durch handfeste proletarische Eigenarten, auch sie also: Vielschichtiger, beide sind viel stärker in der Entwicklung befindliche Charaktere.

Tiefgreifendere Analysen

Man kann es auf die einfache Formel bringen, dass Fallada nicht nur freier und differenzierter über Sexualität spricht, mehr aus dem sozialen Leben der Endphase der Weimarer Republik sehen lässt (ähnlich wie in „Wolf unter Wölfen“), sein Klassenstandpunkt tiefgreifendere Analysen liefert, sondern dass er selbst auch deutlicher in seiner dichterischen Qualität hervortritt. Der noch aus der späten Nazizeit sich bis in unsere Tage erhaltene Standpunkt, es handele sich bei ihm um Trivialliteratur, ist damit ein weiteres Stück widerlegt.

Bis in den Abgrund hinein

Es war überhaupt seltsam, dass man ihm bis weit in die germanistischen Seminare der FU Berlin in den 80er Jahren anhängte, er sei ein irgendwie nicht ganz echter Dichter, ganz im Gegensatz zu Thomas Mann, Trakl, Benn, Grass, Lenz, Böll und anderen. Doch ist nicht der ein Dichter, der dem Volk aufs Maul schaut? Fallada hat das getan und zwar gründlich und bis in die kleinste Kleinigkeit und bis in den tiefsten Abgrund hinein. Die neue Version macht dies deutlich, besonders, wenn man nun auch versteht, welche Szenen und warum sie gestrichen wurden.

Gestaltung des Arbeitslosenelends hochaktuell

Hans Fallada hat oft selbst ein wenig von dem erlitten und durchlebt, worunter seine Protagonisten leiden und an was sie sich abarbeiten, merkwürdigerweise ist ihm dies nicht als besonderes Verdienst angerechnet, sondern oft als Makel vorgeworfen worden, so als sei das Beweis für eine mindere dichterisch-gestalterische Qualität. In dem  neuen Kleinen Mann,  bekanntlich die Gestaltung des Arbeitslosenelends, heuer wieder hochaktuell, wird deutlich, wie stark seine dichterische Gestaltungskraft ist.

Beispiel: Tilgung der Robinsonszene und Konsequenzen

Ein Beispiel ist die Tilgung einer besonders reflektierenden Szene, in der der Held über seine Situation nachdenkt, was offenbar so nicht sein durfte: Die Tilgung der „Robinsonszene“ in der alten Druckversion, dort flicht Fallada im Wechsel zwischen Erzählerkommentar und personaler Erzählweise eine längere Kindheitserinnerung ein, die den Anti-Helden Pinneberg zutreffend im Sinne Krakauers (Die Angestellten, 1930) charakterisiert, sie beschreibt, wie er sich gern, wenn ihm wieder die Umwelt übel mitgespielt hat, in den Tagtraum Robinsoninsel und dazu noch „Erdhöhle“ zurückziehe und diese Phantasie sofort uninteressant werde, wenn ein Freitag auftrete, also am liebsten: Keinen Menschen mehr. Dazu wurden vom  Erzähler politisch-analysierende Kommentare dieser Stelle beigefügt: Geldnot, Kündigungsfurcht, würdelose Behandlung, Lebenssattheit der Großen, das alles hat den Angestellten verstört.

Scharfer und eindeutiger antinazistischer Standpunkt

Als diese Szene wegfiel, mussten mit ihr sämtliche weiteren politischen Kommentare, die sich auf diese Insel-, und Höhlenphantasie bezogen, u.a. scharfe Analysen der Gründe, warum die armen geknechteten Leute zu den Nazis abwandern, mit sehr scharf und eindeutig antinazistischen Standpunkt vertreten, auch in einer Szene, die ihm in der alten Druckversion als antisemitisch ausgelegt wurde, findet sich in der nun vorgelegten Urversion, die genau gegenteilige Aussage.

Die Axt für das gefrorene Eis von heute

Es lohnt sich also unbedingt, den um 100 erweiterten ungekürzten Roman neu, von vorn bis hinten zu lesen und auf sich wirken zu lassen. An vielen Punkten ist er moderner, schärfer und selbstbewusster als die gekürzte, zahnlos gemachte Fassung von 1932. das Buch kann sich sogar als Axt für das gefrorene Eis von heute lesen lassen, weniger, wie es Kafka forderte, für das eigene Innere, als vielmehr für die verkrusteten Zustände unserer Gesellschaft, die hier sichtbar werden und sich damit entlarven.

Hans Fallada und Siegfried Krakauer

Vielleicht war auch das 1980 nur für einige wenige Vordenker voraussehbar, dass wir noch einmal wieder solch eine Armut haben würden, wie damals, soviel Existenzangst, von der die satten Bürger nichts ahnen, soviel Unterschiede zwischen reich und arm.  Entspricht Hans Fallada in der Literatur nicht Siegfried Krakauer in der damaligen Wissenschaft? Liefert er nicht eine glasklare materialistische Perspektive auf die Klassenwidersprüche der neuen Schicht, der kleinen Angestellten, genau wie sie Siegfried Krakauer in seiner Studie, Die Angestellten, 1930,  darlegte?

Stimme, Würde, Kraft

Fallada gibt in der neuen Fassung der unterdrückten und sozial isolierten Schicht in seinen Figuren mehr Stimme, mehr Würde,mehr Kraft, ähnlich, wie es Emile Zola in Frankreich mit seinem Roman „Der Totschläger“ tat: Würde, Kraft und ein Menschenbild, das ein Recht darauf hat, wahrgenommen zu werden. Und was Zola seinerzeit für das Pariser Unterschichts-Proletariat tat, das hat Fallada für die neuen Schichten der Mittelschichten getan. Nichts anderes ist große Dichtung. Eine, die gesellschaftliche Wahrheit sichtbar und fühlbar macht, eine, aus der revolutionäre Kraft entstehen kann.

Diese musste wohl offenbar abgeschwächt werden, die alte Druckversion an vielen Stellen gemäßigter, manchmal sogar gänzlich verharmlosend. Trotzdem hat sich damals das Buch unter der Bevölkerung mit den immerhin über 50% Linkswählern, kurz vor Hitlers Machtergreifung, noch millionenfach verbreitet. Seine Kraft konnte in der abgeschwächten Form nicht ausreichend sichtbar werden. Zumindest nicht im Sinne einer Verhinderung des NS-Faschismus in Deutschland.

Umso wichtiger, dass wir es heute in ungekürzter Form vorliegen haben. Es hat das Buch: „Kleiner Mann, was nun“, durch seine Hundert neuen Seiten an politischer Schärfe, an soziologischer Analyse und dichterischer Kraft gewonnen! Auch seine Frauenfigur ist lebhafter, wacher, klarer und überlegter als in der gekürzten Fassung.

Fazit der Ergänzung: Fallada muss auf einer Ebene mit Emile Zola, Honore´Ballzac und Anton Tschechov diskutiert werden und endlich auch in Deutschland bei den Germanisten Anerkennung finden.

Leider wird auch heute noch sehr stark der biografische Ansatz der Werksanalyse betrieben, eben sind sowohl im Steffen-Verlag, als auch bei Aufbau neue Biografien zum 70. Todestag herausgekommen, große, dicke Fleißarbeiten, die in den 30.000 Seiten erhaltenen Briefen Falladas, ein unerschöpfliches Reservoir zu neuen Auslegungen und Interpretationen finden.  Es ist gut, dass es geschieht, aber sie ergänzen noch allzu oft nur den pathologisierenden Ansatz des Psychiaters Neumärker, der erst 2015, noch vor den beiden Biografen jetzt, die Geschichte des Hans Fallada wieder, wie schon Jürgen Mantey, als eine Krankengeschichte abgeliefert hat.

Die deutsche, besonders die westdeutsche Literaturwissenschaft muss aber stattdessen das Werk Hand Falladas in einen historisch-literarischen Kontext stellen, muss es stilistisch, als eine fortschrittlich, die Zeiten überdauernde Kraft anerkennen und ihm einen bedeutenden Platz einräumen, und die historischen, psychologischen, literarischen, philosophischen, und die politische Bedeutung seines Werkes aus sich selbst heraus untersuchen und an Beispielen dokumentieren. Da ist nich viel zu tun. Danke zunächst an den Aufbau-Verlag für die Nachforschung nach dem Ursprungstext.

Es lohnt sich, das Buch zu bestellen, hier!

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