Anja Röhl

Mein Herz tanzt – Filmrezension

21.5.15  jw/ Feuilleton

Er finde seine Themen »direkt vor der Haustür«, sagt der israelische Regisseur Eran Riklis (»Die syrische Braut«, »Lemon tree«) – sie lägen »keine fünf Minuten« entfernt auf der Straße.

Der neue Film dieses sympathischen Künstlers, bei dem man oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll, heißt »Mein Herz tanzt«. Mich hat der Titel unwillkürlich an den Rammstein-Song »Mein Herz brennt« in »Lilja 4-ever« (Schweden 2002), einem Film über Menschenhandel und überhaupt einer der ergreifendsten Filme aller Zeiten über Trauer, Schmerz und Ungerechtigkeit erinnert. Darum geht es jetzt auch bei Riklis, auch wenn »tanzt« fröhlicher klingt als »brennt«.

Immer wieder rassistische und chauvinistische Vorurteile

Riklis zeigt immer wieder rassistische oder chauvinistische Vorurteile, die ja bis heute in den besten Familien und modernsten Zusammenhängen vorkommen. Gerne führt er die entsprechenden Alltagstheorien ad absurdum, um dahinter die Gefühle und Bedürfnisse seiner Figuren sichtbar werden zu lassen. »›Mein Herz tanzt‹ könnte auch die Geschichte eines jungen Türken sein, der nach Deutschland kommt, um dort zu studieren«, sagte der Regisseur in Berlin bei einer Vorstellung seines Films, in dem es um arabische Israelis geht. Die sind, wo sie geboren wurden, geduldet, so lange sie niedere Tätigkeiten ausüben und unter sich bleiben. In einer Eliteschule wird es schon schwerer.

Während über ihm Patriot-Raketen sausen

»Mein Herz tanzt« lässt sich in drei Teile gliedern. Der erste zeigt eine arabische Familie in Israel. Ihr kleiner Sohn ist ein aufgeweckter Schlauberger. Am Anfang richtet er eine Antenne auf dem Dach, während über ihm Patriot-Raketen irakischen Scuds entgegensausen. Später gewinnt der Vater mit Hilfe seines Sohnes einen Rätselwettbewerb gegen den verhassten Lehrer, der die Kinder in der Schule triezt. Der Alltag dieser Familie eines »Pflückers« wird amüsant und liebevoll geschildert. Eines Tages kommt der kleine Junge dahinter, dass sein Vater mal studiert hat und nach politischen Unruhen als »Terrorist« einsaß. Als er dann in der Schule nach dem Beruf des Vaters gefragt wird, sagt er nicht »Pflücker«, sondern »Terrorist« und bezieht dafür Prügel. Anschließend klärt der Vater ihn darüber auf, dass er kein Terrorist war, sondern Widerstandskämpfer, Rebell. Er durfte sein Studium nicht fortsetzen, muss deshalb nun geächtet als Pflücker leben.

Das Heimliche der Liebe macht den Kitzel aus

Zu Beginn des zweiten Teils ist der Sohn 14 Jahre alt und hat die Aufnahmeprüfung für ein israelisches Elitegymnasium bestanden. Er verlässt sein arabisch geprägtes Zuhause, um unter israelischen Großbürgerstöchtern und -söhnen auf dem Internat zu leben. Dort ist er kleineren und größeren Diskriminierungen ausgesetzt. Zunächst wirkt er verschüchtert. Wenn er mal etwas sagt, lachen die anderen über seinen Dialekt. Dieser Teil ist ruhiger gehalten als der erste, tragischer im Verlauf, weniger witzig. Anhand vieler Kleinigkeiten wird die Herabsetzung des Jungen deutlich, der sich in ein jüdisches Mädchen verliebt, das recht orthodoxe Eltern hat. Das Heimliche, Verbotene dieser Liebe macht ihren Kitzel aus, befeuert sie. Das Mädchen glaubt wie die anderen auf dem Internat, dass er stinkt. Gleichzeitig ist sie fasziniert von seiner »Fremdheit«. Lange kann das nicht gutgehen.

Ein überraschender Schluss

Der dritte Strang wird parallel aufgenommen und führt zu einem überraschenden Schluss: Der Held wird durch das Sozialprogramm der Schule als freiwilliger Helfer an die alleinerziehende Mutter eines behinderten Jungen vermittelt. Bald ist er dicke mit dem Gleichaltrigen, dessen Identität er schließlich annimmt. Ein Coming-of-Age-Film über Identitätsprobleme in einer von Diskriminierung geprägten Welt und über eine Liebe, die unglücklich bleiben muss.

Einem türkischen Schüler erginge es nicht anders

Von den drei Teilen hat mir der erste besonders gut gefallen. Witz und Absurdität verlieren sich etwas im Laufe des Films, der im Grunde nicht tragisch wird, eher ein wenig langatmig und redundant, was den Gesamteindruck aber kaum schmälert. So könnten angeblich aufgeklärten »höheren Schülern« die Konsequenzen der Abwertung zu vermitteln sein, die israelische Araber erfahren müssen. An sich ist das alles auch auf unsere Gesellschaft übertragbar: Einem arabischen oder türkischen Schüler erginge es an einem deutschen Elitegymnasium kaum anders.

Etwas Einfaches

Eran Riklis will seinen Film als »etwas Einfaches« verstanden wissen: »Er handelt von Liebe«, sagt er ganz bescheiden, »nichts weiter«. Aber ein bisschen mehr ist es schon.

»Mein Herz tanzt«, Regie: Eran Riklis Israel/D/F 2016, 104 min, Kinostart heute

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