Anja Röhl

Mühlenhaupt Museum Kreuzberg – Ausstellungsbesuch

Zurück zur Basis. In Berlin gibt es seit Anfang des Jahres das Mühlenhaupt-Museum Kreuzberg, dem an einer Repolitisierung der lokalen Kulturszene gelegen ist. Eine Gegenbewegung zur Tendenz der Enthistorisierung und Gentrifizierung von Kreuzberg soll das sein, angestoßen von der ehrenamtlich betriebenen Browse Gallery.

Das Mühlenhaupt-Museum Kreuzberg nennt sich »Aufbauprojekt« (wie eine politische Gruppe) und ist auf der Empore der Marheinekehalle im Bergmann-Kiez zu finden. Der Eintritt ist frei, es kann gespendet werden. Erst einmal wird die vergessene Avantgarde und Boheme des alten Kreuzbergs von den 50er bis in die 70er Jahre ausgestelllt. Unter dem Titel »Inside Out I« soll es 15 Ausstellungen bis 2015 geben. Der Künstler und Kneipier Kurt Mühlenhaupt (1921-2006), der Namens­pate des Museums, war eine der bekanntesten Figuren dieser Szene.

Auf menschliche Art modern

Auch er war beeinflußt von der Galerie Zinke, die das Mühlenhaupt Museum noch bis zum Wochenende in einer Ausstellung unter dem Titel »Auf menschliche Art modern« würdigt. Ihr folgt im April die Ausstellung »Pulsierendes Leben – pulsierender Tod« über die Berliner »Malerpoeten«, 40 Jahre nach deren Gründung und 20 Jahre nach ihrer letzten gemeinsamen Ausstellung. Es handelt sich um schreibende Maler und malende Schriftsteller wie Karl Oppermann, Günter Grass, Wolfdietrich Schnurre oder Günter Bruno Fuchs. Die Malerpoeten hatten sich historisch aus der Galerie Zinke entwickelt. Zu ihnen gehörte auch Kurt Mühlenhaupt.

Ein Politikum

In der Galerie Zinke hatten es einige Avantgardisten mitten im Kalten Krieg gewagt, einen eigenen, symbolisch getönten, gesellschaftskritischen Realismus zu entwickeln. Sie knüpften an die Traditionen aus der Weimarer Republik an, die mehr mit der Kunst, die in Ostberlin gemacht wurde, zu tun hatte, als mit der Forderung nach Abstraktion, die aus den USA kam. Das machte die Zinke zu einen Politikum, zumal sie regelmäßig Besuch von Künstlern, Literaten und Intellektuellen aus dem Osten bekam, als es die Mauer noch nicht gab.

Freundliche Leute, die ein bißchen Essen geben

Die Galerie wurde 1959 in einem ärmlichen Hinterhaus von Allroundkünstlern gegründet: Von Günter Bruno Fuchs (Schriftsteller und Grafiker), Robert Wolfgang Schnell (Maler, Schriftsteller und Schauspieler) und Günter Anlauf (Bildhauer und Maler). Später kam der Maler Sigurd Kuschnerus dazu. Der Name der Galerie war dem Rotwelsch entnommen und bezeichnet eine Markierung an Häusern für das reisende Volk: Hier wohnen freundliche Leute, die ein bißchen Geld oder Essen geben.

Anna Seghers, Helene Weigel, Herbert Sandberg

In der Künstlervereinigung Zinke arbeiteten die Gründer gemeinsam mit vielen weiteren jungen Künstlern. Sie malten, zeichneten, radierten, druckten und machten Holzschnitte und Plastiken. Dabei mischte sich Kunst mit Antikunst, Ostkunst mit Westkunst. In seinen Erinnerungen »Wo sich die Balken bogen« erzählt der Schriftsteller und Radiofeuilletonist Lothar Klünner, wie in der Zinke Hermann Kant, Johannes Bobrowski, Anna Seghers, Helene Weigel, Herbert Sandberg, Lothar Kusche u.a. eine große Festgemeinschaft bildeten, getragen von kollektiver Begeisterung. Die Schließung 1962 geschah laut Fuchs, Schneller und Anlauf, »weil unsere Ostberliner Freunde nicht mehr kommen konnten«.

Auch viele Freunde unter den Nachbarn

In Westberlin, der Frontstadt des Kalten Krieges, hagelte es gegen das »Kommunistennest« Anzeigen wegen Ruhestörung. Auch wurde auf die Feiernden Nachtgeschirr entleert. Darauf reagierten die Zinkeleute mit Happenings, Selbstironie, Nonsens und Geblödel. Doch sie hatten auch viele Freunde unter den Nachbarn. Wie man so sagt: Sie interessierten sich für das Menschliche, für das Konkrete und sie setzten die Freundschaft gegen den Haß. Damals verliefen die Kreuzberger Straßen durch vom Wirtschaftswunder vergessene und kriegsverlassene Viertel. Sigurd Kuschnerus, das einzige noch lebende Zinke-Mitglied, zeigte in seinem Werk kalte Häuserfronten. Ironie der Geschichte: Die heute extrem gestiegenen Mieten in eben diesen Häusern haben ihn in das Brandenburger Umland getrieben.

Leere Wände zu bestaunen

Angesichts der Tristesse von Hinterhoffabriken, wo Kinder ohne Bäume spielten, wirkte das Lob der Bescheidenheit in der Adenauer-Gesellschaft besonders dumm, weshalb ihm mit Hedonismus gekontert wurde. Genauso wie man die Rückkehr des Militärischen mit Pazifismus beantwortete. Und auch sonst wurde gesellschaftspolitsich interveniert. Als die Art-Brut-Bilder von Friedrich Schröder-Sonnenstern aus der Weihnachtsausstellung 1960 im Kreuzberger Rathaus wegen angeblicher »Jugendgefährdung« zensiert wurden, kamen die Freunde aus der Zinke und hängten ihre Bilder ebenfalls ab und in der Zinke und in Kneipen wieder auf, so daß bei der Vernissage im Rathaus leere Wände zu bestaunen waren.

Stilprägende Sofas

Nach Ansicht der Schriftstellerin Ingeborg Drewitz haben die drei Zinke-Gründer im Kalten Krieg einen berlinisch-schnoddrigen, phantastischen Realismus durchgesetzt, der »seitdem nicht mehr aus der Nachkriegsentwicklung der Berliner Kunst und Literatur wegzudenken« war. Bald wurden die Zinkeleute (Fuchs: »Sagen Sie ruhig ›Mischpoke‹ zu uns«) die »Kreuzberger Boheme« genannt, deren Hang zum anarchisch-funktionalen Interieur mit abgenutzen Sofas und einfachen Möbeln stilprägend war. Kurt Mühlenhaupt übernahm diesen Ansatz für seine Kneipe »Leierkasten« und natürlich für seinen Trödelladen. Heute ist er im Untergrundnachtleben selbstverständlich.

Gegen die Nivellierungstendenzen des internationalen Einheitsindividualismus

Die Macher des Mühlenhaupt-Museums Kreuzberg fühlen sich dem Maler Herbert Weitemeier verbunden, der gemeint hatte, er gehöre nicht zur akademischen Kunstszene. John Colton, der Kurator des Mühlenhaupt-Museums, möchte die vergessenen Künstler Westberlins aus ihren Kellern holen. Oder wie es Eberhard Roters schon 1979 formulierte: »Der Rückzug auf den Kiez, wie es den Anschein hat, ist in Wirklichkeit gar kein Rückzug, sondern die Herausforderung von einigen Individualisten gegen die Nivellierungstendenzen des internationalen Einheitsindividualismus«.

»Auf menschliche Art modern«, noch bis 22. März

»Pulsierendes Leben – pulsierender Tod – Die Berliner Maler­poeten«, ab 5. April bis 3. Mai, www.muehlenhaupt-kreuzberg.de

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