Anja Röhl

Murmeln, mumbeln, Flüstertüte – Buchrezension

jw / Feuilleton, 13.5.16

Das Buch: »Murmeln, Mumbeln, Flüstertüte – Lexikon der Bewegungssprache«, herausgegeben von Ines Wallrodt und Niels Seibert ist ein überraschend wirkendes Buch. Eigentlich ein Lexikon, regt es einen aber an, es von vorn, wie ein kleines Geschichtsbuch zu lesen, dazu ist es noch amüsant.

Zuerst wollte ich nur kurz mal reinschauen: Das Vorwort verspricht eine Entschlüsselung szenetypischer Begriffe aus »linken Zusammenhängen«. Ich las mich nicht nur fest, sondern begann es, neugierig geworden, nach einer Weile von vorn, Seite für Seite, wie ein richtiges Buch, zu lesen. Es hat mich amüsiert. Und schlauer bin ich auch dadurch geworden. Plötzlich war ich mitten drin in einem Geschichtsaufriss meiner politischen Herkunft, in den lockeren, undogmatischen Zusammenhängen, wie sie sich seit Rudi Dutschke und der Kommune I in Westberlin und in Westdeutschland ab Ende der 60er Jahre formiert hatten. Und dann auch in Brokdorf, Gorleben, Wackersdorf bei den Anti-AKW-Protesten, oder im Hüttendorf gegen die Startbahn 18 West oder bei den Antifas, bis zu den Demos gegen die Weltwirtschaftsgipfel. Stets ging und geht es um spontane, direkte und spektakuläre Aktionen nach großangelegten, um Basisdemokratie ringenden Theoriediskussionen, um Bürgerinitiativen, Ankettungsaktionen, Flashmobs.

Selbstironisch und erhellend

In diesem Buch wird das ganze große Feld der außerparlamentarischen Bewegung seit 1965 abgesteckt, beschrieben, kontextualisiert und auf sehr witzige Art analysiert. Das ist alles sehr selbstironisch, erhellend, niemals denunzierend und aus einer klaren Sympathie heraus formuliert. Ines Wallrodt ist ND-Redakteurin und Niels Seibert Aktivist, er kommt aus autonomen Gruppen. Sie haben 20 Autoren versammelt, um die »Bewegungssprache« zu erklären – durchaus auf dialektisch-materialistische Art. Wenn es zum Beispiel heißt: »Nichts kann so nervenaufreibend sein wie eine stundenlange, jeden radikalen Reflex einschläfernde Latschdemo…«, wird dem gleich die »Nachttanzdemo« als flotte Alternative gegenübergestellt, die in den frühen nuller Jahren in Frankfurt am Main unter dem Motto »Deutschland den Schlaf rauben« organisiert wurde.

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Bewusstes Sprechen

Und immerzu geht es um bewusstes Sprechen. Man erfährt, dass der Begriff »Volksküche« antiquiert sei, weil mit dem Wort »Volk« oft reaktionär hantiert wird. Es heißt nun nicht mehr »Vokü«, sondern »Küfa« (Küche für alle). Bei der Erklärung des Begriffs »radikal« wird sowohl Bezug genommen auf Karl Marx (radikal kommt von Wurzel, und die Wurzel für den Menschen ist der Mensch) als auch auf eine früher einmal in Westberlin berühmte und verbotene Zeitschrift gleichen Namens, deren Macher und Leser verfolgt wurden.

Freie politische Aktionen , Kampf gegen die Ohnmacht

Dieses Lexikon sollte unbedingt von allen Ossis gelesen werden, die den Westen bis 1989 nur aus dem Fernsehen kannten und meinen, alles, was die »Westlinken« erreicht haben, sei Pillepalle, weil doch der Kapitalismus seit der Übernahme der DDR gesiegt habe. Das ist viel zu unbeweglich gedacht. In »Murmeln, Mumbeln, Flüstertüte« geht es um freie politische Aktionen, um den Kampf gegen die Ohnmacht. In diesem Buch schreiben Autorinnen und Autoren der Jahrgänge 1962 bis 1989.  Sehr empfehlenswert !

Ines Wallrodt, Niels Seibert (Hg.): Murmeln, Mumbeln, Flüstertüte. Unrast, Münster 2016, 128 S., 9,80 Euro

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