Anja Röhl

Persönliche Erklärung zum Buch über Ulrike Meinhof

Der Text meines Buches über Ulrike Meinhof „Die Frau meines Vaters“, beruht gänzlich auf Erinnerungen, ich habe nichts hinzugedichtet oder erfunden. Das künstlerische Element liegt nur in der Form der Darstellung.

Der Text beschreibt eine Kindheit zehn Jahre nach Kriegsende – aus der Perspektive des Kindes. Diese Geschichte ist bei weitem kein Einzelfall. Viele Kinder wuchsen in den fünfziger und sechziger Jahren so auf, die Strukturen in den Kindergärten und Heimen waren noch geprägt von den Erziehungsmethoden der Nationalsozialisten. Trennungskinder hatten es besonders schwer, da alleinerziehende, voll arbeitende Frauen oft keine Möglichkeit hatten, ausreichend Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und außerdem auch noch sozial geächtet waren. Autoritäre Erziehungseinrichtungen und ungenügende elterliche Beschäftigung mit den Kindern waren und sind Zeitphänomene.

Das Besondere an der vorliegenden Schilderung ist, dass ich dem öffentlichen Diskurs widerspreche, der meinen Vater, Klaus Rainer Röhl, als „freundlich-chaotischen Familienvater“ betrachtet, während Ulrike Meinhof, seine zweite Frau, als „böse Mutter“ gesehen wird, die ihre Kinder vernachlässigt und schließlich wegen ihrer „Politik“ verlassen hat. Ich widerspreche an mehreren Punkten, meine Schilderung ist ein Teil einer erlebten Wahrheit.

Ich habe Ulrike Meinhof als neue Frau meines Vaters und als Mutter meiner sieben Jahre jüngeren Halbgeschwister kennengelernt. Die Darstellung dieser Begegnung ist subjektiv. Sie soll subjektiv sein. Um dem Leser diese Subjektivität zugänglich und verständlich zu machen, sind den Erinnerungen an Ulrike Meinhof andere Kindheits- und Jugenderinnerungen zur Seite gestellt. Nur in diesem Rahmen lässt sich die Bedeutung, die Ulrikes Handeln und ihre Briefe für mich hatten, nachvollziehen.

Ich habe mich bis zum Jahr 2010 nur sehr selten öffentlich zu Ulrike Meinhof geäußert, bin bewusst jeder Vermarktung einer Person, die ich hoch schätzte, ausgewichen und hatte nie die Absicht, meine privaten Erinnerungen an eine Person der Zeitgeschichte, die vom Staat als Staatsfeindin, Anarchistin oder Terroristin bezeichnet wurde, geschweige denn Ausschnitte aus ihren vertraulichen Briefen an die Öffentlichkeit zu bringen. Dass ich es über fünfunddreißig Jahre nach Ulrike Meinhofs Tod dennoch tue, hat mit ebendieser Öffentlichkeit zu tun.

Denn weiterhin halten sich Lügen und Verleumdungen ihrer politischen Gegner, die oftmals die Einzigen sind, die öffentlich gehört werden. Es äußern sich Personen, die Ulrike Meinhof gar nicht oder nur wenig kannten. Manche ihrer Beteuerungen klingen sogar gut gemeint – vor allem, wenn sie von sogenannten linken oder liberalen Intellektuellen kommen.

Einige ihrer ehemaligen vor allem männlichen Freunde urteilen heute negativ über eine Frau, die sie zu ihren Lebzeiten bewundert und geliebt haben.

Die heute weit verbreitete Darstellung Ulrike Meinhofs unterscheidet sich deutlich von ihrem offiziellen Bild der siebziger Jahre. Das Bild einer rücksichtslosen Killerin und durchgedrehten Frau, die durch eine angebliche Abartigkeit im Gehirn den westdeutschen Rechtsstaat nicht von Auschwitz unterscheiden konnte, ist heute relativ leicht zu widerlegen. Ulrike Meinhofs eigene Artikel und Zeugnisse, die Darstellungen ihrer Genossinnen und Genossen und die allgemeine Beschäftigung mit den Zielen der Außerparlamentarischen Opposition haben dazu beigetragen.

Heute herrscht eine auf den ersten Blick auch glaubhafte Darstellung vor, das Bild einer angesehenen bürgerlichen Journalistin, einer sensiblen Christin, die schöne Kleider und das Ausgehen liebte. Es ist das Bild von der durch die Studentenunruhen seelisch stark mitgenommenen Frau, einer alleinerziehenden und arbeitenden Mutter mit Zwillingen, die durch Hausarbeit überlastet ihre Kinder vernachlässigte und ihre übrige Kraft für politische Arbeit verbraucht hat. Eine schwache Frau, die starke Männer liebte, die, beeindruckt vom teuflischen Wesen eines Andreas Baader und seiner jungen Mitläufer, aus dem Fenster einer Bibliothek in den bewaffneten Kampf geschleudert wurde, aus dem sie sich dann nicht mehr lösen konnte. Eine Verführte, eine von Kopfschmerzen und Selbstzweifeln geplagten Frau, die mit ihrem Leben nicht mehr fertig wurde und so auf den falschen Weg kam, vom Rest der Gruppe, der sie sich angeschlossen hatte, tyrannisiert und unter Druck gesetzt.

Es ist das Bild einer Frau, deren Leben logischerweise mit Selbstmord enden musste. Diese Vorstellung unterteilt Ulrike Meinhofs Leben in die Jahre vor und nach der Baaderbefreiung, wobei je nach Sympathien der erste oder der zweite Teil mehr betont wird.

Dieses Bild ist eine Konstruktion und wird dem Charakter Ulrike Meinhofs aus meiner Sicht nicht gerecht. Es ist falsch, weil es einen Bruch annimmt, wo Kontinuität und Konsequenz waren, weil es Schwäche zeichnet, wo Stärke war.

Zudem unterschlägt es auch all das, was Ulrike Meinhof in jahrelanger Arbeit durch ihre eindrucksvollen Kolumnen, Features und den Film Bambule von ihrer Auffassung an die Öffentlichkeit gebracht hat.

Dieses Buch versucht, einige der in Umlauf befindlichen Lügen zu widerlegen. Es geht dabei weder auf die historische Situation am Ende der sechziger Jahre näher ein, noch auf Ulrike Meinhofs Entscheidung für den bewaffneten Kampf und auch nicht auf diesen selbst. Sicher wäre es notwendig, ihr Handeln von allen Seiten zu betrachten, es in einen größeren Zusammenhang zu stellen und den bewaffneten Kampf in die gesamte bundesrepublikanische Geschichte einzuordnen. Und natürlich wäre es auch notwendig, Ulrikes Handeln und das ihrer Genossinnen und Genossen kritisch zu hinterfragen. In diesem Buch tue ich dies jedoch nicht. Mein Buch analysiert nicht, sondern vermittelt einen kleinen Ausschnitt persönlicher Erfahrungen. Es wird unter anderem deutlich, dass Ulrike Meinhof eine starke Frau war, die ihre Entscheidungen bewusst traf. Erst wenn man dies akzeptiert, kann man über ihr politisches Handeln diskutieren und urteilen.

Mein Buch versucht den vielen Verleumdungen eine andere Sicht gegenüber zu stellen – sicher, eine rein subjektive Sicht, aber auf eine bedeutende Person unserer Zeitgeschichte, mit der die Autorin seit ihrem vierten Lebensjahr verbunden war. Es ist auch nur die Stimme einer Einzelnen, doch sie ist konkret und erlebt. Es kann denen, die sich mit Ulrike Meinhof ernsthaft beschäftigen wollen, viele von ihnen junge Leute, ein anderes Bild von ihr vermitteln, als gemeinhin gezeichnet wird, es kann ein Anfang und Anregung für andere Zeitzeugen sein, sich ebenfalls zu Wort zu melden, es soll zum Nachdenken und Nachforschen anregen. Es folgt dem Gedanken, dass diejenigen, die Ulrike gekannt, geschätzt und einen Einblick in ihr Leben gewonnen haben, eine Verantwortung dafür tragen, dass die Wahrheit nicht ungesagt bleibt. Das ist der Grund, warum dieses Buch geschrieben wurde.

Anja Röhl, 2013