Anja Röhl

Sugarman – Filmrezension

 „Ist das nicht Musik, die du liebst?“, wurde ich von einer Freundin aus Kindertagen gefragt und dabei drückte sie mir eine CD in die Hand. Die Musik darauf war mir völlig unbekannt, aber packte mich auf eine seltsame Weise und klang mir ungeheuer bekannt in den Ohren

Auf meine Fragen erklärte  die Freundin dass es sich um einen bisher unentdeckten 70-iger Jahre Musiker handele, der sein ganzes Leben lang in den USA als Gelegenheitsarbeiter gearbeitet hatte, aber dessen Musik im vorrevolutionären Apartheid-Südafrika , ohne sein Wissen, eine legendäre und bahnbrechende Wirkung ausgelöst hatte. Ich verstand nicht genau, was ich davon halten sollte, aber als nächstes schleppte mich diese Freundin in den Film „Searching for Sugar Man“.

Der Mann in Sonnenbrille und schwarzem Haar

Da nun kam ich ins Staunen. Ein modernes Märchen, ein Witz, man glaubt es kaum. Zuerst hört man die Musik. Selbst in Ausschnitten ist sie äußerst eingängig, aber dabei neu, noch nie gehört, originell. Im Stil absolut meinem durch Beatles, Stones, Eric Burdon, Jimmy Hendrix, Blind Faith, Doors, Dylan, Santana und Jannis Joplin geprägten Musik-Geschmack ähnlich. Zusammen mit den Übersetzungen ist sie aber viel klarer politisch geprägt. Es geht weniger um Liebe, als vor allem um Gleichberechtigung, Armut, Arbeitslosigkeit, doch nicht in jammernder Weise, sondern äußerst aufrüttelnd. Den Mann dazu sieht man  in Sonnenbrille und mit langem schwarzem Haar, auf dem Plattencover schaut er nach unten, meist trägt er Sonnenbrille, wie um nicht erkannt zu werden. Scheu wirkt er und muss er gewesen sein, sonst hätte er sich vielleicht besser vermarkten können.

Wieder in die Kneipen zurück

Ein Plattenproduzent kommt zu Wort, wie er ihn entdeckt hat: Es war ein Tipp aus der Kneipenszene in Detroit. Da sitze immer einer mit dem Rücken zum Publikum, er sei etwas scheu, aber seine Musik sei göttlich.  Der Produzent suchte ihn in den verräucherten Lokalen auf und überredete ihn schließlich zu zwei Langspielplattenaufnahmen, die er leider aber nicht das Talent hatte, zu vermarkten. Rodriguez sei halt Mexikaner gewesen und hätte auch so ausgesehen, das hätte sich 1971  einfach nicht verkauft. So ging der gescheiterte Musiker wieder in seine Kneipen zurück, schlug sich als Gelegenheitsarbeiter durch, gründete eine Familie, die er in die Museen der Welt führte, und denen er Bildung mitgab, wenn schon kein Geld da war, er selbst nahm an zahllosen politischen Initiativen seiner Zeit teil, engagierte sich in der Anti-Kriegsbewegung und lebte ein typisches 68-iger Leben, aber keines, dass sich selbst verrät, sondern ein leises, engagiertes, überall gegen Ungerechtigkeit ankämpfendes Leben. Er war nicht in die Chefetagen aufgestiegen.  Er war Arbeiter geblieben, von seinen Kollegen geschätzt.  So war es in Detroit, USA. Fast 30 Jahre lang.

Im Apartheitsregime wie ein Lauffeuer verbreitet

Zehntausende Kilometer weiter hatte sich etwas anderes ergeben: Eine Studentin hatte 1971 eine Platte von Sixto Rodriguez mit Namen „Sugar Man“ nach Südafrika gebracht, wo sie ihren Urlaub verbringen wollte. Sie spielte die Platte einigen jungen Leuten dort vor. Diese begeisterten sich. Kopierten sie sich auf Kassette, luchsten ihr die Platte ab und fortan verbreitete sich die Musik des „Sugar Man“ unter den weißen Oppositionellen des vorrevolutionären Apartheidregimes wie ein Lauffeuer. Schneller. Einem Schneeballsystem-Kulminationsgesetz folgend, wurde die Musik des `Sugar Man´ schließlich von drei Plattenfirmen unter 40 Millionen Südafrikanern, unter denen sich über Jahrzehnte  immer begeistertere Fans entwickelten, verbreitet. Einer davon kommt in der nächsten Szene zu Wort, er habe von seinen Eltern sogar den Namen Sugar bekommen, weil die schon Fans des Mexikaners waren. Damals hatte er einen Plattenladen, in dem die von Rodriguez sehr gefragt waren. Er beschreibt, wie er und ein Freund nach langem Suchen den Gelegenheitsarbeiter Sixto Rodriguez in Detroit fanden und ihn nach Südafrika einluden und ihn da seinen Fans vorstellten. Kaum einer wollte glauben, dass er wirklich noch lebte, aber niemand glaubte, dass der, den sie schließlich gefunden hatten, wirklich ihr Sugar Man war. Als er dann auf seinem ersten großen Konzert in Südafrika schließlich seine Lieder sang und das genauso klang, wie alle Fans das seit 30 Jahren in den Ohren hatten, da schrien und brüllten die Menschen zwei ganze Stunden hindurch.

Etwas Typisches historisch deutlich gemacht

Der Film folgt der Suche, interviewt den Künstler heute, fragt die Plattenfirma, wo die früheren Gewinne geblieben sind und ein wunderschönes Porträt eines Menschen entsteht. Ein Mensch, der immer arm gewesen war, ein Mensch, der niemals seine Überzeugung aufgab. Eine Geschichte, die etwas Typisches deutlich macht:  Jedes Talent braucht seine Stunde, seine historische Situation, seinen Zufall. Es ist nicht gottgegeben, was einer kann und aus sich macht, es braucht auch die Situation, in der sich seine Talente entfalten können, es braucht günstige Bedingungen, den Kontakt zu anderen, die sich darin wiederfinden, was einer sagt, schreibt, tut oder eben singt.

Gegen das Unrecht gekämpft

Toller Film, lohnt sich besonders für alle Jahrgänge ab 1945, die Musik soll viele neue und sogar aktuelle Anklänge haben. Im Text auf jeden Fall, denn seine Gesellschaftskritik ist heute wieder hochaktuell geworden.  Das Lied „Sugarman“ handelt von einem Dealer, der im Viertel für die Heranwachsenden wie ein Süßigkeitenverkäufer ist, er gibt ihnen etwas, dass sie ihre Schmerzen nicht mehr so spüren lässt und ihren Träumen wieder etwas Farbe gibt. Das Lied „I wonder“ handelt von Dingen, die das Umherziehen beschreiben, das Rastlose, das Suchende. „Streetboy“ beschreibt einen kleinen Straßenjungen, der weder Eltern noch Freunde hat und doch sein Glück machen will,  ein anderes Lied handelt davon, dass einer 14 Tage vor Weihnachten entlassen wird. Wie der Einzelne sich gegen das Unrecht durchkämpft, sein kleines Leben gegen Widrigkeiten und eine harte Welt verteidigt und seine Würde beansprucht, auch wenn er arm und krank ist, das wird immer wieder thematisiert . Auf sehr poetische Weise.

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Der schwedische Dokumentarfilmer Mlik Bendjelloultraf Rodriguez das erste Mal 2006 und veröffentlichte nach einigen Jahren Recherche 2012 seinen Dokumentarfilm Searching for Sugar Man, in dem er die Suche zweier Südafrikaner nach Rodriguez nachzeichnete.Der Film wurde bei der Oscar-Verleihung 2013 als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Die Wiederveröffentlichung von Cold Fact erreichte Platz 86 der US-amerikanischen Billboard 200. Zwischen 1998 und 2010 gab Rodriguez mehrere Konzerte in Südafrika, Schweden und Australien. Die Veröffentlichung des Dokumentarfilms führte 2012 auch in Nordamerika und Europa zu einer größeren Bekanntheit. 2013 wurde bekannt, dass er 30 neue Songs geschrieben habe und nun vertonen lassen wolle. 

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