Anja Röhl

Verschickungsheime

Verschickungen –

Das war nach 1945 der Sammelbegriff für das Verbringen von Klein- und Schulkindern, wegen gesundheitlicher Probleme in  Kinderkuren, Kindererholungsheime und -stätten in den 50/60/70er bis in die 80/90er Jahre. Die Kleinkinder wurden allein und in Sammeltransporten dorthin „verschickt“.   

Vorläufer waren die Kinderlandverschickungen in der Weimarer Republik und unter den Nazis. Die „Verschickungen“ werden häufig als traumatisierend erinnert.

Aktuelles:

KONGRESS  „Verschickungskinder“

Öffentlicher Kongress zur Aufarbeitung des Elends der „Verschickungskinder“ in den 50/60/70/bis 80er Jahren auf den nordfriesischen Inseln und in ganz Deutschland

Wo:

Gebäude Alte Post, Stephanstraße 6, in 25980 Sylt/ OT Westerland

Wann:

Am 21./24.11.19 November 2019 (21.11. ist Anreise-, 24. ist Abreisetag)

Wir bedanken uns sehr bei der Gemeinde Westerland/Sylt! Sie hat uns einen Tagungsraum für 60 Personen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Das Bürgermeisteramt von Sylt möchte sich an der Aufarbeitung dieses Kapitel ihrer und unserer Geschichte aktiv beteiligen !

Ziel des Kongresses ist es, eine Öffentlichkeit zu diesem verdrängten Kapitel in der Geschichte der Nachkriegs-Bundesrepublik herzustellen, einen öffentlichen Diskurs anzustoßen und bei den Kinderkurkliniken das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass das nie wieder geschehen darf, dass man so mit Kindern, die einer Institution, ohne Eltern anvertraut werden, umgehen darf. 

Aktueller Artikel zum Thema:

https://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/22506900_Bielefelder-berichtet-von-Horror-Erlebnissen-im-Kurheim-der-Stadt.html

Anmeldung bitte unter: anjairinaroehl@gmail.com

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War die „Verschickung“ eine Kindererholung?

Ganz besonders Arbeiterkinder wurden in den 60er Jahren in der BRD zu Millionen in Kinderkuren gegeben, oft als  „Kassenverschickungen“ indem ein Arzt das Attest ausschrieb. Die Krankenkassen bezahlten den „Erholungsaufenthalt“ .  Jedoch viele dieser Kinder kamen traumatisiert zurück.

Die Landerholungs- und Kurkinderheime lagen abseits der Metropolen, vielfach in Wald- und Küstengebieten, dort waren auch schon unter den Nazis Landerholungsstätten (oft paramilitärische Drillanstalten) gewesen und dienten während des Krieges zur Evakuierung / Landverschickung.  Später dienten sie noch eine Zeit lang der Versorgung und Unterbringung von den 2 Millionen Kriegswaisen.

Nach 1945 wurden manche dieser Kindererholungsheime /Landverschickungsheime  von den Kassen übernommen, andere von den Kirchen, andere von privat. Ende der 50er Jahre muss es zu Werbekampagnen der Krankenkassen gekommen sein, die an die Hausärzte in den Arbeiter- und kleinen Angestelltengebieten herantraten, doch unbedingt möglichst viele Kinder zu schicken.

Es kam ab den 60er Jahren zu einem Boom von Verschickungen.

Bronchitis, Über- oder Untergewicht, zu dünn, zu dick, zu blass, es reichten Kleinigkeiten aus, dass den Eltern geraten wurde, ihre Kinder zu „verschicken“. Was so geschah, dass man sie ab frühestem Alter allein in einen Zug setzte. Geraten wurde, den Kindern nichts davon zu erzählen, dass sie allein fahren müssten, um das „Heimweh“ zu vermindern. Das Alleingelassenwerden wurde damals nicht thematisiert.

Krankenkassen warben mit frischer Seeluft

Sie rieten besonders diejenigen Kinder aufzunehmen, deren Familien sich keinen Sommerurlaub mit ihren Kindern und frische Seeluft leisten konnten.

Essen als Strafe

Die „Verschickungsheime“, wie sie genannt wurden, waren Häuser, in die Kinder ab frühestem Alter, ab dem 2./3./4. Lebensjahr allein „geschickt“ wurden,  6-8 Wochen lang,  fremden „Tanten“ ohne jede Eingewöhnung überlassen. Diese wurden 30-50 Kindern zugeordnet und versuchten mittels Drohungen, schlechtem Essen, Isolationsstrafen, Demütigungen, Essen als Strafe, (brutale Einfütterung), Schlafstrafen oder -entzug, Ans-Bett-Fesseln, in den Waschraum sperren, Trennung von Geschwistern, Mund und Augen zukleben und vielem mehr „duchzukommen“.

Einerseits waren die Erzieherinnen, Pflegerinnen und Hilfskräfte überfordert, andererseits waren sie noch unter der Ideologie der Nazi-Pädagogik, der Erziehungsprinzipien Hitlers, die da lauteten: „Nur das Starke hat das Recht zu existieren – Das Schwache muss ausgemerzt werden“ erzogen und ausgebildet worden.

Der Erholungswert dieser Kuren ist im Nachhinein stark anzuzweifeln, es ist von massiver Traumatisierung auszugehen.  Es melden sich täglich mehr Augenzeugen, die von Erlebnissen berichten, die heute als schwere Kindesmisshandlung gelten.

Schulausfall wurde nicht ausgeglichen

Die Kuren lagen grundsätzlich nicht in den Ferien, sondern wurden über das ganze Jahr verteilt, womit die Auslastung der Heime gleichmäßig erfolgte. Der dadurch hervorgerufene Schulausfall wurde meist nicht ausgeglichen. Viele verloren damit schulisch den Anschluss oder mussten ein Jahr dranhängen oder ausfallen lassen. Oft wurden die Kinder aber vor dem Schuleintritt in diese Heime gegeben. Die jüngsten waren 2 Jahre alt, sie reisten meist mit älteren Geschwistern, von denen sie aber sofort bei Eintritt des Heimes getrennt wurden. Ab 4 Jahre(!) reisten die Kinder ganz allein.

Wer ist Betroffene oder Betroffener ?

Diese Opfer haben bisher keine öffentliche Stimme, das soll nun anders werden, deshalb der Kongress, zu dem auch pädagogische Referenten eingeladen sind. Ein Vorbereitungstreffen wird im Sommer in Berlin stattfinden.

Vertiefungsinterviews

Ich mache Vertiefungsinterviews für ein Buchprojekt. Wer will kann mir schreiben, wer will, kann besucht werden und mehr erzählen, meldet Euch mit euren Erlebnistexten oder zur Verabredung eines Interviews unter der Telefonnummer: 0176-24324947, oder unter der Postanschrift: A.Röhl, Uferstraße 92, 15517 Fürstenwalde/Spree.

Legt Zeugnis ab!

Wer hier auf der Seite seine Erlebnisse hineinschreibt, legt Zeugnis ab und hilft mit, dass wir Glaubwürdigkeit bekommen und unsere Erlebnisse nicht als Einzelfälle verharmlost werden können. Ich danke allen, die hier schreiben!

Zum Einlesen: http://www.anjaroehl.de/wyk-auf-fohr-%E2%80%93-verschickung

Aktueller Artikel zum Thema:

https://www.tagesspiegel.de/politik/kindesmissbrauch-in-der-nachkriegszeit-ferienverschickung-vor-allem-tat-meist-das-heim-weh/22779554.html

Wir arbeiten daran, dass Betroffene miteinander ins Gespräch kommen können: Dazu haben wir einen Sammelbrief erarbeitet, in dem Ihr einer Freigabe eurer Daten an diejenigen abgebt, die mit euch zusammen im selben Heim waren. Mit einer mail an die u.a. Mailadresse könnt Ihr diesen Brief anfordern. Auf dem Kongress wollen wir auch Vernetzungsgruppen bilden, so dass sich Recherchegruppen zu den einzelnen Verschickungsheimen bilden können. .

Antworten auf Kommentare: Ich kann leider nicht auf Eure Kommentare antworten, da es zu viele geworden sind. Ich antworte nur ab und an persönlich, bitte darüber nicht sauer sein. Ich schreibe aber ab und an Sammelmails an alle, die hier kommentieren, natürlich mit verdecktem Verteiler. Es ist jetzt schon eine Arbeit geworden, für die es ein Büro und einen Haufen Mitarbeiterinnen bräuchte.

Recherche: Es gab bzgl. der Heimkinder der Fürsorgeanstalten ab 2012 eine Projektstelle Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung 1949-1975, Dies ist leider nur in Baden- Würtemberg und auch 2018 ausgelaufen

https://www.landesarchiv-bw.de/web/61032

Sie nannte sich:  Projektstelle Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung 1949-1975 im Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. II: Fachprogramme und Bildungsarbeit, Eugenstr.7, 70182 Stuttgart, Tel.: 0711 212 4272

Dort gab es ein allgemeines Fürsorge-HEIMVERZEICHNIS:  https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/62617/Heimverzeichnis.pdf

Da sind zT auch Kinderheilstätten dabei. Eine eigene Recherchestelle müssen wir als Verschickungskinder aktuell fordern.

Hier ist ein heutiges Kinderkurheimverzeichnis: https://www.kinder-und-jugendreha-im-netz.de/reha-kliniken-fuer-kinder-jugendliche/

Die meisten heutigen Kinderheilstätten schreiben in Ihren Broschüren über ihre Geschichte nur Gutes, sie loben die Gründer, die Erzieherinnen und Schwestern, es gibt in keiner auch nur ein einziges Wort über die Tatsache, dass und wie Kinder dort seinerzeit gelitten haben. Aufgabe unsererseits könnte sein, unsere Augenzeugenberichte zu sammeln und sie an alle Kinderheilstätten mit der Bitte um Einarbeitung in ihre geschichtlichen Rückblicke zu schicken.

Unter Kinderlandverschickung findet man bei Wikipedia einen absolut die NS-Zeit verharmlosenden Beitrag, ohne jeden Bezug zum Leiden der Kinder und zum erklärten Ziel der Nazis, alle Kinder mit Gewalt zu bedingungslosem Gehorsam zu drillen, durch Angst zu verstören, durch Tötungsrituale für den Krieg auszubilden, ich empfehle dazu den Film Napola

Die Verschickungen in den 50/60/70er Jahren bis in die 80/90er Jahre hinein müssen gründlich erforscht, ihre Geschichte muss aufgearbeitet werden, das Leiden der damaligen Kinder darf nicht vergessen sein, die Praxis dieser Heime darf weder verharmlost, noch irgendwie, auch nur in der kleinsten Andeutung in ähnlicher Weise fortgeführt werden!

Kommentare

Es gibt 174 Kommentare für "Verschickungsheime"

  • V.W. sagt:

    Sehr geehrte Frau Röhl, ich freue mich, dass ich endlich eine Seite gefunden habe, die sich mit diesen Schrecken beschäftigt!

    Ich selbst habe durch meine gesamte biologische Familie ALLE Arten des Missbrauchs über die ersten 17 Jahre meines Lebens erfahren. Da der erste sexuelle Missbrauch mit 4 Jahren durch meinen Vater erfolgte, entwickelte ich sofort eine schwerwiegende Essstörung und wurde „zu dick“.

    Als ich 8 Jahre alt war (1994), wurde ich dann von heute auf morgen zur „Kur“ nach Wyk auf Föhr geschickt. Damals hat man mir nichts erzählt, sondern nur gesagt, ich müsse jetzt zur Kur, weil ich zu fett sei. Ich reiste mutterseelenallein auf einem Schiff mit über hundert anderen Kindern zwischen 2 und 10 Jahren. Alle weinten und waren schwer verstört.

    Das Heim selbst war ein sehr großes, kahles Gebäude, das wie ein Krankenhaus aussah.
    Da mir erst jetzt mit 32 langsam durch meine Therapie bewusst wird, was mir dort noch zusätzlich angetan wurde, kann ich mich nur an sehr wenig erinnern.

    Man musste durch einen dunklen, langen Keller gehen, bis man im Inneren des Gebäudes war. Mädchen und Jungs wurden sofort getrennt. Ich musste mit 18 fremden Mädchen in einem Zimmer schlafen und hatte keine Privatsphäre.

    Nach 18 Uhr durfte man das Zimmer nicht verlassen und nachts nicht auf die Toilette. Morgens musste man bis zur Erschöpfung Sport treiben und bekam so gut wie nichts zu essen. Magerquark und Paprika waren an der Tagesordnung.

    Ein Mal pro Woche erfolgte das große Wiegen, vor dem wir alle Angst hatten. Wir mussten uns bereits auf dem Flur vor allen anderen bis auf das Höschen ausziehen, damit der Wiegevorgang so schnell wie möglich von statten ging.

    Es wurde nicht mit uns gesprochen, und es wurde auch nicht gespielt. Gut, das kannte ich von zu Hause nicht anders, für die anderen Kinder, die normale Eltern hatten, war es aber ganz schlimm.

    Furchtbar fand ich, dass jeder ständig Zugriff auf mein bisschen Eigentum hatte, das ich mitnehmen durfte. Ständig schlugen mich die anderen Kinder und stahlen meine Sachen. Auch das kannte ich von zu Hause nicht anders.

    Das Schrecklichste war allerdings, dass wir kaum etwas zu Trinken bekommen haben, vor allem um 18 Uhr beim „Abendbrot“, das für uns „Dicke“ sehr spärlich ausfiel. Wenn man dann nicht in Sturzbächen den ekligen Tee in sich hineingekippt hatte, gab es bis zum nächsten Morgen um 9:30 nach dem Sport keinen Tropfen.

    In diesem Verschickungsheim wurden zu „dicke“ und zu „dünne“ Kinder aufbewahrt, um eben ab- oder zuzunehmen. Ich selber kann nur von uns Dicken erzählen. Die „Dünnen“, die es, nach unserem Empfinden, „besser“ hatten, wurden durch eine Trennwand im Speisesaal von uns abgeschottet.

    Vor einigen Wochen wurde mir plötzlich vieles von damals wieder bewusst. Ein Betreuer, vor dem viele von uns, vor allem Mädchen, wahnsinnige Angst hatten, hat mich dort sexuell missbraucht.

    Was uns allen passiert ist, haben viele hier schon erwähnt. Dennoch möchte ich es der Vollständigkeit halber nicht auslassen.

    Unsere Betten und Habseligkeiten wurden, wenn die Betreuer Lust hatten, durchwühlt, um zu verhindern, dass wir heimlich naschen. Es gab dort weit uns breit nichts, außer dem Strand, sodass wir uns nichts richtiges zu essen und auch nichts zu naschen kaufen konnten.
    Zu dem sexuellen Mißbrauch möchte ich keine Einzelheiten öffentlich nennen, damit niemand schwer getriggert wird.

    Generell lief das dort alles ab wie beim Militär, oder wie bei mir „zu Hause“. Ich kannte es nicht anders und war deshalb ein sehr leichtes Opfer.

    Dieses Verschickungsheim wurde 1995 oder 1996 geschlossen, weil es Kinder gab, die sich an den sexuellen Missbrauch erinnern konnten und das Glück hatten, Eltern zu haben, die sich für sie interessierten und ihnen zuhörten. Diese stellten Strafanzeige und das Heim wurde geschlossen.

    Diesen Umstand habe ich nur aus der Zeitung erfahren, als meine Mutter abfällig zu mir meinte: Ach, das ist doch das Kurheim, in dem du warst! Das wird jetzt geschlossen, weil sie dort reihenweise Kinder vergewaltigt haben.“ Ob mir da etwas passiert ist, hat niemanden interessiert.

    Leider gab es damals noch kein Internet und heutzutage findet man über diese Einrichtung keine Informationen mehr. Lediglich, dass die AOK 1998 ein bestimmtes Heim aufgekauft und renoviert habe – Das könnte es sein.

    Zumindest weiß ich, dass die AOK diese Verschickung damals bezahlt hat.

    Natürlich lagen die drei Monate, die ich dort bleiben musste (wer zu wenig abnahm, musste zur Strafe noch einen Monat länger bleiben) in der normalen Schulzeit.

    Unterricht gab es dort nicht. Wir mussten unsere Schulbücher mitnehmen und sollten in unserer Freizeit eigenständig lernen.

    Das einzig „Positive“, an das ich mich erinnere, ist, dass wir damals den ersten Ghostbusters- Film auf einem winzigen Schwarz-Weiß-Fernseher sehen durften und dazu einen Lebkuchenmann bekamen.

    Ich hasste Lebkuchen schon damals und würgte das Ding unter Tränen runter, da ich froh war, überhaupt mal etwas zu Essen zu bekommen.

    Es war im Speisesaal, dieses Mal ohne die Trennwand, und so saßen wir mit ca. 250 Kindern eng gedrängt in dem Raum und starrten wie gebannt auf den Mini- Fernseher.

    Wir wurden gezwungen, alles, was wir aßen, penibel aufzuschreiben und, bevor wir es essen durften, den Kalorienwert zu schätzen. Wer weinte, Heimweh hatte oder sonst irgendwie seinen Gefühlen freien Lauf ließ, wurde extra bestraft. Dieses Prozedere kannte ich bereits von „zu Hause“, daher war ich perfekt angepasst und weinte nur direkt nach dem sexuellen Mißbrauch, was auch wieder hart bestraft wurde.

    Ich fühle mit allen Menschen, die jemals so ein abartiges „Kinderkurheim“ von Innen sehen mussten und kann viele Geschichten hier nur bestätigen. Die schwerwiegenden Traumata, die allein durch diese Verschickung angerichtet wurden, hätten gereicht, um eine zarte Kinderseele vollends zu zerstören.

    Da ich persönlich „zu Hause“ genauso behandelt wurde, habe ich eine schwere komplexe posttraumatische Belastungsstörung, chronische Migräne, Alpträume, Sozialphobie, Burn-Out, und chronische Depressionen entwickelt.
    Es ist einfach nur grausam, was sie uns damals alles angetan haben, vor allem auch noch legal! Der Zusatzparagraph für schweren sexuellen Missbrauch wurde erst 1998 eingeführt. Alles, was davor liegt, verjährte bereits innerhalb von drei Jahren, manchmal sogar innerhalb eines Jahres.

    Diese Verschickungsheime waren einfach nur Gefängnisse für unschuldige Kinder, um die sich niemand kümmern wollte, mit denen nie jemand geredet hat und die mit härtestem NS- Drill gebrochen wurden.

    Es ist wichtig, dass wir uns wieder erinnern können und uns endlich trauen, zu sagen, was man dort mit uns gemacht hat! Nur, weil es damals niemanden interessiert hat, dürfen diese massiven Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht totgeschwiegen werden!

    Für mich ist es kaum zu ertragen, dass diese „Betreuer“ oder „Erzieher“ dort auch noch richtig gut an uns verdient haben. Dafür, dass sie nichts getan haben, außer uns zu quälen und zu foltern.

    Bitte, wenn auch Du, der oder die das hier liest, dich an deine Verschickung erinnerst, erhebe deine Stimme! Es darf nicht noch weiter bagatellisiert werden.

  • V.W. sagt:

    Ein kleiner Nachtrag zu meinem Kommentar:

    Durch die vielen hilfreichen Kommentare der anderen Leidensgenossen und Leidensgenossinnen habe ich mit Entsetzen eben erfahren, dass dieses grausame Heim, in das man mich 1994 verfrachtet hat, immer noch existiert! Es wurde wohl zwischentzeitlich (ca 1995 oder 1996) geschlossen, aufgrund der Strafanzeigen wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und dann aufgekauft und renoviert. Jetzt existiert es wieder, wenn auch in einem anderen äußerlichen Gewand.

    Es war das Hamburger Kinder / Jugend Haus, Wyk auf Föhr, Sandwall 78 in 25938 Wyk auf Föhr.

    Vielen Dank an alle anderen, die hier kommentieren, endlich komme ich dem Schlüssel all meiner schweren Erkrankungen auf die Spur!

  • Christian sagt:

    Hallo V.W.

    ich bin auf Grund deiner Schilderungen erstaunt und entsetzt.
    Ein Teil deines Leidensweges kommt mir sehr bekannt vor, aber ich war 1967 in so einer Einrichtung.
    Ich habe nicht gedacht, dass es 1994 noch immer so schlimme Zustände gab.
    Weiß jemand, wann dieser Irrsinn mit den Verschickungen endgültig eingestellt wurde?

    MfG
    Christian

  • Maren Urbisch sagt:

    Hallo Frau Roehl!
    Auch ich war zur „Verschickung“. Ich war 5 Jahre alt und obwohl meine Eltern immer fragten, ob ich gerne weg wollte und ich immer mit ja geantwortet habe, so war mir nicht im klaren, wie lange 6 Wochen sind. Der Arzt hielt mich für zu dünn. Es ging mit anderen Kinder mit dem Bus nach Hanstedt in der Nordheide. Die Einrichtung hieß Klinik Hansenbarg. Es war in der Zeit Oktober/November 1970. Es gab dort eine Frau Birkenstock. Kann mich aber nicht mehr an sie erinnern. Es waren nur Mädchen dort und liefen wohl alle ziemlich verwahrlost rum. Unsere Schürsenkel waren offen und die Laufnasen wurden auch nicht gesäubert. Wir mussten unsere Teller immer aufessen, auch wenn wir satt waren. Ich habe mich jeden Abend in den Schlaf geweint und dachte, meine Eltern seien tot. Erinnern kann ich mich noch, dass wir beim wandern das Lied „Wenn die bunten Fahnen wehen“ gesungen haben.

    Das mit dem Aufpäppeln hat ganz gut geklappt : mit 6 Jahren hatte ich schon Übergewicht ! Jetzt Adipositas, Diabetes Typ 2 und Lymph- und Lipödeme. Vielleicht durch Trauma .

    So, das ist meine Geschichte

    Mit freundlichen Grüßen

    Maren Urbisch

  • Anne d. R. sagt:

    Sehr geehrte Frau Röhl,

    als erstes möchte ich Ihnen meinen Respekt und meinen Dank aussprechen, dass Sie sich diesem Thema annehmen. Lange Zeit habe ich, wie viele andere hier, alles verdrängt und gedacht, dass das früher zu dieser Zeit einfach normal war.
    Ich war 1962 in der Zeit während der Sturmflut für 6 Wochen in St. Peter Ording. Ich war gerade 5 Jahre alt. Meine Eltern hatten damals erst Bedenken, weil ich noch so klein war, aber auch sie beruhigte man damals damit, dass ja mein älterer Bruder dabei sei. Wir sind mit dem Zug von Hamburg nach St. Peter Ording gefahren. Kaum waren wir dort angekommen, wurden wir getrennt. Ich habe meinen Bruder dort in den 6 Wochen einmal ganz weit weg gesehen. Kontakt hatten wir in dieser Zeit nie, das war auch strengstens verboten und wurde verhindert.
    Wie das Verschickungsheim hieß weiss ich nicht. Ich habe aber die gleichen Erinnerungen wie Susanne J., die am 25.02.2019 auf dieser Seite geschrieben hat. Man musste durch so eine Art Keller und dort wurden die Schuhe an- und ausgezogen. (Ich sehe mich aber auch öfters in diesem Kellerraum sitzen und meine Schuhe putzen, weil sie angeblich soo schmutzig waren). Auch an den Geruch kann ich mich erinnern. Es roch genau wie Susanne J. es beschrieben hat nach Schuhcreme, Bohnerwachs, Hagenbuttentee und Puddingsuppe.
    Ich wurde sofort einer Tante zugewiesen, Tante Gerda oder Tante Gertrud hieß sie. Sie war sehr streng und böse. Ich glaube mich auch zu erinnern, dass ein etwas älteres Mädchen die Aufgabe von der Tante hatte, mich zu kontrollieren und zu bewachen. Sie war irgendwie immer um mich herum und hat sofort alles gepetzt.
    Einmal gab es Milchsuppe mit Sagos zum Verdicken. Das besagte Mädchen saß neben mir und sagte mir, dass das „Froschaugen“ sein. Ich konnte diese Suppe dann nicht mehr essen. Dafür wurde ich bestraft und die Tante saß neben mir in diesem riesigen Speisesaal bis tief in die Nacht und zwang mich diese Suppe zu essen.
    Dann habe ich es einmal nicht zur Toilette oder auf den Topf geschafft. Auf jeden Fall habe ich meine Schlafanzughose verschmutzt. Das besagte Mädchen hat es mitbekommen und sofort an die Tante gepetzt. Ich sehe heute noch das Bild vor mir von diesem bösen, garstigen Gesicht und wie sie mich vor allen Anderen geschimpft, angeschrien und ausgelacht hat. Ich musste dann ganz allein in den riesigen Waschraum und meinen Schlafanzug auswaschen.
    Wir haben dann auch einmal einen Ausflug mit dem Bus gemacht. Ich war als Kind immer reisekrank. Ich habe demnach also furchtbar spucken müssen und meine ganze Kleidung vollgespuckt. Ich kann mich daran erinnern, dass keiner mir irgendwie geholfen hat oder mich gesäubert hat. Ich durfte bei der Ankunft zwar aussteigen, wurde dann aber sofort isoliert und alleine zurückgelassen. Ich durfte nicht mit den anderen mit. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich ganz alleine an einem Pferdezaun stand und ein Pferd, das zu dieser Zeit riesengroß für mich war, versucht hat, mir meinen vollgespukten Mantel vom Leib zu reißen. Ich hatte wahnsinnige Angst.
    Ich durfte auch einmal eine Karte an meine Eltern schreiben bzw. schreiben lassen. Was ich darauf schreiben wollte, hat den Tanten nicht gefallen und die Karte wurde sofort zerissen. Ich glaube, ich wurde dafür auch irgendwie bestraft.
    Ob ich jemals geschlagen oder eingesperrt wurde, daran kann ich mich nicht mehr dran erinnern.
    Fraglich ist nur, warum ich bei der Ankunft in Hamburg alle Menschen, die sich mir nur genähert haben, an mir vorbeigegangen sind oder mich nur angeguckt haben, furchtbar angespuckt habe, als musse ich mich gegen den Rest der Welt wehren.
    Auch habe ich bis heute Platzangst und kann mich nicht in ganz dunklen Räumen oder Räume ohne Fenster aufhalten.

    Für alle, die diese Seiten hier lesen und nicht Opfer, sondern Täter oder Mittäter waren, so wie die Tanten, Hilfskräfte und alle, die da mitgemacht haben, auch die ernannten Petzen. Schämt Euch, was habt Ihr mit uns gemacht? Wir waren kleine, hilflose Kinder .

  • anja sagt:

    Liebe Sabine, das kann durchaus sein, ich bin dabei alles systematisch aufzulisten, wir werden das herausbekommen! Noch etwas Geduld! Anja

  • anja sagt:

    Es erschreckt mich, Ihre Jahreszahl zu sehen, 1994! Erst dachte ich, ich hätte mich verlesen, und Sie meinten 1964, aber dann lese ich, dass Sie heute 32 Jahre alt sind, also können wir nicht, wie ich dachte, davon ausgehen, dass die Kinderkurkliniken, sich wie die Fürsorgeheime, nach 1975 doch allmählich verändert haben. Nun ja, bei den Fürsorgeheimen gab es Aufstände, Selbstmordserien, Bambule, Skandale, die an die Öffentlichkeit kamen, so dass die Institutionen sich umbauen mussten, was gab es hier? In sechs Wochen Kinderkur-Aufenthalten entsteht unter den Kindern keine Gegenwehr, kein Aufstand, keine Bambule. Kleinkinder und Schulkinder reagieren nur mit Bauchweh, Erbrechen…und sind ja dann auch schon wieder weg. Danke für die sehr wichtige Erkenntnis! Aber immerhin wurde es dann ja 1998 geschlossen. Und sexueller Missbrauch war auch dabei, da wurde man zum Milleniumzeitpunkt wohl schon etwas sensibler, wir hätten, wie einer der früher Verschickten schreibt, gar nicht gewusst, wir wir das benennen sollten, es gab noch kein Wort dafür…

  • anja sagt:

    Hallo lieber Christian, es gibt sie immer noch, solche „Kinderkurheime“, aber heute werden Kinder bis zum 12. Lebensjahr i.d.R. nicht mehr allein verschickt, erst ab 12. Lebensjahr nimmt man sie ohne ihre Eltern auf, und „Sammeltransporte“ gibt es auch nicht mehr, die Eltern kommen im eigenen Auto und bringen die Kinder. Kinderkurkliniken von heute haben Webseiten, auf denen alles wunderschön aussieht, mit vielen positiven Bewertungen. Erst wenn eine Öffentlichkeit darüber hergestellt wird, kann man das ganze Ausmaß überhaupt erfassen. Dann melden sich so viele Augenzeugen, dass man genaueres über die Wandlungen der Pädagogik in diesen vielen Jahrzehnten bis heute sagen kann. Es betraf zb allein zwischen 1963 und 1973 wahrscheinlich an die 4 Millionen Kinder. (Die Zahlen können belegt werden. Ich arbeite daran!)

  • Susanne Denkmann sagt:

    Endlich spricht mal jemand darüber. Mir hat das ja keiner geglaubt. Das waren Hirngespinste eines Kindes – alles Einbildung. Das erste Mal auf Kinderverschickung war ich 1965 auf Langeoog, da war ich 7 Jahre alt. 4 Wochen vom,17.4 bis 18.5 so lautet der Eintrag im Fotoalbum und die eingeklebte Postkarte, die ich meinen Eltern geschickt habe. Ich erinnere mich an kilometerlange Spaziergänge an der “ guten frischen Luft “ – ich vertrage bis heute keinen Wind – und an das schreckliche Essen. Am meisten hasste ich den Fisch, der in einer roten Soße daher kam. Erst wenn wir diesen grässlichen Fisch gegessen hatten, bekamen wir auch Nachtisch – allerdings aus dem selben Teller in dem der Fisch vorher war. Ein Jahr später wurde ich nach Norderney verschickt – auch wieder für 4 Wochen aus denen dann allerdings 7 Wochen wurden, da ich am letzten Abend vor der eigentlichen Abreise ärztlich untersucht wurde und Windpocken festgestellt wurden. Ich kam zusammen mit einem anderen Mädchen in Quarantäne , auf eine Krankenstation mit vergitterten Fenstern und verschlossener Türe. Das war eine ganz schlimme Zeit- es hat sich niemand um uns gekümmert. Wir lagen einfach nur so in den Zimmern – ohne Spielzeug, ohne Zuwendung, ohne Kontakt zu anderen. Ich erinnere mich an die Wolken , die ich durch die vergitterten Fenster sah. Die verschiedenen Wolkenformen und wie schnell sie vorbei zogen, das war meine Unterhaltung. Bis heute weigere ich mich an die Nordsee zu fahren – diese Inseln sehen mich nicht wieder. All die rüden Erziehungsmethoden und Strafen kann ich nur bestätigen. Ich habe vieles verdrängt, kann mich aber gut an Züchtigungen und Strafen erinnern.

  • Christian sagt:

    Hallo Anja,

    dann wollen wir mal hoffen, dass es heute zumindest eine medizinische Notwendigkeit für den Aufenthalt in einer Kinderkurklinik gibt.
    Bei mir und vielen anderen Kindern war es in den 60ern nicht so.
    Damals kam bei mir die Verschickung nicht wegen einer Indikation durch unseren Hausarzt zustande. Zu der Zeit erschien jedes Jahr in unserer Schule ein Arzt (woher er kam und wer ihn beauftragt hat, weiß ich nicht mehr). Der hat dann alle Kinder „untersucht“, immer ca. 30 % der Kinder aussortiert und deren Eltern die Verschickung dringend angeraten. Dies waren ganz normal entwickelte Kinder. Während meines Aufenthaltes im Verschickungsheim habe ich dort auch keine kränklichen Kinder gesehen. Ich kann mir heute immer noch nicht den Hintergrund dieses Handelns erklären. Wahrscheinlich hat dort jemand oder irgendeine Institution gut dran verdient.
    Danach fing einige Monate später das Elend mit dem Sammeltransport und Pappkarten um den Hals an. Was dann geschah, ist hier ja schon beschrieben worden. War bei mir nicht anders. Ich kann mich noch gut an viele Details meines Aufenthaltes erinnern.
    Ich könnte hier noch viel schreiben, ob ich es noch mache, weiß ich noch nicht.
    Es geht es mir schlecht, wenn ich mich an die damalige Zeit erinnern muss.

    Viele Grüße
    Christian

  • anja sagt:

    Ich verstehe dich genau, es ist auch für mich oft sehr schwer,die ganzen Berichte zu lesen. Oft verfolgen mich die Geschichten in meinem Träumen. Was mich aufrichtet, ist, dass wir so eine Öffentlichkeit herstellen, dabei will ich mithelfen, den Kindern von damals eine Stimme geben. Damit die Kinder von heute, wenn Sie irgendwo noch ebenso leiden müssten, dafür Worte und Leidensgenossen finden können, die ein Vorbild sein könnten,dafür, Dass man sich wehren darf. Die sie verstehen und an die sie sich wenden könnten. Da der jüngste Bericht hier von 1994 ist, könnte man auch überlegen, ob man nicht darauf dringen soll, eine unabhängige Beschwerdestelle auch für heutige Alleinreisende Kinder in Kurheime anzubieten, aber diese Beschwerdestelle sollte dann von uns besetzt werden. Ich sehe es wie du und vermute auch, dass damals den Schul- und Kinderärzten für jedes Kind, dass sie zur Verschickung anmeldeten, eine Geldprämie ausgezahlt wurde. Das werden wir noch erforschen. Da wird sich vielleicht plötzlich eine Sprechstundenhilfe erinnern. Wir müssen uns beeilen, damit nicht alle der damals Erwachsenen schon tot sind.
    Grüße
    Anja

  • Christiane L. sagt:

    Hallo Andrea Röhl,
    ich habe im Mai hier einen Kommentar zum Nonnenhaus in St. Peter Ording abgegeben, aber er erscheint hier nicht . Wie kommt‘s?
    Freundliche Grüße
    Christiane L. Aus Hannover

  • Monika sagt:

    Ich war im März 1962 in Westherbede bei Bochum, weil ich nicht essen wollte und zu dünn war. In dem Heim habe ich auch auf den Teller erbrochen und musste das dann essen. Es gab dann Schläge durch die Nonne.
    Wieder zuhause, habe ich nichts erzählt weil ich Angst vor weiterer Bestrafung hatte weil ich den Erfolg der Kur nicht brachte. Ich war fünf.

    Wer kennt noch Westherbede? Finde im Netz nichts mehr.

  • anja sagt:

    Ihr Kommentar ist da, am 15.5. geschrieben unter dem Text: „Hände hoch und dann bin ich verloren“
    Grüße
    Anja

  • Michael sagt:

    Ende der 60er war ich auf Borkum, ich glaube im Haus Concordia.
    Die beschriebenen Demütigungen waren an der Tagesordnung. 6 Wochen lang würde ich nicht mit meinem Namen, sondern als „27“ angesprochen, jeder hatte eine Nummer bekommen. In Erinnerung sind mir noch Wanderungen durch die Dünen, unabhängig von den Temperaturen musste jeder eine blauweiße Strickmütze tragen. Es wurde mit Angst gearbeitet. In den Dünen abseits der Wege würden Tretminen aus dem Krieg liegen, Fehltritte seien tödlich. Gebadet haben wir in den 6 Wochen ein Mal, und das bei schlechtem Wetter. Der Stuhlgang wurde auf ausreichende Menge kontrolliert, ggfs. würde man bestraft, gerne mit tagsüber im Bett liegen. Nachts war die Strafe – für was auch immer- nackt oder nur mit Unterhose bekleidet im Treppenaufgang zu stehen. Schikanen rund ums Essen usw.
    Das schlimmste für mich war, dass ich mich nicht wirklich gewehrt habe. Man hat uns gesagt, wenn wir uns nicht fügen würden, kämen wir später oder im schlimmsten Fall nie mehr nach Hause. Ohne diese Drohung hätte ich mich niemals derart schikanieren lassen. Selbst zu Hause erzählte ich zunächst nichts. Mir war gedroht worden, man könne mich auch wieder zurückholen. Erst nach langem und guten zureden durch meinen Vater und dessen Versprechen, mich zu schützen, berichtete ich nach und nach über die Vorgänge.
    Insgesamt handelte es sich um ein zutiefst sadistisches und willkürliches System.

  • Nicola Stöhr sagt:

    Ich wurde 1975 nach Bad Salzuflen geschickt. 6 Wochen lang. Während dieser Zeit habe uch meinen 6. Geburtstag gefeiert. Meine Erinnerungen sind bruchstückhaft aber die Erinnerungen, die ich habe, sind alle negativ und wecken eine grosse Traurigkeit in mir. Ich wurde meinen Eltern auf dem Bahnsteig von einer fremden Frau entrissen und in ein Abteil mit anderen Kindern gesteckt. Meine Eltern wusste noch nicht einmal, ob ich im richtigen Zug sass, so schnell ging das. Dann erinnere ich mich, dass ich mit vielen anderen Kindern in einem grossen Schlafsaal mit Gitterbetten schlafen musste, u.a. wurde man gezwungen Mittagsschlaf zu machen, auch wenn man nicht müde war. Meinen Eltern haben anfangs jeden Tag angerufen, ich glaube am vierten Tag wurde ihnen von dem grässlichen, alten und völlig unempathischen Arzt des Hauses mitgeteilt, dass sie dies gefälligst zu lassen hätten. Das würde mich nur verwirren. Ich war 5! Es ging mir sehr schlecht. Ich hatte Heimweh ohne Ende und hatte Angst. Die Schwestern und überhaupt alle Angestellten in diesem Heim waren völlig kalt und emotionslos. Die sozialen Fähigkeiten und vor allen die pädagogischen Fähigkeiten aller Schwestern und Pfleger waren quasi nicht vorhanden. Wir wurden gezwungen morgens Lebertran zu uns zu nehmen. Dabei habe ich mich fast jedes Mal übergeben. Mein 6. Geburtstag kam und ging sang-und klanglos. Ich wusste ja nur, dass ich Geburtstag hatte, weil meine Eltern mir eine Karte geschickt hatten, die auch tatsächlich ankam. Ansonsten kann ich mich noch erinnern, dass ich einmal als Bestrafung mehrere Stunden ganz alleine auf einem Stuhl in einem Zimmer sitzen musste. Was bitte schön kann den ein 5/6 jähriges Kind angestellt haben, um so eine Bestrafung zu verdienen? Wie gesagt, ich habe noch andere Erinnerungen, aber bruchstückhaft. Was mich beunruhigt, sind die negativen, fast schon depressive Gefühle, die diese Erinnerungen in mir erwecken. Ich wäre an einer Teilnahme an dem Seminar intressiert.

  • Nicola Stöhr sagt:

    Komisch, jetzt wo ich diese Erinnerungen zulasse und nicht wie sons sofort blockiere, tauchen immer neuere Erinnerungen auf. Meine Eltern hatten mir zum Geburtstag nicht nur eine Karte, sondern auch ein Paket geschickt. Das Paket durfte ich öffnen, aber dann wurde es mir abgenommen, mit dem Inhalt natürlich. Der Inhalt wurde nicht, wie andere hier beschreiben, verteilt an andere Kinder; es verschwand einfach. Überhaupt wurde mir bei der Ankunft alles, was meine Eltern mir mitgegeben hatten, abgenommen. Bis auf ein Kuscheltier. Mein Lieblingskuscheltier, das ich immer bei mir hatte. Nach 3 Wochen habe ich diesem heissgeliebten Kuscheltier den Bauch aufgeschlitzt. Womit, weiss ich gar nicht mehr. Zu Hause habe ich dann erzählt, dass es ein anderes Kind gewesen war, aber das war eine Lüge. Warum habe ich das gemacht? Will ich die Antwort darauf überhaupt wissen? Tatsächlich ist aus mir aber kein Serientäter geworden, im Gegenteil, ich arbeite für das Rote Kreuz. Die Berichte hier über das Essen und die Strafen, wenn man den Teller nicht aufaß, kann ich bestätigen. Den ausgebrochenen Lebertran musste ich auch immer wieder zu mir nehmen. Auch an die Schlangen vor dem Arztzimmer in Unterwäsche kann ich mich jetzt erinnern.

  • Hallo Sabine,liebe Schönau-Kinder

    es gab verschiedene Heime ,einige bestehen noch …Kinderkurhaus carola am Eliesenweiher wurde 1996 abgerissen.Es war auch ein Haus der Bek und laut Briefe meiner mom sollen wir dort Ponyreiten können…?Ich kann mich nicht erinnern,denke wegen meiner Essensverweigerung durfte Ich eh nicht.Ein Haus ist jetzt eine Abnehmklinik für Übergewichtige Jugendliche Haus Schönsicht.Ein anderes eine Jugendherberge in Schönau…glaube Haus Buchenhaus.
    LG Vera

  • Bernd Raebel sagt:

    Hallo an alle „Schönau-Kinder“

    ich war ebenfalls ein Verschickungskind, das sämtliche in diesem Forum geschilderten Erlebnisse – und noch einige mehr – bestätigen kann. Die dort gemachten Erfahrungen wirken bis heute massiv in mein Leben. Seit einer schweren Erkrankung vor 3 Jahren geschieht dies mehr denn je. ich probiere mehrere psychotherapeutische Ansätze aus, um diese zu verarbeiten. Mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Vielleicht hilft ja auch ein Austausch mit anderen Betroffenen.

    Warum ich meinen Beitrag mit „Schönau-Kinder“ adressieren kann: Vor ein paar
    Wochen habe ich ein Foto gefunden, auf dem neben den Namen der Abgebildeten auch „1.4.1966 Kinderheim Elisabeth – Berchtesgaden-Schönau“ zu lesen ist.
    Vielleicht hilft das ja anderen bei der Suche nach „ihrem“ Aufenthaltsort weiter. Für weitergehende Hinweise bin ich auch dankbar. Vielen Dank und herzliche Grüße Bernd

  • Angela V. sagt:

    Hallo V. W.,
    der Bericht hat mich sehr erschüttert. Vor allem aber auch an die verschiedenen Mißbrauchsaktionen während meiner Kindheit zu Hause und in den sehr vielen Heimaufenthalten erinnert. Ich war im Alter von 2 Jahren bis 3 1/4 das erste Mal in Stieg. Davon habe ich noch viele Alpträume und Angststörungen. Meine Diagnosen sind ähnlich. Auch hat man mich so geprügelt in den Heimen, dass fast meine kompletten Bandscheiben kaputt sind und ich nur unter großen Schmerzen und Morphium zurecht komme. Seit meinem 30. Lebensjahr bin ich 7 cm kleiner geworden. Wir durften nie mit anderen Kindern spielen und wurden wie Roboter programmiert. Solidarisieren war verboten und wurde strikt unterbunden. Daher habe ich auch eine Sozialphobie und zwar ziemlich schlimm. Ich bin einsam. Ich wurde vergewaltigt, mißbraucht und gefoltert. Dazu kann ich mich nicht äußern. Ich möchte Niemanden retraumatisieren. Wenn ich nach Hause kam, habe ich wieder ins Bett genässt und Niemanden hat interessiert warum und das Ganze ging weiter als absolutes Trauma. Meine Mutter wusste wohl Einiges, das passiert ist und hat mich deswegen noch mehr leiden lassen und geprügelt. Rückhalt hatte ich nie. Und meistens habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass mir Niemand glaubt. Das ist das Allerschlimmste an der ganzen Sache. Nicht mal die enge Familie nun. Ich bin immer noch verzweifelt wegen der grausamen Alpträume, Ängste und Panikattacken.Therapie habe ich zu spät begonnen und Schwierigkeiten, sie bei der Krankenkasse fortzuführen mit Genehmigung. Je mehr ich hier lese, umso mehr ist mir auch bekannt, denn das Ganze zu formulieren macht mir viele Probleme.
    Es war ein menschenunwürdiges Leben in den Heimen. Ich schätze, dass ich über 4 Jahre weg war nach den Berichten, die ich noch habe. Ich hatte nie eine Kindheit, durfte nie Kind sein und bin wie in der Armee gedrilt worden. Befehle auszuführen wurde mir schon als Kleinkind beigebracht. Das hat mein ganzes Leben geprägt

  • Bruno Toussaint sagt:

    die Geschichte mit dem Seehospiz Norderney ist lang. Die Folgen – speziell beim letzten 3-Monatsaufenthalt im Jahr 1964 / 65 mit Missbrauch – sind bis heute noch hartnäckig spürbar und werden therapeutisch aufgearbeitet. Es gibt ein spezielles Forum für die Heimkinder des Seehospiz Norderney, hier der Link zum Nachlesen: https://350928.forumromanum.com/member/forum/entry_ubb.user_350928.1430499898.1132300615.1132300615.1.missbrauch_sexuellen_sinne_war_tatsaechlich-ehemalige_kurkinder_des.html?onsearch=1

    Mich persönlich interessieren ähnliche Vorkommnisse / Erlebnisse zur gleichen Zeit im Winter bis Frühjahr 19964 / 1965 im Seehospiz Norderney – bei mir Haus 6. Bitte konkret beschreiben, nicht interpretieren, etwa Schwestern mit „schwarzer Pädagogik“.

    Interessant wären z. b. Tagesabläufe zu beschreiben: etwa die Massenabfertigungen bei dem Gang zur Toilette mit offenen ? Türen, Abspritzen mit kaltem Wasser aus Schlauch in riesiger Badewanne ?, barfuß auf kaltem Steinestrich davor, was war mit „eiserner Lunge“ massenweise Abpudern / Desinfinzieren gegen vermeintlichen Hautausschlag ?. und vieles mehr. All dies war auch heftig mit Angst besetzt, weil oft Druck gemacht wurde oder gedroht wurde. Manchmal ging es auch gut und es wurde nicht geweint.

    Ähnlich war es mit Essen und Mahlzeiten einnehmen an ellenlangen Tischen – mit wie viel Personen am Tisch ? Ich kann mich noch an ein sehr stringendes Essregiment erinnern, manches steckte ich mir auch in die Tasche, manches hustete ich in den Teller zurück – aber noch zu viele Bruchstücke der Erinnerung. Insgesamt eine tödliche Mischung aus tatsächlicher Fürsorge der noch jüngeren Teilzeitkräfte (darunter eine Cousine von mir (Ursula geb. Steinfeld) und den sehr unbeherrschten alten Schwestern, die eine wahnsinnige Kälte ausstrahlten.

  • Regina D. sagt:

    Guten Tag Frau Roehl,
    ich wurde im Alter von 6 Jahren nach Oberbayern zur Kur geschickt und habe nur schlechte Erinnerungen daran. Bevor der Tag der Verschickung kam, hatte ich schon große Angst vor der Fahrt. 6 Wochen in eine unbekannte Gegend ohne mir bekannte oder verwandte Personen war für mich grauenvoll. Ich erinnere mich an durchweinte Nächte, vor lauter Heimweh konnte ich nicht schlafen und zur Strafe musste ich mich in eine Ecke stellen des Großschlafraumes stellen. Meinte Schlafanzugjacke musste ich ausziehen und sie wurde mir von einer Nonne über den Kopf gelegt. So musste ich mehrere Stunden frierend verharren und wurde dann später in der Nacht von einer weltlichen Erzieherin erlöst. Ich war dort in Kur, weil ich nicht das erforderliche Gewicht für die Einschulung hatte…Es hat übrigens „gewirkt“ mein Leben lang kämpfe ich mit Übergewicht und habe auch psychische Erkrankungen. Einmal hatte ich Bauchschmerzen, weil ich so viel essen musste. Eine Nonne meinte, sie würde dann wohl mal meinen Bauch aufschneiden müssen, um nachzuschauen was denn los sei. Es gibt viel zu erzählen und ich bin froh zu erfahren, dass es jemand wie Sie gibt die sich des Themas angenommen hat. Vielen Dank und freundliche Grüße

  • Kirsten sagt:

    Hallo Frau Röhl,
    ich war im Frühjahr 1971 in Wyk. Ich weiß es nur weil im Februar meine Schwester starb und als ich wieder nach Hause kam der Flieder blühte und ich mich wahnsinnig darüber gefreut habe.
    Es muss das Schloss am Meer gewesen sein, da meine Eltern bei der Barmer versichert waren. Ich erinnere mich nur in wenigen Bildern an den Aufenthalt. Das meiste liegt im Dunkeln. Meine Therapeutin meinte mal das Vergessen und Ausblenden ist eine Funktion die das Überleben der kindlichen Seele sichert. Ich weiß das ich da war, es ist aber als wäre es nicht ich gewesen sondern eine andere Person die ich beobachtet habe.
    An das wenige an das ich mich erinnern kann,… ich wurde mit einem Pappschild um den Hals in Bielefeld in einen Zug gesteckt und war stolz darauf so „erwachsen“ zu sein so ein Abenteuer allein anzutreten. Hat aber nicht lange angehalten. Irgendwann waren wir alle still im Zug.
    Ich erinnere mich weder an die Überfahrt mit der Fähre noch an die Ankunft. Meine nächste Erinnerung ist der Speisesaal mit widerlichem roten Tee den ich nicht herunter bekam und wohl so etwas wie Grießbrei den ich nicht essen wollte. Ich musste so lang im Speisesaal sitzen bleiben bis ich dieses Zeug gegessen habe. Das war gefühlt sehr lang. Irgendwann habe ich es wohl runter gewürgt und durfte gehen. Ich habe dann auf die Treppe gekotzt und bin verdammt schnell weg gerannt.
    Die nächste Erinnerung ist wie ich in einem Mansardenzimmer im Bett lag und ganz dringend zur Toilette musste. Es wurde geflüstert das die Tanten schrecklich böse werden wenn man nachts aufsteht und zur Toilette gehen will. Und ich habe, so glaube ich, auf das rote Licht gewartet um aufstehen zu dürfen. Ich habe letztlich in Bett gemacht. Jemand hat geschrieben das dass Bettlaken, damit man sich schämt, übers Bett gehängt wurde. Ich meine mich zu erinnern das ich so ein Bettlaken über meinem Bett habe im Wind leicht flattern sehen. Ich fand es tröstlich weil es von der Einsamkeit ein wenig abgelenkt hat.
    Nach dem Mittagessen mussten wir in einer Art Wintergarten Mittagschlaf halten. Ich glaube, geschlafen hat niemand. Wir durften uns nicht bewegen und schon gar nicht reden. Wer geredet hat musste für den Rest der Zeit in der Ecke stehen. Ich war auch dabei. Man musste sich vorm hinlegen überlegen in welcher Position man liegen wollte um keinen Ärger zu bekommen weil man zu unruhig war. Die Decken waren aus grauer Wolle und haben fürchterlich gekratzt. Ich habe aus Langeweile und um die, gefühlt, lange Zeit zu überstehen, die Wolle aus der Decke gezupft und Kugeln daraus gedreht.
    Am Strand, so erinnere ich mich, habe ich an einer Mauer gesessen und den Sand durch meine Finger rieseln lassen. Ich kann mich nicht erinnern mit anderen Kindern gespielt zu haben. Ich kann mich auch an keine Namen erinnern.
    Wir müssen uns ja irgendwo gewaschen haben. Es gibt da nur das dumpfe Gefühl von verwinkelten, weiß gekachelten Wänden, kaltem, eiligen Waschen und Zähne putzen.
    Ich wüsste nicht das ich zuhause über das Erlebte geredet habe. Viele Jahre später habe ich versucht meine Mutter zu befragen. Sie konnte sich angeblich nicht an irgendetwas Negatives erinnern.
    Ich kann mich nicht erinnern geschlagen worden oder körperlich misshandelt worden zu sein, aber ich konnte bis in Erwachsenenalter keine körperliche Nähe ertragen. Die Ursache kenne ich bis heute nicht.
    Es gibt ein Gruppenfoto von den anderen Kindern und mir. Ich schaue ob man es hochladen kann. Vielleicht gibt es jemand der zur gleichen Zeit da war.
    Kirsten

  • Hallo Anja,
    Ich hätte interesse am Sammelbrief zum Datenaustausch an auch vielleicht Ehemaligen aus den Kinderkurheimen in Schönau ?
    Liebe Grüße
    Vera Frankenberger

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