Anja Röhl

Vor Sonnenaufgang – aufBruch Gefängnistheater – Rezension

1.12.14 / jw Feuilleton

Das Berliner »Gefängnistheater aufBruch« hat sich eines weiteren Klassikers der Moderne angenommen, nämlich des »sozialen Dramas«, mit dem Gerhart Hauptmann bekannt wurde: »Vor Sonnenaufgang«  von 1889.

Das Stück spielt in einer neureichen Familie ehemaliger Mittelbauern, die ihr Land wegen ergiebiger Kohlevorkommen für viel Geld verkauft hat. Zehn Jahre später kommt Alfred Loth ins »Goldene Tal« gereist, um hier die »Lage der Bergarbeiter« zu studieren und zwei alte Freunde wiederzusehen: Hoffmann (Unternehmer) und Schimmelpfennig (Arzt).

Sozialistische Ideale und Goldbauern

Die drei hatten sozialistische Ideale, waren deshalb im Gefängnis. Hoffmann hat in die »Goldbauern«-Familie Krause eingeheiratet und die Seite gewechselt. Seiner Schwägerin Helene Krause kommt Loth vor wie einer, der ausspricht, was die anderen nicht mal zu denken wagen: »Es ist zum Beispiel verkehrt, wenn der im Schweiße seines Angesichts Arbeitende hungert und der Faule im Überflusse leben darf, es ist verkehrt, den Mord im Frieden zu bestrafen und den Mord im Krieg zu belohnen, die Religion der Duldung, Vergebung und Liebe als Staatsreligion zu haben und dabei ganze Völker zu vollendeten Menschenschlächtern heranzubilden«.

Ein Tier, mein Vater

In den Bergwerken hätte sich Anschauliches dazu finden lassen sollen, aber soweit kommt Loth nicht, und die Situation der Krauses ist entlarvend genug. Durch den Geldsegen ihres Lebenssinns beraubt, hat sich die Familie nach und nach der Trunksucht ergeben. Loth bekommt von Helene Näheres mitgeteilt: »… ein Tier, mein Vater, vor dem ich nirgends sicher bin, eine ehebrecherische Stiefmutter, die mich an ihren Galan verkuppeln will«. Und im Dachstübchen gebärt Hoffmanns Frau, vor dem Besuch sorgfältig verborgen gehalten, unter nachlässiger Aufsicht des Arztes Schimmelpfennig und großen Qualen ein totes Kind. Das vorige ist mit drei Jahren gestorben.

Loth zögert nicht, sein Eheversprechen zu annulieren, sie will fliehen, stirbt

Aus dieser neureichen Dekadenz, Kälte und Sauferei will die fernab im Internat aufgewachsene Helene mit Loth, in den sie sich verliebt hat, fliehen. Von Schimmelpfennig über den Alkoholismus der Familie Krause als einem »vererbten Übel« ins Bild gesetzt, zögert Loth keine Minute, sein Eheversprechen zu annullieren, Helene seinen Vorstellungen von einer gesunden Familie zu opfern. Sie bringt sich daraufhin um.

Erstickung und Überdrehung, Verknöcherung, Verleugnung

Die drei früheren Revolutionäre sind bürgerliche Typen. Jeder repräsentiert eine Variante von Verknöcherung, Verleugnung, Erstickung und Überdrehung revolutionären Geistes. Hoffmann und Schimmelpfennig lässt das Primat der Realität geduckt durchs Leben gehen, sie machen sich da keine Illusionen. Loth dagegen versteht sich als Revolutionär, gibt gute Sätze von sich, erweist sich schließlich aber als der Grausamste mit seinen menschenfeindlichen Prinzipien, die schon Richtung Faschismus weisen.

Kälte dreifach schlimm bei denen, die hehre Ideale predigen

Es geht um Anpassung, um das Dulden von Verbrechen, darum, dass Kälte und Unverständnis bei denen dreifach schlimm sind, die hehre Ideale predigen. Hauptmann zeigt keine Helden, bildet nur ab, unvollkommen bleiben sie alle: Kleinbürger, Großbürger, Neureiche, Arbeiter, Bauern. Die Schwächste mit der größten Sehnsucht nach den von Loth ausgemalten Verhältnissen verliert. Wie alle, die das Gemeine nicht mitmachen, ihm nur entfliehen wollen, und nicht gelernt haben, sich aktiv dagegenzustellen. Die Sonne des Aufstands ist noch nicht aufgegangen.

Wie spielt das nun das »Aufbruch«-Ensemble, wie hat es Peter Atanassow konzipiert? Zunächst sind die tragenden Rollen mehrfach besetzt. So werden verschiedene Aspekte eines Charakters ausgelotet. Das ist gut gemacht und gelingt. Der dreifache Loth gewinnt an Kontur und Tiefe.

Helene gibt es gleich fünffach, ein Schwarm Mädchen stürzt bei jedem Auftritt in den Raum, was auch das Schwärmerische ihrer Liebe zeigt. Unter den Mehrfachbesetzungen gibt es starke und schwache Figuren. Auch das ist gut.

Aufführungsort ist erneut das ehemalige Casino im Flughafen Tempelhof. Die Zuschauer werden während des Spiels durch mehrere Räume geschleust. Dunkelbraune Holzvertäfelung, schummrige Wand- und Tischlampen scheinen noch aus der Zeit des Faschismus zu stammen. Der hell erleuchtete, weiß geflieste, schmutzig wirkende Küchentrakt wird zum Ort verbotener Liebesspiele und grausamer Enthüllungen.

Das Stück ist 125 Jahre alt, dennoch wirkt vieles hochaktuell. Warum? Anwachsende Klassenwidersprüche gibt es auch heute. Genauso Leute, die sich als ehemalige Hausbesetzer o. ä. der »Realität« anpassen mussten. Entweder sind sie zynisch, aber noch liberal, oder völlig auf Ausbeuterseite. Zuhauf gibt es auch solche, die Gerechtigkeit predigen, in Wahrheit aber nur selbstgerecht sind, da sie im Ernstfall versagen.

Das Ganze ist so kraftvoll gespielt, wie man es vom »Aufbruch«-Ensemble gewohnt ist, mit sehr guter Ausformung der Figuren bis in die Nebenfiguren hinein. Die Energie, die die Gruppe und jeder einzelne auf die Bühne bringt, hat etwas Existentielles. Es geht um Eigenes, selbst Erlebtes.

Eine Sprache, ein Gesicht

Ziel des Theaters ist es, »durch darstellerisches Handwerk den Gefangenen eine Sprache, eine Stimme und ein Gesicht zu verleihen«. Das ist mit dieser gemischten Gruppe von Exgefangenen, Freigängern und Normalbürgern, viele davon »gebrochene Existenzen«, unbedingt gelungen.

Weitere Aufführungen:  3.,7., 10., und 14. 12.14, jeweils 19.30 Uhr, Näheres  hier

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