Anja Röhl

Weimar in drei Tagen

29.4.13 / ein politischer Reisebericht

Drei Tage Weimar und man hat wieder etwas über das heutige Deutschland erfahren. Erst Goethehaus, dann Schillerhaus, dann Liszthaus, man wird durch die Stadt wie durch einen gigantischen Tempel geführt.

Die Stadt wimmelt von Goethe-Verehrern, die ihre Kindheit im deutschen Faschismus verlebten, wo Lehrer von der verbotenen Gegenwartsliteratur auf die Klassiker auswichen, ebenso wie nach 45 und nach 89, Goethe hat immer Konjunktur und das Gute: Für jeden etwas. In den Gassen wird lautstark geschwärmt. Unter diesem Baum hat er gesessen, durch diese Straßen ist er gegangen, sie wissen alles über ihn und können ihn mühelos zitieren. Sie lieben die Blumensprache und die Tendenz alles zu vermenschlichen. Im Goethehaus erfährt man Näheres.

Die Freiheit des Dichtens bei gutem Essen 

Goethe war zu seiner Zeit ein Draufgänger, eine Art 68-iger, nicht opportun, nein, aufmüpfig. Später hat er sich dann mit dem Herzog angefreundet und bekam von ihm ein großes Haus geschenkt. Und einen Senatorenposten, der ihm die Freiheit des Dichtens bei gutem Essen ließ. Goethe liebte die jungen Mädchen und näherte sich ihnen schüchtern. Das war sein Charme. Doch wichtiger war ihm die Literatur.  Humanistische Inhalte hat er durchaus vertreten, auch liebte er die Landschaftsmaler und förderte sie und von einem Brand im Schloss ließ er sich nicht entmutigen, er baute alles wieder auf und modernisierte noch. Das Griechisch-Große setzte er gegen das Deutsch-Kleinstaatliche. Seine Frau war ein Blumenmädchen, zu der er hielt, obgleich sie nicht seinem Stand entsprach. Er begriff durchaus, dass er sich an den Herzog und die Stadt verkauft hatte, deshalb schrieb er den Faust. Sein Gretchen musste sich aber nicht umbringen, da er sie in einer bedrängten Situation schließlich doch heiratete. Er hatte viele Interessen.

Die Zuschauer amüsieren sich, weil sie Alkohol im Blut haben

Abends ist eine Satire-Veranstaltung, dort sieht man Goethe als alten Trottel mit seiner Schwiegertochter flirten, manche finden das geschmacklos, denn über Goethe darf man sich nicht lustig machen. Leider war das Stück seicht, fade und dumm, ebenso auch das Stück der anderen Kleinkunstbühne am nächsten Abend. Kein Brechttheater, keine Piscatorbühne, Ohnesorgniveau im Weimar des Goethegotts. Die Zuschauer amüsieren sich, weil sie Alkohol im Blut haben. Gretchen 89 dagegen von Lutz Hübner wird von einer kleinen Kellerbühne witzig und treffend gegeben. Das Eis in den Straßencafe´s wird auf breiten Tellern angerichtet, dadurch sieht es nach mehr aus, die Äpfel im Ilmpark sind reif und die Bäume so hoch wie nirgends sonst. Gern geht man auf den verschlungenen Wegen, die früher Goethe gegangen ist. Nachts ist er nackt in die Ilm gesprungen, das hat die Bürger geschockt, die Stadt entschuldigt es ihm heute und findet das männlich.

Schule im Nationalsozialismus? Kein Thema für die Weimar-Touristen

Ich sehe zufällig, dass es im Haus gegenüber dem Schloss eine Ausstellung: „Schule im Nationalsozialismus“ gibt, ich gehe hinein. Gähnende Leere. Nicht ein Tourist hat sich hierhinein verloren. Ein Pförtner erhebt sich aus seinem Kabuff, ich habe ihn aus der Lektüre eines bekannten Boulevardblattes gerissen. Er führt mich in die im ersten Stock etwas abgelegene Ausstellung. Schon oft habe ich Leute hören sagen: „Alles Lüge, unser Unterricht war gar nicht politisch“. Ich aber sehe in der Ausstellung, dass Kinder dort fotografiert sind, wie sie ausrechnen mussten, wie viel Geld man für Arbeiterfamilien übrig hätte, wenn man es bei den Behinderten einsparen könnte. Und dass sie außerdem bewerten müssen, welche üblen Charaktereigenschaften man den Juden schon an den Gesichtszügen ansehen könne. Auch rechnen sie dort in ihren Büchern in Waffen-, statt in Nahrungslieferungen, wenn sie mit großen Zahlen arbeiten.

Buchenwald ist auch in Weimar

Am letzten Tag fahre ich nach Buchenwald. Im Gegensatz zur Altstadt von Weimar, ist es in Buchenwald leer, es gibt keinerlei Hinweise, etwa: ` Buchenwald mahnt´, `Buchenwald, nicht vergessen´, oder Ähnliches, nichts. Es ist auch schwer hinzufinden.  Im hinteren Teil des Touristenbüros weist ein Schreib- und Büchertisch auf das gigantische Konzentrationslager hin, das in unmittelbarer Nähe der Goethestadt liegt.  Bescheiden der Auftritt, bescheiden die Bücher. Die Hinweise, wie man da hin kommt, muss man sich erst umständlich aus dem Netz heraussuchen. Der Straßenbahnfahrtweg ist lang. Unvorstellbar, dass die Gefangenen ihn hungrig und unter Gewehrkolbenstößen zu Fuß zurücklegen mussten.

Grauweiße Wüste

Der Eindruck ist überwältigend, kein Lager, eine Stadt. Kein Museum, eine grauweiße Wüste. Leider ist die auf dem Gelände gelegene Ausstellung nach Übernahme durch einen Nachwendemenschen etwas enttäuschend: Winzig kleine Bilder, nachlässig angeordnet, viele Gebäude in Renovierung, kein Ersatzort für die Exponate. Man merkt, dass der schützende Arm eines Staates irgendwo verloren gegangen ist. Dieser Eindruck verfestigt sich noch, wenn man versucht, ohne Audio-Guide das auf der Gesamt-Karte verzeichnete Mahnmal um die Grabstätten herum zu finden. Selbst mit dem Gerät um den Hals wird es schwierig. Kein Schild weist zu der verschwiegenen Stätte, die sich dann, ist man einmal da, als gigantoman entpuppt. Unübersehbar riesenhaft.

Den aufrechten Menschen zum Thema

Etwas noch nie Gesehenes, etwas Unglaubliches. Es weicht ab von den üblichen Trauer-Gedenkorten an Nazistätten, es ist etwas anderes hier geschehen, was sich gewiss in ganz Westdeutschland und vielleicht so nirgends auf der Welt ähnlich findet. Dies ist ein Ort, so hat man das Gefühl, den könnte man vom Mond aus sehen und in seiner Art ist er weniger still und niederdrückend, als vielmehr erhebend und groß.  Auch hat er weniger das Trauernde und Entsetzliche des Massenmordes und der unvorstellbaren Menschenzahlen, die hier zu Tode geprügelt und gefoltert wurden, an sich, als vielmehr den aufrechten Menschen zum Thema und wie er sich widersetzt.

Vergesst uns niemals

Mit seiner Menschengruppe, die über den Hügel schaut, über den Anfang einer unglaublichen Treppe, hinab ins Tal der Gräberrotunden, ist Fritz Cremer sehr gut gelungen, etwa auszudrücken: `Vergesst uns niemals!´ oder: `Woher aber kam dies alles?´und noch viele andere Fragen. Welcher Staat hat es sich jemals, außer dem israelischen, derart viel kosten lassen, ein Gedenkmonument gegen den Faschismus zur Ehrung der Opfer zu schaffen?  Sicher heißt es heute im Mainstream, es sei dies ein Werk stalinistischer Monumentalarchitektur. Ich aber finde die Größe und das Monumentale angemessen. Erstmals erfüllt mich beim Besuch eines KZs nicht nur Hilflosigkeit. Ich denke mir:  Das hier wird überleben, wenn anderes bereits in Staub zerfallen ist. Von einem Glockengedenkturm aus geht man über eine breite Treppe zu mehreren riesigen weißen Grabrotunden, in denen je 1000 Menschen begraben liegen, die noch nach 1945 gestorben waren. Das Gruppen-Denkmal ist angelehnt an die „Bürger von Calais“ von Rodin

Der Blickwinkel des Widerstehens

Im Dokumentationszentrum unterhalb des Monuments wird der Streit dokumentiert, den es um dieses Denkmal gegeben hatte. Es sollte weniger nachdenklich als kämpferisch sein.  Über breite Treppenstufen führen Wege von Grab zu Grab und um das Gelände, als sei es das Forum Romanum. Wie lange haben hier schon keine großen Menschenversammlungen stattgefunden? Die Treppen bröckeln. Warum ehrt man Goethe mehr als die Tausenden im KZ ermordeten Menschen? Wie gut, dass das Monument in Stein gehauen wurde. Hier wird einem der Mensch groß und schrumpft nicht zur Ameise, die man einfach zertreten kann. Hier findet sich der Blickwinkel des Widerstehens. Hier sagt alles: Ich bin stark, ich habe es überwunden, bezwungen, besiegt.

Dem Vergessen preisgegeben?

Doch etwas stimmt nicht, die Treppe zerbröckelt bei näherem Hinsehen, die neue Bundesrepublik will das Monument am Berghang offenbar vergessen, sie will kein Geld reinstecken, es ist auch kein einziger Mensch zu sehen. Mich erfüllt der Gedanke, dass der Platz für die Gräber von 6000 Menschen, die man bei der Befreiung tot im Lager vorfand, und die in den ersten Wochen danach noch an den Folgen gestorben sind, als Symbol für alle Lagerinsassen von Buchenwald, hier am Hang, mit Blick in eine große Weite, nicht besser hätte gewählt werden können. Dieses Monument wird, male ich mir aus, trotz der zerbröckelnden Treppe, vielleicht in 500 Jahren nicht zerfallen sein. Im Atomzeitalter ist das kurz, wo ein Gramm Plutonium 90.000 Jahre braucht um halb so gefährlich zu werden, aber für mich ist das erst mal lang, denn ich freue mich, dass die Menschen auch in 500 Jahren noch an diejenigen mit Hochachtung denken werden, die den Menschen des Grauens von Buchenwald,  ein so großes, würdiges Denkmal setzten. Dass man dies nirgends in und außerhalb Weimars ankündigt, dass man dies suchen muss zwischen den Buchenbäumen, dass dies bautechnisch stiefmütterlich behandelt wird, das ist schade. Einst gab es einen Staat, dem es nicht zu teuer war, für die Opfer des Faschismus in Deutschland dieses Mahnmal zu errichten, während die den Strafgerichten entkommenen Täter nebenan schon wieder einen ebensolchen kapitalistischen Staat aufbauten, wie der, der die Welt gerade in das Unglück des Faschismus gestürzt hatte.  Weimar hat zwei Seiten: Den aufgeklärten Lebemann und Dichtersenator und das Mahnmal des Grauens Buchenwald und das Monument des Widerstands gegen den Faschismus. Unfassbar erschien den Insassen des KZs damals die Nähe der Goethestadt.  Beides sollten wir uns heute anschauen.

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