Anja Röhl

Weißer Raum und nackte Männer in Stralsund und Greifswald – Rezension

Das Theater Vorpommern spielt in Stralsund, Greifswald und Putbus, es hat nicht nur großartige Häuser, sondern auch eindrucksvolle Ensembles. Dazu noch kleine und große Bühnen an jedem Haus. Es wird ein enorm abwechslungsreiches Programm geboten, das von Klassik (Antigone, Premiere am 6.4.19 in Greifswald) bis zu Humoresken (Kabarett Sägefische, am selben Tag in Stralsund) reicht, Ballett, Musicals und Konzerte anbietet, Theaterfrühstücke und Kindertheatervorstellungen, dazu bleibt es in vielen Gesprächen, in nach- und Vorbereitungen, mit dem Publikum in enger Tuchfühlung.

Es ist kein Theater für Eliten, es ist ein Volkstheater. Folglich hat es auch immer mit der Politik zu kämpfen.

Es ist ein kritisches Theater, mutig greift es Themen der Zeit auf und reflektiert sie, es ist ein Theater, was eine Botschaft hat, die es formuliert: Die Welt besser zu machen.

Ich sah mir kürzlich dort drei Aufführungen an, und kann einen Besuch dort nur empfehlen!

InZwei Männer, ganz nackt“ wird männliche Sexualität karikierend beleuchtet. Es ist zugleich die Sexualität unserer Zeit, schnell lässt man sich auf jemanden körperlich ein, nachts schleppt man jemanden ab, am nächsten Morgen wacht man neben einem Fremden auf.

In der Komödie von Sébastien Thiéry, französischer Autor, wachen zwei Männer, ein Chef und sein Angestellter eines morgens nackt, miteinander im Bett, in der Wohnung des Chefs auf. Sie sind geschockt. Was mit einer Angestellt-in vielleicht noch nachvollziehbar gewesen wäre, sozusagen im Bereich des Normalen gelegen hätte, ist hier jetzt ein peinlicher Skandal, der die beiden sofort in die höchste Komik katapultiert, denn keiner von ihnen kann sich erklären, wie das gekommen sein könnte, keiner von ihnen fühlt sich schwul.

Thiéry analysiert in diesem Stück ein interessantes Hierarchie-Phänomen zwischen Männern, nämlich das der latenten Homoerotik in männerdominiert geprägten Geschäftsverhältnissen. Da geht es um Anpassung, Opportunismus, Anerkennung, da geht es um Selbstwertstärkung und Anschleimung beim Chef, da geht es um Wassallentum, da ähnelt alles einer ewigen Suche nach väterlicher Anerkennung, die ins Homoerotische abgleitet.

In diesem Fall geraten sie immer von neuem in die peinliche Situation, spielen die ganze Zeit nackt auf der Bühne, bedecken sich nur zeitweise durch herabhängende Tücher und der Entdeckung durch die Ehefrau sind die köstlich-komischsten Momente gewidmet. Sie moniert allerdings nicht das Homosexuelle daran, sondern nur die Leugnung, die angeblichen Blackouts, die verzweifelt behaupteten Erinnerungslücken.

Tiefe Einblicke in Abspaltungen

Das Stück enthält tiefe Einblicke in die häufig vorkommenden Abspaltungen männlicher Sexualität, wie auch deren Warencharakter. Es kontrastiert diese den Wünschen und Ideen der Frau, die aber niemals im ganzen Stück eine etwa bittende oder dramatisch-hysterische Rolle inne hat, sondern wunderbar abgeklärt-analysierend und überaus schlagfertig und witzig mit der Situation umgeht.

Glänzend komisch

Das Stück wurde von Oliver Scheer glänzend komisch inszeniert, die drei Darsteller, Jan Bernhardt, als der Chef, Herr Kramer, Ronny Winter als Nicolas Prioux, sein Angestellter und Maria Steurich (Gast), als seine Frau, Catherine Kramer, spielen glänzend, in einem Rutsch durch, höchst konzentriert, in Körpersprache und Stimme super klar und kabarettistisch, und sie schaffen es, ihre Personen jeweils sehr unerwartet und daher geistreich zu entwickeln. Ein Stück, was belebt und hinterfragt, was Spaß macht und zum Denken anregt.

Weißer Raum – ein Eismeer

Im nächsten Stück, große Bühne, im „Weißer Raum“, geschrieben vom jungen Theaterautor Lars Werner, inszeniert von Reinhard Göber, geht es um Rechtsradikalismus. Die Bühne ist dem Caspar-David-Friedrich-Bild „Eismeer“ angelehnt, in weiß gehalten, aber die Eisschollen sind in diesem Falle übereinander gestapelte Möbel.

Lars Werner hat einen autobiografischen Zugang zum Rechtsradikalismus, er saß als aktives Mitglied der linken Szene in Dresden vor noch nicht allzu langer Zeit im Klassenzimmer mit genau den Leuten zusammen, die ihn am Abend imJugendzentrum überfallen haben. Man merkt Ihm an, dass er die Szene kennt, die Sprache, die Gesten, die Haltungen, alles wirkt sehr echt, sehr authentisch.

Der Inhalt des Stücks ist eine kompliziert verwickelte Geschichte, die sich einem erst allmählich erschließt und so spannungsreich wie ein Krimi daher kommt. Zu Beginn sitzt der überaus gelangweilte Sicherheitsmensch Uli ( sehr schön zerrissen spießbürgerlich gespielt von Mario Gremlich) auf einem Klappstuhl an einem stillgelegtem Bahnhof und ärgert sich über die fade Ödnis seines Heimatortes, in dem es kein Leben mehr zu geben scheint. Er begegnet einem Freund, Robert, ( Stefan Hufschmidt), der auch schon bessere Tage gesehen hat und nun als Pförtner arbeitet und dessen eigenartig umwölkte Existenz, seine eigentliche Arbeit als Spitzel oder auch nicht, nie ganz aufgeklärt wird.

Nach einem kurzen Plausch, bei dem es um den Sohn von Uli geht, der alsRechtsradikaler im Knast sitzt, bleibt Uli wieder allein und hört plötzlich einen Frauenschrei. Er springt auf, ruft, und läuft offenbar dorthin. Die Szene endet. Man erfährt aus dem nachfolgenden Zusammenhang, dass er einen Afrikaner erschlagen hat, der sich einer Frau, der Journalistin des Ortes, Marie, (sehr gut in all ihrer Widersprüchlichkeit gespielt von Maria Steurich), anzüglich genähert hatte. Danach Besuch im Knast bei seinem Sohn, der ihn als Redner „für die Bewegung“ rekrutiert.

Das Stück verhandelt Fragen der Schuld, der Wort-Gewalt, die in echte ausartet, des Sensationsjournalismus und des Feminismus gleichermaßen. Die Journalistin Marie will nicht, dass der Mörder eines Afrikaners sich als ihr Retter aufspielt und sie dadurch eine Mitschuld trifft. Sehr gut ist auch die Figur des Jochen (Markus Voigt) konzipiert, des Redakteurs, der Marie immer wieder antreibt, sich mit dem Fall weiter recherchierend zu beschäftigen, da das die Auflage hebt. Die ganze Korruption der Journaille wird dadurch sichtbar gemacht.

Auch die rechte Gewaltvergangenheit des Vaters in den 90er Jahren kommt andeutungsweise in den Blick, was erschreckend klar macht, das nun, seit der Wende schon die zweite rechtslastige Generation in den „Neuen Bundesländern“ herangewachsen ist. Generationen, die sich abgehängt fühlen, aber auch der Verwahrlosung preis- und der kompletten Nichtakzeptanz der Besetzer-Gesetze hingeben, die ihre gesellschaftliche Klasse ins aus katapultiert haben.

Gesellschaftliche und moralische Zerrüttung wird deutlich, dazu eine ungeheure Kälte in allen Beziehungen. Statt blühende Landschaften ist ein Eismeer aufgezogen, in dem jeder des anderen Feind ist und Freundschaft zwar krampfhaft gesucht wird, in Ideologien, wie in der Familie, jedoch tatsächlich nicht erreicht wird. Sehr intensiv ist zb die Szene, wo der aus dem Knast entlassene Patrick nach seinem eigenen Sohn ruft, den zu besuchen, ihm die Exfrau, unterstützt durch die Mutter verweigert.

Die Inszenierung des Stückes „Weißer Raum“, Premiere 16.3.19 in Greifswald, und am 6.4.19 in Stralsund, ist deutschlandweit die zweite nach der Uraufführung in Recklinghausen, eine dritte Aufführung soll es demnächst in Hamburg geben. Der junge Lars Werner hat für sein Stück erst kürzlich den Kleistpreis bekommen. Hier wurde, wie Oliver Lisewski (Dramaturgie) und Reinhard Göber erklären, die letzte Szene des Stückes,in der einige Knoten aufgelöst werden, weggelassen.

Das Publikum soll selber zu denken haben, fanden sie.
Sehr lohnenswerte Inszenierung!

Kommentar hinzufügen