Anja Röhl

Hände hoch – Und dann bin ich verloren!

09.09.2009 / Feuilleton junge welt / Seite 13

Besuch auf einer Insel

FöhrDiesen Sommer besuchte ich das erste Mal nach 49 Jahren wieder einmal die Nordseeinsel Föhr. Ich war bei einer reizenden Familie eingeladen, am Abend gab mein Sohn mit dem Sohn der Familie ein Jazz-Konzert in der örtlichen Musikschule, am Tag wanderte ich über die Strandpromenade, radelte über die Insel und die Strände entlang, kam leider eine Woche zu früh für das außerordentliche Museum der nordischen Kunst und stieß irgendwann, am Ortsausgang von Wyk, auch auf das unscheinbare Backsteingebäude, das noch immer, 49 Jahre später, als ein Kinderheim fungierte und in dem ich einst, im Alter von fünf Jahren einen äußerst gesundheitsfördernden Aufenthalt hatte. Wir kamen von Hamburg-Barmbek und sollten frische Seeluft tanken, die hanseatische Ersatzkasse war die Geldgeberin, man nannte es „Verschickung“, ein Arzt musste uns vorher begutachten und unser Arzt, Dr. Krille, tat meiner Mutter gern den Gefallen, denn sie war alleinerziehend und brauchte auch Erholung, und ich bot reichlich Anlass, denn ich war sehr oft krank. Unter dem „Verschicktwerden“ konnte ich mir vor dem Aufenthalt in Föhr nichts weiter vorstellen, weshalb ich auch ohne Angst den Zug bestieg. Man hängte uns Karten um den Hals und später legten wir in Zweierreihen den Weg vom Hafen zum Heim zurück. Tatsächlich hatte ich auch diesmal, bei meinem Besuch auf Föhr im Jahre 2009 eine Reihe solcher Kinder in Zweierreihen gesehen, die mit ihren Begleiterinnen vom Schiff über die Hafenvortrasse geführt wurden. Sollte es immer noch solch eine Verschickung geben? Unter uns Barmbeker Kindern gelang später der Begriff „Verschicktwerden“ zu trauriger Berühmtheit, weil er einem Todesurteil gleich kam, wovon die Eltern partout nichts wissen wollten, was unter uns aber zum notgedrungenen Allgemeinwissen wurde, je mehr Kinder diese Erfahrung machen durften.

Die erste Nacht

An die erste Nacht im Heim auf Föhr kann ich mich mit einer Schärfe erinnern, als sei es erst gestern gewesen, was unzweifelhaft durch das intensive Gefühl langsam anwachsender Angst hervorgerufen wurde, das mich bald ganz und gar beherrschte. Es handelte sich um einen riesigen Schlafsaal, auf dem wir in langen Kolonnen in schmale Betten gelegt worden waren, denen sich vom Ende des Saales her mehrere Erzieherinnen, wir nannten sie Tanten, näherten. Diese machten sich geschäftig an jedem Kind zu schaffen, in dem sie sich zu jedem Kind herabbeugten und dessen Hände begutachteten. Dies wäre vielleicht nur seltsam und unverständlich gewesen, erst die zweite Beobachtung machte daraus etwas Angst erregendes, denn manchmal, keineswegs jedes Mal, aber ziemlich häufig, nahmen sie die Hände des jeweiligen Delinquenten nach dem Begutachten hoch, steckten seine Finger bis zum Handgelenk in einen schneeweißen Beutel und banden diesen zu und unter dem Bett an einer Stange fest. Das Kind war daraufhin ans Bett gefesselt.

Totenstille

Keines schrie, im Saal herrschte Totenstille. Aller Augen lagen auf dem langsamen Vorwärtskommen der Tanten in die eigene Richtung. Ich erinnere mich nicht, etwas gedacht zu haben, etwa wie man dann wohl auf Toilette kommen mag, ob das unsere Eltern erlaubt haben würden, oder andere durchaus der Sachlage angemessene  Gedankenverbindungen, ich dachte nur eines: Die kommen auch zu mir und dann bin ich verloren!  Ich erinnere mich genau, dass ich mich nicht mehr zu bewegen traute und sich die Angst in meinem ganzen Körperinneren ausgebreitet hatte. Wie ein sich mit Wasser füllender Krug war in mir nur noch Angst und sonst nichts mehr. Ich spürte an der rechten Hand meinen Daumen und wusste, dass man es sehen konnte, er war kleiner als der andere und durch das lange Lutschen wie ausgelaugt. Ich legte ihn also möglichst weit weg von dem anderen auf die Bettkante. So blieb es eine ganze ewige Weile. Bis ich aus dem Zustand der Erstarrung erwachte, als ich begriff, dass die Tanten an mir vorbei waren, meine Hände wohl begutachtet hatten, ich erinnerte mich vage, sie gesehen zu haben, wie sie sich über mich beugten, aber nicht, etwas gespürt zu haben, was einer Berührung glich, doch hatten sie mich immerhin ungefesselt gelassen, sie hatten meinen Daumen nicht entdeckt. Sie waren auf abgeknabberte Fingernägel aus gewesen, das begriff ich später. Die Angst ließ mich erschöpft, aber erleichtert zurück, so dass die Hauptarbeit, die es für mich nun noch gab, mir ungemein leicht erschien – ich musste wach bleiben – Es war klar, dass ich nicht schlafen durfte in dieser Nacht, denn schlafen konnte ich nur, wenn ich in einem komplizierten Verfahren, was ich mir längst abgewöhnen sollte und für das man schon viel getan hatte, meinen Daumen in den Mund nahm und ihn auf den anderen Arm ruhen ließ, den ich gleichfalls ein wenig besaugte. So blieb ich also im Bett liegen wie eine Salzsäule, rechts und links mit ausgestreckten Armen, und doch wurde mir heiter und wohl ums Herz, anlässlich der Leichtigkeit des Wachbleibenmüssens gegenüber der eben ausgestandenen Angst, für den Rest der Nacht ans Bett gefesselt zu werden. So war das Föhrer Kinderheim.

Nur selten am Meer

Tagsüber waren wir selten am Meer, ich erinnere mich nur an einen Tag, wo ein Bild für die Eltern gemacht wurde und wir alle lächeln sollten. Ansonsten kamen wir täglich nackt in enge, dunkle Räume mit Höhensonnenbrillen auf den Nasen und mussten dort Plumpssack spielen. Wir schämten uns, besonders wenn wir so durchs kalte Treppenhaus geführt wurden und die Jungen trafen, die Erzieherinnen lachten darüber, ich höre es noch heute laut schallend über den Flur tönen, ihr Lachen, mit dem sie uns bedeuten wollten, dass es wohl der drolligste Gedanke sei, den es je gegeben hatte, sich als Kind seiner Nacktheit schämen zu wollen. Die Höhensonnenräume waren bis unter die Decke gekachelt, grün und eng und ohne jedes Fenster und machten auf uns Kinder einen nicht eben Vertrauen erregenden Eindruck. Ich weiß, wie die Erwachsenen uns immerzu zum Spielen treiben mussten, von selbst mochten wir es nicht, standen nur still und stumm und wünschten uns wer weiß wohin, nur weg.

Gedanken an Zuhause kamen nicht auf

Der Gedanken an Zuhause kam in uns nicht auf, nicht wegen Mangels an Phantasie, da war kein Mangel, wir malten uns den ganzen Tag aus, was sich die Erzieherinnen als nächste Strafe auszudenken gedächten, nein, wegen dem fehlenden Trost. Man kann keinen Gedanken an eine Sehnsucht verschwenden, wenn da niemand ist, der einen dafür in den Arm nimmt oder die Möglichkeit eröffnet, irgendwann einmal wirklich wieder  dorthin zurück zu kommen. Da das nicht ging und ich mich allem hier ausgeliefert fühlte, immerhin war ich erst fünf, war in meinem Inneren der Gedanke an mein Zuhause gänzlich verschwunden. Hätte man mich nie mehr nach Hause gebracht, ich hätte es ebenso ertragen, wie die sechs unseligen Wochen dort, an denen ich nicht eine Minute des Tages ohne Angst war. Folterheim dachte und sagte ich später meinen Eltern, als ich unerwarteterweise schließlich doch wieder zurückgeschickt worden war, mit der, wie sich herausstellte, leider vergeblichen Hoffnung, sie würden mich nie wieder in so was „verschicken“, was dann allerdings noch mal, ebenso grausam und schlimmer geschehen war. Ein Heim unter vielen dachte ich später, als viele Jahrzehnte ins Land gegangen waren und ich trotz dieser Behandlung zu einer selber denkenden Persönlichkeit herangewachsen war.

In graue Decken gewickelt auf dem Flur

Bis ich bei meinem Besuch im Föhrer Museum ein Buch in die Hand nahm und darin die Zeilen einer Autorin las, die schrieb, dass die Erfahrungen im Föhrer Kinderheim zu den schlimmsten ihres Lebens gehörten. Sieh mal an, dachte ich, da ist es einer genauso gegangen.Kann es sein, dass es noch mehr Menschen gab, die im Föhrer Kinderheim gelitten hatten? Einem unter vielen oder vielleicht doch einem besonderen?  Damals litt jedes still für sich allein. Ich erinnere mich keiner Freundin, keines Wortes, dass ich je an eine andere Person richtete. Es gab in dunklen Sälen das Essen in Suppenform, Graupen oder Speck, hart wie Schuhsohle schwamm dort drin, ich war froh, es durch mein Kindergartenessen gewohnt zu sein, während andere weinten und das Erbrochene wieder aufessen mussten, wenn sie es schließlich unter Krämpfen hervorgewürgt und auf ihren Teller gespuckt hatten. In graue Decken eingewickelt mussten wir nachts, draußen im Flur, Strafe sitzen, wenn wir etwa geschwatzt hatten oder zur Unzeit auf die Toilette wollten. Letzteres war nur zu ganz bestimmten Zeiten, tief in der Nacht, gestattet, wenn Rotlicht brennt, sagte man uns, aber ich jedenfalls sah nie irgendwo je ein Rotlicht brennen. Hatte ein Kind ins Bett gemacht, wurde es öffentlich lächerlich gemacht, man hängte sein Bett-Tuch quer durchs Zimmer und das Kind bekam irgendetwas nicht, keinen süßen Brei, kein Mitkommen auf einen Ausflug, kein Lesen von Bilderbüchern, Strafe musste sein, das war hier oberstes Prinzip und leise sein, immer mussten wir leise sein. Überhaupt waren wir wie Marionetten. Wir warteten, bis man uns sagte, geht, wir standen still, wenn man uns sagte, steht still, wir bewegten uns, wenn man uns sagte, bewegt euch. Nur mit dem Spielen wollte es nicht so klappen, wenn sie uns sagten, spielt, dann fiel uns einfach nicht ein, was wir wohl spielen konnten.

Nachfolge Nationalsozialismus

Mein Verdacht war immer, dass es sich um ein direktes Nachfolgeheim des  vorbildlichen Erziehungswesens des Nationalsozialismus gehandelt haben mag, das von der irrigen These ausging, dass eine harte, Angst erregende Erziehung auf Seiten der Kinder höfliches und moralisch integres Verhalten fördere. Leider herrschten unter uns nur Angst, Angst und Angst, dazu Misstrauen und Haare ziehen, auslachen und petzen. Wenn sich  Freundschaften bildeten, wurde man von seiner Freundin getrennt, Geschwister wurden voneinander getrennt, Mädchen und Jungen waren in verschiedenen Fluren untergebracht, man wurde beleidigt, verlacht, gedemütigt und bestraft. Interessant wäre einmal,sich hier auf die Spuren zu begeben. Was geschah eigentlich mit den Erziehern des Nationalsozialismus? Verschwanden sie über Nacht um in Kurheimen, Erziehungsanstalten und Krankenhäusern wieder aufzutauchen? Warum hat sich darum nie jemand gekümmert? Ein wichtiges Forschungsvorhaben.

Inzwischen gründet sich gerade eine „Initiative Verschickungskinder“ eine Veröffentlichung zum Thema ist geplant, es wird im November 2019 einen Kongress der „Verschickungskinder“, geben. 

Daten: 21-24.11.19 auf Sylt, dazu bitte bei Interesse unter der u.a. Internetseite anmelden. Kopien von Fotos und Briefen für die Erinnerungsarbeit und zu Forschungszwecken bitte mitbringen. 

Eine eigene Internetseite mit vielen Infos zum Thema: www.verschickungsheime.de

Die Kommentarfunktion findet sich ab jetzt nur noch hier: http://verschickungsheime.de/zeugnis-ablegen-erlebnisberichte-schreiben/

Kommentare

Es gibt 141 Kommentare für "Hände hoch – Und dann bin ich verloren!"

  • Eberhard Kuske sagt:

    Liebe Frau Roehl,

    so ein Zufall: ich wurde 1955 mit 5 Jahren nach Wyk auf Föhr verschickt – vermutlich aus den selben Gründen wie Sie – und mit Eindrücken, die den Ihren durchaus gleichen.

    Ich war im Winter da und erinnere auch, daß „Freigang“ eine absolute Seltenheit war. Das Festgebundenwerden während der Nacht habe ich nicht erfahren, dafür war eine andere Art der Schikane Mode bei uns Jungs: Wir wurden dressiert, die langen Unterhosen FALTENFREI in unsere Kniestrümpfe einzuführen – mit entsprechenden Extra-Trainingseinheiten.

    Jeden Mittag gab es eine ausgedehnte Mittagsruhe in einem -wie man heute sagen würde- verglasten Wintergarten. Unnötig zu erwähnen, daß natürlich ein absolutes Schweigegebot herrschte. Die Zeit schien niemals enden zu wollen.

    Ich erinnere die Zeit im Kinderheim auf ähnliche Weise wie Sie: auch ich habe mich des öfteren gefragt, welche Art der Sozialisation die „Tanten“ wohl erfahren hatten – und ich kam zu ähnlichen Vermutungen wie Sie.

    Der Aufenthalt dort gehört zu den traumatischeren Erfahrungen in meinem Leben – nur gut, daß dies ein einmaliges Ereignis blieb.

    Liebe Grüße

    Eberhard Kuske

  • Thomas Bergemann sagt:

    Guten Tag,
    habe durch Zufall heute die zwei Beiträge gefunden. War selbst dort im Oktober/November 1959 für 9 Wochen. Wurde im November 5 Jahre.
    Als ganz so „krass“ kann ich die Zeit dort nicht erinnern. An die weißen Handschuhe kann ich mich auch erinnern, aber es war dort eine Art Krätze (Ekzem) ausgebrochen, so auch bei mir. Auch Windpocken waren ausgebrochen Man wollte wohl verhindern, das die Kinder ständig kratzen. Bei mir war das Kinn betroffen. Soweit ich mich erinnere haben wir öfters Wanderungen gemacht. Ich erinnere mich dazu an eine Fahrt nach Amrum, eine Wanderung im Dunkeln mit Laterne oder auch zweimal? zu dem Gelände weiter südlich am Strand, welches zum Heim gehörte. Dort in der Liegehalle mußten dann den Mittagsschlaf halten. Auch in der Stadt selbst waren einige Male. Also das kann ich nicht bestätigen, dass wir draußen nicht genug bewegt worden. An eine Sache erinnere ich besonders. Im Zeichen der damaligen Zeit „Was auf den Tisch/Teller kommt, wird aufgegessen“ wurden wir auch gezwungen, rote Beete zu essen. Ich selbst konnte sie gerade so herunterwürgen, während mein Platznachbar die rote Beete hineinwürgte oder in den Backentaschen behielt um dann alles mit einem großen Schwall auf den Teller ko…te. Komischerweise mag ich heute rote Beete recht gern. Viele Kinder hatten Heimweh, manche sogar sehr extrem.
    Zu den Erzieheren oder Tanten. Meines Erachtens waren die Erziehungsmethoden in dieser Zeit überall gleich, erinnere den Kommandoton auch an ganz anderer Stelle. Und wenn man Zeitzeugenberichte heute aus damaliger Zeit liest, war das Halbmilitärische „Stand der damaligen Wissenschaft“ Wie denn auch? Seit Kaisers Zeiten herrschte der Kommandoton vor. Das brauchte schon einige Generationswechsel um mehr Einfühlungsvermögen und andere Erziehungsmethoden zu entwickeln.

    Mit anderen Worten, persönlich habe ich immer gern an die Zeit gedacht, auch schon als ich in den Zwanzigern war und nicht erst seit heute, wo die Eriinerung oft verklärt ist

    Viele Grüße
    Thomas Bergemann

  • Rosemarie Thiele sagt:

    Hallo, im Jahr 1956 (6Jahre alt) war auch ich in dem Kinderheim zur „Verschickung“ und kann nur sagen, das ich keine guten Erinnerungen habe. Als erstes wurden allen Kindern bei der Ankunft erst einmal dieVerpflegung abgenommen, die wohl von den Eltern mitgegeben wurde. Wir haben nie wieder etwas davon gesehen. Das Essen gab es aus verbogenen Blechtellern, erst Kartoffelbrei und dann aus dem gleichen Teller dünne Suppe mit Sago. Ich wollte einfach nur nach Hause. Leider war es der Februar mit der extremen Kälte damals und aus 6 Wochen wurden 9 Wochen Aufenthalt. Wegen der zugefrorenen Nordsee zwischen den Inseln. Vier Jahre später kam ich wieder zur „Verschickung“ nach Bad Oldesloe. Dort wurden mir die langen Haare an der Stuhllehne festgebunden und das Essen reingeklopft , wenn es wieder rauskommen wollte. Einmal habe ich dann auf den Flur gespuckt. Zur Toilette dürften wir Nachts überhaupt nicht. Meine Bettnachbarin hat in ihre Badekappe gemacht. Das erinnere ich genau. War Briefschreiben angesagt, so wurde jede Karte oder Brief genauestens kontrolliert,damit ja nicht jemand die Zustände , die dort herrschten mitbekam. Es war alles nur schrecklich. Wyk auf Föhr habe ich 50 Jahre später wieder besucht und stand dann lange vor dem „Heim“. Gruß Rosemarie Thiele

  • iris knackert sagt:

    So Ähnliche Erfahrungen kenne ich auch von Amrum, und ich musste zwei mal hin einmal mit 6 Jahren und einmal mit 11 Jahren…

  • Ullrich Koke sagt:

    handelt es sich um das Kinderheim “ Haus Engel“ am Südstrand?
    Dort war ich im Februar 1955 und kam mit Hautausschlag aus der Kinderverschickung
    nach Hause. Eine Verantwortung hierfür wurde abgelehnt (Original Brief ist vorhanden).
    Fräulein Sigrun war die Betreuerin.
    Ich habe an dieses Kinderheim die schrecklichsten Erinnerungen.
    Gruß
    Ullrich Koke

  • Robert Bergmann sagt:

    hallo zusammen, habe grad die Karte entdeckt, die die Heimleitung aus Wyk im Jahr 1973 an meine Eltern schickte, als ich dort für sechs Wochen war, damit ich Gewicht zulege. ich war nämlich als Kind stark untergewichtig und solte mit einer Art Fresskur aufgepäppelt werden. Meine Erinnerungen sind gleichwohl etwas schwächer ausgeprägt als die, die ich hier lese.Vor allem an grosse Frühstücksrationen mit Müsli kann ich mich erinnern. Und daran, dass wir vor dem Frühstück allesamt wahrscheinlich zum Appetit bekommen erst einmal in der eiskalten Nordsee baden mussten. Weitere merkwürdige Erziehungsmethoden erinnnere ich nicht. Nur soviel: Das Ergebnis der Bemühungen war bescheiden: nach sechs Wochen hatte ich exakt 600 Gramm zugelegt. Mir wurde dennoch ein „sehr guter Kurerfolg“ attestiert.

  • Sigrid Zorr sagt:

    Guten Tag.
    Auch ich war 1955/56 im Kinderheim in Wyk. Als ich Eure Briefe las, kam in mir auch all die Angst von damals hoch, so dass ich mir nun etwas von der Seele schreiben muss.
    In das Heim kam ich, weil ich an Gewicht zunehmen sollte. Ich erinnere mich, dass ich während meines Aufenthaltes erkrankte und mit anderen Kindern nicht zurück auf das Festland nach Hause konnte.
    Wir Kinder lagen alle in einem Raum. Wir hatten Fieber und mussten uns immer übergeben. Als ich einmal aufwachte, gab es gerade Wurzelgemüse. Einem der Jungs wurde schlecht: er musste sein erbrochenes Essen wieder aufessen!
    Vor lauter Angst, dass ich dies auch machen musste, stellte ich mich schlafend. Als ich einmal kurz blinzelte, sah ich den vollen Teller, den sie mir hingestellt hatten. Nach dem
    Verzehr wurde mir übel, und ich erbrach alles in meine neuen Hausschuhe. Ich hatte di Hoffnung, dass die „Tanten“ mein Erbrochenes nicht von den Schuhen abkratzen würden, um es mir dann wieder in den Mund zu stopfen.
    Während wir die sogenannte „Schokoladensuppe“ und klumpige Milchsuppe vorgesetzt bekamen, gab es für die „Tanten“ Gemüse und Fleisch. Was für ein Hohn! Kinder sind in
    diesem Alter nicht dumm, sie merken den Unterschied!
    Bei der Abreise war von der geplanten Gewichtszunahme, die Sinn des Aufenthaltes war, nichts zu sehen.
    Diesen Horror konnte ich bis jetzt nicht vergessen und bin nun froh, von anderen, ähnlichen Schicksalen erfahren zu haben.
    Leider habe ich dieses Heim bei einem Tagesausflug auf die Insel nicht wiedergefunden.
    Es war groß und hatte am Eingang eine Art Torbogen aus Walknochen oder ähnlichem.
    Vielleicht weiss jemand, was daraus geworden ist?

  • marianne sagt:

    ich glaube ich war zur selben zeit dort als 5 jährige 1960. ich muss mal die Papiere suchen um das zu bestätigen. ich erinnere mich an kaum etwas. entweder verdränge ich das oder es gab nichts erinnerungswertes, was ich mir nicht vorstellen kann. ok, da ist eines, der bund an meiner Hose ging kaputt auf dem marsch zum frühstück. und man zwang mich mit meinem Teller durch den Saal zu laufen um mein essen abzuholen und die Hose fiel dann auch runter und ein lachen im ganzen Saal brach los. vielleicht hatte ich auch Glück denn meine Mutter schickte immer grosse Pakete mit Süßigkeiten von den Amis. wer weiss, würde aber jetzt gern mehr wissen.

  • tanja blutau sagt:

    Hallo…..
    ich war auch dort zur „Kur“, zumindest in einem der Kinderheime, an den Namen kann ich mich nicht erinnern, aber erst Anfang der 70er….. ich kann nur sagen, es war ein Alptraum. Erinnerungen habe ich an den grossen Schlafsaal, an den Mittagsschlaf, wo man nicht auch nur ein Wort sagen durfte, an die bösen Erzieher, die mich an den Haaren gezogen haben, mich Nächte auf dem Klo haben verbringen lassen etc. Ich wollte immer nur nach Hause, es gab keinen Kontakt nach Hause. Ein Kind brach sich den Arm und durfte nach Hause, ich habe alles versucht, das mir auch so etwas passiert, klappte leider nicht. Schöne Erinnerungen habe ich keine……
    Gruss
    Tanja Blutau

  • anja sagt:

    Sehr endrucksvoller Bericht, Danke!!! Ich werde die Sachen sammeln. Entschuldigen Sie, dass ich den Kommentar so spät erst entdeckt habe, Anja R.

  • meinass sagt:

    …ja ich war 58 da während der „asiatischen Grippe“ und erkrankte ziemlich schlimm, so dass meine eltern benachrichtigt wurden. Zu Essen gabs die ersten 3 Wochen meist Grießbrei oder Milchreis – ein Teller musste gegessen werden. Glücklicherweise saß ich neben einem, der zum Abnehmen da war, der hat immer meinen Teller mit aufgegessen. Nach drei Wochen musste man 2 Teller essen, ich war ja zum „aufpäppeln“ da. Mein Nachbar freute sich. Einmal gabs Kartoffelpfannenkuchen – da wollte ich gerne 2 Teller – aber da waren sie schon alle und die Belegschaft zu faul zum Weiterkochen… Mittags gabs 2 Stunden in einem wintergartenartigen Anbau absolute Ruhe, wir stellten uns schlafend, da bei offenen Augen Ärger drohte. Ergebnis: mein zum Abnehmen verschickter Nachbar hatte 5 Pfund zugenommen (er wurde ausgebuht, als man die Ergebnisse vorlas) und ich hatte 5 Pfund abgenommen, was man auf die Krankheit schob. Total abgemagert kam ich von der Aufpäppelung nach Hause – schee wars net.

  • Claus sagt:

    Ich war 1951 zusammen mit meinem Bruder im Kinderheim „Südstrand“ in Wyk/Föhr, wir kamen aus Hamburg und sollten unseren Keuchhusten auskurieren. Ich habe als Fünfjähriger sehr unter Heimweh und Kälte gelitten, auch wurde ich dort krank. Misshandlungen gab es nach meiner Erinnerung nicht, das Essen war allerdings furchtbar. Ich habe bis heute einen unüberwindlichen Ekel vor dicken Kilchsuppen mit Nudeln oder Kopfsalat mit süßem Dressing… Ich erinnere mich, dass ich manchmal morgens von einer Betreuerin, die mich „süß“ fand, in ihr Bett geholt wurde. Sehr grenzwertig, aber vielleicht war es auch ganz harmlos. Die 5 Wochen im Kinderheim schienen mir endlos, und bis heute gehört die Nordsee nicht zu meinen bevorzugten Urlaubszielen, leider.

  • Castor sagt:

    Auch ich habe das Glück gehabt, Mitte der Fünfzigerjahre zwei Mal „verschickt“ worden zu sein, zunächst nach Wyk auf Föhr und ein Jahr später nochmal nach St. Peter Ording, da als im Jahr 1948 Geborener doch ständig mit körperlichen Schwächen gesegnet.
    Insgesamt habe ich die Atmosphäre im Wyker Heim eigentlich ganz positiv oder zumindest neutral in Erinnerung, allerdings hat sich bis heute eine Begebenheit in mein Gedächtnis eingebrannt:

    Zum Mittagessen gab es einmal Brathering, und den mocht ich nun überhaupt gar nicht, und das hat sich bis heute auch nicht verändert, nach diesem Ereignis ganz besonders.

    Denn die Tischaufsicht bestand mit strengster Miene darauf, dass die Kinder den Ess-Saal so lange nicht verlassen durften, bis ich meinen Teller geleert und den Fisch aufgegessen hatte.
    Diese für mich äußerst unangenehme Situation konnte ich nur dadurch auflösen, dass ich den Fisch zwar zunächst in meinen Mund aufgenommen, aber anschließend im WC wieder entsorgt habe. Sorry für die drastische Schilderung, aber schließlich ist es genau so gewesen.

    Ich empfand das damals als eklatant diskriminierend und rigide, und viele damals verabscheute Speisen verzehre ich heute auch mit Genuss, nur dem Brathering gehe ich bis heute aus dem Wege, keine Chance! Und da wird das geschilderte Erlebnis sicher seinen Teil dazu beigetragen haben.
    Und ich war damals ganz bestimmt nicht „krüsch“, aber in den kargen Nachkriegszeiten muss diese meine Ablehnung wohl eine ganz besondere „Sünde“ gewesen sein, anders kann ich mir das Verhalten der Schwester nicht erklären.

    Bin auch noch auf der Suche nach der genauen Adresse, vielleicht kann sie hier jemand gelegentlich nachreichen, damit ich mir das Gebäude nochmal ansehen kann, sollte es tatsächlich noch existieren.

  • Rosemarie Thiele sagt:

    Das Kinderheim in Wyk in dem ich im Febr. 56 war hieß damals H.K.H. Seemöve
    ich habe noch die alten Postkarten, die meine Mutter mir damals dorthin geschickt hat.
    es war so schrecklich dort.

  • B.Lehmann sagt:

    Im Mai 1962 wurde ich für 6Wochen in das Kinderheim „Marienhof“ in Wyk/Föhr geschickt. In Erinnerung habe ich, dass die Erzieherin Uta hieß, den Mittagsschlaf, an einen Ausflug an den Strand (davon gibt es Fotos), an eine heruntergekommene Krankenstation (ich hatte zu der Zeit Masern), Plumpsack spielen, Blechbecher mit einer wulstigen Kante, an den Schlafsaal mit Etagenbetten. Es war schrecklich, ich hatte Heimweh und da ich erst 4 1/2 Jahre alt war, hatte ich noch kein Zeitgefühl. Meine Kinder hätten in dieser Situation getobt und geweint, ich kann mich nicht erinnern, geweint zu haben. Ich glaube, dass ich ganz viel verdrängt habe, hoffe aber, dass es noch mehr Beiträge geben wird und ich herausfinden kann, wie es im Marienhof zu der Zeit zuging.

  • anja sagt:

    Danke für deinen Beitrag, es ist bestimmt dasselbe Heim, damit haben wir das erste Mal einen Namen, vielleicht sollten wir uns zusammentun und gemeinsam eine Recherche durchführen, wer waren die „Tanten“, wer hatte die Leitung inne, wo waren sie ausgebildet worden, was war in dem Heim vor 1945 passiert? Woher all das Schlimme kommt, dem sollte man nachgehen. Lass uns über mail oder Tel. Kontakt aufnehmen (Impressum), auch ich war erst 5 Jahre alt, als ich dort war, Grüße, Anja

  • H.-J. Exeler sagt:

    Ich war als 8 jähriger für 6 Wochen zur „Kur“ auf Föhr.
    Es war 1961
    Es waren die schrecklichsten Wochen meines Lebens.
    Ich erkrankte an Mums und wurde -wohl weil es ansteckend ist- in einem Einzelzimmer untergebracht.
    Nur zu den Mahlzeiten kam jemand um mich zu versorgen.

    Ansonsten war ich ca 2 Wochen in diesem Zimmer allein und fühlte mich von Gott und der Welt verlassen
    Einzelhaft im wahrsten Sinne des Wortes

    Ich glaube ich wäre selbst heute kaum in der Lage diese Insel zu betreten.

    Später habe ich auch Vermutungen über die Geschichte des Hauses und seiner Mitarbeiterinnen angestellt und war schnell bei dem Gedanken einer nationalsozialistischen
    Vergangenheit.

  • anja sagt:

    Man muss das recherchieren, ich habe hier inzwischen mehrere Betroffene, die über Wyk klagen, dem muss nachgegangen werden, ebenso den verletzungen, die die sogenannten Kinderkuren hervorgerufen haben, das muss öffentlich gemacht werden. Ich habe einmal an die inselverwaltung geschrieben, keine Antwort erhalten, man muss davon ausgehen, dass die Nachkommen der Täter durchaus noch auf der Insel leben, umso woichtiger, dass diese von den illusionen geheilt werden, die die sich noch immer von ihren Eltern oder Großeltern machen, die Wahrheit lässt sich sowieso nicht für immer unterdrücken! Ich werde versuchen, einen besuch in dem heim zu organisieren und von der Stadt, sowie von den Krankenkassen schonungslose Aufklärung und Einsicht in die Akten fordern!

  • Bea sagt:

    Hallo Anja , auf der Suche nach alten Fotos aus diesem Kinderheim habe ich diese Seite entdeckt ,vielen dank für die ausführliche Beschreibung, es kamen beim lesen eher traurige Gefühle zurück… ich war mit 5 Jahren 1968/ 1969 sechs Wochen zur „Verschickung “ in diesem Heim – kann mich an eiskalte Duschen „zur Abhärtung“ , erinnern und auch an den riesigen Schlafsaal mit den Tanten , die dort Wache in den reihen liefen , ja ,wir stellten uns schlafend aus Angst , denn wer die Augen öffnete, bekam ein Stoff-Taschentuch aufs Gesicht gelegt , bei der Abreise in Hamburg am Hamburger HBF aus dem fahrenden Zug ( damals noch die alten Züge mit offenen Fenstern ) sehr geweint. Nur die dünnen Kinder bekamen süßen Griesbrei , ich musste zugucken wie die anderen den Brei aßen . Viele Dinge ,die dort mit mir oder um mich herum passierten ,hab ich nicht verstanden ,sind mir aber in trauriger Erinnerung geblieben.
    Gibt es evtl. mal ein Treffen ? Gibt es dieses Heim jetzt noch ? Evtl. alte Fotos aus dem Archiv ? Viele Grüße Bea

  • anja sagt:

    Also bald mache ich mal einen Aufruf bzgl. dieses Heimes im Netz, das ist ja unglaublich, wie viele sowas dort auch erlebt haben, aber sie waren alle so, das weiß ich von freundinnen, wie wäre es mit einer Interessengemeinschaft Kassenheime?

  • anja sagt:

    Wer interessiert sich für die Aufarbeitung der Situation in den sogenannten „Kur- und Kassenverschickungsheimen“, das waren Heime, in die Kinder ab dem 4. Lebensjahr „geschickt“ wurden, was man sich so vorstellen muss, dass sie allein für 6-8 Wochen fremden „Tanten“ ohne jede Eingewöhnung überlassen wurden, die oft mit nichts anderem als roher Gewalt, Drohungen, schlechtem Essen, Essensverweigerung, Schlafentzug, einsperren, Trennung von Geschwistern, Anbinden, Mund und Augen zukleben u.ä. die Kinder in dieser Zeit eher malträtierten als gesund machten. Diese Opfer haben bisher keine öffentliche Stimme bekommen, ich möchte gern Erlebnisse aus diesen Heimen sammeln. Schreibt mir, meldet Euch!!! Zum Einlesen: http://www.anjaroehl.de/wyk-auf-fohr-%E2%80%93-verschickung

  • tanja kurasiewicz sagt:

    ich war 1880 dort …ging irgendwie über die grube.in meiner zeit gab es dort keine solchen foltermethoden mehr..ich habe dort 6 wochen verbracht u eine wunderschöne zeit gehabt.wenn ich das hier so lese,dann bin ich froh das ich zu eurer zeit nicht dort gewesen bin .lg

  • Dietmar Henkel sagt:

    Das ist ja Wahnsinn , durch Zufall bin ich auf diese Seite gestoßen und nur deshalb weil ich ein Campingplatz für das Frühjahr suchte.
    Ich bin 1964 im Alter von guten 4 Jahren dorthin verschickt worden , deshalb sind meine Erinnerungen sehr schwach .
    Woran ich mich auf jeden Fall erinnern kann , ich wurde krank und hatte die Masern und Windpocken , lag auch ewige Zeit in so einer halbdunklen Schlafkammer. Eine Betreuerin lag nachts direkt neben mir , über den Tag war ich alleine. An das Essen kann ich mich nur dunkel erinnern , ich weiß nur noch das es mir überhaupt nicht geschmeckt hat .
    An den großen hellen Essensraum mit den großen Fenstern erinnern ich mich hier auch und das mir alle meine Spielsachen und Matchboxautos für immer weggenommen wurden. Reden durften wir auch nicht .
    Am Strand waren wir an einem frostig sonnigen Tag , das Meer war vereist. Ich wurde verschickt wegen Blutarmut und ich war zu dünn.Alles im allem habe ich keine gute Erinnerung an diese Kur.
    Ich würde mir heute das Gebäude nochmals anschauen , ob dann noch mehr Erinnerungen aufkommen ?
    Gruß D. Henkel

  • Andreas sagt:

    ich war 1969 oder 70 mit 4 oder 5 Jahren in einer Kur auf der Insel Föhr.
    Ich bin dorthin zusammen mit meinen zwei Brüdern (ein Jahr jünger und ein Jahr älter als ich) geschickt worden als unsere Mutter sehr krank war.
    Ich habe wenige konkrete und abgesehen von einem Besuch im Wellenbad (war das dort?) ausschließlich negative Erinnerungen:
    -am Anreisetag mussten wir Nachhemdchen anziehen-unsere Schlafanzüge wurden weggeschlossen
    – die Unterbringung erfolgte in mehreren Schlafräumen, wir Geschwister wurden getrennt untergebracht.
    -Nachts durfte man nicht auf die Toilette
    Bei einem Strandspaziergang wurden uns Horrorgeschichten über „schwarze Männer“ erzählt damit man sich dem Wasser nicht zu sehr näherte.
    Es gab Zwangsspielen in einem kleinen Gartengelände.
    Ich erinnere strenge und unfreundliche „Tanten“
    Mein Jüngerer Bruder hat nach der Kur eine ganze Zeit unsere Eltern nicht als solche erkannt,-erst als er unter der Eckbank im Esszimmer unsere vom Vater gebaute Legokiste entdeckte ist er zuhause „angekommen“
    Das Heim ist ein dunkler Fleck in meiner Kindheit an den ich seit längerer Zeit durch einen Besuch der Insel (ich war bisher nie wieder dort) Licht bringen möchte

  • Ich war vom 15. Februar bis 29. März 1966 im Alter von sechs Jahren gemeinsam mit meiner Schwester, neun Jahre, im Nordsee-Kinderhaus Michelmann auf Wyk. Die ärztliche Aufsicht hatte Dr. Finke, die Inhaberin und Leiterin war Walburg Schlechtinger-Michelmann als staatlich geprüfte Schwester.
    Die Erinnerungen daran sind fürchterlich. Erbrochenes musste ebenfalls aufgegessen werden, beim nicht Einhalten von Regeln drohte die Übernachtung auf einer Holzbank im Umkleideraum, permanent gab es Schläge, wobei hier nicht der Verursacher bestraft wurde, sondern einfach jemand aus der Gruppe gegriffen wurde. Ich wurde geohrfeigt weil ich nicht gefragt habe, ob ich zur Toilette darf, usw.
    Ich finde lauter Hinweise von anderen Kinderkurheimen auf Wyk, aber nicht Haus Michelmann. War jemand auch zu der Zeit dort? Ich habe einen Prospekt mit vielen Bildern von diesem Heim. Ich plane noch in diesem Jahr, dort auf Spurensuche zu gehen. Ich würde mich auch riesig freuen, wenn sich Betroffene einmal für ein Treffen mobilisieren lassen würden.
    Eine öffentliche Stimme finde ich Wichtig und unterstütze dies.
    Ich freue mich von Euch zu hören.

  • Hannelore Mayer sagt:

    Ich war 3 mal im Marienhof in den 60iger Jahren und ich denke so gerne daran zurück..Meine Tante hiess Anne Wulle. Mechthild und Vera………Es gab ein vierer Zimmer und wir haben um die Wette Pfannkuchen gegessen.Wir waren oft am Strand und haben Sandburgen gebaut.Auch haben wir viel gesungen /aus der Mundorgel.Kurz und gut es war eine herrliche Zeit diese 3mal 6 Wochen.Der Heimleiter hiess Hr.Tietze und war sehr nett.Ich bin geboren 1952.Vielleicht meldet sich ja jemand bei mir.L.G. Hanne

  • Sabine sagt:

    Ja- ich war auch im Sommer 1964 in diesem Schrecklichen Kinderheim zur Verschickung. Ich gehörte zu den Kindern die eine Verlängerung von 2 Wochen bekamen. Noch heute sind mir die Bilder in mein tiefstes Innere eingebrandt.

    Die Schilderungen von Euch kann ich nur bestätigen, die großen Schlafsäle, die grausamen Tanten. Ich hatte schlimme Hautexzemen deshalb hat mich eine Tante auf den Arm und ging mit mir ins Meer- bis zum Hals, – ich hatte Angst das Wasser war kalt- sie ging immer Weiter das Wasser ging mir bis zu den Lippen- ich schrie vor Panik hatte Todesangst- da tauchte sie mich unter- und ich schluckte das Salzwasser- danach habe ich nie wieder geweint.
    Arbeite erst jetzt die Dinge auf,sie liegen 50 Jahre zurück und ich bekomme heute noch Herzrasen, wenn ich das schreibe.

  • Angelika Hill sagt:

    Hallo,
    also ich wurde aus Stuttgart 1976 1977 ins Haus am Meer Wyk auf Föhr geschickt . Wegen meinen Lungen
    Es war ziemlich heftig . Wenn man in der Mittagspause geredet hat wurde man bestraft auch beim Essen geschlagen usw
    Es waren sechs heftige Woche finanziert von der Barmer Ersatzkasse wer war auch dort mit welchen Erfahrungen ? Gern angelika_hill@web.de Vielleicht können wir was machen . Was ist aus dem Haus geworden ??

  • Claus sagt:

    Ich habe als Erwachsener viele Jahre als Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung in einer großen Diakonischen Einrichtung gearbeitet und „wundere“ mich, was die Erziehungsmethoden bis weit in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts betrifft, über gar nichts mehr. Alles, was hier am Beispiel der Wyker Kinderheime berichtet wird, war damals weit verbreitet und wird heute unter dem Begriff „schwarze Pädagogik“ aufgearbeitet (ich erinnere nur an das Buch „Schläge im Namen des Herrn“ von P. Wensiersky).

  • Gabriele Bech-Andersen sagt:

    Ohne Freude denke ich zurück an das DAK Kinderheim (ich glaube es war „Südstrand“), auf Föhr. Ich war 9 Jahre alt und sollte dicker werden, was wahrhaftig auch glückte, da man gezwungen wurde, alle Doppelportionen des nicht gerade leckeren Essens aufzuessen. Seitdem kan ich keine Mehlknödel mit Zwetschgen mehr runterkriegen, die waren einfach eklig. Wenn man nicht alles runterbekam, musste man allein im Essaal sitzenbleiben bis man fertig war und musste dann auf der Treppe sitzen, während die anderen Mittagsschlaf machten. Alle Briefe, die man nach Hause schrieb, wurden gelesen, damit man nichts Unvorteilhaftes schrieb. Das wurde dann nicht abgeschickt, glaube ich. Trotzdem waren die Tage, an denen wir schreiben durften, die besten.Es war Sommer, und wir gingen manchmal am Strand spazieren – doch erinnere ich mich nicht, im Wasser gewesen zu sein. Nein, das waren keine glücklichen und sehr lange 6 Wochen mit viel Heimweh!

  • Heike Bentz sagt:

    Hallo zusammen!
    Ich bin entsetzt was in diesen Kinderheimem in Wyk auf Föhr geschehen sein muß! Die Aussage von Hannelore Meyer vom 29. Mai 2016 entspricht viel eher dem, was ich etwa Mitte bis Ende der 60er Jahre erlebt habe. Ich selbst war 2x für 6 Wochen im Kinderheim Marienhof und es ist mir dort sehr gut gegangen! Es hieß, ich wäre „zu dünn“. Wir sind damals fast täglich am Strand gewesen. Haben auf dem Weg dorthin gesungen. Haben Sandburgen gebaut. Abends nach dem Zähneputzen (Zahnpasta mit Himbeergeschmack, ich vergesse es nie ;-)) im großen Bad saßen wir mit mehreren Mädels auf einem Bett und sangen wunderbare Volks- und Wanderlieder, die wir dort gelernt haben… Wir waren fröhliche und glückliche Kinder. Natürlich gab es nachts bittere Heimwehtränen! Aber keine einzige von uns war MEINES WISSENS jemals schlecht behandelt oder gar gequält worden!
    Ich glaube JEDES Wort der geschriebenen Berichte! Ich jedoch habe nur gutes dort erlebt! Das muß ich ganz klar sagen!!

    Heike Bentz
    August 2016

  • Stefanie Durre sagt:

    Halloechen…
    ich hatte jahrzehnte lang gedacht, nur ich haette mit meinem verschickungsheim die „Ars.hkarte“ gezogen…
    Es ist sagenhaft gut zu lesen, dass die meisten „Verschickungen“ genauso graesslich, wenn nicht noch graesslicher waren.
    Ich war ’76 „dran“. 9 jahre alt. aufgrund des „hohen alters“ (meine zimmergenossinen waren 9,11,12) behadelte man uns moderat.
    Die kleinen waren fuer jedes vergehen dran.
    Am ende erwischte es mich dann doch. die aufpasser entdeckten, dass ich keinen Rock mit hatte. So durfte ich die abschlussfeier auf einem tisch sitzend verbringen. Huebsch sichtbar fuer alle. in einer hose. Nach expliziter darstellung von den aufpassern, dass so was nicht geht.
    Mein Heim war nicht auf Foehr.
    Es war ein ex Nazi „Jagdhaus“ in Weisel. Mit entsprechend geneigten Angestellten, wie mir so scheint.
    ich bin unsaeglich froh, dass da mehr sind, die aehnliches durchgemacht haben.
    Falls einer im „Jagdhaus dr staeckel“, Weisel war, wuerde ich mich ueber kontaktaufnahme freuen
    liebe gruesse an alle
    Stefanie

  • Tanja Emmerling sagt:

    Auch ich wurde als 6 jährige (1979), aufgrund von angeblichen Untergewicht, von Kiel, nach Föhr geschickt. Ich habe nur ein paar schreckliche Erinnerung aber bei dem Gedanken daran, ein ganz schlimmes Gefühl. Wir wurden auf Toilette eingesperrt, ich machte, ich denke aus Heimweh, ins Bett und musste dann im Raum der Erzieher, im Schaukelstuhl schlafen. Ich erinnere mich an das schlimme frieren. Es wurden Karten nach Hause geschrieben, in denen nichts von Vermissen o.ä. Stand. Ich wurde gezwungen Dinge zu essen, die ich nicht möchte und habe dadurch auch nicht zugenommen. Alles in allem habe ich nur ein Trauma davon getragen. Schlimm, dass man so etwas Kindern angetan hat!!!

  • Ellen sagt:

    Ich bin heute durch Zufall auf diese Seite gestoßen. Ich wurde 1979 als 5jährige ins Jagdhaus Dr. Stäckel nach Wiesel geschickt. Ich kann mich Stefanie nur anschließen. Der Aufenthalt war die Hölle. Es gab eine Frau Netz (heimlich Spinnnetz genannt), die einem von dem, was man eh nicht mochte extra eine zweite Portion auftat!! Päckchen und deren Inhalt wurden verteilt (Süßigkeiten). Es wurden Karten nach Hause geschickt (wohlgemerkt – ich konnte noch nicht schreiben!), in denen gesagt wurde, dass es mir sehr gut gefällt!! Nicht ein Wort von meinem schrecklichen Heimweh!! Meiner Mutter wurde damals wochenlang gesagt, dass es das Beste für mich wäre, aber im Nachhinein hat meine Mutter das sehr bereut!! Es wäre schön, wenn ich Kontakt zu Stefanie aufnehmen könnte, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie…

  • franz sagt:

    Ich war im November 72 mit 6 auf Föhr (hatte meine Fibel mit und auf der Rückfahrt lag Schnee auf den Dächern). 900 km und 4 Wochen waren noch keine Dimensionen, mit denen ich umgehen konnte. Ich empfinde die Geschichte auch als Loch in meiner Kindheit, die mich zwar heute .nicht mehr belastet, aber alle paar Jahre mal wieder auftaucht. Ich bin nicht körperlich misshandelt worden, habe aber aufgrund demütiger Reinlichkeitsrituale dort meine sowieso noch wackelige Körperfunktionskontrolle wieder verloren. In der Mittagsruhe wurden regelmäßig Wäschekontrollen (= Suche nach schmutziger Unterwäsche zur Präsentation vor der Gruppe) von den „Großen“ (=10-12jährige) durchgeführt. Als ich weiter oben von dem Mädchen mit der Badekappe las, haben sich meine Haare hochgestellt. Ich habe das gleich mit einem Waschlappen versucht, und wollte ihn im Mülleimer verschwinden lassen. Dieser naturgemäß dilettantische Vertuschungsversuch wurde von den „Pädagogen“ auf echt kranke Weise „kriminalisiert“ und es wurde gedroht, alles der Mama zu erzählen. Ich erinnere mich, nachts panisch und stundenlang einen Urinfleck trockengerieben zu haben. Im Garten musste ich mal, es war aber verboten reinzugehen, und irgendwann lief es halt. Just in diesem Moment öffnete die Heimleiterin (eine kurzhaarige alte Krähe, die mit rauchiger Stimme immer „Hans im Glück kann jeder sein“ gesungen und mich höllisch geängstigt hat) die Verandatür, um sich an meiner Misere zu weiden und lautstark darauf aufmerksam zu machen (sie hatte mich wohl schon länger beobachtet). Den Rest der Kur verbrachte ich mit Spekulationen darüber, ob und was man meiner Mutter erzählen würde.
    Wieder zu Hause, verbrachte ich viele Monate in einer Art paranoidem Zustand, weil mir einfach Wochen fehlten und ich zeitweise dachte, das ganze Dorf hätte sich in meiner Abwesenheit gegen mich verschworen.
    Ich habe leider nur wenig räumliche Erinnerungen. Vielleicht kann jemand mit den folgenden Beschreibungen was anfangen und weiß, in welchem Heim ich war, weil ich mich da gerne noch mal umsehen würde. Das Hauptgebäude lag in einen parkähnlichen Garten, man musste unterirdisch durch einen halbrunden, schwachbeleuchteten Gang zum Speisesaal, der sich in einem Nebengebäude befand. In diesem Keller war auch eine Art Hausmeisterwerkstatt, in der Spielgeräte repariert wurden. Auf einem Nachbargrundstück war ein sehr gepflegter Irrgarten aus Hecken.

  • Antje Brodersen sagt:

    Weil ich in diesem Jahr – nach 65 Jahren!! – Föhr besuchen will und immer wieder überlegt habe, warum nicht früher …. dieser Bericht spricht mir aus der Seele! Auch ich wurde mit
    6 Jahren „verschickt“ wegen Heiserkeit, Atemwegsbeschwerden usw. –
    In Erinnerung geblieben sind mir Heimwehattacken, die zu Stubenarrest und Ausschluss aus schönen Aktivitäten führten, die die anderen machen durften, anstatt Tröstung und Anteilnahme zu erfahren!
    Schreckliche morgendliche Milchsuppen – zum Essen wurden wir gezwungen!!
    Danke für diesen Artikel und alle Kommentare – sie helfen mir sehr, diese kindliche, traumatische Erfahrung einzuordnen.
    ich war nicht allein!!

  • Heiner sagt:

    Ich bin 1951 als Siebenjähriger für 6 Wochen in den Marienhof „verschleppt“ worden. Leider (oder gottlob?) kann ich mich an besonders schlimme Details nicht mehr erinnern. Was mir dauerhaft im Gedächnis verbleibt, sind: strenge Schwestern in blau-weißen Trachten, befohlener Mittagsschlaf, ständige Traurigkeit und Gefühle des Verlassenseins, Buttermilchsuppen mit Graupeln uva. – kurzum: ein sehr negativ prägender Zeitraum, der bis heute unvergessen bleibt!

  • Anke Manger sagt:

    Hallo,
    Ich war im Winter 1977 in einem Kindererholungsheim auf der Insel Wyk auf Föhr. Leider kann ich mich nicht mehr an den Namen erinnern. Ich war dort, und Gewicht zuzunehmen, denn man hatte den Verdacht, dass ich eine Lungenerkrankung habe. Dass wir oft draußen waren, kann ich mich nicht erinnern. Einmal hatten wir einen Spaziergang gemacht, da hatte ich nur Gummistiefel an. Ich kann mich erinnern, dass ich sehr gefroren habe. Wir sind am Strand spazieren gegangen und mein Stiefel blieb im Schlick hängen. Man hat mir nicht geholfen, den Stiefel raus zu ziehen, ganz im Gegenteil, ich wurde verlacht und musste ohne den Stiefel nach Hause gehen. Das Essen kann ich mich auch erinnern, dass ganz fürchterlich geschmeckt hat. Da ich zu nehmen musste, bekam ich immer eine extra Portion, die ich meiner Nachbarin zu steckte. Sie sollte eigentlich abnehmen. An den Mittagsschlaf kann ich mich auch erinnern und auch daran, wenn man abends im Zimmer geredet hat, dass man mit einer grauen Wolldecke im Flur sitzen musste . Die Tante hat dann entschieden, wann es genug war mit dem sitzen im Flur. Es war eisig kalt in den Fluren. Wir haben viel gesungen, daran kann ich mich erinnern. Lustig ist das Zigeunerleben- war ein beliebtes Lied, Das mit einem Text fürs Kinderheim umgestaltet war. Ich müsste mal überlegen, ob ich vielleicht noch eine Strophe hinbekomme.
    Was mir wirklich in schlimmer Erinnerung blieb, wenn man ein Päckchen bekam wurde das im großen Speisesaal gesagt. Ich erinnerte mich daran, dass mir meine Eltern ein kleines Paket mit viel Süßigkeiten geschickt hatten. Das Paket wurde geöffnet von den Tanten, dann dürfte sich jeder etwas rausnehmen und musste das Paket weiterreichen. Leider war das Paket leer, als es bei mir ankam. Ich kann mich noch erinnern, wie man mir sagte, wie toll es doch sei zu teilen. Ich habe nicht mal geweint. Wenigstens habe ich den Brief meiner Eltern bekommen. Ich habe nur ein einziges Foto aus der Zeit auf dem alle Kinder sehr gequält aussehen. 1977 war ich sieben Jahre alt und noch nicht in der Schule, eben wegen der Erkrankung. Und weil ich noch nicht schreiben konnte, haben wir keine Karte nach Hause schreiben können. Vielleicht war noch jemand zur gleichen Zeit wie ich in dem Kinderheim und hat Lust mit mir Kontakt aufzunehmen.

  • Klaus sagt:

    Hallo liebe Leute,

    ich war 1955 als 8-jähriger in Wyk auf Föhr im Kinderheim Dr. Mohr. Unsere Betreuerin hieß Frl. Spielbrink (Lt. Fotoalbum)
    Am Strand befand sich eine hohe Metallspundwand, auf der riesig der Name des Kinderheimes stand. Ich hatte meine Box !! (einen Fotoapparat) dabei und mein Vater hatte mir noch einen anderen Fotapparat mitgegeben, mit dem dann die Betreuerinnen Fotos der ganzen Gruppe und vor allem von den 5 Jungs meiner „Bude“ gemacht haben. Davon besitze ich noch 15 Fotos, natürlich eingeklebt.
    Ich habe solche schlimmen, verstörenden Dinge wie ihr dort nicht Maße erlebt. Ich kann mich aber sehr gut daran erinnern, dass einer unserer Jungs des öfteren nachts nicht „waserdicht“ war. Den haben sie fertig gemacht und vor Allen kompromitiert. Wir haben ihn immer wieder aufrichten müssen. Und wir waren eine nette Truppe.
    Mir war des öfteren wegen des Essens schlecht. Sago hatte ich noch nie gesehen, geschweige gegessen. Regelrecht zum K….. ! Folglich habe ich auch nur ein paar hundert Gramm zugenommen.
    An der Spundwand ging eine steile Holztreppe an den Strand. Dort haben wir Burgen und Sandboote gemacht. Wattwanderungen durften nur die Größeren machen. Leid hat mir getan und sehr gelitten habe ich darunter, dass andere Jungs sich in der Stadt Schiffe im Laden als Andenken gekauft haben und ich kein Geld dafür hatte. Abends haben wir schon mal aus der Mundorgel zur Gitarre gesungen. Was ich noch erinnere ist, dass meine Mutter vorher zu Hause alle Kleidungsstücke mit Namensschildern versehen musste. Ansonsten haben meine Erinnerungen nur durch die erhaltengebliebenen Fotos bestand gehalten.

    Vielleicht war ja jemand von Euch auch in diesem Kinderheim ?
    Schöne Grüße an Euch – Klaus

  • Detlef Gerdsen sagt:

    Hallo. Ich bin nicht ganz „zufällig“ auf diese Seite gestossen. Schon seit geraumer Zeit habe ich Interesse daran gefunden, mehr über ein Kindersanatorium auf Föhr zu erfahren, denn ich habe dort 4-5 Monate(meiner Meinung nach) verbracht. Ich leidete an Lungendrüsentuberkulose. Das sollte dort kuriert werden.
    Es war 1949. Jahreszeit weiss ich nicht. Meine Mutter lieferte mich dort ab.
    Das erste, woran ich mich erinnere, war eine Ohrfeige. Ich sprach kein deutsch, denn bei uns zu Hause sprachen alle Plattdeutsch. Ich kannte nichts anderes, aber das hat man mir mit der Zeit ausgetrieben.
    Abends sollten wir in einer Reihe stehen, die Hosen herunterziehen und uns auf den Nachttopf setzen und urinieren. Es wurde nachher kontrolliert und der nichts gemacht hatte, der bekam eine oder mehrere Klatsche auf den Hintern. Alle mussten warten, bis der letzte fertig war. Wir bekamen zu wissen, dass wir nachts nicht auf die Toilette durften.
    Selbstverständlich sollten wir auch unseren Mittagsschlaf haben, wo alle mucksmäuschenstill sein mussten. Alle mussten die Augen schliessen und keiner reden. Wurde man unruhig oder „erlaubte“ sich was zu sagen und es wurde bemerkt, kam einer der „Schwestern“ und rollte denjenigen in eine Wolldecke mit Armen fest am Körper, so dass man sich nicht bewegen konnte. Vielleicht bin ich damals unruhig gewesen, aber ich leide heute unter Klaustrofobi und habe Alpträume deswegen. Ich gebe diese Erlebnisse schuld daran.
    Ein anderes Erlebnis sitzt bis heute in meinem Kopf. Es passierte während der Mittagsstunde. Wir lagen alle im Bett. Da kam der Arzt zu Besuch bei einem anderen Jungen. Was ihn fehlte, weiss ich nicht, aber ich vergesse nie, wie er eine Spritze aus seiner Tasche holte. Mehrere „Schwestern“ hielten den Jungen fest. Der schrie aus vollen Kräften. Der Arzt gab ihn die Spritze. Von meinem Platz sah es aus, als bekäme er sie mitten in den Bauch. Keiner der Erwachsenden kam mit tröstenden Worten. Dieses Bild habe ich nie vergessen. Noch heute taucht es auf, wenn ich oder jemand anderer eine Spritze haben soll. Nicht mal im Fernsehen kann ich hinsehen.
    Ein anderes Erlebnis, was sich festgesetz hat, ist der Besuch meiner Tante (eine Schwester meiner Mutter). Ich durfte nicht mit ihr allein zusammen sein. Ich stand auf einem Balkon und sie stand darunter. So konnten wir miteinander reden. Ich weiss nur, dass ich fast die ganze Zeit geweint habe.
    Mein Genesungszustand wurde schlechter statt besser. Nach den vermeintlichen 4-5 Monaten wurde ich abgeholt und kam in ein Sanatorium in Dänemark. Hier war ich 7 Monate und kam geheilt nach Hause. Von diesen 7 Monaten habe ich nur gute Erinnerungen. Das hat mein Leben so geprägt, dass ich in meiner Kindheit und Jugend nur den einen Wunsch hatte, in Dänemark zu leben. Nach Schule und Ausbildung bekam ich eine Anstellung in DK. Das war 1967. Ich habe es nie bereut.

  • anja sagt:

    Es könnte sein, dass sich die schlimmsten noch aus der Nazizeit übrig gebliebenen Pädagogen in den 50er Jahren eventuell noch zurückgehalten haben, sich auch noch nicht so trauten, ihre alten Methoden wieder voll durchblicken zu lassen, alles, was ich aus demselben Heim ab 1960 eruiert habe, bestätigt all die schlimmen Erinnerungen, die überall in dieser Zeit gemacht wurden. Es kann sich aber auch um ein anderes Heim gehandelt haben. Das mit dem Fertigmachen eines Kindes, das bettnässt, ist aber schon schlimm genug, finde ich. In jedem Fall bin ich an den Bildern sehr interessiert, ich werde demnächst aus den Kommentierenden eine mailinglist zusammenstellen, zum gegenseitigen Austausch und eventuell auch gemeinsamen Treffen, Anja Röhl

  • Sabine sagt:

    Ich war ca. 1964 als 5-jährige für 6 Wochen zur Kur in Bad Oldesloe, angeblich wegen schwachen Bindegewebes – wie ich erst viel später erfuhr, unterzog sich meine Mutter in dieser Zeit einer Mandel-OP.
    Es war furchtbar, 6 Wochen waren für mich eine Zeitspanne, die ich in dem Alter nicht einordnen konnte, ich meine, dass ich auch nicht oft an zuhause gedacht habe, ich hatte zu viel Angst und als ich mit dem Bus wieder nach Hause kam, erkannte ich meine Eltern nicht mehr.
    Es muss im Frühjahr gewesen sein, es war für die Jahreszeit zu kalt, ich hatte keine warmen Sachen zum Anziehen mit, aber wir waren auch selten draussen im Garten und wenn, dann fror ich.
    Ich kann mich noch an den großen schmucklosen Schlafsaal erinnern mit Metall-Krankenhausbetten, an die Stille, die dort abends herrschte. Wahrscheinlich hatten alle so viel Angst vor den Tanten wie ich. Zuhause habe ich mir abends immer vor dem Schlafengehen die Nase geputzt, das Taschentuch kam unter das Kopfkissen. Nun hatte man mir aber keine Taschentücher eingepackt und ich habe das Bettlaken stattdessen genommen – als die ‚Tante‘ das bemerkte, mussten sich alle Kinder in einem Halbkreis aufstellen und es wurde Ihnen gezeigt, was ich gemacht habe. Es war so beschämend. Zum Frühstück und zum Mittagessen gab es eine Vanillesuppe – eigentlich mag ich Vanillesuppe. Ich habe sie aber nicht herunterbekommen und übergab mich jeden Tag. Man packte mich am Kopf und ich wurde jeden Tag gezwungen, die Suppe mit dem Erbrochenen aufzuessen. Ich hatte schon als Kind vor den meisten Fleischgerichten einen Ekel, auch hier zwang man mich, das Erbrochene zu essen. Ich kann mich noch an eine Theateraufführung für die wir geübt haben erinnern, hier gibt es auch noch ein Foto von mir. Darauf ist auch ein kleines niedliches blondes Mädchen zu sehen, vielleicht 4 Jahre alt, die der Liebling aller Erzieherinnen war. Sie war die einzige, die mal gelobt oder freundlich angesprochen wurde, ich kann mich sonst nur an eine kalte Atmosphäre erinnern, ich habe dort auch keine Freundin gehabt.

  • Susanne Goldhagen sagt:

    Hallo zusammen, mit großem Mitleid habe ich die Berichte gelesen. Schlimm, Kindern solche Dinge anzutun!!!
    Ich bin 1956 geboren und kam mit 9 Jahren zur Erholung nach Wyk. Es war ein Heim, in dem Kinder aus Kiel und aus Wiesbaden von der Firma Höchst bzw. Farbwerke Kalle hindurften. Nach den 6 Wochen hatte ich das Kieler Platt gut drauf…
    Wir hatten eine nette Tante namens Margot aus Bad Reichenhall. Ich erinnere mich auch an Fruchtsuppen (besonders mit Sago – uähh!) aus Aprikosen (ich habe noch nie Obst gegessen…) und aufgeweichte Cornflakes mit Zucker (eklig süß). Wenn ich etwas nicht essen wollte, gab es eben nichts, aber niemand wurde zum Essen gezwungen – schon gar nicht etwas Erbrochenes. Ist ja unmenschlich!!
    Pakete gehörten einem alleine, es musste nichts geteilt werden. Wir waren oft am Strand, wenn es auch im April zu kalt zum Baden gewesen ist. Wir haben einen Töpfer in seiner Werkstatt besucht (die sog. Sylter Spatzen habe ich heute noch) und ein Glasbläser kam sogar ins Haus.
    Meine ersten Worte an meine Eltern am Wiesbadener Bahnhof waren: „Wann darf ich wieder dahin?“
    Es tut mir wirklich sehr leid, dass es vielen von euch so schlecht ergangen ist.
    Herzlichst Susanne

  • Martina sagt:

    Wer erinnert sich an das Heim „Schloss am Meer“ in Wyk auf Föhr? War 1972 dort.

  • Karen sagt:

    Hallo,

    durch Zufall – auf der Suche nach Bildern des Erholungsheimes, in dem ich damals war – bin ich gestern auf diese Seite gestoßen. Und ich bin entsetzt über all die schlimmen Dinge, die kleinen Kindern angetan wurden.

    Mir ist es allerdings ganz anders ergangen, und ich finde, auch DAS sollte hier erwähnt werden: ich war im Sommer 1966 (?) Im Kinderheim Marienhof, und ich habe die 6 Wochen, die ich dort verbracht habe, genossen. Beim Empfang im Haupthaus war mir zwar etwas mulmig – alles so fremd, niemand bekanntes, und die Kinder, mit denen ich angereist war, kamen in andere Gruppen. Aber dann wurde es eine herrliche Zeit: unsere Gruppe war gut zusammengestellt, wir waren oft am Strand, wo ich sogar das Schwimmen erlernte – ich als wasserscheuer Angsthase! Es wurde viel gesungen, gespielt, gebastelt – ich kann mich an geknüpfte Netze und emailierte Schmuckanhänger erinnern. Mit einem Mädchen aus meinem Schlafraum (6-Bett-Zimmer) hatte ich noch über 5 Jahre regen Briefkontakt.

    Es geht also auch anders – und ich dachte, auch das sollte hier erzählt werden – und sei’s zur „Ehrenrettung“ „meines“ Kinderheims Marienhof.

  • Ingrid sagt:

    Ich bin entsetzt und erschüttert! Kinder sind unser höchstes Gut! Was Ihnen allen in den Kinderkurheimen angetan wurde, ist einfach nur kriminell, folterhaft und gewissenlos! Ich schäme mich schon fast zuzugeben, dem Berufsstand der Erzieherinnen anzugehören. Anfang der 80er wurde ich mit einer Mitschülerin, im Rahmen meiner Ausbildung zur Erziehern, in ein Kinderkurheim nach Wyk auf Föhr geschickt um Einblicke in die unterschiedlichsten Arbeitsfelder zu erhalten. So wie sich Ihre Beschreibungen anhören (Wintergarten, Strandnah, usw.) könnte es sich um das selbige Gebäude handeln. Das Gebäude war sehr groß und in grauer „Vorzeit“ musste es mal ein Hotel gewesen sein. In den 80er trug es den Namen soweit ich mich erinnere „Schloss am Meer“. Allerdings war es nicht das einzige Kinderkurheim auf Wyk. Meine Mitschülerin Uli und ich waren zwar recht unerfahren, aber auch uns sind einige Praktiken aufgestoßen. Ich erinnere mich an ein Kind mit heftigem Heimweh, es ließ mich nicht eher gehen, bis ich die Telefonnummer ihrer Eltern an mich nahm und versprach sie gut zu verwahren. Dass ich nicht anrufen dürfte, hatte ich dem Kind gesagt und die Kleine tat mir so leid, dass ich also wenigstens die Nummer an mich nahm. Dies kam schon sehr bald raus und ich bekam Ärger mit der Leitung (angestachelt durch die damalige Haushaltsleitung sie hieß glaube ich ?..Lamping oder ähnlich…)
    An den Namen der Heimleiterin erinnere ich mich nicht mehr. Bestätigen kann ich aber, dass Kinder die nicht schliefen in einem langen Flur auf einer harten Holz Bank sitzen mussten, bis sie wieder in ihre Betten durften. Auch gab es eine Lampe, die ein rotes Licht ausstrahlte (Notbeleuchtung). So genannte Zusatzesser bekamen vor dem zubett gehen einen Schokoladenriegel und Abnehmer mussten in einem separaten Raum Essen. Uli und mir fehlte dort ein warmer und herzlicher Umgang mit den Kindern. Das haben wir dann unerlaubter Weise auszugleichen versucht. Ein damals zwölfjähriges Mädchen ist mir noch heute in Erinnerung, Dulima war mit einer ihrer Schwestern, Tulia dort. Sie wich nicht von meiner Seite und nannte mich Ingelchen. Für die Kinder war es schon eine harte Zeit, nicht alles war ok, aber dennoch kein vergleich etwa zu den 50er Jahren. Leider muss ich gestehen, dass, auch heute, nicht überall der Umgang mit Kinder so abläuft, wie es gedacht ist oder sein sollte. Wer sich wie ich dagegen stellt, wird diskriminiert und gemobbt.
    Ich finde es richtig nachzuforschen und die Verantwortlichen zu belangen! Welchen Schaden diese Menschen angerichtet haben, der so viele von Ihnen nach so vielen Jahren noch verfolgt, ist unbeschreiblich hoch. Ich wünsche Ihnen allen von Herzen, dass Sie das erlebte verarbeiten können und sie erfolgreich bei ihrer Recherche sind. Sich dem Ganzen zu stellen verlangt viel Mut! Viel Erfolg und Alles Liebe! Ingrid

  • Dr. Rainer Maas sagt:

    Durch Zufall hab ich diesen Artikel entdeckt und konnte es zuerst nicht glauben. Das waren exakt meine Erfahrungen. Ich bin 1958 fuer 8 Wochen verschickt worden. Grund: Untergewicht bei der Einschulung. Es war eine traumatische Zeit.
    Einen Tag vor der Rueckfahrt wurden unsere Koffer vom Boden gebracht und uns wurde gesagt, dass es morgen nach Hause geht. Ich hatte vergessen wo das war und fragte die „Tante“ wo das ist.
    Vieles in den 50iger Jahren hatte den Hauch des Nationalsozialismus. Hier warves mehr als nur ein Hauch.

    Vielen Dank,

    Rainer Maas

  • Walter Kropf sagt:

    Ich war 1960 6 Wochen zur Erholung im Kinderkurheim Drenckhahn in St. Peter-Ording.Ich sollte zunehmen und wurde gezwungen immer 2 Teller abzuessen.Freitags gab es meistens Eintopf mit ekligen Petersilienstengeln.Die Erzieherinnen kontrollierten, ob die Teller abgegessen waren.Ich saß in der Nähe eines Heizkörpers und da ich immer kurz vor dem Erbrechen war,kippte ich den Rest,den ich nicht mehr geschafft hatte,hinter die Heizung.Als dies später bemerkt wurde, musste ich meinen Sitzplatz wechseln.

  • anja sagt:

    Ich möchte beim ehemaligen Heimkinderverband eine Untergruppe: Verschickungsheime gründen, sind Sie dabei? Ich werde allen, die hier kommentiert haben,demnächst dazu eine mail schicken, vielen Dank für Ihren Beitrag!

  • anja sagt:

    Sie waren in einem anderen Heim, es gab in Wyk viele, Ihr Heim war ein „Arbeiterheim“ der Firma Höchst, die wurden von der Gewerkschaft aufgebaut, die waren reformpädagogisch ausgerichtet, die Nazis schlüpften bei den Kassenheimen, den kirchlichen Heimen und den städtischen Heimen unter.