Anja Röhl

Hände hoch – Und dann bin ich verloren!

09.09.2009 / Feuilleton junge welt / Seite 13

Besuch auf einer Insel

FöhrDiesen Sommer besuchte ich das erste Mal nach 49 Jahren wieder einmal die Nordseeinsel Föhr. Ich war bei einer reizenden Familie eingeladen, am Abend gab mein Sohn mit dem Sohn der Familie ein Jazz-Konzert in der örtlichen Musikschule, am Tag wanderte ich über die Strandpromenade, radelte über die Insel und die Strände entlang, kam leider eine Woche zu früh für das außerordentliche Museum der nordischen Kunst und stieß irgendwann, am Ortsausgang von Wyk, auch auf das unscheinbare Backsteingebäude, das noch immer, 49 Jahre später, als ein Kinderheim fungierte und in dem ich einst, im Alter von fünf Jahren einen äußerst gesundheitsfördernden Aufenthalt hatte. Wir kamen von Hamburg-Barmbek und sollten frische Seeluft tanken, die hanseatische Ersatzkasse war die Geldgeberin, man nannte es „Verschickung“, ein Arzt musste uns vorher begutachten und unser Arzt, Dr. Krille, tat meiner Mutter gern den Gefallen, denn sie war alleinerziehend und brauchte auch Erholung, und ich bot reichlich Anlass, denn ich war sehr oft krank. Unter dem „Verschicktwerden“ konnte ich mir vor dem Aufenthalt in Föhr nichts weiter vorstellen, weshalb ich auch ohne Angst den Zug bestieg. Man hängte uns Karten um den Hals und später legten wir in Zweierreihen den Weg vom Hafen zum Heim zurück. Tatsächlich hatte ich auch diesmal, bei meinem Besuch auf Föhr im Jahre 2009 eine Reihe solcher Kinder in Zweierreihen gesehen, die mit ihren Begleiterinnen vom Schiff über die Hafenvortrasse geführt wurden. Sollte es immer noch solch eine Verschickung geben? Unter uns Barmbeker Kindern gelang später der Begriff „Verschicktwerden“ zu trauriger Berühmtheit, weil er einem Todesurteil gleich kam, wovon die Eltern partout nichts wissen wollten, was unter uns aber zum notgedrungenen Allgemeinwissen wurde, je mehr Kinder diese Erfahrung machen durften.

Die erste Nacht

An die erste Nacht im Heim auf Föhr kann ich mich mit einer Schärfe erinnern, als sei es erst gestern gewesen, was unzweifelhaft durch das intensive Gefühl langsam anwachsender Angst hervorgerufen wurde, das mich bald ganz und gar beherrschte. Es handelte sich um einen riesigen Schlafsaal, auf dem wir in langen Kolonnen in schmale Betten gelegt worden waren, denen sich vom Ende des Saales her mehrere Erzieherinnen, wir nannten sie Tanten, näherten. Diese machten sich geschäftig an jedem Kind zu schaffen, in dem sie sich zu jedem Kind herabbeugten und dessen Hände begutachteten. Dies wäre vielleicht nur seltsam und unverständlich gewesen, erst die zweite Beobachtung machte daraus etwas Angst erregendes, denn manchmal, keineswegs jedes Mal, aber ziemlich häufig, nahmen sie die Hände des jeweiligen Delinquenten nach dem Begutachten hoch, steckten seine Finger bis zum Handgelenk in einen schneeweißen Beutel und banden diesen zu und unter dem Bett an einer Stange fest. Das Kind war daraufhin ans Bett gefesselt.

Totenstille

Keines schrie, im Saal herrschte Totenstille. Aller Augen lagen auf dem langsamen Vorwärtskommen der Tanten in die eigene Richtung. Ich erinnere mich nicht, etwas gedacht zu haben, etwa wie man dann wohl auf Toilette kommen mag, ob das unsere Eltern erlaubt haben würden, oder andere durchaus der Sachlage angemessene  Gedankenverbindungen, ich dachte nur eines: Die kommen auch zu mir und dann bin ich verloren!  Ich erinnere mich genau, dass ich mich nicht mehr zu bewegen traute und sich die Angst in meinem ganzen Körperinneren ausgebreitet hatte. Wie ein sich mit Wasser füllender Krug war in mir nur noch Angst und sonst nichts mehr. Ich spürte an der rechten Hand meinen Daumen und wusste, dass man es sehen konnte, er war kleiner als der andere und durch das lange Lutschen wie ausgelaugt. Ich legte ihn also möglichst weit weg von dem anderen auf die Bettkante. So blieb es eine ganze ewige Weile. Bis ich aus dem Zustand der Erstarrung erwachte, als ich begriff, dass die Tanten an mir vorbei waren, meine Hände wohl begutachtet hatten, ich erinnerte mich vage, sie gesehen zu haben, wie sie sich über mich beugten, aber nicht, etwas gespürt zu haben, was einer Berührung glich, doch hatten sie mich immerhin ungefesselt gelassen, sie hatten meinen Daumen nicht entdeckt. Sie waren auf abgeknabberte Fingernägel aus gewesen, das begriff ich später. Die Angst ließ mich erschöpft, aber erleichtert zurück, so dass die Hauptarbeit, die es für mich nun noch gab, mir ungemein leicht erschien – ich musste wach bleiben – Es war klar, dass ich nicht schlafen durfte in dieser Nacht, denn schlafen konnte ich nur, wenn ich in einem komplizierten Verfahren, was ich mir längst abgewöhnen sollte und für das man schon viel getan hatte, meinen Daumen in den Mund nahm und ihn auf den anderen Arm ruhen ließ, den ich gleichfalls ein wenig besaugte. So blieb ich also im Bett liegen wie eine Salzsäule, rechts und links mit ausgestreckten Armen, und doch wurde mir heiter und wohl ums Herz, anlässlich der Leichtigkeit des Wachbleibenmüssens gegenüber der eben ausgestandenen Angst, für den Rest der Nacht ans Bett gefesselt zu werden. So war das Föhrer Kinderheim.

Nur selten am Meer

Tagsüber waren wir selten am Meer, ich erinnere mich nur an einen Tag, wo ein Bild für die Eltern gemacht wurde und wir alle lächeln sollten. Ansonsten kamen wir täglich nackt in enge, dunkle Räume mit Höhensonnenbrillen auf den Nasen und mussten dort Plumpssack spielen. Wir schämten uns, besonders wenn wir so durchs kalte Treppenhaus geführt wurden und die Jungen trafen, die Erzieherinnen lachten darüber, ich höre es noch heute laut schallend über den Flur tönen, ihr Lachen, mit dem sie uns bedeuten wollten, dass es wohl der drolligste Gedanke sei, den es je gegeben hatte, sich als Kind seiner Nacktheit schämen zu wollen. Die Höhensonnenräume waren bis unter die Decke gekachelt, grün und eng und ohne jedes Fenster und machten auf uns Kinder einen nicht eben Vertrauen erregenden Eindruck. Ich weiß, wie die Erwachsenen uns immerzu zum Spielen treiben mussten, von selbst mochten wir es nicht, standen nur still und stumm und wünschten uns wer weiß wohin, nur weg.

Gedanken an Zuhause kamen nicht auf

Der Gedanken an Zuhause kam in uns nicht auf, nicht wegen Mangels an Phantasie, da war kein Mangel, wir malten uns den ganzen Tag aus, was sich die Erzieherinnen als nächste Strafe auszudenken gedächten, nein, wegen dem fehlenden Trost. Man kann keinen Gedanken an eine Sehnsucht verschwenden, wenn da niemand ist, der einen dafür in den Arm nimmt oder die Möglichkeit eröffnet, irgendwann einmal wirklich wieder  dorthin zurück zu kommen. Da das nicht ging und ich mich allem hier ausgeliefert fühlte, immerhin war ich erst fünf, war in meinem Inneren der Gedanke an mein Zuhause gänzlich verschwunden. Hätte man mich nie mehr nach Hause gebracht, ich hätte es ebenso ertragen, wie die sechs unseligen Wochen dort, an denen ich nicht eine Minute des Tages ohne Angst war. Folterheim dachte und sagte ich später meinen Eltern, als ich unerwarteterweise schließlich doch wieder zurückgeschickt worden war, mit der, wie sich herausstellte, leider vergeblichen Hoffnung, sie würden mich nie wieder in so was „verschicken“, was dann allerdings noch mal, ebenso grausam und schlimmer geschehen war. Ein Heim unter vielen dachte ich später, als viele Jahrzehnte ins Land gegangen waren und ich trotz dieser Behandlung zu einer selber denkenden Persönlichkeit herangewachsen war.

In graue Decken gewickelt auf dem Flur

Bis ich bei meinem Besuch im Föhrer Museum ein Buch in die Hand nahm und darin die Zeilen einer Autorin las, die schrieb, dass die Erfahrungen im Föhrer Kinderheim zu den schlimmsten ihres Lebens gehörten. Sieh mal an, dachte ich, da ist es einer genauso gegangen.Kann es sein, dass es noch mehr Menschen gab, die im Föhrer Kinderheim gelitten hatten? Einem unter vielen oder vielleicht doch einem besonderen?  Damals litt jedes still für sich allein. Ich erinnere mich keiner Freundin, keines Wortes, dass ich je an eine andere Person richtete. Es gab in dunklen Sälen das Essen in Suppenform, Graupen oder Speck, hart wie Schuhsohle schwamm dort drin, ich war froh, es durch mein Kindergartenessen gewohnt zu sein, während andere weinten und das Erbrochene wieder aufessen mussten, wenn sie es schließlich unter Krämpfen hervorgewürgt und auf ihren Teller gespuckt hatten. In graue Decken eingewickelt mussten wir nachts, draußen im Flur, Strafe sitzen, wenn wir etwa geschwatzt hatten oder zur Unzeit auf die Toilette wollten. Letzteres war nur zu ganz bestimmten Zeiten, tief in der Nacht, gestattet, wenn Rotlicht brennt, sagte man uns, aber ich jedenfalls sah nie irgendwo je ein Rotlicht brennen. Hatte ein Kind ins Bett gemacht, wurde es öffentlich lächerlich gemacht, man hängte sein Bett-Tuch quer durchs Zimmer und das Kind bekam irgendetwas nicht, keinen süßen Brei, kein Mitkommen auf einen Ausflug, kein Lesen von Bilderbüchern, Strafe musste sein, das war hier oberstes Prinzip und leise sein, immer mussten wir leise sein. Überhaupt waren wir wie Marionetten. Wir warteten, bis man uns sagte, geht, wir standen still, wenn man uns sagte, steht still, wir bewegten uns, wenn man uns sagte, bewegt euch. Nur mit dem Spielen wollte es nicht so klappen, wenn sie uns sagten, spielt, dann fiel uns einfach nicht ein, was wir wohl spielen konnten.

Nachfolge Nationalsozialismus

Mein Verdacht war immer, dass es sich um ein direktes Nachfolgeheim des  vorbildlichen Erziehungswesens des Nationalsozialismus gehandelt haben mag, das von der irrigen These ausging, dass eine harte, Angst erregende Erziehung auf Seiten der Kinder höfliches und moralisch integres Verhalten fördere. Leider herrschten unter uns nur Angst, Angst und Angst, dazu Misstrauen und Haare ziehen, auslachen und petzen. Wenn sich  Freundschaften bildeten, wurde man von seiner Freundin getrennt, Geschwister wurden voneinander getrennt, Mädchen und Jungen waren in verschiedenen Fluren untergebracht, man wurde beleidigt, verlacht, gedemütigt und bestraft. Interessant wäre einmal,sich hier auf die Spuren zu begeben. Was geschah eigentlich mit den Erziehern des Nationalsozialismus? Verschwanden sie über Nacht um in Kurheimen, Erziehungsanstalten und Krankenhäusern wieder aufzutauchen? Warum hat sich darum nie jemand gekümmert? Ein wichtiges Forschungsvorhaben.

Inzwischen gründet sich gerade eine „Initiative Verschickungskinder“ eine Veröffentlichung zum Thema ist geplant, es wird im November 2019 einen Kongress der „Verschickungskinder“, geben. 

Daten: 21-24.11.19 auf Sylt, dazu bitte bei Interesse unter der u.a. Internetseite anmelden. Kopien von Fotos und Briefen für die Erinnerungsarbeit und zu Forschungszwecken bitte mitbringen. 

Eine eigene Internetseite mit vielen Infos zum Thema: www.verschickungsheime.de

Kommentare

Es gibt 139 Kommentare für "Hände hoch – Und dann bin ich verloren!"

  • Walter sagt:

    Bin zwischen 1956 und 1963 drei Mal in das Hamburger Kinderheim „verschickt“ worden. „Das tut Dir gut“, sagte meine Mutter, wenn ich nicht wollte. Mir tat es nicht gut!
    Zwei Namen werde ich nie vergessen: Frl. Kuchenbecker – sie war sehr freundlich und man durfte während der 2stündigen Mittagsruhe auf die Toilette. Der andre Name ist DIEDERICHSEN: – Wolfgang Diederichsen hat die Heimleitung 1956 übernommen unterstützt durch seine Frau Traute Diederichsen. Diesen Namen verbinde ich mit all dem Horror, den ich dort erleben musste.

  • Marga sagt:

    Hallo, ich bin auch durch Zufall auf diese Seite gestoßen. Ich arbeite grade eine sehr toxische Beziehung auf, habe mich gefragt, warum ich mir hab Dinge gefallen lassen und stieß auf Gründe, die mit meiner Kindheit zu tun haben. Ich bin 58 Jahre alt, habe ständig Schuldgefühle, obwohl ich nichts getan habe….bin in eine Abhängigkeitsbeziehung geraten mit jemandem, der meine Defizite ausnutzen konnte……aber das alles würde jetzt zu weit führen.Mir sind Dinge aus meiner Kindheit wieder eingefallen, die mich zu dem Menschen haben werden lassen, der ich heute bin. Ich war ein sehr lebhaftes, aufgewecktes Kind…..meinem Vater zu aufgeweckt und ich wurde nach Borkum mit 10 Jahren in eines dieser „“Erholungsheime“ geschickt, 6 Wochen lang. Es wurde von Nonnen regiert, Schläge bekam man für alles…..man hat sich nachts nicht getraut, sich im Bett umzudrehn. Man wusste, quitscht das Bett, setzt es Prügel. Die Milchsuppen…..der Geruch ist mir heute noch in der Nase und an meinem Tisch erbrach sich ein Kind jedesmal beim Essen, es spritzte auch in meinen Teller und ich musste es aufessen. Als ich nach 6 Wochen nach Hause kam, habe ich nur noch geflüstert und keinen Willen mehr gehabt.Es war die Hölle! Die Folgen sind ein Leben lang zu spüren, es ist einfach so! Zur Rechenschaft ziehen kann ich niemanden mehr, meine Eltern sind tot und ich habe diese ganze Angelegenheit auch sehr verdrängt. Es ist alles wieder hochgekommen beim aufarbeiten meiner frühen Vergangenheit. Ja, ich hätte nicht gedacht, das ich mal im Internet Leute finde, die diese Dinge auch erlebt haben…..sitze hier mit Herzklopfen, leichte Übelkeit und zittrigen Händen.Alles Gute euch!!!

  • anja sagt:

    War es das Heim auf Föhr, was du da beschreibst? Wie hieß es? Man muss unbedingt in Bezug auf die „Verschickungsheime“ etwas tun, Informationen zusammentragen und die Öffentlichkeit suchen!
    Ich werde mich bei Ihnen demnächst per mail einmal melden
    Anja Röhl

  • anja sagt:

    Es interessiert mich sehr, was Sie beschreiben, ich möchte alles sammeln und damit an die Öffentlichkeit gehen, man muss auch dies bekannt machen, Danke, dass Sie sich hier anvertraut haben,
    Anja Röhl

  • Andre Brandt sagt:

    Moin zusammen.
    Ich hatte vorhin ein Gespräch in dem es um den aktuellen Missbrauch von Kindern bei den „Domspatzen“ ging und da fiel mir ein, dass auch ich mit verdrängten Erlebnissen aus meiner Kindheit aufwarten kann. Daraufhin habe ich mal den Ort meines Kindheitstraumas gegoogelt und bin auf diesen Artikel gestoßen.

    Ich war auch zur Verschickung auf Föhr. Im Februar 1977 bin ich von Dort nach Hamburg zurückgekommen, das weiß ich genau, weil der Rückreise Tag mein sechster Geburtstag war.
    Ich erinnere mich nur an einige Details, allerdings überwiegend aus der Beobachterrolle. Ob ich Angst oder, Heimweh hatte, geweint habe oder nicht oder paralysiert alles nur erduldete, an Namen oder Gesichter kann ich mich nicht erinnern.
    Im Gedächtnis blieb mir die fürchterliche Mittagsruhe, in der die Kinder, die sich nicht an die absolute Stille hielten, in Unterhemdchen zähneklappernd im eiskalten „Schuhraum“ saßen, es war Januar und Februar. Da ich das Bild genau vor Augen habe, muss ich da wohl auch mindestens 1x gezittert haben, auch wenn ich mich bewusst nicht daran erinnern kann.
    Ich weiß noch wie mein Bettnachbar immer nur in sein Kissen weinte und nach seiner Mama wimmerte und wie ein anderer der regelmäßig sein Bett einnässte barfuß im Flur stehen musste.
    Meine Abscheu vor Roter Beete verdanke ich ebenso diesem Kinderheim. Ich wurde mit Untergewicht zum Aufpäppeln dort hin verschickt. Da ich mich aber stur geweigert hatte meine rote Beete zu essen erinnere ich mich noch an Stunden , die ich alleine vor meinem Rote Beete Schälchen im dunklen Speisesaal saß. Da ich aber standhaft blieb und vermutlich längere Zeit nichts vernünftiges zu Essen bekam, weiß ich noch, dass ich ab einem gewissen Zeitpunkt Sahne trinken musste, da ich anstatt Gewicht zuzunehmen wohl abgenommen hatte. Die Sorge der „Erzieherinnen“ dass sie sich vermutlich hätten rechtfertigen müsse wenn ich noch magerer nach Hause gekommen wäre, war da wohl die Triebfeder .
    Beim Wiegen erinnere ich mich noch an einen eiskalten, zugigen Ort, vermutlich eine Turnhalle, in der wir nackt in einer Reihe standen und gewogen wurden.
    An Schläge oder Bettfesselungen kann ich mich nicht erinnern, aber die von mir aufgezählten Erinnerungsfragmente reichen aus, um zu verdeutlichen, dass dort auch noch Mitte der 70er Jahre Erziehungsmethoden angewendet wurden, die ehr an totalitäre Regime, als an eine aufgeklärte Gesellschfat erinnern.

  • Andre Brandt sagt:

    Sorry ob der vielen Tippfehler, aber ich war eben so perplex, dass ich 40 Jahren nach den 6 alptraumhaften Wochen auf diesen Artikel mit den umfangreichen Kommentaren gestoßen bin, da habe ich einfach wild drauflos getippt.
    Liebe Grüße,
    Andre´

  • Claudia sagt:

    Ich bin auch mal „verschickt worden zur Erholung“ leider weiß ich nicht mehr den Namen dieses Hauses. Haus Peters? Insel Föhr. Das muss 1972/73 gewesen sein. Für meine Zwillingsschwester und mich der blanke Horror 6 Wochen lang. Riesige Schlafsräume und wehe es hat jemand wegen Heimweh geweint. Kontakte nach Hause gab es nicht und wenn wir Postkarten schreiben durften wurden sie gelesen und sind nie abgeschickt worden. Pakete die wir von zuhause erhielten mussten geteilt werden ( früher wurden Süßigkeiten verschickt) wir waren viel am Strand und durften Sandburgen bauen und mit Muscheln verziehen aber ins Wasser durften wir nur ganz selten obwohl immer schönes Wetter war. 1x hatten wir einen schönen Ausflug nach Amrum gemacht ich glaub wir sind über das Watt nach Amrum gelaufen. Das Essen war schrecklich immer so’ne Milchsuppe und undefinierbares Zeug. Jeden Mittag wurde in einem ganz langem Gang Mittagschlaf gehalten und wehe man hatte die Augen nicht geschlossen. Wir hatten eine ganz liebe Erzieherin oder wie man damals sagte Tante, alle anderen waren richtig bösartig haben nur darauf gewartet das man einen Fehler machte. Als die 6 Wochen endlich rum waren und wir in den Zug Richtung Heimat gesetzt wurden war nur noch Erleichterung für uns. Als wir im Heimatbahnhof ausstiegen sind wir unseren Eltern völlig fertig und weinend in die Arme gefallen. Unsere Eltern wollten uns nur eine wunderschöne Zeit schenken und dann sowas. Wir wurden nie mehr verschickt. Ich litt jahrelang wenn ich an die Insel Föhr dachte, irgendwann hab ich das ganz verdrängt. Aber irgendwann kommt leider sowas wieder hoch. Ich war dann vor über 10 Jahren mal auf der Insel. Leider weiß ich nicht mehr wo wir dort waren ich habe nichts wieder erkannt. Ist eine schöne beeindruckend Insel. Vielleicht kann sich jemand noch an dieses Kinderheim erinnern?

  • Joe Sauer sagt:

    Hallo Anja,

    vielen Dank für die Einrichtung dieses Forums. Hier nun meine Erlebnisse:

    Im April / Mai 1965 durfte ich im „Hamburger Kinderheim“ in Wyk auf Föhr eine 6wöchige Verschickung als 9jähriger Junge erleben. Ein Schularzt hatte mir diese „Kur“ verordnet. Was ich dort erlebt habe, kann ich nur als „Kinderhölle“ bezeichnen.

    Wir wurden von den „Tanten“ (z. B. Frau März) vom ersten Tag an eingeschüchtert und angepöbelt. Geleitet wurde das Heim zu diesem Zeitpunkt von einer älteren, grauhaarigen Frau, die in einer Schwesterntracht herumlief. Von dieser „Schwester“ wurde ich während des Aufenthaltes einmal ins Gesicht geschlagen.

    Die 2stündige „Mittagspause“ mussten wir mit geschlossenen Augen und bewegungslos im Bett verbringen. Klogänge waren während dieser „Mittagspause“ und in der Nacht verboten. Aus dem Grund haben manche Jungen ins Bett „gemacht“ und wurden dann bestraft (z. B. im Klappbett im Bad die Nacht verbringen, stundenlanges Stehen im Flur usw.).

    Während der Mahlzeiten (das Mittagessen war zum „kotzen“) durfte nicht gesprochen werden, kleinste Übertretungen wurden sofort mit Strafen (z. B. Speisesaalverweis u. Einnahme des Essens allein auf dem Flur) geahndet.

    Geld, Süßigkeiten, Comics und Briefmarken, die ich von meinen Eltern mitbekommen habe, wurden sofort nach Ankunft von den „Tanten“ eingezogen. Eine Rückgabe dieser Dinge zum Ende der Verschickung erfolgte nicht. Briefe und Postkarten, die ich an meine Eltern geschrieben habe, wurden vor dem Versand von den „Tanten“ gelesen und „zensiert“.

  • Sabine sagt:

    Ich komme gerade vom Föhr Urlaub und nutzte die Chance, in das Hamburger Kinderheim am Sandwall zu gehen um kurz mit dem Leiter zu sprechen.
    Ich war 10 Jahre alt, als ich 1978 dort war. An Foltermethoden
    Kann ich mich in der Art nicht erinnern, aber ich weiß, dass es eine harte Zeit war. Ich kam zum abnehmen hin.
    Jeden Tag mussten wir Gewalt märsche zurücklegen, einmal sogar die Insel umwandern (38km).
    Täglich 2mal duschen, zum Abschluss kalt (kurz).
    Das Essen war knapp bemessen, aber ok.
    Nachmittags gab es öfter eine leckere Karamelmilch.
    Herr Diederichsen war damals die Leitung.
    Ein Geschenk paket meiner Eltern kam sonderbarerweise nie bei mir an. Ich hatte starkes Heimweh, denn sechs Wochen fühlten sich für mich endlos an. Vielleicht ist es auch ein Symptom dafür, dass man von menschlicher Kälte umgeben ist? Ich habe aus der Natur Kraft geschöpft, die habe ich genossen.
    Eine Erzieherin arbeitet noch heute dort, seit 40 Jahren.
    Wir gingen öfter ins Heidewäldchen, ein kleines Waldstück
    , so schön.
    Ich fragte den Leiter ob es ein Archiv gäbe, wo man mal Bilder von früher sehen könnte.
    Ja, es gibt Bilder und sie hätten auch etwas vor in der Richtung, nur fehlt oft die Zeit es umzusetzen.
    Ich habe das Gefühl, dass ich bestimmt so manches verdrängt habe..
    Zum Beispiel leide ich seit meiner Kindheit unter Emetophobie
    ( Angst , Menschen beim Erbrechen zu sehen oder zu hören)
    Und bin mir ziemlich sicher, dass es im Zusammenhang mit dem Aufenthalt dort, steht.
    Gibt es noch jemand der 78 dort war?

  • Lind sagt:

    Sehr geehrte Frau Röhl,
    ich habe mich riesig gefreut, Ihre Seite gefunden zu haben – in der Vergangenheit hatte ich schon häufig nach etwas Ähnlichem gesucht.
    Auch meine Frau und ich haben – unabhängig voneinander derartiges erlebt.

    In meinem Fall war es so, dass ich 1963 im Alter von 9 Jahren nach Bayrisch Gmain bei Bad Reichenhall verschickt worden war.

    Ich war zu dem Zeitpunkt körperlich und geistig völlig gesund – in der Schule ein Überflieger, war allerdings psychisch sehr labil, war Bettnässer und stotterte.
    Soweit ich mich erinnere begründete der damalige Hausarzt „Dr. Pauls“ aus Badbergen die sechswöchige „Kur“ damit, dass ich zu dünn und zu klein sei.
    Mein psychischer Zustand schien ihn nicht zu interessieren.

    Ich lernte die Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes „Frau Mönnig“ kennen, mit der meine Eltern Details zur Verschickung besprachen.
    Trotz meiner Kindlichkeit hatte ich schon damals das Gefühl, dass zwischen dem Hausarzt und dem Amt in irgendeiner Form ein Handel stattgefunden hat – ich weiß nicht, warum.

    Ich möchte jetzt nicht die Schilderungen der anderen Kommentatoren wiederholen, es schien überall das gleiche Muster zu sein. Auch für mich war es die reine Hölle – ich zog sogar eine Flucht nach Hause in Erwägung (mit 9 Jahren!).

    Mir liegt sehr viel daran, dass die Öffentlichkeit einmal erfährt, was damals passiert ist und dass die verantwortlichen Personen zur Rechenschaft gezogen werden – auch wenn man sie strafrechtlich heute nicht mehr belangen kann.

    Das Heim in Bayrisch Gmain hieß „Haus Sonnleitn“.
    Die Leiterin nannten wir „Tante Lucie“, zwei weitere Namen waren Doris und Angelika.

    Im Jahr 2000 habe ich das Heim noch einmal besucht, es ist eigentlich sehr schön – ein kleines Märchenschloss mit Fachwerk und Türmchen.
    Das Haus stand leer und war etwas verwahrlost. Durch ein defektes Fenster verschaffte ich mir Zugang.

    Im Inneren fühlte ich mich um 37 Jahre zurückversetzt: Ich sah die Schlafsäle, wusste wo mein Bett gestanden hatte. Ich erkannte alles wieder. Auch den Geruch und die Akustik.

    Im Waschraum gab es noch immer die vielen kleinen Waschbecken, an denen wir uns abends die Waschlappen tränkten – wir durften abends nichts mehr trinken.

    Oft hatte es zum Abendessen salziges Gebäck oder Biersuppe gegeben.
    Um unseren Nachdurst zu löschen, saugten wir nachts die Waschlappen aus.

    Im Jahr 2008 besuchte ich das Heim erneut – ich war unterwegs nach Österreich und konnte einfach nicht daran vorbeifahren.

    Mittlerweile befand sich das Heim jedoch in Privatbesitz und war nicht mehr zugänglich.

    Die Vorgänge von damals sind noch immer ein Trauma, ich denke noch sehr häufig daran.

    Ich würde mich freuen zu erfahren, wenn sich etwas Neues ergeben hat.

    Mit freundlichen Grüßen

    Lind

  • Joachim sagt:

    Liebe Frau Röhl,

    vielen Dank für dieses Forum. Ich finde es sehr gut, dass wir unsere Erfahrungen mit den „Verschickungen“ hier beschreiben können.

    Hier nun meine Erlebnisse:

    Im April / Mai 1965 durfte ich im „Hamburger Kinderheim“ in Wyk auf Föhr eine 6wöchige Verschickung als 9jähriger Junge erleben. Ein Schularzt aus Hamburg-Altona hatte mir diese „Kur“ verordnet. Was ich dort erlebt habe, kann ich nur als „Kinderhölle“ bezeichnen.

    Wir wurden von den „Tanten“ (z. B. Frau März) vom ersten Tag an eingeschüchtert und angepöbelt. Geleitet wurde das Heim zu diesem Zeitpunkt von einer älteren, grauhaarigen Frau, die in einer Schwesterntracht herumlief. Von dieser „Schwester“ wurde ich während des Aufenthaltes einmal ins Gesicht geschlagen.

    Die 2stündige „Mittagspause“ mussten wir mit geschlossenen Augen und bewegungslos im Bett verbringen. Klogänge waren während dieser „Mittagspause“ und in der Nacht verboten. Aus dem Grund haben manche Jungen ins Bett „gemacht“ und wurden dann bestraft (z. B. im Klappbett im Bad die Nacht verbringen, stundenlanges Stehen im Flur usw.).

    Während der Mahlzeiten (das Mittagessen war zum „kotzen“) durfte nicht gesprochen werden, kleinste Übertretungen wurden sofort mit Strafen (z. B. Speisesaalverweis u. Einnahme des Essens allein auf dem Flur) geahndet.

    Geld, Süßigkeiten, Comics und Briefmarken, die ich von meinen Eltern mitbekommen habe, wurden sofort nach Ankunft von den „Tanten“ eingezogen. Eine Rückgabe dieser Dinge zum Ende der Verschickung erfolgte nicht. Briefe und Postkarten, die ich an meine Eltern geschrieben habe, wurden vor dem Versand von den „Tanten“ gelesen und „zensiert“.

  • Sehr geehrte Frau Röhl,
    Ich war in der Kinderheilstätte Sonnleiten in Bayrisch Gmain in 1958 ungefähr und ca.14Jahre alt.
    Ich habe keinerlei böse Erinnerungen! Ja wir hatten Mittagsruhe aber wir älteren mussten nur Ruhe halten, leise beschäftigen. Wir hatten Bastelstunden in denen wir ein von uns ausgesuchtes Projekt bauen konnten. Dafür bekamen wir eine beschränkte Menge Material. Wir waren unterteilt in Gruppen ungefähr bei Alter.Einmal gingen wir ins Kino und auf Bergwanderungen. Bei Namen kann ich mich nur an Tante Marianne erinnern. Sie muss so um die 22 gewesen sein. Sie war von absoluter wärme und herzlichkeit!
    Ich kann mich nur an eine herrliche Zeit erinnern.
    Mit freundlichen Grüßen
    Hans A Koch

  • Kata sagt:

    Ich war erst Ende der 70er im Kinderkurheim Luginsland in Todtmoos. Ich war vier und ich habe auch diese Erinnerungen. Jede Nacht Terror durch die älteren Kinder im Schlafsaal, Bettnässen mit Isolation als Strafe, zum Essen gezwungen werden bis man bricht und dann den Rest trotzdem noch essen müssen. Und natürlich keinerlei Kontakt nach Hause, nur die Postkarten die die Erzieherinnen schrieben. Wenn ich da heut dran denke, ist es immer noch Angst und Dunkelheit und Ekel.

  • Birgit sagt:

    Hallo Allerseits,

    alle paar Jahre googele ich mal nach Leidensgenossen und hier sind sie! Ich konnte mir nie vorstellen, dass ich ein Ausnahmefall war, wunderte mich aber, dass über die Misshandlungen in Kinderkuren nichts bekannt gemacht wird.
    Bei mir war es nicht Nord- sondern Süddeutschland, Kinderkurheim Wessobrunn bei Garmisch, damals ein Kloster, aber das Kurheim leitete die Caritas. Vor ein paar Jahren habe ich mal entdeckt, dass es auf der Webseite des Klosters ein Gästebuch gab mit vielen positiven, aber recht jungen Einträgen und ein paar wenigen älteren sehr vorsichtig negativ geschriebenen. Diese Leute schrieben fast alle von Verletzungen und Brüchen. Eine Frau hat etwas konkreter geschrieben, ich habe ihr persönlich geschrieben und sie erzählte mir von dem Grauen, dass sie dort erlebt hat. Diese Frau hat bis heute eine schlimme Sozialphobie und kann das Haus kaum verlassen. Das Gästebuch wurde entfernt, nachdem ich einen nicht ganz so zurückhaltenden Beitrag geschrieben hatte.
    Ich selber habe erstaunlich wenig Erinnerungen an die 6 Wochen Folter, obwohl ich sonst ein phänomenales Kindheitsgedächtnis habe. Man sperrte mich beinahe die ganzen 6 Wochen in den Schlafsaal, was ich gar nicht als schlimm empfinden konnte, weil ich dort wenigstens in Ruhe gelassen wurde. Ich hatte dubiose Krankheiten, wie eine Blutvergiftung, war ständig beim hauseigenen Arzt. Von diesen Besuchen habe ich eine glasklare Erinnerung, der Rest verschwimmt: Ich hocke in Embryostellung in einer Ecke des Raums, die Hände schützend über den Kopf haltend…
    Wer Mist baute durfte die Nacht ohne Decke auf einer Holzbank im Toilettenraum schlafen, auch das ging an mir nicht vorbei, da ich einmal vor Angst in die Hose machte.
    Essen gab es täglich das selbe: Suppe als Vorspeise, Salzkartoffeln, Kopfsalat mit essig-Öl-Dressing (mag ich bis heute nicht) und Fleisch als Hauptspeise, zum Nachtisch Pudding für die Dünnen, während die Dicken den Dünnen zusehen mussten. Ich hätte meinen Pudding so gerne verschenkt, ich gehörte zu den Mageren und musste essen, bis ich erbrach, während der Hauptdrachen der Erzieherinnen neben mir saß, manchmal stundenlang. Wenn ich erbrach musste ich den Suppenteller randvoll mit Erbrochenem in die Küche bringen ohne zu schlabbern. Die Küche war am Ende eines endlos langen Ganges… Einmal trösteten mich die Schwestern in der Küche, gaben mir Schokolade und sagten, das wäre nicht richtig, was man mir mir machte.
    Der einzige Trost waren die Briefe von zu Hause, die ich aber schnell nicht mehr beantwortete, weil ich nur schreiben durfte, wie schön es in Wessobrunn ist. Teilweise habe ich die Briefe heute noch, meine älteren Schwestern haben sich viel Mühe damit gegeben – vielleicht weil sie wussten, dass ich sie brauchte, sie waren selbst schon dort gewesen.
    Das sind die Erinnerungen, die ich noch habe, ich bin sicher, dass wesentlich mehr passiert ist und ich vieles verdrängt habe. Denn nach den 6 Wochen kehrte ich als seelisches Wrack nach Hause und sprach viele Jahre nicht mehr.
    Ich bin auf jeden Fall dabei, wenn es um Aufklärungen geht und vielleicht meldet sich ja mal jemand, der auch in Wessobrunn war.
    Übrigens war das Ganze 1975, da sollte das nationalsozialistische Gedankengut nicht mehr ganz so vorherrschend gewesen sein. Kinder foltern war trotzdem noch ein großes Hobby.

  • anja sagt:

    Ich bin erschüttert, dass das noch 1975 so war, umso wichtiger, dass wir das Ganze in die Öffentlichkeit bringen, ich danke Ihnen sehr für diesen Beitrag und werde mich bei Ihnen melden!
    Grüße
    Anja Röhl

  • anja sagt:

    Bitte unbedingt auf die mailadresse schreiben, die im Impressum meiner Webseite angegeben ist, nicht auf die web.de-Adresse, die ist veraltet, Danke!

  • Regine sagt:

    Bin ganz überrascht/überwältigt auf diese Seite gestoßen : Hatte wegen Aufarbeitung einiger dunkler Erinnerungen >Wyk auf FöhrVerschickung mit mir ist was falsch, oder ich war nicht gut bzw brav genug …
    Ich war erst knapp 5 ! – und vor der Einschulung nochmal diese langen 6 Wochen.

    Meine Eltern meinten damals wohl, das würde gut sein für mich sein als Großstadtkind: Natur, und frische Meeres-Luft (war oft erkältet) – naja.

  • anja sagt:

    Ich würde mich freuen, wenn Sie noch konkreter beschreiben würden, was Ihnen Schmerzvolles angetan wurde, wir brauchen alle Informationen, da wir dann besser und konkreter die Öffentlichkeit auch über diese pädagogischen Verbrechen aufklären können.

  • Birgitt sagt:

    Hallo Anja,
    Wie schön, dass Du dieses Forum eröffnet hast. Ich dachte immer, dass ich die Einzige bin, die sowas durchmachen musste. Heute bin ich auf Deine Seite gestoßen und ich bin fassungslos, dass so viele Menschen ähnliches erleben mussten.
    Ich war ab 5.4.1968 für 6 Wochen im Haus Tanneck auf Wyk auf Föhr, hab am 25.4. meinen 6. Geburtstag dort begangen.
    Ich kann mich leider nicht mehr an alles erinnern, aber wenn ich an diese Zeit denke, dann sehe ich mich immer weinen.
    Vor der Verschickung nähte meine Mutter plötzlich Namen in meine Kleidung. Eines Tages wurde ich bei meinem Onkel ins Auto gesetzt – er war der Einzige,der damals ein Auto hatte- und am Bahnhof angelangt, wurde ich der fremden Frau im anhaltenden Zug entgegengehalten, die mich übernahm und dann schlossen sich die Zugtüren; der Zug fuhr los und meine lieben Menschen blieben auf dem Bahnsteig stehen, waren nicht mit im Zug. Da fing ich an zu weinen…. nach endloser Zeit wurde der Zug auf ein Schiff verladen…. ich weinte immer noch. Irgendwann sagte jemand zu mir, ich solle doch mal endlich aufhören zu weinen, es würde eh nichts nützen, jetzt käme ich sowieso nicht mehr nach Hause.
    Als nächstes erinnere ich mich daran, den Schlafsaal zu sehen. Ein großer Raum mit vielen weißen Gitterbetten. Für mich war das Bett zu klein und ich kam mir gefangen vor. Zwei Stunden Mittagsschlaf war der Horror, wir durften keine Bücher anschauen, es gab nix. Ich konnte nie schlafen; musste 2 Stunden in diesem Bett liegen.
    Nachts musste ich zur Toilette, aber wir durften ja nicht aufstehen. Ich bin dann über das Gitter vom Bett geklettert und hab mein Pipi neben mein Bett gemacht. Das musste ich am nächsten Tag unter einer großen Schimpftirade selber aufwischen und zur Strafe den ganzen Nachmittag im Bett bleiben.
    Essen mussten wir immer alles, mussten sitzen bleiben bis der Teller leer war.

    Ich war richtig unglücklich während dieser „Kur“ und seelisch hat sie mir so viel mehr geschadet als gesundheitlich genutzt. An vieles vieles vieles kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich hab noch den gesamten Schriftverkehr, Karten, meine Fahrkarte usw gesammelt in einem Ordner. Manchmal hole ich diese Sachen hervor und hoffe, mich an diese 6 Wochen erinnern zu können, aber ich hab diese Erinnerungen wohl in mein Unterbewusstsein verdrängt.
    Gut erinnern kann ich mich jedoch an den Tag als ich – oh Wunder- plötzlich wieder zu Hause war……. ich kam ins Haus- wahrscheinlich überglücklich- und wollte nur in Arme. Meine liebe Mutti hatte jedoch gedacht, ich müsste sofort meinen 6. Geburtstag nachfeiern und hatte meine besten Freunde/Freundinnen eingeladen, die am Tag meiner Rückkehr ruhig und abwartend vor der Geburtstagsbuttercremetorte mit 6 Kerzen um den Tisch rum saßen. Ich wollte von dem Ganzen nichts wissen und sehe mich heute noch auf dem Schoß meiner Oma sitzen und höre mich sagen : ich werd jetzt auch die Milch mit Haut drauf trinken…… aber schickt mich niemals mehr weg!
    Meine Mutter musste dann meine Freundinnen und Freunde heimbringen und ich blieb stundenlang auf dem Schoß meiner Oma sitzen geblieben…. umarmt und in Sicherheit.

    Meine Bezugserzieherin damals hieß Tante Inge. Ihre „tollen“ Karten an meine Eltern hab ich noch.
    Wenn Du magst, stelle ich Dir alles zur Verfügung.
    Danke für diese Möglichkeit, meinem Trauma aus der Kindheit Worte zu geben,
    Liebe Grüße
    Birgitt

  • Bernd A. Rosbund sagt:

    Hallo Anja, ich brauch schon gar nichts mehr zu schreiben, ich war mit meinem 2 1/2 Jahre jüngeren Bruder zusammen auf Sylt, Alles hier Geschilderte trifft zu, ich hatte es total verdrängt, es kam mir beim Lesen der Berichte wieder in das Bewusstsein. Ich kann alles voll bestätigen, mir wird kalt, wenn ich daran denke, heute bin ich 70 und schätze, daß es noch in den 50er Jahren war. – Meine Schwester, die 7 Jahre jünger war und leider schon verstorben, war auf Föhr, zur Zeiten der großen Sturmflut um den 17. Februar 1962 herum, damals war sie noch 6 Jahre alt. Liebe Grüße aus Bonn. Bernd

  • Regine T sagt:

    Da ich erst 4 1/2 bzw 5 1/2 Jahre alt war, sind meine Erinnerungen verschwommen, und ziemlich düster (ich war 1968 und 1969 in Wyk auf Föhr, wenn ich richtig liege)
    – An eine Begebenheit erinnere ich mich aber recht deutlich:
    Auf dem Gelände, weiter weg vom Haus, hatten schon etliche Kinder „Tunnel“ in einen Sandhügel gegraben (war verboten, dort zu spielen, aber dort erwartete uns Spaß und Freiheit statt Tristesse). Etwa in der letzten Woche meines Aufenthaltes krachte so ein Tunnel in sich zusammen, und begrub ein Mädchen unter Massen von Sand. Eine unserer Tanten kam und sie buddelte weinend und in Panik mit den Händen, das verschwundene Kind suchend. Ob ich mit gegraben habe oder zugesehen habe, stocksteif vor Schreck, kann ich nicht sagen. Aber da blitzte eine helle Strickjacke vor (hellblau oder lindgrün?). Und dann kam der Rettungswagen, und wir wurden weggeschickt. Was aus dem Kind (ich denk es war ein Mädchen, weiß es aber nicht sicher) geworden ist, darüber ist vor uns nie gesprochen worden. Aber ich weiß, ich überlegte damals schon, ob es wohl tot ist oder überlebt hat, aber keiner hat uns je was gesagt.
    > >>> ~~ das andere Jahr hatte ein Mädchen, es war etwas älter als ich, wenigstens 9 Jahre (?) einen Nervenzusammenbruch, sie weinte und schrie abends, lautes Wehklagen, bis ein Arzt kam, und ihr eine Spritze gab. Ob sie dann nach Hause geschickt wurde, weiß ich nicht genau, aber irgendwie glaube ich, sie musste bleiben.
    An sas strenge zum-Essen-zwingen erinnere ich auch, und wie ich mich mal so auf die leckere Nachspeise gefreut habe : Pfirsich aus der Dose – und igitt, dann war es sauer eingelegter Kürbis, und ich musste ihn unter Würgen aufessen…
    – wie gesagt, ich war noch recht klein, und meine Erinnerung sind ansonsten eher verschwommen, aber auf alle Fälle ging es dort sehr hart und streng zu, ich fühle „Kälte“, wenn ich versuche mich zu erinnern, und dass ich äußerst „brav“ war, um keine Strafen zu erleiden und um nicht bloßgestellt zu werden wie z.B. die „Bettnässer“.
    Und dass sich das sehr tief eingegraben hat „Warum haben mich meine Eltern weggeschickt ?“ -> mit mir ist was falsch, oder ich war nicht gut bzw brav genug …
    Ich bin froh auf diese Seite gestoßen zu sein, um die dunklen Erinnerungen einmal zu artikulieren und öffentlich zu machen. Was hat man uns Kindern damals angetan ? Den Eltern wurde ja vermutlich vermittelt, dort würde es uns bestens gehen !!
    Ah, und mir fällt noch ein : wir hatten für die Verschickung Taschengeld mitbekommen, um uns ein schönes Andenken zu kaufen – doch das Geld wurde uns abgenommen, und vor der Abfahrt bekam jeder ein Mitbringsel ausgehändigt : eine Miniatur-Eisenbahn aus Holz.
    Regine

  • Herbert Fodor sagt:

    Ich war in dem Erholungsurlaub Heim Ruhpolding drei mal in den Sechziger Jahren fuer Gewicht zu zu nehmen fuer drei Wochen. Ich wurde dort hingeschickt von dem Kinderheim in Kaiserslautern. Das regiment war brutal, wandern jeden tag and mittag schlaff auch jeden tag ob müde oder nicht.

  • Stephan Sch. sagt:

    Hallo Anja ,auch ich war glaube so Herbst 1972 in diesem Kinderheim Schloss am Meer .War damals 7 Jahre alt und es waren die schrecklichsten 6 Wochen meines ganzen Lebens. Habe jeden Tag nur geheult und wollte wieder nachhause.. Kann mich mehr an alles so genau erinnern oder habe es verdrängt. Bin ganz zufällig auf die Seite hier gestoßen und sofort lief mir ein Schauer über den Rücken,und einzelne dunkele Erinnerungen kamen wieder zum Vorschein:

  • Stephan Sch. sagt:

    Hallo Frau Röhl ,bin durch Zufall auf Ihren Beitrag ,Hände hoch sonst bin ich verloren gestoßen.Auch ich war ,denke es war Herbst 1972 in einem dieser Kinderkurheime auf Wyk auf Föhr .Es war das Heim der Barmer Ersatzkasse Schloß am Meer.War damals sieben Jahre alt und kann mich nur noch dunkel an die Zeit in diesem Heim erinnern.Habe damals im Urlaub mit meinen Eltern durch eine verschleppte Mandelentzündung Rheumatisches Fieber bekommen und musste länger im Krankenhaus bleiben…. Danach hielten es meine Eltern und wahrscheinlich auch mein Kinderarzt ,es für eine gute Idee mich an die Nordsee zu schicken.Für mich waren die 6 Wochen der absolute Albtraum,habe nur geweint und wollte wieder nachhause.Woran natürlich nicht zu denken,jeglicher Kontakt wurde unterbunden.Selbst als ich eine riesige Platzwunde direkt über dem Auge hatte,die im Krankenhaus genäht werden musste,weil mich ein anderes Kind mit einen Holzbauklotz beworfen hat,bekam ich keinerlei Kontakt zu meinen Eltern.Das essen war grauenhaft und wir hatten irgendwann ständig Hunger.Die Betreuer hingehen hatten immer voll die leckeren Sachen,wovon mir manchmal was abbekamen,wenn wir „lieb“ bzw leise waren.Ich kann mich gut an den täglich mindestens 2 stündigen Mittagsschlaf erinnern ,wo ich mich meistens in den Schlaf geweint habe.Auch haben wir damals öfter ins Bett gemacht weil wir nicht aufstehen durften,was zur folge hatte das wir auf dem Boden schlafen konnten.Jedenfalls war diese Zeit in dem sogenannten Kinderkurheim der absolute Albtraum für mich.Vielleicht sollte ich noch erwähnen,das ich nicht so aussah wie die anderen Kinder damals,da meine Mutter zwar Deutsche war ,aber mein Vater Afrikaner.Bin Ihnen sehr dankbar für Ihren Beitrag,so weiß ich heute das ich nicht alleine mit meinem leid war.
    Liebe Grüße
    Stephan

  • Anke Ott sagt:

    Hallo zusammen,
    bin seit gestern das erste Mal nach meiner Verschickung durch die Bamer 1972 wieder auf Föhr. Ich war damals 9 und sollte 6 Wochen lang im Kinderkurheim „Schloss am Meer“ aufgepeppelt werden. Ich kam am Ende mit weniger Gewicht zurück als ich bei der Abfahrt zuhause hatte. Dazu war meine gesamte Kopfhaut mit Schuppenflechte übersät. Die bin ich seitdem nie mehr ganz los geworden.
    Vor einiger Zeit habe ich begonnen dieses traumatische Erlebnis mit der Methode von Clemens Kuby umzuschreiben, um damit die Folgen nach 45 Jahren zu heilen. Deshalb bin ich auch jetzt hier auf dieser wirklich schönen Insel. Inzwischen hat man das Kurheim in ein Appartmenthaus umgebaut. Trotzdem habe ich es heute sofort wiedererkannt.
    Viele der von euch beschriebenen Erlebnisse kommen mir bekannt vor. Einiges hatte ich offenbar verdrängt, doch beim Lesen war auch die Erinnerung wieder da.
    Wahnsinn, wie viele Kinder damals auf Kosten der Krankenkassen dauerhaft krank gemacht wurden.
    Anke

  • Katharina sagt:

    Hallo liebe Anja,
    ich habe gedacht mich trifft der Schlag, als ich durch Zufall auf diese Seite gestossen bin. Mir wurde heiss und kalt. Ich selbst war 1962 im Alter von 6 Jahren fuer 7 Monate in diesem Kinderheim. Ich war an Hilusdruesen TBC erkrankt. In Berlin waren wir abends am Funkturm versammelt und dann gings los mit einem Reisebus. Auch ich hatte zuvor nur gehoert, dass ich verschickt werden soll. Dies loeste ein unheilvolles Gefuehl in mir aus .Es wurden Namensschilder in jedes meiner Kleidungstuecke eingenaeht. im Bus haben alle schrecklich geweint und sind dann irgendwann eingeschlafen. Im Kinderheim angekommen wurden wir alle gebadet und dies ging so streng ueber die Buehne, dass man grosse Angst bekam. An den grossen Schlafsaal erinnere ich mich auch, aber ich glaube, ich war nicht die ganze Zeit dort untergebracht. Die Tanten passetn auf und es wurde gedroht, dass wir in die dunkle Kammer gesperrt wuerden , wenn wir nicht still seien. Es gab sehr oft Milchsuppen, die schrecklich schmeckten. Ich dachte , ich sei von aller Welt verloren. Die Tanten fuehrten ein strenges Regiment. Es gab keine warmherzigen Worte. Ich habe mehrere Jahreszeiten dort erlebt. Wir waren auch am Strand im Sommer und da gab es glueckliche Stunden fuer mich. Der Winter war so hart mit sehr viel Schnee, dass die Faehre nicht fahren konnte und mein Aufenthalt dadurch verlaengert wurde. So wurde es mir jedenfalls erklaert. Es gab lange Wanbderungen durch dick verschneite Waelder . Weihnachten hatten wir alle Angst vor dem strengen Weihnachtsmann, denn mit ihm wurde uns auch reichlich gedroht. Ich glaube , es gab eine Zeit, wo ich einfach vergass, dass ich eine liebende Mutter hatte in Berlin. Ich habe mich meinem Schicksal ergeben. Ich war eine lange Zeit so traurig, dass ich immer Bauchschmerzen hatte und nur noch weinte. Die Tanten brachten mich dann zu einer Aerztin, sie war in einem anderen Gebaeude auf dem Gelaende untergebracht ,und sie sprach freundlich zu mir und streichelte mir den Bauch. ich fuehlte mich verstanden. Ich erinnere mich an lange Mittagsruhen aufgereiht auf Liegen auf einem langen Balkon. Wir durften uns nicht mucksen. Es gab regelmaessige Blutabnahmen , vor denen wir immer Angst hatten. Einmal sturzte ich von der erhoehten Strandpromenade hinunter auf den Strand. ich landete auf dem Ruecken und es tat schrecklich weh. Niemand kuemmerte sich darum. Wie durch ein Wunder kam meine Mutter gegen Ende des Aufenthaltes mich einmal besuchen. Ich konnte es nicht fassen und weinte ohne Ende vor Freude. Die Angst vor dem Abschied blieb die ganze Zeit bestehen. In meiner Erinnerung kommt es mir so vor, als ware ich nicht immer in selben Gebaeude untergebracht gewesen. Es fehlen mir viele Erinnerungen . Ich weiss auch gar nicht mehr , wie es war, als ich nach Berlin zurueckkam. So , jetzt habe ich viel erzaehlt. Bin ueberrasvccht, dass mir beim Schreiben wieder vieles eingefallen ist. Auf jeden Fall war der Aufenthalt in diesem Kinderheim auf Foehr ein Trauma fuer mich. Trozdem hege ich keinen grossen Groll. Meine Familie hat so etwas nicht vermutet. Meine Grossmutter in Berlin war Kinderaerztin. Sie hat das Heim fuer mich ausgesucht und dachte sie tue das Beste fuer mich.

  • horst sagt:

    Hallo
    Ich stoße nach 50 Jahren an ein wohl schwieriges und sehr prägendes Kapitel meiner Kindheit: 4 Wochen Kur in Hirschegg im Kleinwalsertal. Es muss 1967 oder 1968 gewesen sein. Ich lese die obigen authentischen Berichte und finde mich in einigen Erfahrungen wieder. Weiss jemand um die Namen von Kurheimen in Hirschegg zu dieser Zeit? Ich möchte diese Spur aufnehmen und heil werden.
    horst

  • Jutta Kotsiras sagt:

    War 1962 zur „Erholung“ für sechs Wochen als
    Zehnjährige im Kinderheim Wessobrunn in
    Bayern.
    Einige schlimme Ereignisse konnte ich mein
    ganzes Leben lang nicht vergessen:
    + Trug mein halblanges Haar zum Teil mit
    einem kleinen Kämmchen hochgesteckt (war
    damals Mode bei kleinen Mädchen). Die
    Frisur hatte stets meine Mutter gerichtet und
    abends wieder ausgekämmt. Im Heim sollte
    ich das Kämmchen selbst entfernen, was mir
    nicht gelang. Die erboste „Tante“ riss mich
    mit Gewalt an den Haaren, so dass ein ganzes
    Büschel mit herausfiel. Ich hatte tagelang
    Schmerzen

    + Einmal hatten viele Kinder kurz nach dem
    Mittagessen Bauchweh (verdorbene Mahlzeit ?)
    Einige, auch ich, mussten brechen. Trotz
    unseres kranken Zustandes wurden wir übel
    beschimpft und mussten sofort den Saal putzen

    + Es war Winter und bitterkalt mit hohem Schnee.
    Oft mussten wir wandern und die Kleineren
    hatten mit dem Schnee beim Laufen zu kämpfen.
    Ich musste austreten und habe die Tante davon
    unterrichtet. Bis ich die vielen Winterklamotten
    mit klammen Fingern wieder angezogen hatte
    waren die Anderen schon weit weg. Mühsam
    bin ich den Spuren hinterher gestapft und erst
    viel später bei der Gruppe wieder angekommen
    Selten hab ich mich so alleingelassen gefühlt !
    Die Tante hat mich dann auch noch angebrüllt
    wo ich denn bleibe. Mir sind vor Kälte die
    Tränen auf den Wangen gefroren.

    + Ab und an weckten uns die Schwestern nachts
    und wir mussten dünnbekleidet einem Gottesdienst
    beiwohnen

    + Das Schlimmste war für mich einmal ein
    Wannenbad. Die Tanten setzten immer zwei
    Kinder sich gegenüber in die trockene Wanne,
    drehten die Mischarmatur auf und kümmerten
    sich um die Nächsten
    Das Wasser war zu heiß eingestellt und wir
    kleine Mädchen kannten uns nicht aus (damals
    hatten noch nicht Alle ein modernes Bad)
    Aus Versehen drehten wir den Heißwasserhahn
    noch mehr auf. Die Wanne war zu hoch und wir
    konnten nicht hinaus. Wir brüllten wie am Spieß
    bis uns endlich jemand krebsrot rettete.

    + Es gab ein grosses Zimmer mit wunderschönem
    Spielzeug. Am ersten Tag durften wir kurz hineinschauen.
    aber nie darin spielen. Nach meiner Rückkehr zu den
    Eltern erhielten diese einen Brief aus Wessobrunn, wir
    Kinder hätten einiges Spielzeug zerstört und sie
    müssten anteilsmäßig soundso viel DM erstatten. Ich
    war mir keiner Schuld bewusst, aber wer glaubte
    damals schon einem Kind ? Heute bin ich davon
    überzeugt, dass sich jemand etwas dazu verdient
    hat…

    Es ist mir all dies noch lebhaft in Erinnerung, zumal ich
    mich vorher so auf meine erste große Bahnreise
    gefreut hatte und mich als großes Mädchen fühlte, so
    ganz ohne elterliche Aufsicht / Fürsorge…

    An irgendwelche Namen kann ich mich leider nicht
    erinnern.

  • Brigitte Schaare sagt:

    Oh ja, auch ich kann mich an schlimme Erlebmissen bei einer „Verschickung“erinnern.
    Das muss 1958 gewesen sein, ich war 8 Jahre alt—- das Kinderheim hieß Berghof und war irgendwo in der Nähe von Garmisch Partenkirchen. Es gab ausgesprochen sadistische Tanten, keine Gnade für heimwehkranke Kinder wie mich…ausgelacht , bloßgestellt , eingesperrt, einfach immer wieder zynisch seelisch fertiggemacht…
    Das ist mir auch erst grad wieder in Erinnerung gekommen….
    Liebe Grüße an alle die Anderen
    Brigitte

  • Inga sagt:

    Ich war 1985 im Kinderkurheim, Wyk auf Föhr am Sandwall. Es war glaube ich ein Hamburger Kinderkurheim. Schlimm fand ich das wenige Essen für alle. Betreuer hatten zudem nie eingegriffen, wenn Kleine Kinder von den größeren regelrecht geärgert wurden, sogar handgreiflich. Bei einem Spaziergang durch die Fußgängerzone, bekam unser Betreuer plötzlich einen epileptischen Anfall. Bilder, die ich nich vergessen werde. Wer war auch im Oktober 1985 dort auf Kur?

  • Anni sagt:

    Wessobrunn
    … da war ich auch, aber viel später. Es muss 1994 oder 95 gewesen sein und es war noch schlimm genug. Ich war zum abnehmen da, ich war bereits jugendlich und hatte den Aufenthalt selbst gewollt. Leider wurde so gut wie keinerlei ernsthafte Möglichkeit geboten, Sport zu betreiben. Gelegentlich gingen wir für 30 Minuten schwimmen oder es wurde auf der Wiese ein bisschen gekickt, manchmal ein Spaziergang gemacht. Mir war das immer viel zu wenig Bewegung (vielleicht, weil ich auch vom Normalgewicht nicht so weit entfernt war wie manch anderer). So flehte ich regelmäßig darum, im Hof ein paar extra Runden laufen zu dürfen, was eigentlich gar nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählte. Mir war sooo unendlich fad dort!
    Mittags gab es auch zu dieser Zeit noch eine ewig lange Mittagspause (2 Stunden?), in der man Ruhe auf dem Zimmer halten musste. Abends ging es dann wieder so früh ins Bett, dass ich oft nicht schlafen konnte, trotzdem musste das Licht ausgeschaltet werden und Ruhe gehalten werden. Und vormittags wurde man verwahrt: anstatt ein vernünftiges Angebot, konnte man Tag um Tag vormittags zwischen Frühstück und Mittagsessen Frühstücksbrettchen brennen oder Freundschaftsbändchen knüpfen… solche Sachen. Danach zwei Stunden Mittagspause und dann ein klein wenig Programm.
    Schlimm war auch, dass man nur wenig Telefonieren durfte, ich glaube, nur 1x/Woche für ein paar Minuten. Besuch durfte man keinen haben – zum Glück haben sich meine Eltern da einfach drüber hinweggesetzt, als sie mitbekamen, dass es mir dort nicht gut ging. Am Ende haben mich meine Eltern auch eher wieder abgeholt – unter den erbosten Drohungen der Leitung, dass wir den bisherigen Aufenthalt komplett selbst bezahlen müssten, wenn ich nun abbreche. Ich habe dort ganz neu einen Waschzwang entwickelt und leider für mein Thema gar nichts gelernt, zum Glück aber war ich als Jugendliche bereits stabil genug, hatte auch vernünftige Eltern. Sehr schlimm war es mitzubekommen, wie dreckig es den ganz Kleinen (ich glaube, bereits Vierjährige waren dort) erging. Sie weinten sich teilweise die Augen aus und wenn sie fragten, wann sie denn nach Hause durften, wurde ihnen gesagt „morgen“ – auch wenn das Ende ihres Aufenthalts noch lange nicht absehbar war. Die waren völlig verwirrt, verängstigt, allein. Was für eine miese Zeit, was wurde diesen Kindern angetan.

  • anja sagt:

    Danke für deinen Kommentar, ich sortiere und kopiere alles und daraus wird vielleicht ein Buch um diese Sachen öffentlich zu machen, ich schreibe euch alle nochmal gesondert an, Grüße Anja

  • anja sagt:

    Danke für deinen Kommentar, ich schreibe euch nochmal alle gesondert an, es dauert nur etwas, sorry, Grüße Anja

  • anja sagt:

    Danbke für deinen Kommentar, es kommen so viele Kommentare, dass ich nicht schaffe, jeden zu beantworten, ich schicke euch demnächst einen Brief an alle, es sind schon weit über 90 Leute! Grüße, Anja

  • anja sagt:

    Nochmal zu Annis Bericht: Erstaunlich wie wenig refomiert es noch in den 90er Jahren war, wie das alte noch durchscheint, latent immer noch vorhanden ist, wie langlebig! Der offenen Brutalität ist nun die Gleichgültigkeit und reine Verwahrung gefolgt, ich beobachte das in der Praxis sehr häufig genauso, (bin an einer Erzieherfachschule Dozentin und Praxisbegleiterin) und die alten Methoden, wie Strafen androhen, aufessen und sitzenbleiben müssen bis man aufgegessen hat, usw., die werden noch immer eingesetzt und wo das alles nicht ist, ist doch übrig geblieben: Zickiger, aufpasslerischer Tonfall bei jedem Satz, weniger anregend, freundlich, als immer zurechtweisend, in merkwürdiger, Aggressionen überdeckender Art, immer so als habe man Angst, dass etwas mit den Kindern passiere, eine Art Übervorsicht, die sich in ständig gereiztem Ton niederschlägt. Kinder reagieren auf so ein Erwachsenenverhalten mit ständigem Wegrennen und Provozieren, da sie angewiesen sind auf ein anregendes, liebenswürdiges Minenspiel, auf Lachen, Freude, auf das Gefühl, das ihre Anwesenheit den anderen glücklich macht und ihm nicht nur Mühe bereitet. Wenn sie das Gefühl bekommen, sie machen nur Mühe, ihre Anwesenheit bei diesen Leuten ist denen nichts als Anstrengung, dann laufen sie weg, da sie das Gefühl nur Mühe zu machen als Liebesverlust empfinden und sozusagen dem Wunsch des Erwachsenen, sich von der Mühe zu befreien, unbewusst nachzukommen versuchen, indem sie wegrennen, vors Auto, vom Balkon runter, irgendwohin, einfach weg, leider reagieren dann die Erwachsneen mit noch mehr Ärger und „Vorsicht“, noch mehr Gemecker. Teufelskreis!

  • Marion Wege-Rahmen sagt:

    Liebe Anja,
    zu schade, dass ich das Forum heute erst finde. Habe immer mal nach so etwas gesucht und recherchiert. Bin auch noch nicht so lange mit dem Medium Internet vertraut. Durch Kinder und Job blieb mir auch nichts anderes übrig.
    Habe vielfältige Erfahrungen gesammelt in einem Verschickungsheim an der Nordsee mit ca. vier Jahren und so glaube ich ein Jahr später mit fünf Jahren in der Eifel, was immer wieder hochkommt. Der Ort fällt mir im Moment nicht ein. Da wurde ich in den Kohlenkeller eingeschlossen, mir wurden die Hände hinter dem Rücken zusammen gebunden, als wir ein Glockenmuseum besucht hatten und einziges mehr. Heute klingelt die noch zu Weihnachten bei uns.
    Ich war ein sehr lebhaftes Kind und habe das auch zu spüren bekommen. Habe Schuldgefühle und bin häufig unsicher, was richtig oder falsch ist. Ich kam darauf, mal zu googeln, weil wieder so eine Unsicherheit hochkam, die ich kaum aushalten konnte. Ich muss bzw. will dann Gewissheit haben, ansonsten kreist das nur in meinem Kopf und ich kann nur schwer etwas anderes machen.
    Jetzt fühl ich mich auch wieder unsicher, weil ich denke, dass das nur bei mir war in dem Heim.
    Denn keiner im Forum hat über die Eifel geschrieben. Vielleicht gibt’s ja doch etwas darüber. Ich war jedenfalls in den 60ern dort.
    Über eine Rückmeldung freue ich mich riesig.Vielleicht bestätigt das alles.
    Liebe Grüße
    Marion

  • Waltraud Schoo sagt:

    Hallo Anja, ich war im Februar 1962 in Wyk auf Föhr im “Haus Michelmann“. Ich war 10 Jahre alt und erinnere mich, dass ich sehr viel geweint habe, weil ich immerzu Heimweh hatte. Das durfte aber keiner sehen, sonst wurde man ausgelacht. Wenn nachts ein Kind nicht “brav“ war, gab’s Prügel mit der Holzpantine, die die “Tanten“ immer an den Füßen hatten.. Und zwar auf den nackten Hintern. Das kam so ziemlich jede Nacht vor. Dazu gehörte wohl auch nicht viel. Ich war davon verschont, weil ich vor lauter Angst tatsächlich sehr brav war. Morgens fanden wir des öfteren einen Jungen im Waschraum in der Badewanne vor, der da zur Strafe die Nacht verbringen musste. Umgekehrt mussten dann die Mädchen rüber in den Jungswaschraum . Morgens gab es meistens eine klumpige Haferflockensuppe. Aber manchmal auch Puddingsuppe. Die war lecker. Ich erinnere mich an “Tante Ingrid“ . Wir haben nach dem Frühstück immer gesungen. Z.B. “Wir lagen vor Madagaskar“. Vielleicht erinnert sich ja jemand daran? Liebe Grüße an alle damaligen Kinder

  • Marion Wege-Rahmeniiu sagt:

    Hallo Anja,
    melde mich nochmal, denn ich habe gestern vor lauter Aufregung vergessen was das für Heime waren. Hatte einfach drauf los geschrieben und war froh, das mal öffentlich zu machen, zu mindestens im eingeschränkten Rahmen. Apropos, wer bist Du eigentlich ? Habe das noch nicht rausgefunden. Eine Therapeutin, Schriftstellerin oder ähnliches.
    Jedenfalls war ich immer in einem, so wie ich das von meinen Eltern weiß, die leider verstorben sind, Postheim. Meine Mutter war damals bei der Post und die Kinder von Mitarbeitern durften so einen “Urlaub“ machen. Meine Mutter erzählte mir damals, dass sie sich blamiert habe, weil ich mich nicht benommen habe. Später bin ich dann auch oft aufgefallen, wurde gehänselt und fühlte mich hässlich und dumm.
    Ich habe auf jeden Fall noch ein Gruppenphoto aus, ich glaube Manderscheid; steht aber auf dem Bild hinten drauf.
    Wäre schön von Euch zu hören.
    Marion

  • ute sagt:

    Der heutige Artikel im Tagesspiegel hat mich sehr berührt und schreckliche Erinnerungen in mir geweckt.
    Ich war auch in einer so schrecklichen Kinderverschickung ca. 1962, da war ich 10 Jahre alt. Es war in Weilmünster im Taunus, wir hatten alle Angst vor den bösen ‚Tanten‘ dort, sie waren Teufelinnen. Auch wir mussten in dunklen Ecken stehen, wurden ans Bett gefesselt, mussten Erbrochens essen und wurden vor versammelter Mannschaft gedemütigt.
    Meine Mutter hat mir kein Wort geglaubt als ich es später zu Hause erzählt habe, aber da ich anscheinend nach den 6 Wochen dort sehr verstört war, hat sie mir versprochen, mich nicht mehr allein wegzuschicken und hat das zum Glück auch eingehalten. Ich habe dann später noch viele schöne Ferienaufenhalte in Ferienlagern und bei Klassenfahrten gehabt, aber die Erinnerung an diese Verschickung hat mich nie verlassen.

  • anja sagt:

    Hallo Marion, ich formuliere gerade an alle Kommentatoren einen Infobrief, es haben hier über 90 Leute kommentiert, es gibt eine Archivstelle in Baden-Würtemberg, man kann auch mit Historikern nachforschen, Sie hören von mir über mail

  • anja sagt:

    Wer ich bin? Eine Betroffene, ich war auch zweimal in Verschickungsheimen, habe darüber einen längeren Text, schon 2009, auf meiner Webseite, hier, geschrieben, auf den jetzt immer die Kommentare kommen. Ich bin freie Autorin und Dozentin an einer sozialpädagogischen Fachschule, ich arbeite freiwillig und ehrenamtlich daran, Licht ins Dunkel des Verschickungs-Kinderelends zu bringen. Denn das ist es für Tausende gewesen, die zT mit zwei bis vier Jahren schon, sicher auch schon früher, dafür gibts nur Filmmaterial, keine Augenzeugenschaft mehr, allein für Wochen von ihren Eltern getrennt, weggegeben wurden. Nicht weil die Eltern böse waren, sondern, weil man den Kindern etwas Gutes tun wollte. Aber oft war es eben nicht gut, was da geschah. Das zeigen die vielen traurigen Kommentare auf dieser Seite, aber auch andere Recherchen.

  • Jochen Birnschein sagt:

    Heute erzählte mir eine Freundin, sie wäre gerade in Wyk auf Föhr gewesen. Ich sagte ihr, ich werde diese Insel nie im Leben wieder betreten.
    Ende der 50er Jahre wurde ich nach Wyk verschickt, in der Scheidungsphase meiner Eltern. Das einzige, was mir selbst in Erinnerung geblieben ist, sind die endlosen Nächte in einem riesigen Schlafsaal. Da ich unter schwerem Heimweh litt und man keinen Mucks von sich eben durfte, habe ich in den sechs Wochen einen kompletten Schlafanzugärmel “ aufgefressen „, wie mir später von meiner Schwester berichtet wurde. Sie hatte es von meiner Mutter erfahren, die aber nie, wohl aus schlechtem Gewissen, mit mir persönlich darüber gesprochen hat. Ich habe diese Zeit komplett aus meinem Gedächtnis gestrichen. Nur ein dunkler Schleier liegt über dieser Zeit. Ich war 4 Jahre alt und kann mich sonst durchaus an dieses Alter erinnern. Ich habe früher schon mal nach diesem Heim geforscht, aber nichts gefunden. Um so rtschütterter war ich, als ich jetzt diese Berichte lesen musste, die meinem diffusen Gefühl von damals Worte der Bestätigung gegeben haben.

  • Gisela Dittert sagt:

    Hallo liebe Anja,

    das ist wirklich ein ungewöhnlicher Zufall (?) dass ich auf Deine Seite gestoßen bin.
    Ich habe noch gestern (wie bereits öfter) nach einem Kinderheim recherchiert,
    in das ich ca. 1951 für einige Wochen verschickt wurde.
    Ich hatte vor es noch in irgendeiner Form als Missbrauch in der Kath. Kirche zu
    melden.

    Bei mir war es Schwenningen am Neckar. Wahrscheinlich ein Haus eines katholischen
    Schwesternordens mit Kindergarten.
    Ich war damals ca. 5 – 6 Jahre alt, noch nicht in der Schule.
    Weil ich gut genährt aussah und vermutlich „brav und sehr angepasst war“, ging es mir wohl nicht so schlecht wie anderen Kindern.

    In diesem Haus mussten zu dünne Kinder vor dem Mittagessen einen Esslöffel Lebertran einnehmen. Dabei wurde ihnen oft die Nase zugehalten, damit sie den Mund aufmachten.
    Viele haben den Lebertran erbrochen (in den vollen Teller vor Ihnen). Sie mussten dann
    alles zusammen aufessen, und durften erst aufstehen, wenn der Teller leer war.

    Einmal hat ein Junge zu viel Zwiebelkuchen gegessen daraufhin Durchfall bekommen und es nicht rechtzeitig bis zur Toilette geschafft. Vieles war nicht nur in der Hose sondern auch auf dem Boden gelandet.
    Zur Strafe wurde er in eine kleine Toilette ohne Waschbecken eingesperrt und musste, so verschmiert wie er war, den Nachmittag verbringen.

    Geschlafen haben wir in einem großen Schlafsaal. Verschieden alte Kinder zusammen,
    auch kleine in Gitterbettchen. Wer nicht ruhig war, z. B. auch geweint hatte, wurde mit
    einem Kleiderbügel verprügelt.

    Die Ordensschwestern waren genau so schlimm wie die sogenannten (weltlichen) Tanten.

    Geschenkpakete wurden nicht ausgehändigt sondern sofort unter allen Kindern verteilt.
    Auch ich war betroffen und wollte mittels Obst oder Naschen sehnsüchtig etwas von
    Liebe meiner Eltern aufnehmen.

    Von meiner noch lebenden Tante (95 Jahre) wurde mir gesagt, dass meine Eltern es
    als besonderes Geschenk angesehen haben, dass ich 3 x verschickt werden konnte
    (mit 3, 5 und 7 Jahren). Dass sie nie darüber nachgedacht haben, dass es mir schaden könnte. Ich bin 1946 geboren.

    Vielen Dank Anja für Deine umfangreichen Recherchen.
    Ich werde auch weiterhin eine hoch interessierte Leserin sein.

    Liebe Grüße

    Gisela Dittert

  • Thomas Graeper sagt:

    Hallo Nordsee ! Nordsee
    Ich bin 1957 geboren und mit 5 Jahren aus Lübeck dort (verschickt) gewesen.
    Nun ,nach 46 Jahren komme ich auf diese Seite ,und lese,das all meine Alpträume
    über wiek auf för …keine Träume! sondern erinerungen waren.
    können wir es damit abtun ! abhaken…das es früher eben so war ?
    Ich bin nachdenklich und zwiegespallten.
    Liebe Grüsse Thomas

    E

  • anja sagt:

    Lieber Thomas
    Wenn die Alpträume hochkommen, ist das schmerzhaft, wenn man erkennt, dass das auch die Situation vieler Leidensgenossen war, dann wirkt das tröstlich, weil dann klar ist, nicht man selbst keine schuld hatte, man war weder böse, unartig oder anstrengend, sondern man war unschuldig eine ungerechten Realität ausgeliefert. Das muss an die Öffentlichkeit! Denn wenn man an uns sieht, wie lange diese Methoden und wie schwer traumatisch sie wirken, dann schärft sich ein Bewusstsein, dass man dies mit Kinderseelen nicht tun darf. Das ist wichtig für die Zukunft nächster Generationen, denn heute will man für abweichendes Kinderverhalten schon wieder oft nur die Ursachen im Kind allein sehen. Eine Tendenz, die aus dem medizinischen Bereich immer wieder in die Pädagogik hineingetragen wurde. Unsere Erlebnisse sind ein lebendiger Beweis dafür, dass es anders herum ist, schwere Neurosen und Probleme folgen, wenn man mit Kindern anregungsarm, autoritär-bestrafend, demütigend, aggressiv und vernachlässigend umgeht, wenn man sie früh von ihren Bezugspersonen wegreisst und mit kalten Menschen allein lässt. Daher ist es wichtig, unsere alptraumhaften Erlebnisse in uns hochzuholen und sie der Öffentlichkeit mitzuteilen. Auch hilft es dem eigenen Seelenfrieden, sich auszusprechen und angehört zu werden, also Mitgefühl in anderen Menschen hervorzurufen. Das heilt.

  • Gaby sagt:

    Hallo…auch aus Lübeck und ich bin wie Thomas aus Lübeck 1957 geboren, bin allerdings im Alter von 10 Jahren „verschickt“ worden. Ich bin auf diese Webseite gekommen, da im TV gerade ein Bericht von Whyk auf Föhr war und beim Ansehen des Berichts wurde mir übel und in meinem Körper vibrierte ich…jetzt beim Schreiben immer noch! Habe vieles verdrängt, hatte starkes Heimweh und viel geweint. Erinnern kann ich mich an die Ankunft. Es war ein langer dunkler Flur von dem links die geweiligen Zimmer abgingen. Diese waren unterschiedlich aufgeteilt, mal mit 3, 4 oder mehreren Betten. Es wurden dann die Kinder bestimmt, die zusammen dort wohnen sollten. ICH BLIEB ALS EINZIGE ÜBER…und da alle Räume belegt waren, kam ich ein 2 Bett Zimmer, wo die Tochter der Heimleitung untergebracht war. Die war ausser sich als sie das zweite Bett, was voll mit ihren Sachen belegt war, frei räumen sollte für mich. Das lies sie mich jeden Tag spüren, hat mir vieles in die Schuhe geschoben, damit ich die Schuld bekomme und bestraft werde. Sie war einfach nur garstig und hinterhältig, es war die Hölle und ich war ein stilles, ruhiges Kind, was sich nicht zu äussern wagte. Nach einiger Zeit bekam ich starke Ohrenschmerzen, wurde sehr krank, hohes Fieber, musste im Bett bleiben, wurde immer schwächer. Eines Morgens bin ich wach geworden und mein Kopfkissen war voller Eiter und Blut, aus meinem Ohr. Es wurde dann ein Arzt gerufen der feststellte, dass ich eine starke Mittelohrentzündung hatte und schnellstens gehandelt werden musste. Man setzte mich dann in den nächsten Zug, ein Telegramm wurde zu den Eltern geschickt, die mich vom Bahnhof abholen sollten, ich mit einem Schild um den Hals. Am Bahnhof wurde ich dann von der Mutter abgeholt und dann gings ins Krankenhaus, anschl. zur OP….gerade noch rechtzeitig, denn das Eiter war schon auf dem Weg ins Gehirn…… Das Positive daran war, dass ich nur ca. 4 Wochen im Kinder(erholungs)heim war….

  • Uwe Lindhorst sagt:

    Hallo Anja,

    durch Zufall bin ich auf deine Seite gestoßen, da ich mich immer mal wieder ganz alleine an den PC setze und mir Bilder von meinem Verschickungsheim in Braunlage/Harz ansehe, mit der wohl minimalen Hoffnung, vielleicht doch mal etwas mehr zu erfahren. Nun war es soweit, und ich möchte dir sagen, das ich wahrscheinlich 1969/70/71 für 6 Wochen dort war. Ich versuche gerade, es genauer heraus zu finden. Vielleicht kannst du mir ja auch helfen. Sehr viele Erinnerungen habe ich leider nicht mehr. Ich weiß aber, das wir im Frühstückssaal morgens versalzenen Hagebuttentee trinken mussten und das ich die Hälfte meines Aufenthaltes im Bett verbringen musste, da ich krank wurde. Ich wusste nicht was es war oder bedeutete, aber mir vielen in diesen Wochen büschelweise meine Haare an mehreren Stellen auf meinem Kopf aus. Auch sind mir viele Zähne ausgefallen. Ich habe deswegen nur geheult. Den ganzen Tag über habe ich niemanden gesehen, soweit ich mich erinnere, kümmerte sich stundenlang niemand um mich. Ich habe aber große Erinnerungslücken. Zu Hause angekommen stellte unser Hausarzt fest, das ich Scharlach hatte und wohl ohne Medikamente und ärztliche Betreuung überstanden hatte. Deswegen auch der Haarausfall. Ich wurde monatelang dann ärztlich behandelt. Da ich bis jetzt noch nicht genau weiß, wann genau ich dort war, könnte das Ausfallen meiner Zähne auch an meinem Alter gelegen haben. Ich weiß es nicht. Meine Mutter lebt noch und ich werde sie weiterhin fragen. Leider kann sie sich angeblich an nichts mehr wirklich erinnern. Ich hoffe über dich und Leidensgenossen vielleicht ein wenig mehr zu erfahren. Ich war vor vielen, vielen Jahren mit meiner heutigen Frau kurz in Braunlage und habe das Heim gefunden. Ich musste aber nach wenigen Minuten diesen Ort verlassen. War jemand in Braunlage im Caritas Kinderkurheim Waldmühle? Vielleicht sogar zwischen 1969 – 1973?
    LG Uwe

  • Christian Bruski sagt:

    Hallo, seit längerer Zeit beschäftigt mich dieses Thema mit Wyk auf Föhr. Bevor meine Mutter 2016 gestorben ist hatte ich sie mehrmals nach dem Aufenthalt befragt, sie ist immer ausgewichen. Es muss vor meinem 6. Lebensjahr gewesen sein. Das war dann 1974 oder sogar früher. Kann mich nur noch an 2 Dinge erinnern: ich musste an einer Messe teilnehmen (mit Oblate und Wasser obwohl ich evangelisch war) und ich glaube dort ein Mobilé in Form eines Bienenstocks gebastelt zu haben. Bin mir aber nicht sicher. Sicher bin ich mir, dass es traumatisch gewesen ist. Meinem Vater vor kurzem dazu befragt kam spontan die Antwort: „Die haben uns erzählt, dass dir das gut tut und das wurde bezahlt.“ Jetzt endlich bin ich hier auf dieses Forum gestoßen und nun habe ich Gewissheit. Erst vor wenigen Wochen hatte ich auf einem Seminar durch Zufall jemanden getroffen, der auch dort gewesen ist. Er meinte: „Diese Möhrensaft:“ Und dann fiel es mir wieder ein, ich glaube wir mussten Literweise davon trinken. Er trinkt es heute noch und ich meinte, dass das nicht sein Ernst ist. Aber er kommt wohl nicht mehr davon los. Und jetzt weiß ich endlich woher ich diese unsäglichen Bauchschmerzen als Kind hatte. Das waren die Folgen von dieser Anstalt. Es gibt ein Foto, welches ich noch habe. Da sind wir alles drauf, die damals dort waren. Danke für diese Seite und danke, dass ich jetzt Gewissheit habe und dass ich das jetzt endlich für mich in Frieden loslassen darf…..

  • Holger Kartheuser sagt:

    Hallo Anja, ich habe gerade diese Seite gefunden. Ich war Weihnachten 1962 zur Verschickung in Wyck. Da war ich 6. Zu der Zeit lebte ich mit meiner Familie in Braunschweig. Ich weiß nicht, in welchem Haus ich war. Ich weiß, dass es einen Vorhof und eine Heckenbegrenzung hatte. Vielleicht bin ich ein Verdrängungskünstler. Ich erinnere mich hauptsächlich an Angst wegen MÜSSEN. Man durfte nicht zum Klo gehen. Auf Ausflügen habe ich mir in die Hose machen müssen. Ich erinnere mich, dass ich verstört und irgendwie verändert zurück nach Hause kam. Ich war glaube ich 6 Wochen weg. Ich habe positive Erinnerungen an das Weihnachtsbasteln, Weihnachtsliedersingen, Gries- oder Vanillepudding.

  • Melanie Hartmann sagt:

    Liebe Anja!
    Im Jahre 1981 war ich mit 4 Jahren in Kur in Wyk auf Föhr.
    Meine Schwester war 8 Jahre alt,der Name vom Haus weiß ich nicht.Ich war oft Bronchienkrank das ich nicht alleine hin musste ging meine Schwester mit,das ich eine Bezugsperson
    Bei mir hatte.Ich erinnere mich,das ich aber nie zu ihr dürfte,habe deswegen sehr viel geweint.Hab immer in die Hose gemacht.Wurde dann dafür geschlagen und ausgelacht.
    Einmal erinnere ich mich,das mir wohl Papier in den Mund gestopft worden war,das ich ruhig bin.war auch mal nackt und wurde über den Flur gezerrt.erinnere mich dunkel,auch an die Betten im langen Saal.hatte so viel verdrängt.Hab bis heute mit den Folgen zu kämpfen,hatte nur Minderwertigkeitskomplexe bis heute,denk immer,Ich mach alles falsch,wusste nie was richtig oder falsch ist.Bevor ich etwas tat,schaute ich immer,ob jemand mich beobachtet oder schaut,ob Fehler mache.oft noch heute und das Verhältnis zu meiner Mutter ist bis heute gestört.ich wusste nie,warum das alles so war.jetzt kann ich es mir denken
    Zuhause,nach den 6 Wochen sagte meine Mutter,das meine Schwester wochenlang nicht mehr laufen wollte
    Sie stand unter Schock.Ich lachte nur noch selten.das Selbstwertgefühl ist bis heute gestört aber nachdem ich das alles gelesen hab.kann ich Dinge aus meinen Leben besser nachvollziehen.Ich sah ein Leben lang die Schuld bei meiner Mutter. Gerne bin ich bei dem Treffen dabei.
    Liebe Grüße,Melanie

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