Anja Röhl

Hände hoch – Und dann bin ich verloren!

09.09.2009 / Feuilleton junge welt / Seite 13

Besuch auf einer Insel

FöhrDiesen Sommer besuchte ich das erste Mal nach 49 Jahren wieder einmal die Nordseeinsel Föhr. Ich war bei einer reizenden Familie eingeladen, am Abend gab mein Sohn mit dem Sohn der Familie ein Jazz-Konzert in der örtlichen Musikschule, am Tag wanderte ich über die Strandpromenade, radelte über die Insel und die Strände entlang, kam leider eine Woche zu früh für das außerordentliche Museum der nordischen Kunst und stieß irgendwann, am Ortsausgang von Wyk, auch auf das unscheinbare Backsteingebäude, das noch immer, 49 Jahre später, als ein Kinderheim fungierte und in dem ich einst, im Alter von fünf Jahren einen äußerst gesundheitsfördernden Aufenthalt hatte. Wir kamen von Hamburg-Barmbek und sollten frische Seeluft tanken, die hanseatische Ersatzkasse war die Geldgeberin, man nannte es „Verschickung“, ein Arzt musste uns vorher begutachten und unser Arzt, Dr. Krille, tat meiner Mutter gern den Gefallen, denn sie war alleinerziehend und brauchte auch Erholung, und ich bot reichlich Anlass, denn ich war sehr oft krank. Unter dem „Verschicktwerden“ konnte ich mir vor dem Aufenthalt in Föhr nichts weiter vorstellen, weshalb ich auch ohne Angst den Zug bestieg. Man hängte uns Karten um den Hals und später legten wir in Zweierreihen den Weg vom Hafen zum Heim zurück. Tatsächlich hatte ich auch diesmal, bei meinem Besuch auf Föhr im Jahre 2009 eine Reihe solcher Kinder in Zweierreihen gesehen, die mit ihren Begleiterinnen vom Schiff über die Hafenvortrasse geführt wurden. Sollte es immer noch solch eine Verschickung geben? Unter uns Barmbeker Kindern gelang später der Begriff „Verschicktwerden“ zu trauriger Berühmtheit, weil er einem Todesurteil gleich kam, wovon die Eltern partout nichts wissen wollten, was unter uns aber zum notgedrungenen Allgemeinwissen wurde, je mehr Kinder diese Erfahrung machen durften.

Die erste Nacht

An die erste Nacht im Heim auf Föhr kann ich mich mit einer Schärfe erinnern, als sei es erst gestern gewesen, was unzweifelhaft durch das intensive Gefühl langsam anwachsender Angst hervorgerufen wurde, das mich bald ganz und gar beherrschte. Es handelte sich um einen riesigen Schlafsaal, auf dem wir in langen Kolonnen in schmale Betten gelegt worden waren, denen sich vom Ende des Saales her mehrere Erzieherinnen, wir nannten sie Tanten, näherten. Diese machten sich geschäftig an jedem Kind zu schaffen, in dem sie sich zu jedem Kind herabbeugten und dessen Hände begutachteten. Dies wäre vielleicht nur seltsam und unverständlich gewesen, erst die zweite Beobachtung machte daraus etwas Angst erregendes, denn manchmal, keineswegs jedes Mal, aber ziemlich häufig, nahmen sie die Hände des jeweiligen Delinquenten nach dem Begutachten hoch, steckten seine Finger bis zum Handgelenk in einen schneeweißen Beutel und banden diesen zu und unter dem Bett an einer Stange fest. Das Kind war daraufhin ans Bett gefesselt.

Totenstille

Keines schrie, im Saal herrschte Totenstille. Aller Augen lagen auf dem langsamen Vorwärtskommen der Tanten in die eigene Richtung. Ich erinnere mich nicht, etwas gedacht zu haben, etwa wie man dann wohl auf Toilette kommen mag, ob das unsere Eltern erlaubt haben würden, oder andere durchaus der Sachlage angemessene  Gedankenverbindungen, ich dachte nur eines: Die kommen auch zu mir und dann bin ich verloren!  Ich erinnere mich genau, dass ich mich nicht mehr zu bewegen traute und sich die Angst in meinem ganzen Körperinneren ausgebreitet hatte. Wie ein sich mit Wasser füllender Krug war in mir nur noch Angst und sonst nichts mehr. Ich spürte an der rechten Hand meinen Daumen und wusste, dass man es sehen konnte, er war kleiner als der andere und durch das lange Lutschen wie ausgelaugt. Ich legte ihn also möglichst weit weg von dem anderen auf die Bettkante. So blieb es eine ganze ewige Weile. Bis ich aus dem Zustand der Erstarrung erwachte, als ich begriff, dass die Tanten an mir vorbei waren, meine Hände wohl begutachtet hatten, ich erinnerte mich vage, sie gesehen zu haben, wie sie sich über mich beugten, aber nicht, etwas gespürt zu haben, was einer Berührung glich, doch hatten sie mich immerhin ungefesselt gelassen, sie hatten meinen Daumen nicht entdeckt. Sie waren auf abgeknabberte Fingernägel aus gewesen, das begriff ich später. Die Angst ließ mich erschöpft, aber erleichtert zurück, so dass die Hauptarbeit, die es für mich nun noch gab, mir ungemein leicht erschien – ich musste wach bleiben – Es war klar, dass ich nicht schlafen durfte in dieser Nacht, denn schlafen konnte ich nur, wenn ich in einem komplizierten Verfahren, was ich mir längst abgewöhnen sollte und für das man schon viel getan hatte, meinen Daumen in den Mund nahm und ihn auf den anderen Arm ruhen ließ, den ich gleichfalls ein wenig besaugte. So blieb ich also im Bett liegen wie eine Salzsäule, rechts und links mit ausgestreckten Armen, und doch wurde mir heiter und wohl ums Herz, anlässlich der Leichtigkeit des Wachbleibenmüssens gegenüber der eben ausgestandenen Angst, für den Rest der Nacht ans Bett gefesselt zu werden. So war das Föhrer Kinderheim.

Nur selten am Meer

Tagsüber waren wir selten am Meer, ich erinnere mich nur an einen Tag, wo ein Bild für die Eltern gemacht wurde und wir alle lächeln sollten. Ansonsten kamen wir täglich nackt in enge, dunkle Räume mit Höhensonnenbrillen auf den Nasen und mussten dort Plumpssack spielen. Wir schämten uns, besonders wenn wir so durchs kalte Treppenhaus geführt wurden und die Jungen trafen, die Erzieherinnen lachten darüber, ich höre es noch heute laut schallend über den Flur tönen, ihr Lachen, mit dem sie uns bedeuten wollten, dass es wohl der drolligste Gedanke sei, den es je gegeben hatte, sich als Kind seiner Nacktheit schämen zu wollen. Die Höhensonnenräume waren bis unter die Decke gekachelt, grün und eng und ohne jedes Fenster und machten auf uns Kinder einen nicht eben Vertrauen erregenden Eindruck. Ich weiß, wie die Erwachsenen uns immerzu zum Spielen treiben mussten, von selbst mochten wir es nicht, standen nur still und stumm und wünschten uns wer weiß wohin, nur weg.

Gedanken an Zuhause kamen nicht auf

Der Gedanken an Zuhause kam in uns nicht auf, nicht wegen Mangels an Phantasie, da war kein Mangel, wir malten uns den ganzen Tag aus, was sich die Erzieherinnen als nächste Strafe auszudenken gedächten, nein, wegen dem fehlenden Trost. Man kann keinen Gedanken an eine Sehnsucht verschwenden, wenn da niemand ist, der einen dafür in den Arm nimmt oder die Möglichkeit eröffnet, irgendwann einmal wirklich wieder  dorthin zurück zu kommen. Da das nicht ging und ich mich allem hier ausgeliefert fühlte, immerhin war ich erst fünf, war in meinem Inneren der Gedanke an mein Zuhause gänzlich verschwunden. Hätte man mich nie mehr nach Hause gebracht, ich hätte es ebenso ertragen, wie die sechs unseligen Wochen dort, an denen ich nicht eine Minute des Tages ohne Angst war. Folterheim dachte und sagte ich später meinen Eltern, als ich unerwarteterweise schließlich doch wieder zurückgeschickt worden war, mit der, wie sich herausstellte, leider vergeblichen Hoffnung, sie würden mich nie wieder in so was „verschicken“, was dann allerdings noch mal, ebenso grausam und schlimmer geschehen war. Ein Heim unter vielen dachte ich später, als viele Jahrzehnte ins Land gegangen waren und ich trotz dieser Behandlung zu einer selber denkenden Persönlichkeit herangewachsen war.

In graue Decken gewickelt auf dem Flur

Bis ich bei meinem Besuch im Föhrer Museum ein Buch in die Hand nahm und darin die Zeilen einer Autorin las, die schrieb, dass die Erfahrungen im Föhrer Kinderheim zu den schlimmsten ihres Lebens gehörten. Sieh mal an, dachte ich, da ist es einer genauso gegangen.Kann es sein, dass es noch mehr Menschen gab, die im Föhrer Kinderheim gelitten hatten? Einem unter vielen oder vielleicht doch einem besonderen?  Damals litt jedes still für sich allein. Ich erinnere mich keiner Freundin, keines Wortes, dass ich je an eine andere Person richtete. Es gab in dunklen Sälen das Essen in Suppenform, Graupen oder Speck, hart wie Schuhsohle schwamm dort drin, ich war froh, es durch mein Kindergartenessen gewohnt zu sein, während andere weinten und das Erbrochene wieder aufessen mussten, wenn sie es schließlich unter Krämpfen hervorgewürgt und auf ihren Teller gespuckt hatten. In graue Decken eingewickelt mussten wir nachts, draußen im Flur, Strafe sitzen, wenn wir etwa geschwatzt hatten oder zur Unzeit auf die Toilette wollten. Letzteres war nur zu ganz bestimmten Zeiten, tief in der Nacht, gestattet, wenn Rotlicht brennt, sagte man uns, aber ich jedenfalls sah nie irgendwo je ein Rotlicht brennen. Hatte ein Kind ins Bett gemacht, wurde es öffentlich lächerlich gemacht, man hängte sein Bett-Tuch quer durchs Zimmer und das Kind bekam irgendetwas nicht, keinen süßen Brei, kein Mitkommen auf einen Ausflug, kein Lesen von Bilderbüchern, Strafe musste sein, das war hier oberstes Prinzip und leise sein, immer mussten wir leise sein. Überhaupt waren wir wie Marionetten. Wir warteten, bis man uns sagte, geht, wir standen still, wenn man uns sagte, steht still, wir bewegten uns, wenn man uns sagte, bewegt euch. Nur mit dem Spielen wollte es nicht so klappen, wenn sie uns sagten, spielt, dann fiel uns einfach nicht ein, was wir wohl spielen konnten.

Nachfolge Nationalsozialismus

Mein Verdacht war immer, dass es sich um ein direktes Nachfolgeheim des  vorbildlichen Erziehungswesens des Nationalsozialismus gehandelt haben mag, das von der irrigen These ausging, dass eine harte, Angst erregende Erziehung auf Seiten der Kinder höfliches und moralisch integres Verhalten fördere. Leider herrschten unter uns nur Angst, Angst und Angst, dazu Misstrauen und Haare ziehen, auslachen und petzen. Wenn sich  Freundschaften bildeten, wurde man von seiner Freundin getrennt, Geschwister wurden voneinander getrennt, Mädchen und Jungen waren in verschiedenen Fluren untergebracht, man wurde beleidigt, verlacht, gedemütigt und bestraft. Interessant wäre einmal,sich hier auf die Spuren zu begeben. Was geschah eigentlich mit den Erziehern des Nationalsozialismus? Verschwanden sie über Nacht um in Kurheimen, Erziehungsanstalten und Krankenhäusern wieder aufzutauchen? Warum hat sich darum nie jemand gekümmert? Ein wichtiges Forschungsvorhaben.

Fotos, die noch vorhanden sind, aufbewahren. Es wird im Jahr 2019 einen Kongress der ehemaligen „Verschickungskinder“, geben , Daten: 21-24.11.19 auf Sylt, dazu Fotos und Briefe mitbringen. 

Für alle, die miteinander in Kontakt treten wollen,  habe ich jetzt ein Forum „Verschickungskinder in ganz Deutschland“ eingerichtet: https://620525.forumromanum.com/member/forum/entry_ubb.user_620525.2.1136622033.1136622033.1.verschickungskinder_ganz_deutschland.html

Kommentare

Es gibt 137 Kommentare für "Hände hoch – Und dann bin ich verloren!"

  • anja sagt:

    Lieber Uwe
    dein Bericht ist, wie viele der Berichte hier, erschütternd. Ich schreibe alles in eine Liste, dann schau ich mal, wer noch in Braunlage war. Ich habe eben erfahren, dass es Tausende von solchen Landerholungsheimen in Deutschland gab. Mal sehen, was ich noch anschieben kann, wegen der dringend nötigen Aufarbeitung, Grüße, Anja

  • anja sagt:

    Weißt du, wie alt du ungefähr damals warst? Wäre super, wenn du das noch schreibst, Danke! Meiner Erfahrung nach war es für die Kinder, je kleiner sie waren, desto schlimmer, logisch!

  • anja sagt:

    Hallo Christian
    Bin stark an Fotos interessiert, wird bei mir in einer Kiste (plus PC-Ordner) gesammelt. Wird 100 % nur nach Rücksprache und mit Deiner/Eurer Genehmingung veröffentlicht. Du kannst mir Kopien davon zuschicken, wenn du magst, über meine mailadresse auf dieser Seite (Impressum)

  • anja sagt:

    Danke für deinen ergreifenden Beitrag, ich informiere alle, wenn es was neues gibt und sich ein Treffen anbahnt. Wir wollen es in einem ehemaligen Heim machen, aber die heutigen betreiber mauern, wollen sich nicht mit ihrer Vergangenheit beschäftigen, haben Sie noch Bilder aus dieser Zeit oder Briefwechsel? Die meisten waren im Hamburger Kinderheim. Furchtbar, dass es auch 1981 noch so schlimm war!

  • Christian Bruski sagt:

    Hallo Anja, Fotos sende ich dir gerne zu. Darfst du gerne verwenden. Auch die Briefwechsel. Ich war in 2 Heimen. Das 2. war glaube ich echt schlimm. Stift in Passau. Alles Dunkel. Ich habe gestern mit einer sehr guten Therapeutin, mit der ich befreundet bin die Themen bearbeitet. In beiden Heimen ist jetzt Ruhe. Ich könnte mir vorstellen, dass wir das einmal für alle organisieren. Ich fühle mich deutlich befreit. Ich war 4 und 5 Jahre alt und habe scheinbar die Misshandlungen an den anderen beobachtet und gespürt. Selbst blieb ich wohl verschont, weil ich mich anpassen konnte. Aber anderen ging es deutlich schlechter. Als Kind fühlte ich mich hilflos, weil ich nicht helfen konnte. Alles Liebe für euch und danke Anja für dieses Blog. Christian

  • Jochen Birnschein sagt:

    Inzwischen habe ich weiter recherchiert. Ich war im Heim der HAPAG auf Wyk verschickt. Heute ist es ein Ferienheim der Deutschen Bundesbank im Fehrstieg 33.
    Ein Foto des Heimes aus dieser Zeit, 1959 oder 1960 und ein Foto mit Kindern am Strand sende ich Frau Roehlwar zu. Ich war damals 4 oder 5 Jahre alt, die Zeit der Verschickung liegt wie ein grauer Schatten über meiner Seele, auch wenn ich mich nur schemenhaft an Einzelheiten erinnern kann.

  • Uwe Lindhorst sagt:

    Hallo Anja,

    vielen Dank für deine Rückmeldung. Ich habe meinen Bruder, der ja 3 Jahre älter ist, gefragt. Er glaubt, das ich noch nicht in der Schule war, oder maximal 1. Klasse. Also war ich 5 oder 6 Jahre alt, denn er war noch in der Grundschule, also höchstens selbst erst 9 Jahre alt. Meine Mutter befrage ich immer mal wieder, sie möchte aber nicht mit mir darüber reden. Das einzige, was sie ja zugeben musste, war, das ich mit kahlen Stellen auf dem Kopf zurück gekommen bin, und auch sonst in schlechter Verfassung war. Nur wegen der Äusserlichkeiten bin ich wohl zum Arzt gebracht worden. Meine psychische Verfassung war natürlich damals kein Thema. Ich habe im Internet alles was ich an Fotos des Heimes finden konnte gekauft. Eine Postkarte mit Aussenansicht des Heimes ( Darauf hat ein Kind namens Hans-Joachim einem Schüler Michael Tischmann in Celle einen Gruß geschickt). Ferner habe ich noch 7 Fotos (keine Postkarten) mit Innen- und Aussenaufnahmen kaufen können, die für einen Prospekt bestimmt waren.Darauf sind Kinder zu erkennen und auch hier und da Fotos der „Tanten“. Auf den Rückseiten hat jemand mit Namen Kiene unterschrieben und meist das Datum 78 per Hand aufgeschrieben. Auf einer anderen Karte steht das Kürzel „Lau 77“ und die Anweisung, dieses Foto zu retuschieren. Ein anderes zeigt eine Innenaufnahme der Kapelle, die hinter dem Haupthaus stand. Es ist sehr schwer für mich, diese Fotos anzuschauen. Trotzdem sehe ich sie mir oft an. In meinem Innersten weiss ich warum. Vielen Dank. Liebe Grüße an alle hier im Forum. Uwe

  • Renate Hering sagt:

    Ich war im April 1958 für 6 Wochen auf Borkum, im Adolfinen Heim.Da ich untergewichtig war, sollte dieser Aufenthalt dazu dienen an Gewicht zu zu legen.
    Es war eine furchtbare Zeit und ich habe diese “ Verschickung“ bis heute nicht vergessen.
    Das Essen war teilweise entsetzlich, wobei ich im einzelnen nicht mehr weiß was mich zum übergeben brachte.Oft saß ich lange allein in dem großen Speisesaal weil ich nicht aufessen konnte, den Saal aber nicht verlassen durfte bis der Teller leer war. Für sprechen während des Essens gab es die berühmten Schlafkuren als Strafe. Da ich immer gern gesprochen habe, musste ich mehr im Bett liegen als mit den anderen Kindern draußen sein. Während des gesamten Heimaufenthaltes waren wir genau drei Mal am Strand, schön in zweier Reihen aufgestellt und wie die Soldaten hintereinander gehend. ich erinnere mich, dass wir nur zensierte Karten nach Hause schreiben durften. Als ich einmal weinend an meine Mutter schrieb, wurde die Karte vernichtet. Während des Heimaufenthaltes hatte ich Geburtstag und meine Mutter schickte mir ein Paket. Außer den darin befindlichen Kniestrümpfen habe ich niemals den weiteren Inhalt gesehen noch erhalten!
    Grausam war, wenn ich Nachts zur Toilette musste. Es war unter Strafe verboten, den Schlafsaal mit ca. 30 Betten zu verlassen. Hinter der Tür saß eine Nachtwache und passte auf, ich habe manche bittere Träne vergossen weil ich Angst hatte in das Bett zu machen. Es gibt viele, negative Erinnerungen an diese Zeit und ich weiß eines ganz genau, als ich nach 6 Wochen wieder nach Hause kam, sagte meine Mutter, das Mädchen ist nicht mehr die selbe?! Ich hatte mich stark verändert, war ruhig und ängstlich geworden!

  • Leonie Seliger sagt:

    Ich was vier oder fuenf Jahre alt, als ich von der Barmer Ersatzkasse zum Schloss am Meer in Wyk auf Foehr verschickt wurde. Das war wohl im Sommer 1969. Ich erinnere mich an konstante Angst, bestraft zu werden fuer Nichtbeachtung unverstaendlicher Regeln. Nachts wurde bestraft, wer nicht schlief. Ich konnte vor Angst und Heimweh natuerlich nicht schlafen, und um den Tanten glaubhaft zu machen, dass ich fest schlief, schnarchte ich. Offenbar war das nicht ueberzeugend, denn die Aufseherin kam zu meinem Bett und schlug mir mit einem Stapel Buecher auf die Nase. Dann bedrohte sie mich mit mehr Pruegel um mein Weinen einzustellen. Nach ein paar Tagen schlich ich mich in der Mitte der Nacht aus dem Haus und lief ins Meer um mich zu ertraenken. Ich erinnere mich deutlich an die Wellen, die ueber mir brachen, aber ich wurde von der Brandung wieder an den Strand zuriueck geworfen. Ich weiss nicht, ob ich gefunden wurde oder ob ich von selbst wieder in den Schlafsaal zurueck fand. Meinen Eltern konnte ich natuerlich nichts davon schreiben – ich war noch zu jung, um zu schreiben. Von den Tanten war eine freundlich; sie hiess Sita (oder so aehnlich). Als ich nach meiner Rueckkehr meinen Eltern von meinem Selbstmordversuch erzaehlte, wurde ich ausgelacht. Man nahm an, dass ich mir das ausgedacht hatte.

  • Angela sagt:

    Ich habe es bisher vermieden, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich habe auch die anderen Kommentare nicht gelesen bis jetzt und mich in Vielem wiedererkannt. Alles ist noch sehr präsent und reißt Vieles auf. Ich war das erste Mal mit 2 Jahren bis 3 1/4 Jahren in einem Kinderheim und habe noch sehr schlimme Alpträume darüber, was da passiert ist. Es gibt auch diverse Unterlagen und Briefe darüber. Insgesamt war ich so ca. 8 Mal weg bis zu meinem 18. Lebensjahr und das nicht nur Wochen, sondern über Monate immer und habe in mir 2 bekannten Heimen so viel Schlimmes erlebt, dass ich Vieles nicht aussprechen kann.
    Isolation, Misshandlungen, Missbrauch etc.

  • Frank sagt:

    Hallo!

    Ich habe diese Seite bei der Google-Suche nach dem „Schloss am Meer“ in Wyk auf Föhr gefunden, und ich bin erschüttert, welche Zustände in Kinderkurheimen in den 50ern und 60ern geherrscht haben müssen.

    Ganz so schlimm ist es mir zwar nicht ergangen, aber meine Erinnerungen sind auch eher negativ. Ich war im Juli/August 1978 im Alter von 7 Jahren für 6 Wochen im „Schloss am Meer“. Aus medizinischer Sicht war die Kur sicher angebracht, denn ich hatte Neurodermitis, Asthma und häufig eine akute Bronchitis. Aber mit 7 Jahren zum ersten Mal von zu Hause weg, gleich für 6 Wochen und nicht gerade unter kindgerechten Bedingungen – das war schon ein einschneidendes Erlebnis.

    Die Kur sollte drei Wochen vor den Sommerferien beginnen, deshalb mussten meine Eltern eine Freistellung vom Unterricht beantragen. Ich war in der 1. Klasse, und irgendwann sagte die Lehrerin zu mir: „Du kannst deinen Eltern ausrichten, das geht in Ordnung, sie können dich verschicken!“ Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass da etwas Ungewisses auf mich zukam. Meine Mutter fing an, Namensschilder in sämtliche Kleidungsstücke zu nähen, und mein Vater brachte eines Tages einen kleinen, grünen Rucksack aus Kunstleder mit der Aufschrift „Barmer Ersatzkasse“ mit, der als Handgepäck für die Reise gedacht war.

    Schließlich war der Abreisetag gekommen. Ich erinnere mich dunkel, dass mir irgendwie mulmig war, aber so richtig aufgeregt war ich wohl nicht. Mein Vater brachte mich zum Sammelpunkt nach Hannover, wo auf dem Bahnsteig schon diverse andere Kinder mit grünen Rucksäcken warteten. Mein Vater gab mir den guten Rat, ich solle mir gleich einen Freund suchen, damit ich nicht so alleine wäre. Das klappte auch ganz gut – ich freundete mich mit einem Jungen namens Hendrik an, der nicht ganz so schüchtern war wie ich. Auf der Bahnfahrt fiel mir auf, dass manche Kinder (vor allem wohl die älteren) das Ganze recht locker wegsteckten und sich auf ein Abenteuer freuten, während ich etwas verstört war und nicht wusste, wie mir geschah.

    Irgendwann gegen Abend kamen wir im „Schloss am Meer an“. Ich war in einem Zimmer mit 6 bis 8 Jungs untergebracht, alle ungefähr gleichaltrig. Das Abendessen war die erste große Ernüchterung, denn es gab Ravioli aus der Dose, die ich überhaupt nicht mochte. Ich weiß noch, dass ich danach zur Toilette ging, die ich erst mal suchen musste. Zum ersten Mal an diesem Tag war ich ganz allein. Ich kam mir total verloren vor und fing erst mal an zu heulen.

    Entweder noch am selben Abend oder am nächsten Tag wurde uns die Hausordnung des Kurheims verkündet. Für schlechtes Betragen gab es Strafpunkte. Diese Punkte wurden in eine Tabelle eingetragen, die im Flur hing. Für brave Kinder, die bis zum Ende der Kur weniger als drei (?) Punkte ansammelten, wurde ein Buchgeschenk o.ä. in Aussicht gestellt. Da ich mich für ein braves Kind hielt, war ich der Meinung, das schaffen zu können – aber am Ende hatte ich dann doch 12 (?) Punkte auf dem Konto. Einmal pro Woche (Freitagnachmittag?) gab es Ausgang, d.h. man hatte 1-2 Stunden Zeit, sich in der Fußgängerzone von Wyk die Füße zu vertreten und das üppige Taschengeld von ca. DM 1,50 für ein Comicheft oder ein Eis auszugeben. Während des Ausgangs jeweils ein älteres Kind auf ein jüngeres aufpassen. Wenn man in der jeweiligen Woche zu viele Strafpunkte gesammelt hatte, wurde das Taschengeld gesperrt.

    Gleich am Tag nach der Ankunft musste im Wintergarten eine Postkarte an die Eltern geschrieben werden – das wurde so angeordnet. Ich glaube, es gab jede Woche einen festen Termin, an dem geschrieben werden musste. Und natürlich wurde drauf geachtet, dass man nichts Negatives schrieb. Zum Glück bekam ich ziemlich viel Post, ein großer Teil davon existiert noch. Meine Eltern hatten wohl alle meine Freunde und die Verwandtschaft angestachelt, mir zu schreiben, und sie erinnerten mich in ihren Briefen auch immer wieder, dass ich allen zurückschreiben sollte. Ich glaube, es war ein großes Glück, dass ich schon relativ gut schreiben und fließend lesen konnte – wenigstens auf diese Art blieb der Kontakt zur Heimat bestehen, denn Telefonate und Besuche waren ja von der Heimleitung verboten worden (das haben meine Eltern mir später erzählt). Regelrecht schockiert war ich über den Umgang mit Päckchen und Paketen. Man bekam nur Spielzeug und den beiligenden Brief ausgehändigt; Süßigkeiten wurden unter allen Kindern aufgeteilt. Wahrscheinlich sollten damit Neidgefühle vermieden werden, was auch irgendwie logisch ist, aber für mich als Kind war das ein Eingriff in meine kleine Privatsphäre, denn es war ja etwas Besonderes, ein Paket zu bekommen und auszupacken. Einer meiner Zimmergenossen hatte schweres Asthma und starkes Heimweh. Er hatte von seinen Eltern eine Art Adventskalender mitbekommen, den er sich übers Bett hängte.

    Die Erzieherinnen (ich weiß nicht mehr, ob wir sie „Tante“ oder „Schwester“ nannten) waren unterschiedlich streng – die älteren wohl strenger als die jüngeren. Ich meine mich zu erinnern, dass der „Hausdrachen“ Gertrud oder Gudrun hieß. Allerdings machten sich die größeren Jungs durchaus über sie lustig, also kann es mit ihrer Autorität nicht so weit hergewesen sein.

    Wenn man etwas ausgefressen hatte, musste man nachts im Flur auf einer harten Bank schlafen. Allerdings wurde man irgendwann nach dem Einschlafen wieder ins Bett zurückgetragen. An eine strenge Mittagsruhe oder an ein Redeverbot beim Mittagessen (wie hier von einigen geschildet) kann ich mich nicht erinnern – das muss aber nicht unbedingt heißen, dass es das nicht gab. Auch an die Qualität des Essens habe ich keine konkrete Erinnerung. Toll kann es aber nicht gewesen sein, denn nach der Kur hat sich meine Mutter erschrocken, dass ich noch dünner geworden war. Ich weiß nur, dass wir uns immer auf den Sonntag gefreut haben, weil es da anstatt des verhassten Früchtetees „Brause mit Geschmack“ zum Mittagessen gab – und Eis oder Pudding zum Nachtisch.

    Das Heim hatte einen eigenen kleinen Strandabschnitt, der daran zu erkennen war, dass er völlig kahl war, während rechts und links davon bunte Strandkörbe standen. Das Wetter war zeitweise ziemlich schlecht, deshalb wurden wir in Gummistiefeln und Friesennerzen rausgeschickt, um im Schlick zu buddeln. Ob wir auch ins Waser durften, weiß ich nicht – ich glaube aber nicht. Dafür waren wir mehrmals im Wellenbad. Ansonsten habe ich die gesamte Kur (bis auf den wöchentlichen Ausgang) als ziemlich langweilig und trostlos in Erinnerung. Meinen Eltern habe ich geschrieben, dass wir im Zirkus waren, und dass einmal ein Zauberer da war – aber wirklich erinnern kann ich mich an diese „Events“ nicht.

    Ein Highlight war noch das Abschiedsfest, das man sich als eine Art Kinderdisco im Speisesaal vorstellen kann. Ich weiß noch, dass ich total froh war, mal wieder Musik zu hören (u.a. „Rivers of Babylon“ von Boney M. – ein Song, den ich nach 6 langen Wochen wiedererkannte!), denn ansonsten hatten wir wohl keinen Zugang zu Radio und Fernsehen.

    Am Abreisetag blieb ich vormittags als Letzter im Heim zurück, während alle anderen Kinder schon aufs Festland gebracht wurden. Meine Eltern hatten nämlich beschlossen, mich abzuholen, weil sie in der Nähe von Föhr Urlaub gemacht hatten. Während ich wartete, durfte ich mit den Erzieherinnen in deren Pausenraum frühstücken, und plötzlich waren sie viel netter und verständnisvoller als vorher. Weil mir langweilig war, half ich dann sogar nach freiwillig dabei, die Zahnbürsten im Waschraum auszuwechseln.

    Mit der Hygiene hatten es die Erzieherinnen wohl insgesamt nicht genau genommen – die Socken wurden nur einmal pro Woche gewechselt, und in den gesamten 6 Wochen habe ich nur zwei Waschhandschuhe benutzt, die dann so starr vor Dreck waren, dass meine Mutter sie gleich mit spitzen Fingern in den Müll beförderte.

    Als meine Eltern mich dann schließlich abholten, waren wir uns erst mal richtig fremd. Und ich verkündete drei Dinge, die dann später im Familienkreis immer wieder erzählt wurden: dass ich „nur“ elfmal geweint hatte, dass ich nie wieder zur Kur wollte, und dass ich mir meine Frühstücksbrote jetzt auch allein schmieren konnte – das hatte ich nämlich schnell gelernt.

    Fazit: Das alles war längst nicht mit den Zuständen in den 50ern und 60ern zu vergleichen, aber mir hat es damals trotzdem gereicht. Ich hatte ein Riesenglück, dass ich schon relativ gut lesen und schreiben konnte – durch Briefe, Postkarten, Bücher und Comichefte hatte ich eine Rückzugsmöglichkeit. Wäre ich ein halbes Jahr früher verschickt worden, dann wäre ich wohl vor Heimweh eingegangen.

  • Claudia sagt:

    Seltsam, diese Seite zu finden. Ich habe gar nicht bewusst danach gesucht und dennoch wüsste ich nur zu gern, was das für ein merkwürdiges Heim war, in dem ich … vielleicht 1966 (?) für einige Wochen war. Mein kleiner Bruder war gerade geboren und wir Mädchen 3 (ich) + 4 (meine Schwester) hatten Keuchhusten. An die See! Reizklima! so hieß es. Was es für die Gesundheit wirklich bedeutete und ob es wirklich die Heilung beschleunigte,weiß Niemand. Was es für die Seele eines kleinen Kindes bedeutete, das wissen nur die Kinder selbst. Irgendwie hat man das überlebt, aber die Gedanken an eine kalte, unfreundliche Zeit, bleiben für immer. Es war winter oder Herbst. Meine Gefühle waren die einer großen Ungerechtigkeit uns weg zu schicken, genährt durch viele kleine Ungerechtigkeiten im Umgang mit den Kindern. Dazu kam Einsamkeit und Heimweh… und natürlich auch Angst. Meine Schwester und ich wurden getrennt. Ich weinte nach ihr, aber die „Tanten“ waren unbarmherzig. Wir waren in einem langen Schlafsaal mit Betten, die nebeneinander standen. Man kam durch einen Aufenthalts- und Speisesaal hinein. Rechts neben der Tür war eine Toilette. Altbau mit hohen Decken. Einmal musste ich Nachts auf diese Toilette und zur Strafe wurde ich dort eingesperrt. Die Tante warf mir aber noch meine Bettdecke hinein. Mit dieser verkroch ich mich auf die Fensterbank, schaute in den Nachthimmel und sag lauthals „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen“. Bis sie mich entnervt befreiten. Aber nicht ohne „Klaps“ auf den Hintern. Glücklicherweise hatte ich meinen kleinen Teddybären mi dem rot-weißen Hahnentrittmuster, der wichtigster Trost ever war. In einer der folgenden Nächte passierte mir das wieder und – statt mich auf die Toilette zu schleichen – machte ich der Nachbarin in die Hausschuhe. Sie hieß Maibritt. Daran erinnere ich mich gut, weil ich den Namen vorher noch nie gehört hatte und immer dachte sie hieße „Mai-Brett“, was mir Kopfzerbrechen bereitete. Der Alltag war streng durchorganisiert. Es gab auch die täglichen kalten Duschen zum abhärten, was ich als Folter empfand und immer noch so empfinde. Etwas leichter wurde es, wenn ein „Onkel“ da war, der mit uns spielte. Ich lernte Elefanten aus Knete zu machen. Und wir bauten einen Drachen. Bei einem Spaziergang sahen wir einen toten Kugelfisch. Dieser junge Mann war irgenwie freundlicher, als die Anderen. Dennoch blieb der Trennungschmerz. Zu wissen, dass meine Schwester auf der Anderen Seite des Saales war. Einmal trafen wir uns kurz und meine Schwerter flüsterte mir zu, ich solle krank werden. Das tat ich dann. War nicht so schwer, weil wir sowieso nicht ganz gesund waren. So kam ich auf die Krankenstation im Souterrain. Dort war es dann besser. Nette Menschen, leckeres Essen, viel Pudding…und meine Schwester 🙂 … Da blieben wir (glaube ich) bis zum Ende dieses Aufenthaltes am Meer, bei dem ich vielleicht ein- oder zweimal das Meer sah. Ich freue mich, wenn ich irgendwann dieses Pussle zu einem Bild formen kann, damit ich es zu den erledigten Akten der Erinnerungen legen kann. Danke fürs Lesen.

  • anja sagt:

    Liebe Angela
    Ich war eine Weile krank und konnte deshalb jetzt erst freischalten. Schreibe nur, wenn es dir gut tut und hilft, gern kannst du mir persönlich schreiben, (mailadresse unter Impressum). Ich plane ein Buch mit Betroffenenberichten, um dem Thema mediale Aufmerksamkeit zu geben, ua auch, damit niemals vergessen wird, wie Kinder gequält worden sind und wie schnell das passiert, durch Verhältnisse, für die sie nicht können und an denen sie nicht schuld sind. Ich bin sehr interessiert an jeglichen unterlagen und Briefen, Fotos und allem. Ich werde dich und die anderen neuen Kommentierenden gemeinsam anschreiben und bitte dich, die Unterlagen aufzubewahren, sie sind unschätzbar wertvoll. Die meisten Verschickungskinder besitzen keinerlei Unterlagen mehr.

  • Heike sagt:

    Hallo,
    bis zu meinem 6. Lebensjahr war ich drei mal bei so einer Verschickung. Immer mit meinem Bruder. An das erste Mal in der Nähe von Daun in der Eifel (vermutlich Burg Seinsfeld) kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war zwischen zwei und drei sagt meine Mutter. Mein Bruder ein Jahr älter. Beim zweiten Mal, ich war nun vier Jahre, wurden wir für 6 Wochen nach Borkum (Haus Concordia) geschickt. Das war ermutlich Sommer 1971 oder 1972. Als ich nach 6 Tagen meinen Bruder fragte, ob wir nun nach Hause können, erklärte er mir erst was 6 Wochen bedeuten. Ich konnte nichts anderes tun als warten. Ich kann mich erinnern, dass ich die Nummer 15 war. Kamm Nummer 15, Mütze Nummer 15, Platz im Speisesaal Nummer 15, ….
    Einmal wollte man uns eine Freude machen und kündigte freudig eine Feier mit einem Clown an. Wir saßen steif im Speisesaal an unserem Tisch wie immer, hatten einen kleinen Kuchen auf unserem Teller und dann kam der Clown. Aber es war überhaupt keine Freude in dem Saal. Ich glaube keiner war froh oder hat gelacht.
    Nachts hat ein Mädchen neben mir öfters ins Bett gemacht. Sie wurde auch so bloß gestellt, dass wir alle Angst bekamen ebenfalls ins Bett zu machen.
    Möglicherweise waren einige Erzieherinnen nett und haben sich Mühe gegeben. Sie haben sogar Fotos gemacht die wir noch besitzen. Aber die Stimmung, das Heimweh und die graue Zeit haben alles zunichte gemacht. Ich war immer brav, habe möglicherweise auch immer nur als Beobachterin fungiert, aber ganz sicher habe ich sehr gelitten. Mein Bruder erzählt, er wurde mal sehr verprügelt, weil er nachts aufgestanden war, um sich ein Taschentuch zu holen. Seine Nase lief.
    Ich kann bis heute nicht auf die Insel Borkum fahren. Alleine beim Gedanken, ich müsste dort hin, kommen mir die Tränen. Ich weiß nicht, was dort war, dass das so ist.
    Beim dritten Mal,kurz vor meinem 6. Geburtstag wurden wir beide nach Heimenkirch (Herz Jesu-Heim) ins Allgäu geschickt.
    Obwohl ich hier älter war, kommt in meiner Erinnerung keine einzige Person vor. Kein Kind, kein Erwachsener. Alles verdrängt. Ich war entsetzt. Wieder für lange Zeit auf mich allein gestellt. Kein Entkommen. Keine Liebe, kein Kuscheln, nichts Vertrautes…..
    Ich erinnere mich,dass ich einmal alleine draußen stand, die Luft genoss, die Natur war so grün und duftete gut. Eine Erlösung. Das Brot im Speisesaal schmeckte so gut.
    Ich habe dieses Heim dieses Jahr noch einmal aufgesucht und wollte wissen, ob dies ein magischer Ort ist. Konnte die Stimmung von damals aber nicht spüren. Ist eh alles verbaut. Heute ist es ein Altersheim. Ich habe meinen Bruder zu Heimenkirch befragt. Auch hier wurde er sehr verprügelt, weil er dem Heimleiter eine Armbanduhr gestohlen hatte.
    Warum er das tat, weiß er heute nicht mehr.
    Insgesamt haben diese Verschickungen mich und meinen Bruder sehr geprägt und auch traumatisiert. Ich selber habe an mir keine Misshandlungen in Erinnerung. Mir reichte das Heimweh, die düstere Stimmung, das Endgültige, das Machtlose. War ich Zeugin? Ich weiß es nicht. Habe alles verdrängt.
    Ich vermute aber auch, dass diese Heime schon lange vorher existiert haben und auch das Personal bzw. die Tanten schon einige Jahre tätig waren und deshalb die Erziehungsmethoden unverändert waren wie zu den Nazizeiten.
    Wenn ich meine Mutter frage, fand sie es sehr nett fand, dass man Ihr diese Kuren für uns immer genehmigt hat, obwohl wir keine Krankheiten hatten. Aber meiner Mutter ging es nicht gut,deshalb wurde immer ihrem Wunsch entsprechend eine Kur für uns bewilligt. Wie so vielen überforderten Eltern, die noch Nachwirkungen aus ihre eigenen Jugend in der Kriegs- oder Nachkriegszeit hatten.
    Viele Grüße alle!
    Heike

  • Frank sagt:

    Noch ein paar Nachträge zu meinem Erlebnisbericht vom 23.10.:

    Kann sich jemand, der Mitte/Ende der 70er im „Schloss am Meer“ in Wyk auf Föhr war, an weitere Details aus dem Heimalltag erinnern, z.B. in Bezug auf das Strafpunktesystem? Was war alles verboten, was wurde wie bestraft? Ich weiß noch, dass wir Strafpunkte für eine Kissenschlacht bekamen.

    Zum medizinischen Aspekt der Kur: Ich kann mich erinnern, dass es im Kurheim einen Behandlungsraum/Arztzimmer gab, in dem ich wg. Neurodermitis regelmäßig mit der vom Hausarzt verordneten Salbe eingecremt wurde. Aber ansonsten gab es m.W. überhaupt keine Anwendungen. Anscheinend ging die Barmer Ersatzkasse davon aus, dass allein das Seeklima schon den Kuraufenthalt rechtfertigen würde. Gibt es so was heute auch noch? (Bei mir scheint es damals tatsächlich etwas genützt zu haben: Meine asthmatischen Beschwerden verschwanden im Laufe der folgenden Jahre, und ich war nicht mehr so anfällig für Bronchitis. Nur die Neurodermitis blieb.)

    Da hier jemand fragte, was aus dem „Schloss am Meer“ geworden ist: Ich hab mal ein bisschen gegoogelt und rausgefunden, dass das Haus schon 1925 unter diesem Namen als Hotel existierte. Spätestens ab Mitte der 50er wurde es von der Barmer als Kinderheim betrieben (man findet immer wieder alte Postkarten). Ende der 90er gab die Barmer das Haus auf, danach war es für kurze Zeit eine Hypnoseklinik und dann (äußerlich weitgehend unverändert) bis Ende 2009 wieder ein Hotel. Inzwischen wurde das Haus komplett entkernt und zu einer Ferienwohnungsanlage umgebaut.

    https://www.shz.de/lokales/insel-bote/das-schloss-am-meer-wird-zum-appartement-haus-id2227551.html

  • Gitti sagt:

    Ich bin mit 10 Jahren im Herbst/Winter 1961 mit dem Abendzug von Essen nach Dagebüll gefahren u. dort bei Tageslicht mit einem Schiff in Wyk auf Föhr eingetroffen. Da mein Bruder schon vorher in einem Kurheim war und über keine schlimmen Erfahrungen berichten konnte, war ich nicht so mutlos.
    Fragt man mich nach dem Namen des Kinderkurheimes, fällt mir spontan der Name „Haus Schöneberg“ ein. Aber heute sah ich das Foto der Stiftung Ballin Am Sandwall mit den rot-gelben Backsteinen u. mit den sich nach oben verschlankenden Zinnen und tippe darauf. Haus Schöneberg ist abgerissen u. durch einen Neubau ersetzt.

    1993 habe ich vom Hafen Wyk aus in einem Spaziergang sofort das damalige Haus, am Strand gelegen, ohne Zweifel wieder erkannt. Und bin rein, kein Mensch zu sehen und ich sah den dunklen Holzflur, den großen Eßsaal, die breite Holztreppe und das Klassenzimmer unverändert wieder.

    Schlimmes, wie hier von sehr vielen beschrieben, hatte ich so nicht erlebt, mag sein, dass ich einiges damaliges Unbehagen hinter mir ließ. Wir hatten keine begleitenden Betreuer*innen, wir waren sozusagen ALLEIN. In Erinnerung ist mir heute die große Lieblosigkeit, die fehlende Zugewandtheit allen Kindern gegenüber u. sofort fällt mir die damalige Schwester Irmgard mit „Häubchen“ ein, verhärmd aussehend, nie freundlich guckend, nie ein nettes Wort. Schlafsäle, wie die von Anja Röhl beschrieben, sah ich nicht, aber untergebracht in einem hellen Schlafzimmer mit ca. 8 Betten, und ein großes Fenster mit Blick aufs Meer. Ich erinnere mich an eine mittelblonde 14-jährige, die an ihren Händen unter Neurodermitis litt und eine „Meersalz“-Salbe erhielt, mit der sie sich behandelte.

    Ein primitives „Badezimmer“ mit mehreren, richtig primitiven Waschtischen und immer kalt! Liegestühle und dicke Decken auf einer Liegeterrasse warteten täglich auf uns u. regelmäßige kleine Blutuntersuchungen. Erinnere mich an zwei Schwestern, die so lange vor ihren Brötchen sitzen mussten, bis sich eine erbrach und rumerzählte wurde, sie hätte es wieder aufessen müssen, ohne, dass es jemals von dem Personal dementiert oder erwähnt wurde.
    Eigentlich sprach man kaum mit uns, ja, tatsächlich, die Kommunikation bestand aus Anweisungen: „die Mädchen hierhin, die Jungen dorthin..“
    Deshalb kann ich mich nur an eine Ausnahme mit einer Betreuerin am Strand erinnern, die uns etwas über Sturmfluten erzählte. Einmal bin ich nachts ängstlich auf die Toilette und es gab gleich Schimpfe von der Nachtschwester. Ungewöhnlich, dass sich ein Kind lieber mal als unsichtbar sehen möchte…
    Und natürlich auf uns Kinder endlos wirkende Spaziergänge in Zweierreihe durch Wyk aber auch an Spaziergänge in die umliegenden Kieferwäldchen. An Bäume, die vom Wind schräg in eine Richtung geneigt waren; So etwas Schönes kannte ich ja nicht aus dem Ruhrgebiet.
    In tiefer Erinnerung ist mir ein kleines Mädchen geblieben, die weinend von ihrem Vater auf der Strasse, vor dem Haus, wieder da rausgeholt wurde. Meine Mutter schickte mir in einem Paket rote Gummistiefel, ich war im November die einzige Glückliche, die damit ins Wasser gehen durfte.

    Heute, mit meiner Erfahrung, muss ich das alles als serielle Abfertigung von Kindern bezeichnen.

    Schön wäre, falls sich hier einige Leser wieder finden würden?

  • Angela sagt:

    Liebe Anja,
    durch Zufall habe ich heute Ihre Antwort entdeckt. Ich wartete die ganze Zeit auf eine Email.
    Ich dachte, es wird keine Antwort mehr kommen. Ich kann sehr viel berichten, habe zum Teil, wie gesagt, die Genehmigungen von der Krankenkasse, Briefe etc. Aber ich möchte hier auf dem Portal nicht das berichten, was mir passierte, um andere Menschen nicht noch mehr zu traumatisieren und vielleicht ähnliche Erinnerungen hervorzurufen. Eines der Heime ist nun ein Altersheim, das Andere ist ironischerweise nun eine Klinik für Psychosomatik. Ich kann meine Erlebnisse nicht aufschreiben, so schrecklich sind sie, ich könnte ggf darüber sprechen. Und da auch nur über einen Teil, denn der Rest ist so entsetzlich, dass ich wahrscheinlich nie darüber reden werde. Außerdem sind noch ca. 8 Jahre fast ganz im Dunkeln verschwunden, denn ich war immer weg, regelmäßig, bis ich 18 Jahre alt war.

  • Frank sagt:

    Ein Fernsehtipp, für alle, die nach Föhr verschickt wurden – um evtl. schemenhafte Erinnerungen an die Insel zu konkretisieren…

    Morgen, am Samstag, 24.11. läuft um 21:10 Uhr auf ARD-alpha eine uralte Reportage: „Von Friesen und Vogelkojen – mit Hans Rosenthal auf die Insel Föhr“ (Wiederholung nachts um 02:15 Uhr). Ob die Sendung von 1972 oder 1978 ist, geht aus der Ankündigung nicht genau hervor.

    https://www.br.de/mediathek/video/alpha-retro-1978-mit-hans-rosenthal-auf-die-insel-foehr-von-friesen-und-vogelkojen-av:5bc5ff05fdefe20018ca5a2f

  • anja sagt:

    Leider gibt es das Video nicht mehr

  • Frank sagt:

    Ja, die Sendung wurde wohl leider überhaupt nicht in die Mediathek gestellt.

    Ich habe die Reportage (sie war tatsächlich von 1978) aufgezeichnet und gesehen. Wiedererkannt habe ich allerdings nichts, denn vom Hauptort Wyk wurde fast nichts gezeigt. Der Ankündigungstext auf der oben verlinkten Seite beschreibt den Inhalt schon ziemlich vollständig.

  • Gitti sagt:

    Vor wenigen Tagen erhielt ich Anja’s Fragebogen, den ich zwar noch nicht kenne, aber bestimmt bearbeiten werde.

    Mir ist aufgefallen, dass von den vielen kommentierenden kein einziger einen ersetzenden internen Schulbesuch erwähnte, der an mir u. anderen Kindern, leider
    – aus Kindersicht – nicht vorübergegangen war. Schulpflicht eben, egal wo.
    Ich habe sie neutral in Erinnerung, was heißen soll, dass der Lehrer sein jeweiliges Klassenstufen-Programm abzog und als Person nichts Bedrohendes an sich hatte.

  • Beate Brauch sagt:

    Ich war im Sommer 1968, 8 jährig mit meinem Bruder, 5 Jahre, im Schwarzwald für 6 Wochen. Es war furchtbar und mein Bruder erzählt heute noch mit tiefer Abscheu von diesen Erlebnissen. Ich hatte dort viel Angst und der Zwang zu essen war für mich ein Alptraum.

  • Belinda Glock sagt:

    Ich war 6. Und wurde von meinen Eltern für 6 Wochennach St. Peter Ording, Kinderheim Köhlbrand, geschickt. Es war die grausamste Zeit meines Lebens. Ich habe mich, nachdem ich wieder zu Hause war, immer im Bad eingeschlossen, wenn ich mich wusch. Ich konnte keine Berührungen meiner Eltern ertragen, jegliche Art von Nähe ertrage ich auch heute nicht, ich hatte und habe eine ausgeprägte Abneigung gegen Frauen. Meine Briefe wurden zensiert, wenn meine Eltern anriefen, stand ein weiblicher Drachen neben mir, die Päckchen, die mir meine Eltern sandten, wurden konfisziert. Wenn einem das Essen nicht schmeckte, wurde man gezwungen, es zu essen. Erbrochenes bekam man wieder auf den Teller. Wenn man nicht sofort den Befehlen gehorchte, wurde man geschlagen, wer nachts ins Bett machte, musste in den Keller. Wir waren am Meer und in den 6 Wochen 2 mal am Strand. Wir wurden 6 Wochen lang indoktriniert, von Frauen, die früher in SS-Lagern Dienst taten, wie ich vor einigen Jahren erfuhr. Ich traute mich erst nicht, meinen Eltern etwas davon zu erzählen, aber eigentlich wollten sie es auch nicht wissen. Meine Mutter fragte mal bei der KK nach, weil ich so verwahrlost und gestört aussah, gab sich aber mit deren Erklärung zufrieden. Ich habe dort viele gräßliche Situationen erlebt, über die ich auch heute noch nicht reden kann. Ich habe mir Bilder dieses Kinderheims angesehen, ist inzwischen ein Mutter-Kind-Heim……..ich habe es bis heute nicht geschafft, dorthin zu fahren, noch nicht mal in die Nähe. Aber ich hoffe, dass ich es irgendwann schaffen werde und dann damit abschließen kann.

  • Ilse sagt:

    Die unten stehenden Erinnerungen habe ich vor ein paar Jahren mal runtergepinnt, als ich auf einer ähnlichen Seite war. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich ihn damals überhaupt abgeschickt habe, falls ja, ist er jetzt eben doppelt. Schade, dass es in meiner Jugend noch kein Internet gab, es hätte wohl einen Aufstand gegeben. So war ich jahrelang der Meinung, ich hätte halt Pech gehabt und hielt das Ganze für einen Einzelfall.
    Bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich überhaupt über diese Erlebnisse gesprochen habe. Nach der Rückkehr in mein Leben habe ich alles einfach abgeschüttelt. Ich werde nie vergessen, wie entsetzt meine Eltern waren, als mal die Rede darauf kam. Diese Kinderquäler hätten vor Gericht gehört, aber wer weiß, wie die deutsche Justiz damals damit umgegangen wäre. Und heute würde ich gern wissen, ob die Barmer jemals davon erfahren hat und wenn ja, wie damit umgegangen wurde.

    Hier also meine Erinnerungen:

    Mich hat es 1966 als Neunjährige nach Weisel verschlagen. Eigentlich sollte ich ans Meer, weil ich „schwache Bronchien“ hatte, aber da war wohl gerade nichts frei, also ab in den Taunus. Zu Fräulein Netz und Schwester Dingens! Ich würde sie heute gern fragen, wie sie sich damals gefühlt haben. Ob es ihnen Spaß gemacht, Kinder zu quälen?
    Ich erinnere mich noch sehr deutlich :
    Geschlafen wurde in Mehrbettzimmern bei offenen Türen, während Schwester Dingens im Gang auf dem Stuhl saß und beim leisesten Mucks wie eine Furie ins Zimmer schoss. Wurde die Übeltäterin identifiziert, zerrte sie sie ab in den Speisesaal, wo man dann auf der harten Holzbank schlafen musste. Das war nicht nur unbequem sondern abends auch absolut schaurig. Und jeden Tag morgens und nach dem Mittagsschlaf Betten machen! Ich beherrsche heute noch die Weiseler Methode im Schlaf: ein Drittel der Decke quer aufs Bett, den Rest einmal einschlagen und dann überlegen. Und wehe es war auch nur ein Fältchen zu sehen. Das Bettzeug wurde so oft runtergerissen, bis es faltenfrei lag.
    Das Essen! Am Anreisetag wurden alle mitgebrachten Brote eingesammelt und zum Abendessen gab es dann „Brotpudding“: kleingeschnittene Wurst- und Käsestullen in Vanillepudding! Ich hatte übrigens vergessen, eine Schokoladentafel aus meinem Barmer-Rucksack zu nehmen. Als sie mir abends wieder einfiel, war sie allerdings weg. Die Damen hatten unser Gepäck durchsucht und alles konfisziert was an Essbarem darin war. Diejenigen Kinder, bei denen sie fündig geworden waren, wurden dann beim ersten Frühstück namentlich als Betrüger gebrandmarkt, die heimlich Süßigkeiten hätten bunkern wollen. Ich habe mich sechs Wochen lang dafür geschämt! Ansonsten gab es jeden Tag u.a. Salat, der in einer großen Plastikwanne angekarrt wurde, vor Sahne troff und vom Zucker knirschte. Das Geschirr war aus vergammeltem, hellblauem Plastik und alles wurde auf einen Teller geklatscht, so dass die eklige Salatsauce alles andere noch ungenießbarer machte. Und beim Gedanken an warme Milch aus einem abgekauten Plastikbecher wird mir heute noch übel. Wir mussten bei jeder Hauptmahlzeit einen Nachschlag nehmen (inklusive Salat, der galt damals wohl als Zaubermittel, vielleicht war er aber auch nur billig), da der Kurerfolg an der Gewichtszunahme gemessen wurde. Nahm man nicht ausreichend zu, drohten drei Wochen Nachkur, für alle Kinder eine Horroraussicht. Ein Mädchen, Skarlett, mochte keine Schokoladensuppe, die es mehrmals wöchentlich zum Abendbrot gab. Immer wenn sie den Teller fast leer hatte, musste sie sich übergeben. Dann musste sie das Erbrochene aufwischen, bekam eine neue, volle Portion und das Elend begann von vorn. Wenn wir schon längst im Bett lagen, saß sie noch allein im Speisesaal und musste weinend die Pampe runterwürgen. Bevor wir zu Bett gingen wurden noch die speckigen Mundorgeln ausgepackt und wir sangen fröhliche Lieder: „Wildgänse rauschen durch die Nacht…“ „Wenn wir erklimmen, schwindelnde Höhen…“ „Aus grauer Städte Mahauern..“ „wir lagen vor Madagaskar…“ und zum Hohn „Kein schöner Land in dieser Zeit…“
    Während meines Aufenthalts hatte ich Geburtstag. Meine Mutter hatte mir ein Päckchen mit Süßigkeiten geschickt. Die durfte ich nicht einmal ansehen. Die Sachen wurden zu den Geschenken anderer Kinder in eine große Schüssel geleert und ab und zu durfte sich jedes Kind etwas daraus nehmen. Das nannte sich „Teilen lernen“….
    Samstags wurde gruppenweise geduscht – unter Aufsicht des Personals. In den prüden Sechzigern war das für uns pubertierende Mädchen äußerst peinlich. (Ebenso wie die Unsitte, nur mit der Turnhose bekleidet Völkerball zu spielen, und das in gemischten Gruppen. Die Regel galt für alle unter 12.) Nach dem Duschen gab es eine frische Unterhose und dann ging es ab zum Doktor, zum Wiegen. Wer nicht ausreichend zugenommen hatte, bekam Extraportionen und Liegekuren verordnet. Das hieß: nach dem Mittagsschlaf ging es ab auf den Liegestuhl und dann musste man mucksmäuschenstill liegen statt Sport zu treiben. Mittagsschlaf kannte ich übrigens gar nicht aus meinem wirklichen Leben. Welches normale Kind mit 9 geht am hellen Tag ins Bett? Ich habe in den 6 Wochen tagsüber nicht eine Sekunde geschlafen! Das Ganze war also eine zweistündige Übung in stummer Bewegungsstarre unter strengster Bewachung. Wenn wir wenigstens hätten lesen dürfen!!!! Ich war 6 Wochen auf Entzug. Einzige Lektüre: die Briefe der Eltern, die natürlich vorab geöffnet und von unseren Bewachern gelesen wurden. Überhaupt gab es keinerlei Privatheit. Die Toilettentüren waren nicht abschließbar. Abziehen durften wir nur bei großen Geschäften, ansonsten stand das Pipi im Klo. So kam ich ungewollt zu einem Aufklärungsschreck, als ein Mädchen ihre Periode hatte und sich nicht traute, zu spülen.
    Ab und zu gab es eine „Schreibstunde“, in der wir nach Hause schreiben mussten. Wer fertig war, musste seinen Brief bei Fräulein Netz abgeben, die ihn erst einmal las und vor der gesamten Gruppe kommentierte. Ein Junge, der sich über das Essen zu beschweren wagte, bekam die Fetzen seines Briefes zurück und musste von vorn beginnen. Mich hat es besonders schwer erwischt. In einem Anfall von Heimweh hatte ich geschrieben, ich wolle in Zukunft ganz lieb zu meinem kleinen Bruder sein. Die Häme, die da über mich ausgekippt wurde, war schlimmer als jede Strafe.
    Wir mussten für die sechs Wochen zwölf Mark Taschengeld mitnehmen. Das war damals sehr viel Geld, zuhause habe ich damals 30 Pfennig die Woche bekommen. Und wofür ging die Kohle in der Kur drauf? Wir mussten das Geld abgeben und bekamen dafür Briefmarken und Ansichtskarten vom Heim. Ansonsten konnten wir kein Geld ausgeben, wir hatten ja gar keinen Kontakt zur Außenwelt. Also blieb noch jede Menge übrig. Das wurde uns dann am letzten Tag aus der Tasche gezogen, als es eine regelrechte Verkaufsschau gab: Holzscheiben mit den Aufschriften „Vater ist der Beste“, Pinnekes, umhäkelte Taschentücher mit dem Schriftzug „Gruß aus St. Goarshausen“ und ähnlicher Plunder wurde uns angedreht, und zwar so lange, bis unser Taschengeld komplett aufgebraucht war. „Du willst deinem Papa nichts mitbringen? Da ist er aber traurig und denkt, du hast ihn nicht lieb wenn du ihm kein Andenken mitbringst!“ Ich weiß noch genau, dass diese blöde Scheibe für meinen Vater drei Mark gekostet hat, so viel Geld hatte ich vorher noch nie auf einmal ausgegeben. (Und das Ding verschandelte dann noch jahrelang unsere Küche!)
    Das Geld war also weg, aber wenigstens bekamen wir unseren Privatbesitz zurück bevor wir nach Hause fahren durften. Ich frage mich gerade, warum sie uns wohl die Uhren abgenommen hatten? Jedenfalls ging die Rückgabe auch nicht ohne Häme ab, bei meiner Uhr fragten sie: „Wem gehört denn dieser hässliche Wecker?“
    Apropos Schikane und Psychoterror: Jedes noch so kleine „Fehlverhalten“ wurde mit dem Hinweis kommentiert, das käme alles in den „Bericht“. Angeblich würde Fräulein Netz über jedes Kind einen Führungsbericht an die Krankenkasse schicken und bei besonders schlimmen Kindern müssten die Eltern dann nachträglich die kompletten Kosten für die Kur übernehmen. Das gelte im Übrigen auch, wenn sich jemand über die tolle Kur zu beschweren wage. Für Arbeiterkinder aus dem Ruhrgebiet eine schwerwiegende Drohung! Noch Wochen nach der Kur habe ich nächtelang wachgelegen und vor Angst gebibbert, dass am nächsten Tag der böse Brief der Barmer kommen würde. Und das, obwohl und gerade weil ich damals ein sehr liebes, angepasstes kleines Mädchen war.
    Die Kur war übrigens aus Sicht der Barmer ein voller Erfolg. Als Hungerhaken gestartet, kam ich nach sechs Wochen als Mops zurück. Meine Mutter, die mir vor der Kur noch jede Menge neuer Kleider genäht hatte, brach in Tränen aus, als ich aus dem Zug kletterte und das schöne neue Dirndl komplett gesprengt hatte. Seitdem habe ich übrigens nie wieder Normalgewicht gehabt!
    Ob es nur die Drohung des sadistischen Personals war oder die Erleichterung, diese schreckliche Zeit überstanden zu haben – ich habe jedenfalls als Kind nie von den Zuständen im Heim erzählt. Erst später, als wir schon längst erwachsen waren, hat sich im Gespräch mit anderen herausgestellt, dass es denen genauso ergangen ist. Das Ganze liegt fast 50 Jahre zurück und hat „nur“ sechs Wochen gedauert. Wie werden sich Menschen fühlen, die jahrelang unter vergleichbaren Umständen traktiert wurden?
    Und wie mögen Menschen vom Kaliber eines Fräulein Netz im Nachhinein ihr pädagogisches Wirken bewertet haben? Ich bin kürzlich zum ersten Mal seit damals an Weisel vorbeigefahren und bin beim Googeln auf diese Seite gestoßen. Als ich vorhin begann, diesen Bericht zu schreiben, habe ich gedacht, ich würde gern mal mit den „Erzieherinnen“ reden, jetzt, nachdem beim Schreiben wieder so viele Erinnerungen hochgekommen sind, würde ich ihnen viel lieber ordentlich eine reinhauen!
    PS. Ich habe auch eine sehr schöne Erinnerung an die Kur! Als es mal furchtbar regnete, durften wir im Speisesaal eine Folge „Kater Mikesch“ sehen. Da wir damals zuhause noch keinen Fernseher hatten, fand ich das supertoll!

  • Rudolf sagt:

    Durch blanken Zufall auf diese Seite gestoßen – und sofort davon „elektrisiert“ worden., Ich habe diese Art sechswöchiger Kinder-„kuren“ gleich 3 mal mitgemacht, immer unter der Ägide des Bundesbahn-Sozialwerks. Mein Vater war damals Bundesbahnbeamter.

    1958 oder 59 (als 5-bzw. 6-jähriger und angeblich wegen Asthmas) war ich diese legendären , schier unendlichen 6 Trennungs-Wochen in einem Heim in Bad Reichenhall – mit seltsam unvergänglichen Erinnerungen etwa daran, während des verordneten Mittagsschlafs als Einziger geweckt worden zu sein, um mit einem anderen Kind alleine, allerdings in Anwesenheit eines offenbar heim-fremden dicken Mannes im Sand zu spielen und Rutschbahn zu rutschen.
    Als 8ähriger 1961 in einem Heim in Arosa in der Schweiz mit einer beängstigenden Inszenierung: Es wurde von den „Tanten“ offenbar testweise und mit panischen Gesten Feueralarm ausgelöst …
    Besonders schlimm meine Erinnerungen an das Haus Tanneck in Wyk auf Föhr (1963). Nur eine einzige der Erzieherinnen habe ich als einigermaßen zugewandt in Erinnerung. Ich erinnere ihren Namen, weil sie meinen Eltern eine Karte schrieb, die ich noch besitze. Die damals schätzungsweise 22-25jährige hieß Erika Speer. Vielleicht war sie so „anders“, weil sie kaum eine (erwachsene) Nazi-Vergangenheit haben konnte. Niemals später mal wieder was von ihr gehört. Auf einem Foto von diesem Föhraufenthalt, das ich ebenfalls noch habe, ist sie zusammen mit der gesamten Kindergruppe abgebildet. – Danke, Anja für Ihre Initiative. Gerne irgendwann mehr.

  • Karin sagt:

    Hallo Anja,
    durch Zufall bin ich auf deine Seite gestoßen und bin schockiert, was ich über das Kindererholungsheim in Wyk auf Föhr zu lesen bekam und wie viele Betroffene es gibt! Ich selbst wurde im Mai 1968 dorthin „verschickt“. Damals war ich 7 Jahre alt. 1970 wurde ich nochmals „verschickt“ und zwar nach Muggendorf in der fränkischen Schweiz. Bei beiden Kuren kann ich mich an fast nichts erinnern, nur an den großen Bettensaal und dass, wenn zum Schlafengehen noch gesprochen wurde oder Unruhe herrschte, sich alle Kinder auf den Bauch legen mussten, die Decke hochziehen mussten und dann jeder einen Schlag auf den Hintern bekam, sozusagen als Kollektivstrafe. Auch kann ich mich an den Mittagspausenraum erinnern, in dem man eine gefühlte Ewigkeit in eine Decke eingewickelt ganz ruhig liegen musste. Außerdem saß an meinem Tisch ein Junge, der sich jeden Tag beim Essen auf seinem Teller erbrach und dann würgend mit dem Teller vor dem Mund aus dem Speisesaal lief. Mehr Erinnerungen habe ich nicht und ich weiß auch nicht, auf welche der beiden Kuren sich meine Erinnerungen beziehen. Auf jeden Fall läuft in meinem Leben nicht alles ganz rund und ich frage mich, ob das vielleicht auch mit Dingen, die in den beiden Kuraufenthalten vorgefallen sind, zu tun hat, an die ich mich eventuell nicht erinnern kann.
    Liebe Grüße, Karin

  • Angela sagt:

    War Jemand so wie ich in dem Kinderheim STIEG in Oberalpfen, Unteralpfen oder in Friedenxeiler im Schwarzwald? Das waren die 2 schlimmsten Heime, an die ich mich erinnern kann? Ich war da mehrfach.

  • Sascha sagt:

    Ich war Anfang der 80er Jahre im Schloss am Meer. Wie alt ich gewesen bin, weiß ich nicht mehr, kann mich aber noch gut an Sanktionen durch die Aufseherinnen erinnern.
    Ich war über Ostern dort, viele Kinder hatten natürlich Süßigkeiten von ihren Eltern geschickt bekommen. Die Pakete wurde abends verteilt (wir saßen alle in einem Raum) und wurden jewes aufgerufen und mussten unser Paket aufmachen. Waren dort Süßigkeiten drin, wurden diese weggeschmissen. Ich kann mich gut dran erinnern, dass ein Junge nur Süßes in seinem Paket hatte, sodass er nichts zu Ostern bekam. Er hat bitterlich geweint, was den Aufseherinnen egal war.
    Wenn irgendjemand Quatsch gemacht hat, mussten beim Abendessen alle Kinder ihren Kopf auf die Tische legen und einen Arm hoch nehmen. Ich dachte Anfangs, es sei ein Spiel, aber leider war es das nicht. Wenn man den Arm runtergenommen hat, bevor es erlaubt war, wurde man ausgeschimpft. Es könnte 10 Minuten dauern, bis man den Arm runternehmen durfte.
    Ein Kind hatte in der Vorstellungsrunde gesagt, es würde ‚Nick‘ heißen. Die Aufseherinnen lachten ihn aus – das sei ja wohl kein Name und er soll nicht lügen.
    Ich habe meiner Mutter nie von den Erlebnissen erzählt, wollte sie nicht verunsichern und habe das meiste aus der Zeit verdrängt und weiß noch, dass ich dieses Heim und meine Zeit dort (es müssen ca. 4-6 Wochen gewesen sein) gehasst habe.

    Hat sich die Barmer eigentlich mal bzgl der zahlreichen Erlebnissberichte hier gemeldet?

  • Klaus Martin sagt:

    Hallo, wird der Kongress im Nov. 2019 öffentlich begleitet, ggf. medial unterstützt, TV Bericht?

  • anja sagt:

    Natürlich, bin dabei, das zu organisieren, bitte telefonisch oder per Mail melden, wenn Sie sich beteiligen möchten, Grüße, Anja Röhl

  • Karl Götzinger sagt:

    Ich war mit 8 oder 9 Jahren, 1957/1958, in Wyk auf Föhr zur Erholung in einem Kinderheim. Kann mich leider an vieles nicht mehr erinnern da ich diese nicht sehr schönen sechs Wochen total verdrängt habe. Der Kostenträger müsste die DAK gewesen sein. Ich kann mich an einen Bahnhof erinnern, Fahrkarte um den Hals und dass sie im Zug alle sehr nett waren. An das Heim habe ich nur zwei Erinnerungen, eine schlechte wegen dem Essen und die gute an einen Strandausflug mit professioneller Führung. Ich war damals das erste mal von meiner Familie getrennt und konnte das alles nicht verstehen. Ich kam als Hungerhaken auf die Insel und als Hungerhaken wieder zurück. Die süßen kalten Suppen sowie die ganze friesische Küche gingen nicht in mich hinein. Wenn ich mir jetzt das Gehirn zermartere was da damals passiert ist, finde ich vielleicht eine Erklärung dafür, dass ich nicht länger als drei/vier Tage von zuhause weg kann. Kann gut mit diesem einschneidenden Erlebnis auf Föhr zusammenhängen.

  • gregor sagt:

    im Jahre 77 oder 78 wurde ich von der Barmer KK nach St.Peter Ording verschickt, mit einem Wort ‚Horror“……

  • anja sagt:

    Die Kassen schalten bisher auf stur, zumindest die, die ich angerufen und aufmerksam gemacht habe, das wird sich noch ändern, wenn wir erstmal genügend Öffentlichkeit haben. Dazu soll es ein Buchprojekt, und dann den Kongress geben und dann gehen wir an die Nachfolgeheime ran, die heutigen Kinderkurkliniken. Die müssen sich ihrer Vergangenheit stellen! Und auch die Kassen, da gebe ich dir recht, müssen Erinnerungsarbeit leisten und Verantwortung übernehmen. Leider gibt es ja auch heute noch viel zuviel Pädagogik der Strafen, und das obwohl längst nachgewiesen ist, das Strafen und Zwang zum Lügen und zur Aggression führen. Ein Grund dafürsteht sicher, dass vormalige Pädagogik immer noch zuwenig aufgearbeitet wurde. Dazu liefern wir jetzt unseren bescheidenen Beitrag!
    Grüße
    Anja

  • anja sagt:

    Geplant ja, die ZEIT ist angefragt, SPIEGEL auch, im TAGESSPIEGEL ist eine Jounalistin selbst Betroffene, sie schreibt darüber, falls du da Kontakte hast, her damit! Alles ausschöpfen! Kontakt gern über mich
    Anja

  • Christiane Lieske sagt:

    Guten Tag zusammen,
    Kann sich hier auch jemand erinnern, das er/sie in St. Peter-Ording bei den Nonnen war?

    Ich glaube, ich war vier Jahre alt, als ich in die Kindererholung mußte. Ich habe ziemlich gruselige Erinnerungen an diese Zeit. Besonders die Haferschleimsuppe… ich sollte damals zunehmen,weil man der Meinung war, ich sei zu dünn!

    Ich mußte solange am Tisch sitzen bleiben, bis ich die diese für mich wohl eklige Suppe aus diesem noch ekligeren Plastikbecher getrunken habe. Und das mit wohl 4 Jahren.

    Damals war ich wohl dort die kleinste und jüngste. Ich erinnere mich, das mir einige der älteren Kinder beigestanden haben, indem sie sich meine Suppe untereinander aufteilten!

    Dafür danke ich Euch Allen immer noch von ganzem tiefsten Herzen. Ich denke oft daran!

    Mittlerweile bin ich 59, seit frühester Jugend eßgestört und inzwischen aus diversen Gründen dauerhaft erwerbsgemindert berentet.

    Es war wohl der Anfang einer Leidenszeit, die heute so langsam ihr Ende findet. Mir geht es mittlerweile ganz gut. Aber immer, wenn ich St. Peter- Ording höre, denke ich an euch.

    Aber die Zeit am Strand auf der Seebeücke und in dem Wald war schön! Ich weiß nicht, ob ich noch die Fotos behalten habe… aber ich hatte einen großkarierten Anorak und ich saß fürs Foto bei irgend einem größeren jungen auf dem Knie und grinse in die Linse. Ja, das ist mir in guter Erinnerung!

    Also nochmals Ihr Jungs und Mädels, die mich so manchesmal vor dem Haferschleim gerettet habt, obwohl ihr ihn selbst nicht mochtet… ich hoffe es geht Euch gut… und seid gesegnet mit einer guten Zeit…Christianei

  • Ralf Schlüter sagt:

    Hallo Anja, auf der Suche nach dem DAK Heim (in Ebermannstadt in der Fränkischen Schweiz?), In dem ich die letzten zwei meiner insgesamt 4 Kuren verbracht habe, bin ich auf Deine Seite gekommen. Ich wäre sehr dankbar, im November 2019 an dem geplanten Treffen dabei sein zu können. Die ersten beiden Kuren waren in Wyk auf Föhr und im Harz und ich würde gerne meine Erinnerungen mit anderen teilen. Liebe Grüße Ralf Schlüter

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