Anja Röhl

Anja Röhl – Autorin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neuestes Buch, Januar 2021:

Das Elend der Verschickungskinder – Psychosozialverlag

——————————————————————————————————

Süddeutsche Zeitung Nr. 48, Samstag/Sonntag, 27./28. Februar 2021:

Rezension von Edeltraud Rattenhuber: 

»Ausgerechnet Erholungsheime für Kinder waren in der frühen Bundesrepublik Orte der Gewalt. Dank der Autorin Anja Röhl wird diese dunkle Geschichte jetzt entdeckt…«

der Freitag Nr. 5, 4. Februar 2021: 

Rezension von Alexandra Senfft

»Anja Röhls grundlegendes Buch geht mitunter an die Schmerzgrenze, doch wer begreifen will, wie die NS-Hinterlassenschaften bis heute auch auf diese Weise in den Menschen weiterwirken, sollte es sich zur Pflichtlektüre machen…«

Der Spiegel, 27. Januar 2021:

Rezension von Christoph Gunkel

»Millionen Kinder wurden ab den Fünfzigerjahren in Erholungsheime verschickt. Viele kehrten schwer traumatisiert zurück. Ein Buch schildert nun schlimme Misshandlungen…«

neues deutschland, 14. April 2021:

Rezension von Mira Landwehr

»Die rigiden Strafen und die Erziehung durch Angst in den Kurheimen waren keine Einzelfälle. Stattdessen wiesen diese Berichte aus allen Landesteilen darauf hin, dass es sich um systematische Gewalt handelte. Knapp die Hälfte des Buches widmet Röhl daher den Berichten der Verschickten, von denen viele bis heute unter schweren Traumata leiden. Wie so oft blieben die meisten Täter*innen verschont, viele der Verantwortlichen sind inzwischen gestorben. Es ist Zeit, den Opfern zuzuhören…«

HilLa, Zeitung für Kundinnen und Kunden der Buchhandlung Hilberath & Lange und alle, die es werden wollen, 44,Frühjahr/Sommer 2021: 

Rezension von Ursula Hilberath

»Das größte Trauma meiner Kindheit war ein sechswöchiger ›Kur‹-Aufenthalt im Kinderheim Bad Rothenfelde, als Sechsjährige, im Sommer vor meiner Einschulung. Das Heimweh und die Ängste spüre ich heute noch. Offensichtlich ging es nicht nur mir so. (…) Inzwischen sind schon viele Zeuginnenberichte zusammengekommen: die 2019 von Anja Röhl gegründete Initiative ›Kinderverschickung‹ bearbeitet das Thema aus wissenschaftlicher Sicht unter Beteiligung von Betroffenen. (…) Das Buch von Röhl versucht wissenschaftliche Grundlagen zu erarbeiten…«

Scharf links. Die ›neue‹ linke online Zeitung, 27. März 2021: 

Rezension von Michael Lausberg

»Das Buch bricht mit einem Tabu der westdeutschen Nachkriegsgeschichte und bringt die grausamen Erziehungsmethoden und die Phänomene an das Tageslicht und in einen Zusammenhang. Es ist eine gute Mischung zwischen Hintergrundaufarbeitung und Erlebnissen von Zeitzeugen, deren grausame Berichte teilweise erschüttern…«

Deutsches Ärzteblatt PP, Heft 2, März 2021: 

Rezension von Norbert Jachertz

»Anja Röhls Ausarbeitung beeindruckt nicht zuletzt deshalb, weil sie vom persönlichen Engagement der Autorin getragen ist. Sie hat zum einen ihre eigenen Erfahrungen als Verschickungskind im Jahr 1961: Ihr wurde wegen Schwatzens der Mund mit Leukoplast zugeklebt, man hat sie geschlagen, weil sie über den Tisch erbrochen hatte und man hat sie trotz prall gefüllter Blase nicht zur Toilette gehen lassen. Anja Röhl (66) knüpft zum anderen mit ihrer Untersuchung auch an Familiäres an…«

Abendschau des BR:

»Anja Röhl sprach am 30. April 2021 live in der Abendschau des Bayrischen Rundfunks über ›Das Elend der Verschickungskinder‹…« [mehr]

junge welt, 25. März 2021: 

Rezension von Jürgen Heiser

»Röhls Grundlagenwerk steht für den Beginn einer Auseinandersetzung mit einem verschwiegenen Stück Elend der Kinder der Westrepublik. Es analysiert anhand der Betroffenenberichte den bislang von der Wissenschaft ignorierten Forschungsgegenstand, geht bis in die ›Kinderheilkunde‹ des Nazifaschismus zurück und belegt, dass sich in den BRD-Kinderkurheimen das Unheil der ›strafenden Pädagogik‹ der ›NS-Schwesternschaft‹ fortsetzte. Es untersucht auch das lukrative Geschäftsmodell ›Kinderkuren‹. Aber es macht vor allem Mut, weil es davon zeugt, wie die früheren ›Verschickungskinder‹ das individuelle Unglück heute in ein kollektives Erkenntnisprojekt verwandeln, um sich von diesem Trauma zu befreien…«

Unsere Jugend 3/21: 

Rezension von Reinhard Joachim Wabnitz

»Anja Röhl unterstreicht nochmals, wie tief das Gift der NS-Gedankenwelt auch in die deutsche Medizin und Kinderpflege eingedrungen war und wie lange es noch nach 1945 nachgewirkt hat. Die Autorin schließt mit dem Hinweis: ›Ich wünsche mir, dass dieses Buch vielen Menschen Mut macht, sich für eine Aufarbeitung stark zu machen und Kraft daraus zu ziehen, dass sie nicht allein waren. Eine Aufarbeitung wird auch immer damit verbunden sein, sich für eine humanistische, einfühlsame Erziehung einzusetzen, in der eine strafende Pädagogik keine Chance mehr hat.‹ Dem kann man sich nur anschließen und wünschen, dass das Werk von Anja Röhl weite Verbreitung findet…«

Socialnet.de am 9. März 2021: 

Rezension von Peter-Ulrich Wendt

»Es wird Zeit, sich auch der ›Verschickungskinder‹ anzunehmen. Mit der Aufarbeitung dieses Themas ›wird auch immer verbunden sein, sich für eine humanistische, einfühlsame Erziehung einzusetzen, in der eine strafende Pädagogik keine Chance mehr hat‹ (S. 294). Dazu leistet dieses sehr empfehlenswerte (in seiner Diktion auch für Zwecke der Lehre in und zur Sozialen Arbeit und zur anschaulichen Bearbeitung von Menschenrechtsthemen und -verletzungen sehr gut geeignete) Buch einen wichtigen Beitrag!…«

Buch-Magazin, Nr. 140, 03.2021: 

»Das Buch ist ein erster großer Schritt zur Aufarbeitung eines bisher unerforschten Bereichs westdeutscher Nachkriegsgeschichte und zur Anerkennung des Leids Betroffener…«

Cellesche Zeitung, 27. Februar 2021: 

Rezension von Andreas Babel

»Nun hat Anja Röhl, selbst früheres Verschickungskind und Initiatorin der Verschickungskinder-Bewegung, ein Buch herausgebracht, in dem sie versucht, die Praxis der Kinderverschickung in die Tradition der ›Kinderlandverschickung‹ zu stellen, die schon unter den Nazis praktiziert worden ist. Die Sonderpädagogin legt ein Grundlagenwerk vor, dem sicher weitere Regionalstudien folgen werden…«

Kirche+Leben Nr. 8, 28. Februar 2021:

Rezension von Norbert Ortmanns

»Mit dem ausführlichen Grundlagenbuch kann es gelingen, heute Licht in den Nebel von kollektiver Misshandlung zu bringen. Für die heute erwachsenen Betroffenen an sich schon hilfreich. Zudem können sie Kraft daraus ziehen, dass sie nicht allein waren und der Kampf für ihre Rechte gegenwärtig ist…«

www.blog-der-republik.de, 23. Februar 2021:

Rezension von Joke Frerichs

»Hinter blumigen Namen wie Bergfreude, Haus Glückauf oder Kinderparadies verbargen sich oft sadistische Verwahrungsanstalten. Es gab unrechtmäßige Medikamentenabgaben; medizinische Versuche; Sedierungen durch Contergan und sogar unaufgeklärte Todesfälle in diesen Heimen…«

Pharmazeutische Zeitung, 18. Februar 2021:

Rezension von Angela Kalisch

»Der Umgang mit den Kindern war geprägt von Gefühlskälte, unerbittlicher Strenge und willkürlichen Strafen, die die Betroffenen bis heute nicht vergessen haben. Anja Röhl geht den Ursachen für diese Formen institutioneller Gewalt auf den Grund und recherchiert dabei auch zur Geschichte der Kurheime und ihres Personals…«

Schleswig lebt! Magazin, 7. Februar 2020:

Rezension von Karin Diestel

»Als Betroffene habe ich das Buch von Anja Röhl mit Schmerz und großem Interesse gelesen. Auch bei mir holte ein Bericht die Erinnerungen aus der Tiefe hervor. Meine eigene Aufarbeitung ist, wie bei allen Verschickungskindern, noch nicht beendet. Doch dank Anja Röhls Buch bin ich ein großes Stück weitergekommen, und so meinem Ziel, irgendwann in Ruhe und Gelassenheit zurückblicken zu dürfen, näher…«

Der Tagesspiegel am 5. Februar 2021:

Rezension von Carolin Fetscher

»Millionen westdeutscher Kinder wurden ab den 50ern in Kurheime verschickt. Ein Gespräch über ihre traumatischen Erfahrungen.…« [mehr]

——————————-

Rezension von Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner

»Anja Röhl hat gewagt, in ihrem beeindruckenden Grundlagenwerk ein heißes Eisen anzufassen. Kur- und Heilverschickung, als Aufpäppelung für Kinder angepriesen, hat manchmal die Kinder noch kränker gemacht. Viele Kinder haben auf diesen Reisen entlang der in den Kurheimen praktizierten Erziehungsideologie schweren Schaden genommen, den sie bis heute verspüren und mehr und mehr offen thematisieren. In einer umfassenden Recherche wird das Thema von ihr erstmals ausführlich unter die Lupe genommen und öffentlich zur Diskussion gestellt…«

Rezension von Peter Wensierski, Buchautor und Dokumentarfilmer, langjähriger SPIEGEL-Autor

»Eigentlich sollte Millionen Kindern mit einer Kur, zu der sie ›verschickt‹ wurden, geholfen werden. Doch sie wurden einer Maschinerie ausgeliefert – gequält, erniedrigt, gedemütigt. ›Verschickungskinder‹ waren späte Opfer des Nazigeistes im Nachkriegsdeutschland. Unbedingt lesen!…«

Rezension von Ulrich Neumann, ARD/Report Mainz

»Anja Röhl hat als erste in der Bundesrepublik das Thema Kur– und Verschickungskinder thematisiert. Ihre über zehnjährigen Recherchen fördern groteskes zu Tage: Millionen Kinder, die durch die Kur eigentlich gesünder werden sollten, kehrten seelisch schwer verletzt und vielfach traumatisiert in ihr Zuhause zurück. Für Eltern und Pädagogen ist das Buch ein Muss – über ein besonders dunkles Kapitel in Deutschland…«

—————————————

Seit 2004/9 beschäftige ich mich  mit dem Thema traumatischer Kurverschickungen.

Schon 2004 schrieb ich unter dem Titel: „Tante Anneliese“ in der Literaturzeitschrift „Risse“ (Heft 13, S.47/2004) einen literarischen Beitrag zu meinen traumatischen Erinnerungen an eine der Tanten mit Namen: Tante Anneliese. Im Sommer 20o9 habe ich einen weiteren Text zu diesem Thema in der Zeitung junge welt veröffentlicht (9.9.2009, S.13). Daraufhin bekam ich Hunderte von Zuschriften mit bestätigenden Berichten. Seitdem haben sich weitere Berichte von Betroffenen angesammelt, zu denen ich seit 2016 Kontakt suchte. Im Sommer 2019 bekam ich eine Bundes-Drucksache in die Hände, aus der hervorgeht, dass es 839 solcher Kindererholungsheime und -heilstätten gab, mit ca. 57.000 Betten Kapazität, die 6-wöchig neu belegt wurden. Später fand ich in einem historischen Buch von 1964, 1143 solcher Heime aufgelistet. Nach neusten Erkenntnissen sind es wahrscheinlich noch um 20 % mehr.

Ich habe mit Mitstreitern 2019 am 2.11.19 den Verein „Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung e.V.“ gegründet (Berlin Charlottenburg, Amtsgericht 2.7.20) und anschließend auf Sylt einen ersten Kongress zum Thema organisiert, mit 80 Betroffenen haben wir dort die  „Initiative Verschickungskinder“ ins Leben gerufen, sowie dem bundesweit wirkenden Verein einen Auftrag zur Aufarbeitung in Form der Sylter Erklärung gegeben.  WissenschaftlerInnen haben sich uns angeschlossen. Auch ein historisches Buch haben wir gefunden, in dem deutlich wurde, dass die angewandten pädagogischen Methoden systematisch Grausamkeit und Kälte propagierten.  Politiker aller Länder haben inzwischen das Leid der Verschickungskinder anerkannt.

Erste Träger haben mit Entschuldigungen reagiert. Das reicht aber nicht! Wir brauchen Unterstützung bei der persönlichen und öffentlichen Aufarbeitung! Die muss von Trägern und Politik in Bund und Ländern gleichermaßen geleistet werden. Dafür setzt sich die „ Initiative Verschickungskinder“ ein, die sich im November 2019 auf Sylt gegründet hat. Dieser Erfolg ist der unermüdlichen Arbeit vieler Betroffener zu verdanken. Danke an all diese Menschen!!!

Ein zweiter Kongress hat coronabedingt am 21.11.20 erfolgreich, als Videokonferenz mit über 150 Interessierten stattgefunden. Erste Recherchen liegen jetzt vor. Kongressbeiträge beider Kongresse können bei mir angefordert werden, auch hier: 

Mir als Autorin und dem Verein Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung (AEKV e.V.) wurden über die Webseite: www.verschickungsheime.de  (Stand Dezember 2020) und über den anonymen FRAGEBOGEN, der im Nexus-institut gehostet ist, mehr als 6000 Berichte mit traumatischen Erinnerungen zugeschickt.

Noch nie hat ein Sozialwissenschaftler sich dieses Themas angenommen, in keiner Universität wurde bisher zu diesem Thema geforscht. Auf der Webseite: www.verschickungsheime.de bündeln wir alle Informationen.

————————————————————————————————————————

Vorträge zum Thema „Das Elend der Verschickungskinder“:  In Volkshochschulen, Fachhochschulen, Fachschulen und Universitäten. (Ab Januar 2021). Zu buchen unter: anjairinaroehl@gmail.com

Webseite der „Initiative Verschickungskinder“: www.verschickungsheime.de

In den 50-90er Jahren wurden insgesamt ca. 8 – 12 Millionen Kinder aus der BRD und Westberlin, für 6-12 Wochen allein, ohne ihre Eltern, in Kinderheilstätten weit entfernter Kurorte der See, der Mittel- und Hochgebirge “verschickt“, in nächtlichen “Sonderkinderzügen“, bevorzugt vor dem Schuleintritt, im Alter von 4-6 Jahren. Dies geschah in Verantwortung der kinderärztlichen Gesundheitsinstitutionen, die das Ganze als heilsame Klimatherapie für Großstadtkinder propagierten. Weiterlesen demnächst hier: https://www.psychosozial-verlag.de/3053

Buchveröffentlichung:  hier

Bestellen Sie, wenn Sie mögen, gern auch solidarisch, über Autorenwelt

—————————————————————————————————————————

 

Kommentare

Es gibt 53 Kommentare für "Anja Röhl – Autorin"

  • Ursula Hagedorn sagt:

    Sehr geehrte Frau Röhl,
    im Kölner Stadtanzeiger habe ich von Ihrem Projekt und Buch gelesen und finde nun, daß Sie auch noch weiter Erfahrungsberichte sammeln. Die meinen weichen etwas ab von allen, die ich hier lese, also:
    Ich bin Jahrgang 1937 und die Kinderlandverschickung, an der ich teilgenommen habe war wohl vor 1950 (mindestens vermittelt, wenn nicht organisiert vom DRK). Da meine Erfahrungen keinesfalls traumatisch waren, sind sie ziemlich nebelhaft. Das Ziel der Kinderlandverschickung war ein Zeltlager auf einem Stück Land nahe bei Travemünde, nach meiner Erinnerung irgendwie dreieckig. Die Begrenzung auf der Landseite war die Grenze zur Ostzone, auf einer der anderen Seiten Meer und auf der dritten ein breiter Fluß (wohl die Trave); auf der anderen Seite sah man Travemünde liegen. Meine Erinnerungen betreffen kein eigentliches Heim, sondern ein Zeltlager, mit großen Zelten, in denen schätzungsweise 8-12 Mädchen wohnten, und es gab eine ganze Gruppe solcher Zelte. Es gab eigentlich überhaupt nichts anderes, die Wohnzelte, eine Stelle mit Toiletten (an die ich mich nicht erinnere), eine Stelle mit langen Tischen und großen Kübeln, an denen man sich zu bestimmten Zeiten anstellte, um Essen zu bekommen, und zwar in Gefäße, die jedes Kind von zu Hause mitgebracht hatte. An einer weiteren Stelle, nah der Meerseite und parallel zu ihr gelegen, gab es Wasserleitungen auf Ständern, etwa kniehoch über dem Boden, und mit einem Wasserhahn ungefähr im 1m-Abstand. Dort wusch man sich und sein Eßgeschirr, ohne weitere Hilfsmittel als die von zu Hause mitgebrachten Handtücher. Der Rest der Fläche war Gras, soweit da noch welches wuchs. Der Aufenthalt dort dauerte mehrere Wochen, es gab nach meiner Erinnerung kaum Aufsicht, weglaufen ging ja nicht; die einzige Möglichkeit war die Fähre nach Travemünde, und dafür brauchte man einen Fahrschein und eine Erlaubnis. Nach meiner Erinnerung waren wir vollständig uns selbst überlassen – ich nehme aber mal an daß es wohl Spiele oder Sport gab, für die ich mich aber damals nicht interessierte; und für das, worüber die anderen Mädchen redeten, interessierte ich mich auch nicht; ich war unauffällig, und man hat mich in Ruhe gelassen. Nur an Langeweile erinnere ich mich, und daß ich es bedauerte, die fremden Orte nicht anschauen zu können. Ich hätte zwar nach Travemünde hinüber fahren dürfen, aber dazu fehlte mir das Geld. Zweimal in der Zeit habe ich das Zeltlager verlassen: einmal wurden alle Insassen des Zeltlagers auf ein großes Schiff verfrachtet und einen (leider nebligen) Tag lang herumgefahren; das andere Mal bin ich nach Lübeck gefahren; dazu mußten sich mindestens drei zusammenfinden und versprechen, immer zusammen zu bleiben. Die anderen beiden waren aber einverstanden, daß ich mich sofort nach der Ankunft in Lübeck von ihnen getrennt habe, denn ich war damals nur an der Betrachtung von Kirchen (innen und außen), alten Häusern und Stadtmauern, Figuren an den Häusern, Altarbildern interessiert, und überhaupt nicht an Geschäften und Süßigkeiten und normaler Unterhaltung. Sonst war ich wohl unauffällig, und da ich auch nichts Verbotenes tat, hat man mich in Ruhe gelassen. Mich und mein Geschirr habe ich nur gewaschen, wenn niemand anderes es tat; ich habe überhaupt keine Erinnerung an Kinder und Erwachsene dort, außer daß es viele waren. Am deutlichsten aus der ganzen Zeit ist mir im Gedächtnis, wie es war, im Lübecker Dom zu sitzen, in diesem riesigen halbdunklen Raum, mit den Gewölben über mir und den Säulen, es gingen wenige Leute herum und redeten nur ganz leise; nach allen Seiten gab es etwas zu betrachten, aber ich konnte auch einfach so sitzen und den Raum fühlen.
    Die Reise nach Norden (ich kam aus Franken und aus einem Dorf) ging mit einem Sonderzug der Bahn; Eisenbahnfahren war schon für sich ein aufregendes Erlebnis, und dann einen ganzen Tag lang; trotzdem fällt mir dazu, außer daß meine Mutter mich in die Stadt bis zum Zug gebracht hat und daß der Abschied aufgeregt freudig war, nichts mehr ein. Der Grund für die ganze Unternehmung war meine ewige Kränklichkeit und Appetitlosigkeit; ich habe aber die ganze Zeit im Krieg und danach, nie Mangel an Fürsorge gehabt; deswegen wohl auch hatte ich allein nie Angst. Auch an Heimweh kann ich mich nicht erinnern, ich wußte ja daß ich nach der vorgesehenen Zeit wieder zurück käme, das allein gab vollkommene Sicherheit.
    Übrigens weiß ich von einem erst zu Kriegsende geborenen Jungen, der hatte schon mehrmals Lungenentzündung gehabt; er bekam deshalb einen Kuraufenthalt in einem Kinderheim, in der Nähe von Neuschwanstein, als er noch klein war, wahrscheinlich noch nicht mal in der Schule. Der hat die Reise ungern gemacht und sich dort zwischen den vielen anderen Kindern nicht wohl gefühlt. Am Tag nach der Ankunft (hat er mir viel später erzählt, damals hat er das nach selner Rückkehr nicht so genau gesagt) ist er krank geworden, mit Fieber, das nicht gewichen ist bis zum Tag vor der Heimreise. So hat er die ganze Zeit auf der Krankenstation verbracht, wo man nett zu ihm war. Für ihn war das Ereignis wohl durchaus traumatisch, obwohl vermutlich alle Beteiligten die besten Absichten hatten.
    Ich denke, daß viele, die als Kinder in durchschnittliche Heime verschickt wurden und weder besonders glücklich noch unglücklich waren, sich einfach kaum an mehr erinnern als an das Faktum, und des öfteren nach so vielen Jahrzehnten nicht einmal an das.
    Ihre Bemühungen um Berichte von solchen Erfahrungen finde ich sehr verdienstvoll und wünsche Ihnen viele Zuschriften; schließlich ist es dafür höchste Zeit; mit zunehmendem Alter schwindet das Gedächtnis, vor 10 Jahren habe auch ich sicher noch Einzelheiten gewußt, die heute weg sind. Noch findet man, wenigstens für die 50er und 60er Jahre eventuell auch noch Berichte von Betreuern oder Heimleitern, die das Bild vervollständigen. Natürlich werden die Sadisten oder zum Verständnis von Kindern Unfähigen sich kaum melden, Wenn man aber mehr „Normal“berichte erlangen kann, gewinnt man wohl einen Rahmen, in den man die Erlebnisse der traumatisierten Kinder einordnen kann.

  • anja sagt:

    Ich zensiere, lösche, oder ergänze hier nie selbst, dh. es sammeln sich Berichte von Menschen bei mir an, die ich nur dann nicht freischalte, wenn sie beleidigende Inhalte haben, was so gut wie nie vorkommt. Ich kann also nicht entscheiden, ob hier Traumatisches erzählt wird, oder „Normales“. Meist wird einfach erzählt, was derjenige oder diejenige erlebt hat, einfach aus dem Bedürfnis heraus, es mir mitzuteilen als Reaktion auf meine und andere Veröffentlichungen. Das Gefühl mit traurigen Erlebnissen nicht allein gewesen zu sein, was dabei alle erleben, gibt ein Gefühl der Solidarität und Kraft. Von Zeltlagern als Verschickungsaufenthalte hatte ich noch nie gehört, ist interessant. Kannte ich nur als Ferienaufenthaltsmöglichkeit, meist später, 70/80 er Jahre

  • Hodek silvia sagt:

    Habe heute einen Artikel in unserer Tageszeitung gelesen. Ich kann mich nur noch wenig an die Zeit im Kinderheim erinnern. Muss Anfang der 60er Jahre gewesen. Freudenstadt im Schwarzwald habe ich in Erinnerung. Woran ich mich erinnern kann, ist die Gemeinschaftsdusche. Anschließend würden wir mit einem Wasserschlauch mit kaltem Wasser abgespritzt. Dabei wurde darauf geachtet, dass niemand “ entkommt“. Als bleibende Erinnerung habe ich zurück behalten, dass ich bis zum heutigen Tag keine Tomaten essen kann, weil ich in diesem heim so lange vor Kartoffelsalat mit Tomaten sitzen müsste, bis ich alles gegessen hatte. Es ist mir auch nach Jahrzehnten nicht möglich Tomaten zu essen, so stark ist die Abwehr noch nach mehr als 5 Jahrzehnten. Später war ich in einem katholischen Internat. Hier würde ich zum Glück nie gezwungen, etwas zu essen, das ich nie mochte

Kommentar hinzufügen