Anja Röhl

Anja Röhl mit Theaterempfehlungen

 

 

 

 

 

 

 

 

Freie Autorin

Dies ist meine Seite als freie Autorin, ich schreibe seit 2007 fürs Feuilleton, meist junge welt, oft über Theaterstücke. 

Ich habe zwei Bücher veröffentlicht, einen autobiografischen Roman, „Die Frau meines Vaters“  über meine Kindheit und meine Erinnerungen an Ulrike Meinhof und einen kritischen Reisebericht, „Granny in New York“ über die Granny for Peace- Bewegung und New York.  Weitere Bücher suchen noch Verlage oder sind in Planung.

Jüngstes Projekt, an dem ich arbeite: Das Elend in den Verschickungsheimen der 60er Jahre.

Dazu gibt es nebenstehend hier einen Blog mit Erlebnisschilderungen unter dem Fach-Artikel: „Hände hoch oder ich bin verloren“, außerdem eine Info-Seite. Plus eigene Pojekt-Internetseite: www.verschickungsheime.de

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Warum schreibe ich über Theater?

Weil ich das Theater für eine ungemein wichtige Kulturform halte, sie ist näher an den Menschen als Kino und TV, sie ist unmittelbarer als ein Buch, man kann mitgestalten. Ich mag das Theater, was allen Menschen zugänglich ist, was die Belange der kleinen Leute aufgreift, der Ungerechtigkeit und Gewalt Erleidenden.

Ich schreibe Theaterempfehlungen, ich mag keine Verrisse. Wenn mir ein Stück nicht gefällt, das kommt öfter vor, habe ich meist keine Lust darüber zu schreiben. Ich schreibe ausschließlich zu meinem Vergnügen! Meine aktuellen Theaterempfehlungen beginnen gleich hier, viel Spaß! 

Alle meine Theatertexte sind auch noch unter der Kategorie „Theaterrezensionen“ zu lesen. Dort liegen über 450 Theaterempfehlungen der letzten Jahre aus Berlin, Rostock, Stralsund, Hamburg, Frankfurt, Hannover, Bremen, Oldenburg, Lübeck, München und Greifswald. 

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Woyzeck im Gefängnistheater AufBruch, November 2019

Eine ungeheuer frische Fassung des Woyzecks hatte gestern Premiere an einem Ort, dem der Dichter, Revolutionär und Autor des 200 Jahre alten Stückes, Georg Büchner unbedingt zugestimmt haben würde, dem Knast.

In diesem Fall der Jugendstrafanstalt Berlin. Da, wo noch heute all diejenigen landen, die ihre Verzweiflung, ihre Deklassiertheit und Ausgeschlossenheit in einem System, in dem der Klassenkampf von oben tobt, obgleich es offiziell als Demokratie gilt, nicht mehr aushalten, nicht mehr bremsen können, und schließlich gewalttätig in die Vertikale explodieren.

Erniedrigung, Degradierung

Das Stück enthält viele Parallelen zu ihrem eigenen Leben, und das ist der Grund, warum es der Regisseur Atanassow sicher für sein Theater „AufBruch- Gefängnistheater“ für die Straftäter im Jugendstrafvollzug ausgewählt hat. Zunächst Gewalterfahrung als Kind, Erniedrigung, dann Tötungsmaschine auf Befehl, zurück mit Verfolgungswahn, Degradierung zum Versuchsobjekt, zum Diener, zum Idioten, zum Tier, das sind so die Stationen in Woyzecks Leben, das dann weitergeht mit dem Versuch, kleines Glück zu halten, dann Eifersucht, schließlich Mord an dem einzigen Menschen, der je zu ihm gehörte, der Frau, die er liebte. Das ist die Story, zu der Büchner durch einen realen Fall inspiriert wurde, den man damals, statt die Bedingungen anzuklagen, mit ererbter Konstitution rechtfertigte und aburteilte. 

Verzweiflung wirkt sich vertikal aus

Die Auswirkungen der Klassengesetze schreiend ungleicher Ausgangsbedingungen, auf das Verhalten des Einzelnen, spielt auch heute noch eine Rolle,  zunehmend finden Erklärungsmodelle zurück zum Konstrukt der „ererbten Konstitution“ in Zeiten wachsender Kälte und Ausbeutung. Man bemüht statt Biologie nun die Psychologie, die Neurophysiologie. Die Forschungsergebnisse sind auch heute noch und wieder fragwürdig, weil der Mensch vielfältig ist und sich nicht mittels eines Parameters erklären lässt. Tatsache ist, dass sich Verzweiflung immer noch in vertikaler Gewalt gegen Menschen derselben Schicht auswirkt, wie Atanassow es im Pressegespräch ausdrückte. 

Menschen von ganz unten eine Chance geben

In der Regel zeigt allerdings selten einer der Protagonisten seine Gefühle so nackt und bloß, seine Verzweiflung so offen, wie es in der Person Woyzeck durch den jungen Büchner (er starb mit 23 Jahren) künstlerisch gestaltet wird. Dies mit den Menschen zusammen sich angeeignet zu haben, die es betrifft, die auch oft ihre Gefühle der Trauer zugunsten solcher der Abwehr herunterschlucken und in sich runterdrücken, ist das Verdienst vom Gefängnistheater AufBruch. Das Konzept ist hier: Menschen von ganz unten eine Chance geben. Eine künstlerische Ausdrucksfähigkeit entwickeln, die aus einer real erfahrenen sozialen Ausgrenzung entsteht. 

Nur nach sieben Wochen Proben, meist nur wenige Stunden in einem arbeitsreichen und durchstrukturiertem Tag fremdbestimmter und der Bestrafung verpflichteter Arbeit, hat ein Team von 8 jungen Männern in der Berliner Jugendstrafanstalt eine sehr gelungene, unter die Haut gehende Fassung des berühmten Werks des revolutionären und selbst deklassierten, von Verfolgung und Gefängnis betroffenen Dichters entwickelt. 

Die Aufführung ist äußerst reduziert vom Bühnenbild (Lob an Holger Syrbe) her angelegt, es gibt nur ein Karré von rotgestrichenen Zaunlattenwänden vor schwarzem Hintergrund, auf dem sich alles abspielt. Das geschlossene Karré einer Lebenskraft, die nur in der Wut ihren Ausgang findet. 

Äußerst glaubwürdig

Manchmal gibt es Szenen, in denen es mehrere Woyzecks gibt, es sind dies die Soldatenszenen, die Gehorsamsszenen. Überall, wo Woyzeck allein ist, und das ist er oft, im Grunde immer, wird ihm seine Individualität zum Ausgangspunkt von Angst. Allmählich kristallisiert sich dann ein Hauptspieler heraus, ein schmaler, ätherisch wirkender junger Mann, Salah, mit einer extrem tiefen Bass-Stimme. Oft wendet er sich an das Publikum, als wolle er belehren oder Hilfe suchen. Wie er den Psychopathen gibt (seine eigenen Worte) ist äußerst glaubwürdig und gelungen. Zu Beginn sind seine Worte noch schnarrend unsicher, schon nach Kurzem aber ist seine Stimme klar, tief. Sie bekommt in bestimmten Szenen etwas klirrendes, ächzendes, der Schmerz wird fühlbar, der in ihm wühlt. 

Daneben sind die Szenen mit seiner Liebsten Marie (Sehr gut gegeben von Jallal, eher mütterlich, etwas dumpf, bäuerlich, gar nicht kokett, wie sonst oft). Wenn Franz Zeit hat, ist er von einer geradezu rührenden Fürsorglichkeit, die sparsam, unbeholfen und doch ehrlich wirkt. Dies selbst, wie auch von Büchner angelegt, bis kurz vor dem Tod und noch nach dem Mord.  

Die roten Wände werden bei Szenenwechsel durch Projektionen jeweils in Vorausschau zur nächsten bebildert, Filmaufnahmen vom Aufwachsen von Kindern in Plattenbauvierteln, von der Perspektive der Fabrikhalle, den Maschinen, und dem dunklen Unbekannten der Sehnsucht oder der Verzweiflung, wie in einem Kaleidoskop. Auch eine altertümliche Jahrmarktszene ist dabei, einziger Ort der Ausgelassenheit und des Ausbruchs. Das schafft den Übergang zu heute. 

Großartige Mimik und Gestik

Der Tambourmajor wird mit großer Bühnenpräsenz von Jamal gegeben. Dieser junge Mann hat das Zeug zum Filmschauspieler. Säße er nicht im Jugendstrafknast, und wäre nicht in einer arabischen, sondern in einer deutsch-großbürgerlichen Familie groß geworden, so hätte ihn vom Fleck einer von der Filmindustrie abgeworben. Großartige Mimik und Gestik, großartige Stimme und Sprache, großartige Körperpräsenz und Geschicklichkeit in der Interpretation seiner Rolle, die er nicht so einseitig gibt, wie ich sie leider sehr oft gesehen habe. Er schafft es, den Frauenverführer ohne Arroganz zu geben, er schafft es, das Soldatische weich zu geben, mit anderen Worten, er verleiht seiner Spielfigur Widersprüchlichkeit. Einzigartig die Szene, in der er einen Kosakentanz initiiert sowie sämtliche Lied- und Tanzszenen. Das lebt, das will raus, das strotzt vor Lebenslust, ohne auch nur die kleinste Anzüglichkeit. 

Sergeant Waurich hieß das Vieh

Der nächste Hauptdarsteller, der Hauptmann, wunderbar interpretiert von Jihad, wird seinem leitmotivischen Charakter gleich zu Beginn des Stückes sehr gerecht: Er tritt gleich sehr bestimmend auf, ebenfalls mit großer Bühnenpräsenz und starker Stimme, erinnert an Kästner: „Sergeant Waurich hieß das Vieh/ Wer ihn gekannt hat, vergisst ihn nie…“, sein Auftreten ist in seiner Kasernenhof-Mentalität und der Lust Schwächere herabzuwürdigen, entlarvend. Und – überzeugender, als ich es je in deren Woyzeck-Aufführungen sah.   

Sehr gut auch die Lieder und Choreinspielungen, ganz im Sinne Brecht´schen Theaters, wird hier von den Protagonisten mit Hilfe des Lieds und des Tanzens etwas Überbedeutendes ausgedrückt. Das vermittelt sich sehr gut, Unbewusstes und Gewünschtes wird deutlich, der Erzählstrang auf eine andere Ebene gehoben. Herauszuheben sind auch noch die Szenen, die die Tiervergleiche des Hauptmanns sinnlich erfahrbar machen. Ein Mensch wird zum Affen, ein anderer zum Esel, der Affenspieler wandelt sich dabei langsam vom Mensch in einen immer echter wirkenden Affen. Die große Stunde des Spielers Viktor ist gekommen,  der sich sehr überzeugend aus einem folgsamen in ein aufmüpfiges Äffchen verwandelt. 

Mut bekommen

Eine wirklich großartige Aufführung, sie steht anderen Woyzeck-Aufführungen mit Profis in nichts nach. Im Gegenteil sogar, man fühlt es durch: Hier genau gehört nach 200 Jahren der große Revolutionär und Dichter Georg Büchner (Friede den Hütten – Krieg den Palästen) hin. Das sind seine Spieler, das ist sein Ort. Wie wäre er stolz, wenn er sehen würde, wie diese Menschen Mut bekommen und wieder Glauben an sich selbst, durch sein Stück. Und wie gewinnt das uralte Stück an Aktualität, an Größe, an Schönheit. 

Großes Lob an diejenigen unter den Mitarbeitern und Profis, die sich der Idee widmen, mit Ausgegrenzten Theater zu spielen. Überdeutlich kommt das Politische heraus: Dass wir alle Menschen sind, frei sein und leben wollen, ein kleines Stück Glück leben, in Ruhe und Frieden – selten wird es so deutlich wie in diesem Drama dieses Ensembles. Sehr überzeugend. 

Publikum ist hingerissen! 

Und was kommt nachher? Nach den paar öffentlichen Aufführungen? Da werden die Jungens, wie sie genannt werden, obgleich sie meist schon über 18 sind, hinaus in die Welt, in das Draußen gehen. Da warten keine Preise auf sie, kein Schauspielteam mit Rollenangeboten, da wartet im besten Fall die Maurerlehre, der Job bei einer Security-Firma, das Jobcenter. Da müssen sie auf sich selbst acht geben, während ein reicher Mann niemals auf sich selbst acht gibt, wenn er anderen Menschen ihre Lebensgrundlagen raubt. 

Die Welt ist verbesserungsbedürftig wie damals und die Gewalt stark wie nie. Menschen aber können etwas bewirken, sie können etwas bewegen, sie können die Welt umdrehen und besser machen. Das alles und noch viel mehr zeigt dieses Stück, obgleich es doch ein düsteres Drama ist, scheinbar hoffnungslos.

Schnell hingehen, nur wenige Aufführungen!

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Ich bin nicht Rappaport – Hamburger Kammerspiele, Oktober 2019

Das erste Stück unter der künstlerischen Leitung von Sewan Latchinian in den Hamburger Kammerspielen

Den Theaterintendanten der Hamburger Kammerspiele, Axel Schneider, hat der Ruf Latchinians, unbequem zu sein, nicht abgeschreckt. „Es ging in Rostock um die Schließung mehrerer Sparten. Das hat er verhindert. Das war eine Leistung für die Kulturstadt Rostock“, sagt Schneider. Außerdem habe Latchinian erreicht, dass das eher unbekannte Theater in Senftenberg zum „Theater des Jahres“ gewählt wurde. „Das sind Qualifikationen, die bundesweit Beachtung gefunden haben!“  Der Intendant freut sich über seinen neuen Mitarbeiter und wir freuen uns mit ihm, denn nach vierjähriger Pause ist Sewan Latchinian nun wieder in der Theaterwelt präsent.

Wedekind, Brecht, Klaus Mann

Die „bewegte“ Geschichte des kleinen Theaters im Hamburger Universitätsviertel begann 1918 als eine moderne, expressionistische Bühne, u.a. zeigte sie das Erstlingswerk von Klaus Mann, führte fünf Jahre lang Gustav Gründers als Ensemblemitglied, und Autoren wie Wedekind, Brecht, Schnitzler und H.H. Jahn wurden gegeben. Auch berühmte Künstlerinnen sah man hier: Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch, Käthe Dorsch, Asta Nielsen. Aus einer jüdische Loge im selben Haus entwickelte sich nach 33 das Theater zum Zentrum der jüdischen Gemeinde im Viertel und nach Schließung des Theaters, fand dort am 11.7.42 eine Sammlung von 375 jüdischen Mitbürgern zur Massendeportation nach Auschwitz statt.

Uraufführung: Draußen vor der Tür

Nach 45 übernahm die lange verfolgte Jüdin Ida Ehre (Überlebende des KZ-Fuhlsbüttel) die Intendanz, ausdrücklich setzte sich Ida Ehre zum Ziel, ein Theater der Menschlichkeit zu machen und  „Probleme der Welt zu zeigen, von denen wir 12 Jahre lang nichts wissen durften“ (Zitat nach Programmheft). Hier fand die legendäre Uraufführung von Borcherts: „Draußen vor der Tür“ statt. Im Folgenden konnte man hier u.a. Theaterstücke von Jean Paul Sartre, T.S.Eliot, Thornton Wilder sehen, sie stehen für aufklärerische 60er Jahre Strömungen. 1995 -2203 hatte dann u.a. Ulrich Tukur die Intendanz.

Sewan Latchinian antwortete einem Journalisten auf die Frage, warum gerade die  Kammerspiele, mit den köstlich ironischen Worten: „Auch im Osten wussten wir, dass Ida Ehre nach dem Krieg ‚Draußen vor der Tür‘ von Wolfgang Borchert aufgeführt hatte.“

Er selbst hatte hier einst Peter Zadeks Inszenierung von Sarah Kanes „Gesäubert“ mit Ulrich Mühe und Susanne Lothar erlebt und freut sich darüber, zu erleben, „was mit Theater noch zu machen ist“ Vor seiner Leitungsübernahme ab Oktober 19, stand Latchinian dort schon als Schauspieler auf der Bühne. (17.3. im Stück „Die Nervensäge“), dann als Regisseur, (Nein zum Geld). Nun das erstes Stück unter seiner künstlerischen Leitung, die bitterböse Altenkomödie aus dem New Yorker Centralpark: „Ich bin nicht Rappaport“.

Unterbezahlter Hausmeister

Unter einer einfach farblichen Bühnenbildskizze einer Parklandschaft, finden sich auf einer, Bänke andeutenden, Steinansammlung zwei gegensätzliche Alte. Der eine proletarischen Ursprungs, Handwerker, Hausmeister, lebt unterbezahlt als Hausmeister in einer Kellerwohnung, so dass ihn die Hausbewohner nicht bemerken und durch einen jüngeren ersetzen, wühlt zu Beginn des Stückes in den Mülltonnen. Er möchte nicht auffallen und anecken, und ist schwarz.

Bürgerlich-anarchischer Aufschneider

Der andere ein auf bürglich-anarchistisch machender Aufschneider, der nach einem Leben in miesen Jobs sich nun im Alter gleich mehrere Persönlichkeiten zugelegt hat. Mal ist er der Anwalt Dr. Engels, mal ein Minister, mal ein Staatssekretär, mal Mafiaboss.  Er gehörte der 60er Jahre-Bewegung an und träumt vom Sich-wehren in jeder Situation, redet von der Befreiung des Proletariats, und ist weiß.

Verbindung: Das Alter

Klassen- und Rassengegensätze prallen knirschend aufeinander. Während der weiße Kleinbürger den schwarzen Proletarier befreien helfen will, will der Letztere nur endlich seine Ruhe vor dem Schwätzer. Verbinden tut sie das Alter, beide sind fast blind, recht klapprig, schnell KO zu hauen. Die Hüften sind angeknackst, die Jüngeren wollen sie ins Altersheim verfrachten, die Tochter droht gar, den verrückten Vater zu entmündigen. Dieser gibt köstliche Beispiele der wachen Geisteskraft von Altersschwachen.

Ganz ohne Videoinstallationen

Wenn man daraus keine klamaukige Komödie machen will, sondern eine mit Tiefgang, so braucht es gute Schauspieler, eine verdichtete Dramaturgie, eine perfekte Choreografie. Alles dies ist in diesem Stück gelungen. Die Spieler haben sich ihre Figuren von ihren Widersprüchlichkeiten her angeeignet, die Figuren sind durchweg dialektisch angelegt, also die Widersprüche in jeder Szene und Geste werden betont, alsdann agieren sie oft überraschend, unerwartet, berührend, komisch, ernst, traurig, politische Einsichten fördernd. Aktuelle Bezüge (zur heutigen Immobilienmarkt-Politik) schafft das Stück ganz ohne Videoinstallationen, Überblendungen, Puppenzubehör und Technik-Schnick-Schnacks, keine formalen Überbetonungen, dafür ist Latchinian nicht zu haben. Alles ist schlicht, einfach, klar, wahres Brecht-Theater.

Donnernder Applaus tönt am Ende über der Parkbank, auf der nach dem Scheitern aller Ideen zur Verbesserung des Schicksals, die beiden Alten ihren Ideen nachspinnen. Eine Hymne an die Weisheit und Klugheit und Würde des Alters, in einer Zeit, wo alte Menschen zunehmend nur noch als Kostenfaktor gesehen werden. Sehr zu empfehlen! Hingehen!

 

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Giovanni – eine Passion, Oktober 2019

Eine sehr eigenwillige Giovanni-Aufführung wird derzeit in der Neuköllner Oper gegeben, in ihr tritt eine Männergruppe gegen eine Frauengruppe auf, in ihr wird der Widerspruch Machismo und Hingabe, Männerfreuden und Frauenelend allgemein verhandelt.

Und in der Musik vermischt sich das Heute mit dem Gestern, die Jahrhundert-Musik Mozarts kommt wie in einem aufbrausenden Meer unterschiedlichster Töne daher, taucht unverhofft aus den tosenden Wellen eines Klangmeeres hervor, wird dann plötzlich allein und glasklar hörbar, brilliert in allen Verführungssequenzen mit unglaublich zärtlichen Original-Tönen, wird von wunderbar versierten Interpreten gegeben, absolute Stars, so dass mit dieser Aufführung auch Nicht-Klassik-Kennerinnen zu Mozart-Fans werden. 

Nach den Verführungsszenen, in denen die Melodien wie im Liebesspiel flüsternden streicheln, wird die Musik danach rauer, moderner, härter und Gefühle wie Wut, Verzweiflung, Mord und Leidenschaft werden in neuer Musik dazwischenkomponiert und improvisiert.  

Es ist, als ob die Töne ebenso tanzen und springen, wüten und lieben würden, wie die Masse der Menschen auf der Bühne der Neuköllner Oper, die zu dem Zweck ganz in vor-elektrisches Kerzen-Dunkel getaucht ist.

Die Klassikmelodien werden im Meer der fröhlichen Tanz-Musik erneut wieder nach unten verwirbelt, andere Klänge kommen hervor, neuere, technischen Geräuschen ähnlich, oder schreienden Stimmen. Ja, der Auftritt Elviras ist eine wilde schreiende Raserei, und doch schön, nie hysterisch. Eine schöne, wilde, laute Aufführung mit vielen internationalen Künstlerinnen und Künstlern. 

Ein neuer Mozart mit besonderem Orchester 

Und mit einem absolut besonderem Orchester: Ein Orchester, dass, die Instrumente geschultert, mitspielt, mitsingt, mitspricht und tanzt. Sowas hatte ich noch nie gesehen. Das Stegreiforchester ist eine Neugründung im Klassikfach, junge Leute hatten genug vom Orchesterstehen, dem Dirigentenpult, auf das sie starren mussten und den Noten. Sie wollten auch, wie die Jazzer, zwischendurch mal improvisieren, sie wollten auch mal frei sich bewegen können, einander zugewandt spielen und siehe da: Ein ganz neuer Mozart wird uns da präsent. 

Die Spielerinnen und Spieler rennen und tanzen mit ihren Gitarren, ihren Celli, ihren Geigen und Hörnern, ihren umgeschnallten Blasinstrumenten lustig springend über die Bühne, von einem Fest zum anderen. Zu Beginn getragen, trauernd, stehen sie zunächst in einem Spalier, durch das die Zuschauer wie eine Trauergemeinde geführt werden, dann schreiten sie wie in einer Prozession, oben mit sich führen sie einen Schrein, auf dem liegt die Uniform des Ermordeten, des Vaters der jüngst von Giovanni Verführten Anna, eine südländisch-katholische Beerdigungsszene, die alsbald in ein rauschendes Fest übergeht, die Hochzeit, wo Giovanni die nächste verführen will. 

Mit Schmerz und Eros durchzogene Liebe

Die Oper Mozarts wird choreografisch, spielerisch und bildhaft ins Alltags-Spanien des 18. Jahrhunderts zurücktransportiert, und da in die Volksmassen getragen. Die Handlung wird in Art eines „Spiels im Spiel“ dem Volk vorgeführt, wobei das immer wieder erstaunliche und besondere das ist, dass die Musiker sich gegenseitig zuspielen, sich zulächeln, das Publikum einbeziehen,  miteinander und über die Instrumente hinweg und mittels der Instrumente, beginnen sie zu kokettieren, zu schäkern, eine allseitig mit Schmerz und Eros durchzogene Liebe wird gestaltet, als ein Spiel, als ein lustiges und auch Todes-Wut erzeugendes Spiel.  

Die Sängerinnen und Sänger, allen voran die isländische Sopranistin Hrund Osk Arnadottir (Elvira, Masterstudium Eisler-Hochschule), die über eine enorm breit angelegte Stimmkraft verfügt, und Derya Atakan (Anna, ebenfalls Master Eisler-Hochschule, Konzertsopranistin), sowie Daniel Arnaldos (Tenor), Thomas Florio und Justus Wilcken (Baritone) waren in ihrer Gegensätzlichkeit und Aufeinanderbezogenheit sehr überzeugend. 

Die beste Männerstimme hatte mit Abstand Enrico Wenzel (Baß), der durch ein Baal´sche Vitalität auffiel und auch an der Deutschen Oper, am Deutschen Theater u.v.a. Stätten schon gastierte. 

Stegreif-Orchester: Ohne Noten, ohne Dirigent, ohne Stühle  

Eine großartige Idee war die, den Giovanni zusammen mit dem Stegreiforchester Berlin zu inszenieren (Juri de Marco und Anna-Sophie Brüning (musikalische Leitung) und Ulrike Schwab (Regie) haben sich da wirklich eine tolle Sache einfallen lassen. Das Orchester (www.stgrf.com) (Stegreif e.V.), tritt stets ohne Noten, ohne Dirigent und ohne Stühle auf, es spielte neben dem Tanzen, Springen, rennen und laufen, atemberaubende zwei Stunden auswendig und virtuos, wodurch der Volksfestcharakter des Stückes und seine Verbundenheit mit den bäuerlich-feiernden Schichten wunderbar großartig betont wurde. 

Und wie in einem Spiegel der Haupthandlung wiederholte so das Ensemble das Spiel von Liebe und Hass, umgarnen und wüten, bis es sich zum Schluss in die erneute Bluttat hochsteigerte, nach der nur noch der Tod folgte, die Stille. Das Ende Giovannis ist auch das Ende der Verführungszärtlichkeit? Mozart sah es so. Ein zutiefst menschliches Problem zwischen allen Schichten, Geschlechtern, Glaubensrichtungen und Herkunftsunterschieden. 

Das Temperament aller sprang schließlich aufs Publikum über, und am Ende tobte der Saal, jubelte frenetischen Beifall. Ein großer Wurf der Neuköllner Oper, die sich modernen, aufklärerischen Stoffen widmet, Kunst immer wieder kritisch hinterfragt, seit 1969 neu gestaltet, und den Orchestergraben schon vor 4 Jahrzehnten abgeschafft hat. Die Opernbühne für alle, nicht nur für die oberen Schichten. Absolut sehenswert!

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DEI SCHAUSPIELER zu Ehren von Einar Schleef im AufBruch Gefängnistheater

Aus Anlass des 75. Geburtstags des Regisseurs Einar Schleef (1944 bis 2001) hat sich das AufBruch-Team dieses Jahr erneut in den ehemaligen Flughafen Tempelhof begeben.

Dort brachten sie sein Stück: DIE SCHAUSPIELER in einem riesigen Hangar und einer Küche, wo vor Kurzem noch echte Unterkünfte für Geflüchtete gewesen waren. Das Bühnenbild wurde also schon durch die Wahl des Ortes eindrucksvoll gewählt. Der riesige Hangar wirkte einschüchternd und erinnerte entfernt an militärische Komplexe. Die darin befindlichen leeren Doppelstockbetten aus Metall verstärkten diesen Eindruck noch.

In Schleefs Stück möchten Schauspieler einer Theatertruppe in einer Notunterkunft für Obdachlose Studien treiben und die Elenden kennenlernen. Das geht gründlich daneben, weil diese nur Hohn und Spott für die Möchtegern-Sozialkritiker übrig haben und jene sich von ihren bürgerlichen Normen und Werten nicht trennen können. Beide sind in ihre gesellschaftlichen Determinanten verstrickt.

Alsbald schlägt gewollte Freundlichkeit und echte Neugier in Enttäuschung und Wut um und alles endet in Angst und Schrecken und einer Prügelei.

Vielversprechend begann das Stück im leeren Hangar mit den Doppelstockbetten, Die Spieler saßen oder lagen verteilt auf den Betten und erzählten biografische Verzweiflungsgeschichten.

Das Publikum lauschte in vier Gruppen aufgeteilt und erlebte Einfühlung in Ausgestoßene, so, wie es Einar Schleef bei seinen „Schauspielern“ erreichen wollte. Von dort ausgehend hätte ein wunderbares Stück uU. mit Beteiligung des Publikums, beginnen können, aber diese Sequenz wurde unterbrochen. Das eigentliche Stück wurde in der „Küche“ aufgeführt. Und der Spielort der Haupthandlung, war zu eng, zu gleichförmig, zu verkrachet für all die Leidenschaften, Wutausbrüche, Gewalttaten, die hier dann schließlich “ausgebrütet“ wurden. Auch das Stück schien irgendwo zu eng und gleichförmig zu sein, ewig wiederholten sich Sätze, Szenen und Szenenfolgen, es blieb appellhaft, was die Spieler verhandelten, zu intellektuell. So blieb wenig hängen. Und als das Publikum zur Schluss-Szene endlich wieder in den Hangar-Bereich zurück durfte um einem gigantisch weit oben aus einer Tür tretenden Verkünder des moralischen Abspanns zu lauschen, als dann auch noch der Hangar sich wie von Geisterhand auf der vollen Breitseite öffnete und dahinter alle Spieler schattenrissähnlich sichtbar wurden, da atmete das Publikum hörbar auf. Das war groß. Leider nur zum Beginn und zum Ende. Nicht klar zu sagen ist, ob es eine Schwäche des Schleef-Stückes oder der AufBruch-Regie war, die Spieler waren jedenfalls allesamt überzeugend.

Es spielte ein gemischtes Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, SchauspielerInnen und Berliner BürgerInnen: Christian Krug, Frank Zimmermann, Hans M., Hans-Jürgen Simon, Irene Oberrauch, Josef, Juliette Roussennac, Katharina Försch, Lasha Jologua, Maja Borm, Massimiliano Baß, Mathis Koellmann, Matthias Blocher, Mohamad Koulaghassi, Patrick Berg, Rita Ferreira, Roland Moed, Sabine Böhm, Salah, Ulrike Wolf. Die Regie hatte Peter Atanassow

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CASTING CLARA in der Neuköllner Oper – Rezension

Pünktlich zum Geburtstag von Clara Wiek, verheiratete Schumann, dem bedeutendsten Wunderkind und Star des 19. Jahrhunderts, gab es in der Neuköllner Oper eine Happy Birthday-Clara -Veranstaltung, ihr zu Ehren. 

Nach dem Musiktheaterstück: Casting Clara, einer wunderbar gelungenen Aufführung, fand dann noch eine Podiumsdiskussion über Gleichberechtigungsfragen statt.

Auf dem Podium wurde die Frauenrealität einmal kurzzeitig umgedreht, denn von den 11 Menschen des Podiums, und den zwei Frauen der Moderation, Wiebke Roloff und Ilka Seifert,

war einer auch ein Mann. (Dietmar Schwarz, Intendant Deutsche Oper).

Für den war die Situation so neu, dass er mit einem zwischen Unsicherheit und Koketterie schwankendem Umsichblicken mehrmals hilflos kommentierte, dass er ja nun der einzige Mann sei, woraufhin der halbe Saal ins Lachen kam, was sehr amüsant war und auch dem Mann klarmachte, in welchen Situationen sich Frauen in den Chefetagen des Kunstgewerbes sozusagen immer durchkämpfen müssen.

Über die Ungleichgewichtigkeit der Verteilung von Frauen in Musiktheatern der Stadt wurden vom Podium Zahlen genannt und Fakten beschrieben. Frauen in den  Führungsetagen des reichen Operngewerbes könne man mit der Lupe suchen, das fand auch der Mann von der Deutschen Oper traurig.

Es wurde diskutiert und es wurden Lösungen vorgestellt, Modelllösungen selbstverständlich, denn Modelle bräuchte es, war die einhellige Meinung, so wie auf dem Theatertreffen Berlin, wo die Leiterin, Frau Yvonne Büdenhölzer, für zwei Jahre jetzt eine Frauen-Quote eingeführt hat.  Dasselbe gab es neulich auch in Karlsruhe und noch anderen Städten, was merkwürdigerweise angegriffen würde, selbst von Frauen, wie der hilflose Mann, inmitten der Frauenrunde, schulterzuckend-ratlos bemerkte.

Frauenquoten werden deshalb angegriffen, so kam es aus dem Publikum, da es von Männern  seitdem oftmals stöhnend heißt: „Da kommt ja unsere Quotenfrau.“ Und welche Frau wolle schon als solche bezeichnet werden. Ohne Quoten ginge es aber nicht, da es von der einen Hälfte der Menschheit wirklich genausoviel super qualifizierte Menschen gäbe, die aber nicht ausgewählt würden, sondern übersehen.  Dies wurde mit Zahlen aus den Studiengängen belegt.

Vorher wurde wunderschön Clara Wieks Leben, ihre Zeit als Wunderkind, ihre überragende Musikbegabung, ihre Verehrung und Leidenschaft Schumanns, ihre sieben Kinder und ihr reichhaltiges Leben einer alleinerziehenden Mutter, vor und nach Schumanns Tod, um dessen Werkrezeption sie sich lebenslang mehr gekümmert hat als um ihr eigenes Werk, erfolgreich zum Thema gemacht.

Hinter einem dunkelgrün-gemusterten, mit dicken stilisierten Blüten behangenen, mal farbenprächtig, mal dunkelblau angeleuchteten, wie Grabschmuck anmutenden Bühnenbildvorder- und Hintergrund agierten zu Beginn die sieben Frauen in weißen Kleidern der weiblich-hoffnungsfrohen Jugendlichen-Frauenmode des 19. Jahrhunderts.

Das ging dann in die jubelnden Szenen der siebenjährigen Liebesgeschichte mit Schumann über, wo alle Frauen in einer unglaublich ausgelassenen Art jubelten, so dass das ganze Publikum mitging. Aber diese schöne Freude ging dann in die durch Geburtswehen unterbrochene, Hausfrauen- und Familienrealität über, in der alle Frauen in Schürzen, vor Kartoffeln sitzend sangen und agierten. Wunderbar widersprüchlich zitierten die Frauen aus Tagebüchern und briefen, eine wollte sich der Liebe zu Schumann vorbehaltlos hingeben, eine fragte, wo denn dann ihr Talent bliebe. Nach der Pause waren aus den Frauen die sieben Kinder der Clara Wiek-Schumann geworden.  Das Leben dieser Kinder war oft traurig und einsam, jedoch liebten sie ihre Mutter vorbehaltlos, trotz Pensionatsaufenthalten, und dem Tod einiger von ihnen und anderer Schicksalsschläge. Stolz waren sie vor allem auf das Werk ihrer Mutter, die eigentlich lebte

wie eine heutige, um Emanzipation und Würde kämpfende Frau.

Das Musiktheaterstück war künstlerisch hervorragend gestaltet. Die Musik originell, mit Schumann und Wiek-Versatzstücken und modernen Klängen einer Musik, die Claras Zerrissenheit sinnlich erfahrbar machte.

Oft habe ich es schon als eine Masche erlebt, einzelne literarische Figuren mehrfach auftreten zu lassen, als Zwillings- oder Sechslingspaar sah ich es schon, zusammengebunden oder auseinander agierend, aber hier habe ich es in höchstem Maße originell gefunden.

Es war stimmig, dass sie in sieben verschiedene „Leben“ zersplittert auftrat, so vieles gab sie, was sie erlebt, wie sie gefühlt, wie sie umherzuschwirren und umschwärmt wurde. Die Zersplitterung ins Siebenfache war nicht eine Minute monoton, es gab kein automatenhaftes Sprechen, wie so oft, wenn dieses Stilmittel eingesetzt wird, alles war überaus stimmig und passend, die musikalische Qualität, wie die spielerische der Protagonistinnen war herausragend!

Unklar blieb mir der Titel. Den Begriff Casting fand ich zu modernistisch.

Das Ganze ist aber unbedingt empfehlenswert! Lohnt sich sehr!

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Podiumsdiskussion wurde u.a. mit Yvonne Büdenhölzer vom Theatertreffen Berlin, Karen Stone vom Theater Magdeburg, Dietmar Schwarz und Dorothea Hartmann von der Deutschn Oper, Sabine Bangert, MdA, Vorsitzende des Kulturausschusses in Berlin, Sarah Nemitz, Autorin und Annemie Vanackere, Intendantin HAU.

Die wunderschönen Kompositionen waren von Misha Cvijovic, Carlotta Rabea Joachim und Diana Syrse.

 

 

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Die Kommentarfunktion zu dem Verschickungsheim-Projekt findet sich ab heute nur noch unter diesem link: 

http://verschickungsheime.de/zeugnis-ablegen-erlebnisberichte-schreiben/

 

 

Kommentare

Es gibt 9 Kommentare für "Anja Röhl mit Theaterempfehlungen"

  • https://pagewizz.com/anja-rohl-liest-die-frau-meines-vaters-36846

    Fertich! Vielen Dank für die tiefen Einblicke in Ihr Leben! Wenn etwas nicht in Ordnung ist mit dem Text, gerne Bescheid sagen, hier kann man noch immer was ändern…Lieben Gruß, Gabi

  • Hannelore sagt:

    Guten Morgen Anja,
    Ferien – Kurheim, 1962-65 habe ich mein Anerkennungsjahr im Schwarzwald abgeleistet, meistens mit Kindern von 7-11 Jahren. Die Kinder waren sicher gut versorgt und aufgehoben, auch wenn die „Überzeugungsmethoden“ mancher Gruppenleiterinnen zum Essen fragwürdig waren. Immerhin wurde der Erfolg am Ende des Aufenthalts auch in Zunahme des Körpergewichts gemessen!
    Mir persönlich ist nur noch im Kopf, wie sehr mir die wenigen, aber oft tottraurigen Dreijährigen leid taten!

  • hartwig Nissen sagt:

    //Die ist kein Kommentar sondern ein kurzer Brief, eine Kontakt aufnahme//

    Hallo, Anja Roehl – ich habe den Link zu Ihnen bekommen von Frau Dettinger (Verein Heimkinder) Ich bin Autor und bin bei Recherchen für einen Roman, der sich mit ermittlungen in SH befasst, die plötzlich ins 3.reich reichen, auf ein Kinderheim auf Amrum gestoßen, das es schon damals gab. Frau D. meinte Sie koennte mir dazu
    etwas sagen. Vielleicht schreiben Sie mir kurz eine e mail? Vielleicht können wir telefonieren? )Ich werde auch zu Recherchen bald nach SH und Dänemark kommen, und könnte Sie evtl. auch treffen, wen Ihnen das behagt….
    Herzliche Grüße von Hartwig Nissen

  • anja sagt:

    Bin interessiert, melden Sie sich per mail bei mir, die mail steht auf dieser Seite unter Impressum

  • Belinda Glock sagt:

    ich habe ihre Seite heute entdeckt…. über die Kinderverschickungen (Hessen-Kinder) in den 60er Jahren . Leider gehöre ich dazu. Sie sammeln Berichte darüber und ich habe vor einigen Jahren angefangen, Informationen zu suchen. Ich war sehr froh, als ich vor einigen Jahren die Seite Küstenforum entdeckte, auf der Menschen schrieben, die dort waren, im Heim Köhlbrand und im Heim Ehlers, St.-Peter-Ording. Da haben viele Menschen geschrieben, die das gleiche erlebt haben wie ich, die heute, im Alter von über 50, immer noch an dieser Zeit und diesen Erlebnissen leiden. Es tröstet mich, dass etliche Köhlbrand-Geschädigte auch nach 40 Jahren wie ich in einer psychosomatischen Klinik waren. Ich war 6. Und wurde von meinen Eltern für 6 Wochen dorthin geschickt. Es war die grausamste Zeit meines Lebens. Ich habe mich, nachdem ich wieder zu Hause war, immer im Bad eingeschlossen, wenn ich mich wusch. Ich konnte keine Berührungen meiner Eltern ertragen, jegliche Art von Nähe ertrage ich auch heute nicht, ich hatte und habe eine ausgeprägte Abneigung gegen Frauen. Meine Briefe wurden zensiert, wenn meine Eltern anriefen, stand ein weiblicher Drachen neben mir, die Päckchen, die mir meine Eltern sandten, wurden konfisziert. Wenn einem das Essen nicht schmeckte, wurde man gezwungen, es zu essen. Erbrochenes bekam man wieder auf den Teller. Wenn man nicht sofort den Befehlen gehorchte, wurde man geschlagen, wer nachts ins Bett machte, musste in den Keller. Wir waren am Meer und in den 6 Wochen 2 mal am Strand. Wir wurden 6 Wochen lang indoktriniert, von Frauen, die früher in SS-Lagern Dienst taten, wie ich vor einigen Jahren erfuhr. Ich traute mich erst nicht, meinen Eltern etwas davon zu erzählen, aber eigentlich wollten sie es auch nicht wissen. Meine Mutter fragte mal bei der KK nach, weil ich so verwahrlost und gestört aussah, gab sich aber mit deren Erklärung zufrieden. Ich habe dort viele gräßliche Situationen erlebt, über die ich auch heute noch nicht reden kann. Ich habe mir Bilder dieses Kinderheims angesehen, ist inzwischen ein Mutter-Kind-Heim……..ich habe es bis heute nicht geschafft, dorthin zu fahren, noch nicht mal in die Nähe. Aber ich hoffe, dass ich es irgendwann schaffen werde und dann damit abschließen kann.

    Mit freundlichen Grüßen

    Belinda Glock

  • Georg Bergmann sagt:

    Hallo Frau Roehl,

    ich bin zum Thema „Kinderverschickung“ auf Sie gestoßen. Bin Betroffener des Seehospizes Norderney Ende der 50er Jahre. Habe an dem Thema schon länger gearbeitet und vor 3 Jahren ein Betroffenenmeeting in Bremen veranstaltet. Im Augenblick stehe ich im Kontakt mit dem Mutterhaus in Bad Harzburg um eine öffentliche Entschuldigung für die entsprechenden Straftaten und Traumatisierungen in der Einrichtung auf Norderney zu erreichen. Habe mich bislang mehr oder weniger als Einzelkämpfer um eine öffentliche Aufarbeitung gesehen und bin an der Tagung auf Sylt interessiert und ggfs auch bereit daran mitzuwirken. Ich würde mich um eine Kontaktaufnahme ihrerseits freuen. Tel: 0421 554841 oder georgbergmann@arcor.de

    Herzlicher Gruß

    Georg Bergmann

  • Armin Prauser sagt:

    Hallo Frau Röhl, ich würde mich gerne in diese Thematik einreihen. Ich war in den 60er Jahren in Bad Reichenhall in einem Kinderheim für Asthma. Das würde ich gerne mit einbringen. Wie kann ich mich an Ihrer Arbeit beteiligen, benötige ich einen zugangscode?

    Ich freue mich auf Ihre Nachricht und wünsche ein schönes Wochenende.
    Armin Prauser

  • anja sagt:

    Sie können hier ihre Erlebnisse beschreiben, wenn Sie sie anderen mitteilen wollen, ich bin dabei alle Kommentierenden nach Heim-Orten zu sortieren und nach Jahren, gut wäre also, wenn vorkäme, wann sie wie lange und in welchem Alter waren, was ihre Erlebnisse waren und wie es sie veränderte, als sie zurückkamen. Wenn Sie wollen, schreiben sie aber auch ganz spontan, was Ihnen einfällt. Ich schreibe ab und an eine Sammelmail an alle, es wäre gut, wenn sich alle auch gegenseitig erreichen könnten, um sich jetzt schon was fragen zu können, ich versuche das im Forum Romanum anzulegen, aber es klappt noch nicht, wie ich möchte. Auf dem Kongress, den wir planen, können sich die Kommentierenden erstmalig kennenlernen und dann in Gruppen den jeweiligen Verschickungsheimen zuordnen. Es wäre dann auch gut, wenn alle Bilder und Briefe mitbrächten, als wertvolle Belege und einen Anfang zur aktiven Aufarbeitung. Ich gehe hier alle paar Tage rein und schalte die Kommentare frei, danke, dass Sie Interesse zeigen, es ist Tausenden Kindern so gegangen wie uns damals, davon bin ich überzeugt,
    Grüße
    Anja Röhl

  • Gudrun Döring sagt:

    Ich bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen und da kam die Erinnerung. Ich bin Jahrgang 1955 und wurde im Jahr 1965 von der DAK verschickt.Wir sind mit dem Zug *nachts* in den Schwarzwald gefahren . Von Hamburg aus schon eine lange Fahrt mit Kindern verscihiedener Altersgruppen.Geschlafen wurde in den Abteilwagen wohl kaum, denn ich war bei d der Ankunft in Freiburg hundemüde. Von dort ging es mit einem Kleinbus nach Fal