Anja Röhl

Anja Röhl mit Theaterempfehlungen

 

 

 

 

 

 

 

 

Freie Autorin

Dies ist meine Seite als freie Autorin, ich schreibe seit 2007 fürs Feuilleton, meist junge welt, oft über Theaterstücke. 

Ich habe zwei Bücher veröffentlicht, einen autobiografischen Roman, „Die Frau meines Vaters“  über meine Kindheit und meine Erinnerungen an Ulrike Meinhof und einen kritischen Reisebericht, „Granny in New York“ über die Granny for Peace- Bewegung und New York.  Weitere Bücher suchen noch Verlage oder sind in Planung.

Jüngstes Projekt, an dem ich arbeite: Das Elend in den Verschickungsheimen der 60er Jahre.

Dazu gibt es nebenstehend hier einen Blog mit Erlebnisschilderungen unter dem Fach-Artikel: „Hände hoch oder ich bin verloren“, außerdem eine Info-Seite. Dazu noch eine neue Internetseite: www.verschickungsheime.de

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Warum schreibe ich Theaterkritiken?

Weil ich das Theater für eine ungemein wichtige Kulturform halte, sie ist näher an den Menschen als Kino und TV, sie ist unmittelbarer als ein Buch, man kann mitgestalten. Sie muss aber allen Menschen zugänglich, sie darf kein Vergnügen für Eliten sein. Meine Theaterempfehlungen oder -Kritiken beginnen gleich hier, viel Spaß!


A k t u e l l s t e  Kurz – T h e a t e r r e z e n s i o n e n :

Rostocker Sommerbühne: Diese Freiluft-Bühne (Theater im Klostergarten) macht immer wieder Spaß, meist mit wenig Utensilien, agiert sie ganz im Stil einer fahrenden  Wanderbühne, für die Rollenwechsel, Verkleidungen, die sichtbar gemacht werden, Männer-Frauen-Rollentausch und sehr viel Karrikierendes und gGesellschaftskritisches charakteristisch ist. Ebenso, dass die Stücke in der Gemeinschaft der Spieler entwickelt und neu erfunden werden. Mit ihrem jüngsten Stück bringen sie nun ein Kostümstück auf die Bühne, sehr grell, sehr viel Plastik, in Zeiten des Friday for Future, etwas gewagt, und mit sehr viel Klamauk durchsetzt. Eulenspiegeleien in heutiger Zeit, könnte man es nennen, mir ist dieses Stück, dass eher eine Performance ist, nicht so hängen geblieben. Zu wenig inhaltliche Tiefe. Das Publikum aber jubelt! Vorjährige Stücke werden auch noch gespielt, darunter Cyrano de Bergerac, ein einzigartig gelungenes Stück!

Berliner Sommerbühne: „Shakespaere in grün“ hat seine Anhänger, die Aufführungen sind durchweg ausverkauft. Ich besuchte ein tolles Stück in rot. Rot die Bühne, rot die Kostüme, rot die Leidenschaften.  Trotz strömenden Regens, der sich über den Abend noch verstärkte, harrten sowohl Schauspieler als auch Publikum geduldig im Schöneberger Südgelände hinterm Bahnhof Priesterweg aus und sahen das Stück bis zu Ende an. Diese Bühne agiert in Nachfolge des großen Meisters einfach grandios. Sehr zu empfehlen!

 

Längere Rezensionen, vorige Spielzeit:

Amir von Nicole Oder am BE

Berliner Ensemble, kleine Bühne, nichts für Rollifahrer, der Fahrstuhl ist noch nicht gebaut, man muss Treppen hochsteigen, die Bühne ist schwarz, bei Eintritt sieht man eine sich um ihre Mitte drehende riesige Betonmauer, die von vier jungen Leuten in Trainingsklamotten angetrieben wird. Die Zuschauer strömen in den Raum, die Protagonisten auf der Bühne rennen und keuchen.

Auf der stehenbleibenden Mauer sieht man den Namenszug AMIR als Videoprojektion auftauchen und die Strichzeichnung eines kleinen Männchens, eine Kinderzeichnung. Dann beginnt ein herrischer Mann zu sprechen, sein Konterfei tritt als riesiger Kopf neben das Strichmännchen, er fragt Lebensdaten ab: Geboren: Wann? Wo? Ein junger Mann, vorn auf einem Stuhl sitzend, antwortet: Palästina, so notiert der Beamte: Staatenlos.  Als er weiterfragt: Augenfarbe?, antwortet der Mann: Braun, der Beamte notiert: Schwarz! Danach erklärt er ihm umständlich, dass er nur eine Duldung bekäme. Der Mann springt auf, dreht sich zudem Mann um, meine Augen sind schwarz, verflucht nochmal, schwarz! 

300.- Euro – und nie in der Lage die Familie zu ernähren

Von da ab rollt das Drama einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie ab, die in den 80 er Jahren mit drei kleinen Kindern aus  Sabra und Schatila geflohen ist, aber in Deutschland seit 30 Jahren keine Arbeitserlaubnis, nur Duldung bekommen hat. Die Generation der Kinder wächst heran, es kommt noch ein Kind hinzu, das bekommt die deutsche Staatsbürgerschaft, die drei anderen haben,wie Vater und Mutter, seit ihrer frühesten Kindheit nur die Duldung.  Die Generation der Eltern ist tief resigniert, Verzweiflung ist längst in die Depression gekippt, bietet den Kindern ein Bild der Schwäche und des Jammers. Und da sie immer auf dem Asylgeld – Level  von 300.- Euro im Monat gelebt haben, empfinden die Söhne tiefste Abscheu vor ihrem Vater, der in ihren Augen nie in der Lage war, seine Familie zu ernähren. Sie selbst sind seit der Vorpubertät in der Kriminalität zuhause, haben sich dort vielfältig nützlich gemacht für den Familienhaushalt, mit dem Abzocken von Mitschülern, mit kleinen und größeren Betrügereien, mit Diebstählen, später Überfällen, füllen sie seit Jahren den Familienkühlschrank und die Kleiderschränke auf.

Sie wissen doch genau

Im Amt, die Szene wird ständig zwischengeschoben, bettelt Amir jedes Mal darum, endlich die Anerkennung und damit die Arbeitserlaubnis zu bekommen, aber nichts,mit Hinweis auf seine Vorstrafen, die sich allmählich ansammeln, verwehrt man es ihm. „Sie wissen doch genau, dass ich mir das Geld dann woanders beschaffen muss! Ich will mein Abitur und arbeiten, verflucht nochmal!“

Aber es wird nichts draus, die Sache eskaliert immer mehr. Ein Überfall, ein Schussverletzter, Knast.  Dazu kommt eine Liebe, Amir hat sich in Hannah verliebt, will mit ihr ein neues Leben anfangen.

Zur falschen Zeit geboren 

Wie Menschen sich in widrigen Lebensbedingungen, von denen der normale Theaterbesucher keinen blassen Schimmer hat, bewähren müssen, welchen Qualen sie ausgesetzt sind, nur weiße zur falschen Zeit in die falsche Familie hineingeboren wurden, das wird hier sehr kunstvoll auf die Bühne gebracht. Dabei hat Nicole Oder das Drama des Mario Belazar, das als Textheft mitgeliefert wird, von der Mitte her aufgezogen, sie hat es im übrigen sehr frei interpretiert, aus der Schwester als Balletttänzerin macht sie eine für die Boxmeisterschaft trainierende, vieles wird in Rückblenden erzählt, immer wieder bricht sie den Erzählfluß ab, lässt neue Szenenstücke beginnen, unterbricht durch Lieder und Raps. Dadurch wird ein enormer Spannungsbogen erzeugt, die Figuren wirken wie leibhaftig aus der Karl-Marx-Straße, die Wirkung auf einen selber wird erst nach zwei Tagen klar, da geht man mal wieder zufällig ins Rollbergviertel oder auf die Hermannstraße und da sieht man die jungen Männer und Frauen nun mit anderen Augen an, interessierter, fragender. Welches Drama verbirgt sich hinter ihren teuren Autos, ihrem Machogetue, ihren frisch gestylten Haaren? 

Und dabei drängt Nicole Oder die 2. Generation Flüchtlingskinder nicht in eine Opferrolle hinein, im Gegenteil, sie macht klar, dass sie genau diese absolut nicht einnehmen wollen. Eine klare Positionierung für eine andere Asylpolitik, das ist dieses Stück, und großartig gemacht! Es lohnt sich zweimal hinzugehen!

Mitten rein

Und den Namen „Nicole Oder“ den sollte man sich merken! Das Stück „Amir“ von Nicole Oder ist wirklich eines der besten Stücke,  die ich in den letzten zehn Jahren über Flüchtlingsproblematik gesehen habe.  Es geht unter die Haut, es wühlt auf, es bringt einen nicht nur nah an die Flüchtlings- und Welt-Politik ran, sondern setzt einen mitten rein. Mit Arabqueen, Arabboy hat Nicole Oder seit 2009 im Neuköllner Heimathafen Stücke inszeniert, die dort noch heute vor ausverkauftem Hause boomen. Geboren 1978, ist sie inzwischen Mitglied der künstlerischen Leitung des anderen Volkstheaters in Neukölln. 

Unserer Gesellschaft den Spiegel hinhalten

Schon 2004 inszenierte sie in Berlin Projekte mit dem Obdachlosentheater Ratten 07 und zeigte schon da, wie gut sie den Ton ausgestoßener Bevölkerungsgruppen punktgenau trifft. Ich erlebte ihre Obdachlosentheaterprojekte, ich sah Arabqueen und Arabboy, ich sah „Der falsche Inder“ im Münchner Volkstheater, ich sah „Baba oder mein geraubtes Leben“ in Neukölln, ich sah „Glückskind“ in Rostock. Und jedes dieser Stücke war einfach genial und traf die Wahrheit in den Verhältnissen, in denen wir leben, genau. Ohne Schnickschnack, ohne formale Überbetonung, mit einer dem Volk abgeschauten Sprache, ja unter Einbeziehung der Menschen selbst, die in diesen Verhältnissen geboren sind und sie kennen, schafft sie es, unserer Gesellschaft den Spiegel hinzuhalten, spannend zu sein, künstlerisch schöne Choreografien und Bilder zu liefern, und Dialoge treffsicher und authentisch zu gestalten. So sah es auch das Publikum, dass ihr kürzlich in München den Publikumspreis verlieh. 

Gesellschaftliche Demütigung als Ursache von Kriminalität?

„Amir“ von Nicole Oder beginnt anders, als der Autor des Stücks, Mario Salazar, es konzipiert hat, es setzt politischer an, schildert zunächst, was ihm alle sechs Monate auf dem Amt passiert. Es beschreibt sein Leben chronologisch in Rückblende, aber betont stärker die gesellschaftliche Demütigung, die ihm jedes Jahr bei der Ausländerbehörde passiert,  wobei ihm das Leben vorgeworfen wird, dass er nur wegen ihnen und ihren menschenfeindlichen Gesetzen führen muss. Immer wieder dieses: „Melden Sie sich in sechs Monaten wieder!“. Und so ein Staat spricht von Demokratie und Grundgesetzen, in denen Menschenrechte garantiert seien! Ein Hohn! Das wird dem Publikum klar. Eines wird klar: Der Junge Amir kann seine Würde nur mit kriminellen Taten wahren. Anders geht es nicht. Fatal!  Tamer Arslan spielt den Amir sehr gut, man glaubt ihm den Abiturienten, der es weit bringen würde im Leben, wenn er nicht an die Ausländerbehörde und seine windigen Beamten gefesselt wäre. Man glaubt ihm den Liebenden, mit großer Sehnsucht auf ein anderes Leben. Man glaubt ihm das alles, weil er spielt, wie einer von Nebenan.  Das Kollektive Schicksal, er bringt es zum Ausdruck. Man hat noch lange nachzudenken. 

Der nackte Wahnsinn im Ramba Zamba Theater (April 2019)

Einen sehr fröhlichen Einblick hinter die Bühne gewährte das Rambazamba – Theater mit dem Stück „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayns aus dem Jahre 1982.  Das Stück zeigt uns, im Gegensatz zu dem, was das Publikum zu sehen bekommt, einen Blick in die echte Welt der Theaterleute, nämlich in die Welt der zermürbenden Proben, hinter die Bühne.

Schwierigkeit des Stückes zunächst, wie unterscheidet man die beiden Welten, vor und hinter der Bühne? Das RambaZamba-Team mit Jakob Höhne (Regie) und Beatrix Brandler (Bühne) hat sich hier etwas Gutes einfallen lassen:

Ordnen sich zu Formationen, stolpern und fallen

Als Einstieg in das Stück wird dem Publikum ein Tanz vieler bunter Türen geliefert, wie im Schwarzlicht-Theater,  Türen sind verschieden leuchtend angestrahlt und Spieler, die unsichtbar bleiben, tragen diese vor dunkler Bühne vor sich her und lassen sie tanzen.  Dann versuchen sie sich irgendwo reinzudrängen, reinzupassen, rennen herum, suchen ihren Platz, ordnen sich zu Formationen, stolpern und fallen.  Der in bunter Leuchtfarbe orange, gelb, lila, hellgrün angestrichene Türenreigen wird flugs zu einem Bild der Welt, die Türen stehen für den uniformen Menschen, der sich anpasst, einpasst oder stürzt.

Regisseur köstlich hysterisch

Dann Szenenwechsel ins Helle und man ist im Geiste hinter der Bühne, die Türen stehen wieder unbeweglich und weiß, in Reih und Glied fest in ihrer Wand und markieren nur den Auf und Abgang. Dafür sieht man einen Regisseur (köstlich hysterisch Stefan Urbanski) der anordnet, befiehlt, herumschreit und sich selbst und seinem Begehren junger Theatermädchen die meiste Aufmerksamkeit widmet. Er lässt eine Spielerin (einen Mann im Frauenkleid), die eine Art Diva gibt, immer nur einen absurden Satz wiederholen, der ihr selbst vollkommen widerwärtig ist, was durch Körperhaltung und Mimik köstlich karikiert ist.

Spieler reagieren mit Seitenhieben

Keiner versteht sich mit dem anderen, keiner ist bei der Sache, aber jeder findet, er bekomme zuwenig von allem, zu wenig Achtung vom Team, zuwenig Anerkennung vom Regisseur, alle jammern und maulen herum, der Regisseur teilt von oben herab aus, es regnet Beleidigungen und Drohungen, die Spieler reagieren in Form von Seitenhieben gegeneinander, sie teilen ihre eigenen Aggressionen hübsch untereinander auf. Wellenartig kommt es zu Szenen. Es wird geschrien, gebrüllt, übereinander hergefallen. Doch so ist das Leben und das Theater spiegelt das Echte nach Meinung des Stückeschreibers wohl mehr in der Probezeit, als am Premierenabend. 

Das Publikum jedenfalls brüllt auch, vor lachen. Die Gags sind bestens gelungen, alle sind am Ende reif für die Nervenheilanstalt.  

Regisseur macht jeder einzeln den Hof, verteilt Rosen, sucht Triebabfuhr

Einmal sieht man den Regisseur nach Abgang von der Bühne auf Leinwand. Was macht er seltsames? Er streift, mit Anklang an die Mee-too-Debatte am Premierenabend, wo er nichts mehr zu tun hat, durch die Umkleideräume und Requisite und man sieht ihn dort mit allem, was er finden kann, Tischkanten, Büromöbeln, Gardinen, Kostümen herummachen, als onaniere er. Danach macht er jeder Schauspielerin des Stückes einzeln den Hof, verteilt an jede Rosen, verspricht groß die Liebe, aber man hat kapiert, er meint nur sich selbst, sucht nichts als Triebabfuhr, die Frauen sind ihm gleichviel wie die Möbelstücke in seiner Pause. So wird er dann wunderbar von einer der Spielerinnen abgewiesen und komplett und bühnenreif zusammengebrüllt.  

Theater immer Konstruktion

Also es geht hoch her bei diesem Stück, und man sieht den ganz normalen Wahnsinn der Welt, in der wir leben. Und es zeigt mehr als alles andere, das Theater immer eine  Konstruktion des Wunsches und der Sehnsucht ist, von dem, was wir besser machen und erreichen könnten.  Der Blick hinter die Bühne will dagegen nackte Wahrheit zeigen, das reale Leben.  Dass das so traurig-hysterisch ist, so gemein und aggressiv, hebt sich durch den Witz wieder auf.  

Masken beenden den Wahnsinn

Die alles vereinende Hochstimmung kommt zwar schließlich noch so ein wenig auf, als es endlich an die Premiere geht, aber da erlebt das Publikum nun hier mit den Spielern den großen Abfall der Spannung, auch das ist sehr gut geglückt, die Spieler treten zunächst sehr schön mit riesigen Maskenköpfen auf, liegen aber bald darauf erschöpft herum, die Masken übrigens wunderbare Produkte des RambaZamba-Ateliers und der Maskenbildnerin.  Sie entfremden die Spieler nun von sich selbst und das Bühnen-Stück schimmert kurz ein wenig auf. Aber gleich darauf wieder der Blick hinter die Bühne: Spannungsabfall, Langeweile, Erschöpfung und die Obsessionen des Regisseurs mit den dazu gehörenden Weinszenen der betrogenen Frauen, beenden den Wahnsinn. 

Wunderbar hochkochend gelungen

Was also ist die Premiere: Illusion. Und nur ein winziger Teil der Theaterwelt. Diese besteht im Wesentlichen aus Proben und diese aus Wiederholungen, die einem zum Hals heraus hängen. Der Alltag darin wird bestimmt von Angebrülltwerden, verzanken und versöhnen, Liebe, Freundschaft, Sex, Hass, Wut und Hysterie. Wie im Leben. Sehr gut und wunderbar emotional hochkochend gelungen, dazu schöne gestalterische Einfälle, herausragend der Tanz der Türen und der Masken. 

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Jeder stirbt für sich allein am Hans-Otto-Theater in Potsdam (April 2019)

Hans Fallada zu dramatisieren, seine Romane für das Theater oder Film zu adaptieren, ist eine dankbare Aufgabe, denn er hat seine Dialoge schon selbst geschrieben. Man muss nur die Beschreibungen und Erzählsequenzen in Bilder umsetzen, dann hat man das Stück schon. Er selbst sah alle Bücher als Filme vor seinem geistigen Auge, das ist überliefert.  

Der Stoff „ Jeder stirbt für sich allein“ ist in besonderem Maße dafür geeignet, seine innere Struktur gibt schon die Aufteilung in Akte eines griechischen Dramas vor, Ausgangspunkt ist der Tod eines Sohnes, der im Krieg, den er nie wollte, fiel,  aus der heraus sich alles weitere entwickelt: Eine Entwicklung der Eltern von biederen unpolitischen Duldern zu heimlich Widerstand Leistenden. Dann Hochgefühl, Absturz, Reifung durch Erkenntnisse und Tod durch Hinrichtung. Das Publikum wird zum Denken gebracht durch die Widersprüche, in die sich die Protagonisten verwickeln, was am Beispiel des Kommissars, „des Einzigen, den die Karten der Quangels überzeugt haben“, wie er kurz vor seinem Selbstmord konstatiert, deutlich wird.

Konzentriert und nüchtern

Das Hans-Otto-Theater gibt das Stück konzentriert und nüchtern, keine Videos, kein Blut, kein Schlamm, in dem sich wer wälzt, kein Feuer, keine Bomben, kein Hitlergebrüll. Nur ein sich je nach Bedarf langsam drehender breiter Klotz aus Holz, in dem Wohnungen übereinander Häuser skizzieren, in dem eine lange, graue Mauer Straße vorstellt, indem ein Zimmer Arbeit zeigt, dazu Treppenhäuser, fertig, alles andere bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen.

Sieht, wohin es in dieser Gesellschaft geht

Zu Beginn laufen und schlendern alle Mitwirkenden mehrfach durchs Bild, Straßenstimmung darstellend. Die Briefträgerin Kluge, mit der das Buch beginnt, führt auch hier ein, sie wird durch Nadine Nollau besetzt, die eine bestimmte Eigenschaft Fallada‘scher Frauen sehr schön zeigt, das Selbstbewusst-Kluge, gepaart mit einer starken Mütterlichkeit, was er in all seinen Lämmchenfiguren realisiert hat. Sie sieht, wohin es in der Gesellschaft geht und wandert aufs Land aus, wo man unabhängiger leben kann, wie sie sagt.

Sehr überzeugend

Das Ehepaar Quangel ist glänzend und sehr passend besetzt, Jon- Kaare Koppe ist zwar nicht so groß, wie man sich Quangel immer vorgestellt hat, aber seine starre Sturheit, seine subdepressive Stimmung, die Trauer nicht rauslässt, seine Körperhaltung, seine in einem langen Leben erworbene Klugheit des Menschenverstands, seine beredte Schweigsamkeit, all das bringt er ungeheuer gut. Auch Katja Zinsmeister, vielleicht etwas zu jung für diese Rolle, meistert ihre Aufgabe gut, sehr überzeugend ist sie besonders in dem schonungslosen Kampf, den sie zu Beginn mit ihrem Mann führt, ausgelöst durch den Satz: „ Du und dein Führer…“, der geschickt zu etwas hinweist, nämlich zur bereits vor Längerem erfolgten Bestechung zumindest der Arbeiteraristokratie, Quangel ist Werkmeister, durch die Versprechungen der Nazis.

Die Entwicklung seiner Figur unprätentiös gemeistert

Auch Komissar Escherich, eine Schlüsselfigur, wird durch Arne Lenk sehr gut gespielt, seine Anpassung an die Nazis, die sich die ganze Zeit über noch ein winziges Stückchen Eigenentscheidungsfreiheit bewahrt hatte, weicht mit einem Schlag, als er die Widerlichkeit seiner Oberen in Gänze erkannt hat, dazu die Größe Quangels, einer Stärke in Selbsterkenntnis, die folgerichtig nur noch einen Ausweg kennt, den Selbstmord. Diese Entwicklungen seiner Figur meistert er unprätentiös, fast unauffällig, sehr gut, dass er sie nicht so hochspielt.

Kein Schnickschnack eingebaut

Die Machart des Stückes ist modern, im Sinne von Brecht, Boal, Dario Fo, es wechseln die Spieler sukzessive ins Erzählende, treten wahlweise aus ihren Rollen heraus, distanzieren sich von ihrer Figur, wählen die personelle Erzählweise und schlüpfen danach wieder in ihre Rollen hinein. Das Ganze unauffällig, fast unbemerkt. Es gefällt mir, dass hier kein Schnickschnack eingebaut ist, also, das plötzlich zehn Quangels auftauchen, kein verwirrender Rollenwechsel eingebaut, keine Mehrfachbesetzung einer Figur. Das ist nicht nötig, der Stoff ist auch so spannend, man würde es nur zerfasern.

Es erinnert sehr an „Frucht und Elend des dritten Reiches“ von B.B., es wirkt exemplarisch. Bravo an die Regisseurin Annette Pullen und ihr Team. Eine gute Inszenierung, lohnt sich!

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9 Tage wach

Der Spiegel Bestseller, der autobiografische Roman „9 Tage wach“, von Eric Stehfest, erlebte nun in der Neuköllner Oper in der Fassung von John von Düffel, plus Komposition und Musik des Christopher Verworner und Claas Krause, unter der Regie von Fabian Gerhardt, seine Uraufführung. (11. April)

Das Musiktheaterstück handelt von Drogen und Abstürzen, es wird getanzt und gekrochen, die Bühne ist eine schiefe Ebene aus Stahl.

Freude gelingt nicht

Nach einer trostlosen Jugend bei einer alleinerziehenden Mutter nahe Dresden, sucht sich der Held Eric, ein passionierter Skater, immer wieder mit irgend etwas zu beschäftigen,was ihm Freude macht, es gelingt nicht. Alkohol, Haschisch und Crack geben ihm kurzfristige Genüsse, die ihn leerer als vorher zurücklassen. Verknalltheiten enden im Chaos. Eines Tages kommt er auf die Droge Christel Meth und bleibt mit ihr in einem atemberaubenden Zustand „9 Tage wach“, danach will er sterben, stirbt aber nicht, wird stattdessen Schauspieler und macht am Ende Karriere, vorher noch jahrelange Quälerei durch Entziehungskuren. 

Kratzt nur an der Oberfläche

Ich weiß nicht was, aber schon an der Geschichte störte mich irgend etwas, sie ist wohl so genau passiert, aber das Zudröhnen mit Drogen scheint irgendwie auf den Stoff abgefärbt zu haben, er kratzt nur an der Oberfläche, bleibt leer, tot, geht nirgends in die Tiefe. Die Neuköllner Oper hat daraus ein Musiktheaterstück gemacht, in dem viel Diskomusik vorkommt. 

Inhalt beginnt zu zerfasern

Das Stück hat mich leider auch nicht überzeugt. Abgesehen davon, dass die gesungene Sprache, obwohl schlagkräftig, kaum verständlich ist, beginnt der Inhalt im Laufe des Stückes zunehmend zu zerfasern, zT wird er völlig unverständlich, bzw. nur für die verstehbar, die auch das Buch kennen. Die Musik, nach anfänglich vielversprechendem sehr schönem Schlagzeug-  und Trommelbeginn bleibt im Ganzen viel zu schlagerhaft.

Choreografie bestens

Sehr gut zum Inhalt passt allerdings die Choreografie, wie die Protagonisten sich auf der schiefen Ebene winden, wie sie ineinander stürzen, wie sie fremdbestimmt-marionettenhaft auf der Bühne wie blind und taub herumstolpern, das ist sehr gut gemacht.

Besser reines Musiktheater

Im Prinzip hätte das Stück nur choreografiert, als Pantomime mit Musik gespielt werden können, also als reines Tanztheater gegeben werden sollen, das wäre gut und viel, viel besser gewesen. Der Text hat eher gestört. Erfüllt auch nicht die aus dem Titel herrührenden Erwartungen, die Handlungen dieser 9 Tage versinken im allgemeinen Gedröhne, bleiben insgesamt seicht, flach und pubertär,ohne jede Tiefe.

Bilder leider auch nicht gelungen

Die Bilder, besonders die Verzerrungen, mit denen man YouTube-Laienfilme kopieren wollte, finde ich auch nicht so gelungen. Nachdem man einmal ein menschliches Gesicht zur Fratze gemacht hatte, wurde das dann zur Masche, das wurde einem allein schon aufgrund der Unästhetik über. 

Schade, man hätte vielleicht mehr draus machen können, denn der Wunsch, Jugend zu erreichen, ist gut, die eher älteren Anwesenden fanden das auch unbedingt notwendig. Jedoch gut gewollt ist nicht immer gut gemacht.

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Das Nacktschneckengame im Grips-Theater

Siebte Klasse, Sexualkundeunterricht. Aber nicht für alle: Selma (Katja Hiller) und Anni (Lisa Klabunde) haben sich mit Edgar (Marius Lamprecht) und Junis (Jens Mondalski) auf die Toilette verdrückt, sie meinen, sie wüssten schon alles bzw. wollen lieber praktisch werden.

Allerdings wissen sie noch nicht so genau, worauf sie Lust haben. Ihre Kenntnisse sind lückenhaft und von gesellschaftlichen Erwartungen überfrachtet. Dann, auf einmal, driften die vier ab in eine magische Welt und landen, klein wie Ameisen, im Innern einer Nacktschnecke. Die Bühne von »Das Nacktschnecken-Game« ist nun eine grüne Traumlandschaft, mit schwingenden Teilen, die ausschauen wie Nervenbahnen im Unterhautgewebe.

Eine klebrige Substanz?

Die zwei Pärchen  – Junis und Ani, Selma und Edgar –  quälen sich seltsam unwirklich durch eine klebrig wirkende Substanz, erst langsam kommen sie wieder hoch und zu Bewusstsein und ekeln sich fürchterlich. Eine Stimme aus dem Off verkündet, wie im Märchen, Aufgaben. Sie sollen die Nacktschnecke von innen erforschen und sie dazu bringen, dass sie sich mit einer anderen Schnecke paart. Dann erst kämen sie frei.

Selma schreit, die anderen erstarren. »Wie viele Leben haben wir?« fragt Edgar. Das Publikum lacht, die Kurve ist genommen – ein mit Symbolen aufgeladenes, gleichwohl witziges Spiel, ein Ausflug ins Unbewusste und zu den unterhalb normaler Aufklärung liegenden, wirklich relevanten Fragen zur Sexualität.

Angstvoller Ekel vor dem weiblichen Geschlecht?

»Mädchen ekeln sich wohl weniger, weil sie selbst so viel Ekliges an sich haben?« fragt Junius Anni, die zwar entgeistert guckt, sich aber klug und selbstbewusst zu wehren versteht. Junius spricht allerdings ein für sexuelle Beziehungen zwischen Mann und Frau typisches Problem an – das des männlichen, oft angstvollen Ekels vor dem weiblichen Geschlecht. Mit all seinen Falten und der Feuchtigkeit erinnert die Vulva Männer an eine Wunde, in zahllosen Religionen gilt die Frau deshalb als unrein.

Die Begehren und Liebe noch nie erlebt haben

Der Mensch ekelt sich nicht nur vor Ausscheidungen und Körperöffnungen eines Fremden, sondern auch vor der Haut des anderen. Den Finger eines Fremden könnten wir nicht in den Mund nehmen, ohne uns zu ekeln, schrieb Thomas Mann. Die Liebe, so Mann, überwinde die Ekelschranke, die wir voreinander aufgebaut haben. Aber eben nicht zwingend. Viele Partner ekeln sich voreinander, vor allem in Zeiten flüchtiger Sexualkontakte. Und Jugendliche, die Begehren und Liebe noch nie erlebt haben, stellen sich die Angelegenheit häufig furchtbar eklig vor.

Weshalb für ein Stück über sich erst langsam anbahnende körperliche Annäherung unter Jugendlichen ausgerechnet die Nacktschnecke als Symbol gewählt wurde, liegt also auf der Hand: Sie ist klebrig-eklig.

Skurrile und witzige Phantasie, nie Lehrveranstaltung

Wie sich die beiden Paare zurechtfinden, ihre Aufgaben zu lösen beginnen, wie sie dabei ins Gespräch kommen oder zu einem ersten Kuss, und es dabei die ganze Zeit um Aufklärung geht, man aber nie an eine wissenschaftliche Lehrveranstaltung denken muss – das hat was. Und ist der so skurrilen wie witzigen Phantasie geschuldet, mit der »Das Nacktschnecken-Game« von Regisseurin Maria Lilith Umbach inszeniert wurde, nach dem gleichnamigen Stück der Autorin und Kolumnistin Kirsten Fuchs.

Bis du nicht mehr aufstehen kannst

Sex als Gewaltandrohung: Die Jungen sollen 100 verschiedene Begriffe für Geschlechtsorgane aufschreiben. Toilettenzeichnungen fallen ihnen ein, die Begriffe sind sexistisch, brutal, es sind abfällig Bemerkungen über Frauen: »Ich fick dich, bis du nicht mehr aufstehen kannst!« Gewalt durch Sex? Das Gesetz, nach dem sich dies entwickelt, geht so: Ekel, der die weibliche Vulva besetzt, fördert Angst, Angst wird durch Gewalt abgewehrt, Gewalt verhindert Liebe und Genuss.

Noch immer nicht überwunden

So erklärt das Stück ganz nebenbei, weshalb Sexualität so oft mit Gewalt vermischt wird? Die weibliche Vulva wird dann nur noch als ein zu durchbohrendes Etwas betrachtet, der Penis als ein Gewaltorgan, liebevolle Sexualität so bereits im Ansatz verhindert. Das alte Bild von der Sexualität als etwas Schmutzigem ist immer noch nicht überwunden.

Sexualität anders sehen

Eine kluge symbolische, so witzige wie wichtige Reise ins Unbewusste im Gewand eines PC-Games ist dem Grips-Theater hier durchaus gelungen. Vielleicht erleichtert es Jungen und Mädchen (ab zwölf), besser mit Gefühlen wie Angst und Ekel umzugehen, Hemmungen abzulegen, Sexualität anders zu sehen. Damit wäre auf jeden Fall etwas gewonnen. Eine echte Befreiung. Nicht zu mehr Verwertbarkeit weiblicher Körperöffnungen in Kaufakten, sondern zu mehr Behutsamkeit, Liebe und Zärtlichkeit in der körperlichen Lust.

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Zwei Männer ganz nackt

Das Theater Vorpommern ist zu loben, besonders, da es andauernd mit Sparandrohungen zu kämpfen hat: Es spielt in Stralsund, Greifswald und Putbus, es hat  großartige Häuser, es hat ein eindrucksvolles Ensemble. Und es hat auch einen Standpunkt, der liegt immer auf Seiten der Armen, Erniedrigten und Beleidigten, es interessiert sich für regionale Probleme und ordnet diese ins große Ganze ein. Es lohnt sich statt Kino oder TV in dieses Theater zu gehen!

Es bietet auch Abwechslung: Klassik (Antigone, Premiere am 6.4.19 in Greifswald) Tragik, Kömodie, Humor (Kabarett Sägefische), Ballett, Musicals und Konzerte, Theaterfrühstücke und Kindertheatervorstellungen, es bleibt in vielen Gesprächen, in Vor- und Nachbereitungen, mit dem Publikum in enger Tuchfühlung.

Es ist kein Theater für Eliten, es ist ein echtes Volkstheater. Folglich hat es auch immer mit der Politik zu kämpfen, die es am liebsten los sein will.

Es ist ein kritisches Theater, mutig greift es Themen der Zeit auf und reflektiert sie, es ist ein Theater, was eine Botschaft hat, die es formuliert: Die Welt besser zu machen.

Ich sah mir kürzlich dort drei Aufführungen an, und kann einen Besuch dort nur empfehlen!

InZwei Männer, ganz nackt“ wird männliche Sexualität karikierend beleuchtet. Es ist zugleich die Sexualität unserer Zeit, schnell lässt man sich auf jemanden körperlich ein, nachts schleppt man jemanden ab, am nächsten Morgen wacht man neben einem Fremden auf.

In der Komödie von Sébastien Thiéry, französischer Autor, wachen zwei Männer, ein Chef und sein Angestellter eines morgens nackt, miteinander im Bett, in der Wohnung des Chefs auf. Sie sind geschockt. Was mit einer Angestellt-in vielleicht noch nachvollziehbar gewesen wäre, sozusagen im Bereich des Normalen gelegen hätte, ist hier jetzt ein peinlicher Skandal, der die beiden sofort in die höchste Komik katapultiert, denn keiner von ihnen kann sich erklären, wie das gekommen sein könnte, keiner von ihnen fühlt sich schwul.

Thiéry analysiert in diesem Stück ein interessantes Hierarchie-Phänomen zwischen Männern, nämlich das der latenten Homoerotik in männerdominiert geprägten Geschäftsverhältnissen. Da geht es um Anpassung, Opportunismus, Anerkennung, da geht es um Selbstwertstärkung und Anschleimung beim Chef, da geht es um Wassallentum, da ähnelt alles einer ewigen Suche nach väterlicher Anerkennung, die ins Homoerotische abgleitet.

In diesem Fall geraten sie immer von neuem in die peinliche Situation, spielen die ganze Zeit nackt auf der Bühne, bedecken sich nur zeitweise durch herabhängende Tücher und der Entdeckung durch die Ehefrau sind die köstlich-komischsten Momente gewidmet. Sie moniert allerdings nicht das Homosexuelle daran, sondern nur die Leugnung, die angeblichen Blackouts, die verzweifelt behaupteten Erinnerungslücken.

Tiefe Einblicke in Abspaltungen

Das Stück enthält tiefe Einblicke in die häufig vorkommenden Abspaltungen männlicher Sexualität, wie auch deren Warencharakter. Es kontrastiert diese den Wünschen und Ideen der Frau, die aber niemals im ganzen Stück eine etwa bittende oder dramatisch-hysterische Rolle inne hat, sondern wunderbar abgeklärt-analysierend und überaus schlagfertig und witzig mit der Situation umgeht.

Glänzend komisch

Das Stück wurde von Oliver Scheer glänzend komisch inszeniert, die drei Darsteller, Jan Bernhardt, als der Chef, Herr Kramer, Ronny Winter als Nicolas Prioux, sein Angestellter und Maria Steurich (Gast), als seine Frau, Catherine Kramer, spielen glänzend, in einem Rutsch durch, höchst konzentriert, in Körpersprache und Stimme super klar und kabarettistisch, und sie schaffen es, ihre Personen jeweils sehr unerwartet und daher geistreich zu entwickeln. Ein Stück, was belebt und hinterfragt, was Spaß macht und zum Denken anregt.

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Weißer Raum – ein Eismeer

Im nächsten Stück, große Bühne, im „Weißer Raum“, geschrieben vom jungen Theaterautor Lars Werner, inszeniert von Reinhard Göber, geht es um Rechtsradikalismus.

Die Bühne ist dem Caspar-David-Friedrich-Bild „Eismeer“ angelehnt, in weiß gehalten, aber die Eisschollen sind in diesem Falle übereinander gestapelte Möbel.

Kennt die Szene

Lars Werner hat einen autobiografischen Zugang zum Rechtsradikalismus, er saß als aktives Mitglied der linken Szene in Dresden vor noch nicht allzu langer Zeit im Klassenzimmer mit genau den Leuten zusammen, die ihn am Abend imJugendzentrum überfallen haben. Man merkt Ihm an, dass er die Szene kennt, die Sprache, die Gesten, die Haltungen, alles wirkt sehr echt, sehr authentisch.

Fade Ödnis 

Der Inhalt des Stücks ist eine kompliziert verwickelte Geschichte, die sich einem erst allmählich erschließt und so spannungsreich wie ein Krimi daher kommt. Zu Beginn sitzt der überaus gelangweilte Sicherheitsmensch Uli ( sehr schön zerrissen spießbürgerlich gespielt von Mario Gremlich) auf einem Klappstuhl an einem stillgelegtem Bahnhof und ärgert sich über die fade Ödnis seines Heimatortes, in dem es kein Leben mehr zu geben scheint. Er begegnet einem Freund, Robert, ( Stefan Hufschmidt), der auch schon bessere Tage gesehen hat und nun als Pförtner arbeitet und dessen eigenartig umwölkte Existenz, seine eigentliche Arbeit als Spitzel oder auch nicht, nie ganz aufgeklärt wird.

Einen Afrikaner erschlagen?

Nach einem kurzen Plausch, bei dem es um den Sohn von Uli geht, der alsRechtsradikaler im Knast sitzt, bleibt Uli wieder allein und hört plötzlich einen Frauenschrei. Er springt auf, ruft, und läuft offenbar dorthin. Die Szene endet. Man erfährt aus dem nachfolgenden Zusammenhang, dass er einen Afrikaner erschlagen hat, der sich einer Frau, der Journalistin des Ortes, Marie, (sehr gut in all ihrer Widersprüchlichkeit gespielt von Maria Steurich), anzüglich genähert hatte. Danach Besuch im Knast bei seinem Sohn, der ihn als Redner „für die Bewegung“ rekrutiert.

Schuld, Mitschuld, Korruption

Das Stück verhandelt Fragen der Schuld, der Wort-Gewalt, die in echte ausartet, des Sensationsjournalismus und des Feminismus gleichermaßen. Die Journalistin Marie will nicht, dass der Mörder eines Afrikaners sich als ihr Retter aufspielt und sie dadurch eine Mitschuld trifft. Sehr gut ist auch die Figur des Jochen (Markus Voigt) konzipiert, des Redakteurs, der Marie immer wieder antreibt, sich mit dem Fall weiter recherchierend zu beschäftigen, da das die Auflage hebt. Die ganze Korruption der Journaille wird dadurch sichtbar gemacht.

Zweite rechtslastige Generation nach der Wende

Auch die rechte Gewaltvergangenheit des Vaters in den 90er Jahren kommt andeutungsweise in den Blick, was erschreckend klar macht, das nun, seit der Wende schon die zweite rechtslastige Generation in den „Neuen Bundesländern“ herangewachsen ist. Generationen, die sich abgehängt fühlen, aber auch der Verwahrlosung preis- und der kompletten Nichtakzeptanz der Besetzer-Gesetze hingeben, die ihre gesellschaftliche Klasse ins aus katapultiert haben.

Kälte und blühende Landschaften

Gesellschaftliche und moralische Zerrüttung wird deutlich, dazu eine ungeheure Kälte in allen Beziehungen. Statt blühende Landschaften ein Eismeer, in dem jeder des anderen Feind ist und Freundschaft zwar krampfhaft gesucht wird, in Ideologien, wie in der Familie, jedoch tatsächlich nicht erreicht wird. Sehr intensiv ist zb die Szene, wo der aus dem Knast entlassene Patrick nach seinem eigenen Sohn ruft, den zu besuchen, ihm die Exfrau, unterstützt durch die Mutter verweigert.

Erst kürzlich Kleistpreis

Die Inszenierung des Stückes „Weißer Raum“, Premiere 16.3.19 in Greifswald, und am 6.4.19 in Stralsund, ist deutschlandweit die zweite nach der Uraufführung in Recklinghausen, eine dritte Aufführung soll es demnächst in Hamburg geben. Der junge Lars Werner hat für sein Stück erst kürzlich den Kleistpreis bekommen. Hier wurde, wie Oliver Lisewski (Dramaturgie) und Reinhard Göber erklären, die letzte Szene des Stückes,in der einige Knoten aufgelöst werden, weggelassen. Das Publikum soll selber zu denken haben, fanden sie.
Sehr lohnenswerte Inszenierung!    Weitere Theaterempfehlungen hier

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Zum Verschickungsheim-Projekt hier und hier

 

 

Kommentare

Es gibt 9 Kommentare für "Anja Röhl mit Theaterempfehlungen"

  • https://pagewizz.com/anja-rohl-liest-die-frau-meines-vaters-36846

    Fertich! Vielen Dank für die tiefen Einblicke in Ihr Leben! Wenn etwas nicht in Ordnung ist mit dem Text, gerne Bescheid sagen, hier kann man noch immer was ändern…Lieben Gruß, Gabi

  • Hannelore sagt:

    Guten Morgen Anja,
    Ferien – Kurheim, 1962-65 habe ich mein Anerkennungsjahr im Schwarzwald abgeleistet, meistens mit Kindern von 7-11 Jahren. Die Kinder waren sicher gut versorgt und aufgehoben, auch wenn die „Überzeugungsmethoden“ mancher Gruppenleiterinnen zum Essen fragwürdig waren. Immerhin wurde der Erfolg am Ende des Aufenthalts auch in Zunahme des Körpergewichts gemessen!
    Mir persönlich ist nur noch im Kopf, wie sehr mir die wenigen, aber oft tottraurigen Dreijährigen leid taten!

  • hartwig Nissen sagt:

    //Die ist kein Kommentar sondern ein kurzer Brief, eine Kontakt aufnahme//

    Hallo, Anja Roehl – ich habe den Link zu Ihnen bekommen von Frau Dettinger (Verein Heimkinder) Ich bin Autor und bin bei Recherchen für einen Roman, der sich mit ermittlungen in SH befasst, die plötzlich ins 3.reich reichen, auf ein Kinderheim auf Amrum gestoßen, das es schon damals gab. Frau D. meinte Sie koennte mir dazu
    etwas sagen. Vielleicht schreiben Sie mir kurz eine e mail? Vielleicht können wir telefonieren? )Ich werde auch zu Recherchen bald nach SH und Dänemark kommen, und könnte Sie evtl. auch treffen, wen Ihnen das behagt….
    Herzliche Grüße von Hartwig Nissen

  • anja sagt:

    Bin interessiert, melden Sie sich per mail bei mir, die mail steht auf dieser Seite unter Impressum

  • Belinda Glock sagt:

    ich habe ihre Seite heute entdeckt…. über die Kinderverschickungen (Hessen-Kinder) in den 60er Jahren . Leider gehöre ich dazu. Sie sammeln Berichte darüber und ich habe vor einigen Jahren angefangen, Informationen zu suchen. Ich war sehr froh, als ich vor einigen Jahren die Seite Küstenforum entdeckte, auf der Menschen schrieben, die dort waren, im Heim Köhlbrand und im Heim Ehlers, St.-Peter-Ording. Da haben viele Menschen geschrieben, die das gleiche erlebt haben wie ich, die heute, im Alter von über 50, immer noch an dieser Zeit und diesen Erlebnissen leiden. Es tröstet mich, dass etliche Köhlbrand-Geschädigte auch nach 40 Jahren wie ich in einer psychosomatischen Klinik waren. Ich war 6. Und wurde von meinen Eltern für 6 Wochen dorthin geschickt. Es war die grausamste Zeit meines Lebens. Ich habe mich, nachdem ich wieder zu Hause war, immer im Bad eingeschlossen, wenn ich mich wusch. Ich konnte keine Berührungen meiner Eltern ertragen, jegliche Art von Nähe ertrage ich auch heute nicht, ich hatte und habe eine ausgeprägte Abneigung gegen Frauen. Meine Briefe wurden zensiert, wenn meine Eltern anriefen, stand ein weiblicher Drachen neben mir, die Päckchen, die mir meine Eltern sandten, wurden konfisziert. Wenn einem das Essen nicht schmeckte, wurde man gezwungen, es zu essen. Erbrochenes bekam man wieder auf den Teller. Wenn man nicht sofort den Befehlen gehorchte, wurde man geschlagen, wer nachts ins Bett machte, musste in den Keller. Wir waren am Meer und in den 6 Wochen 2 mal am Strand. Wir wurden 6 Wochen lang indoktriniert, von Frauen, die früher in SS-Lagern Dienst taten, wie ich vor einigen Jahren erfuhr. Ich traute mich erst nicht, meinen Eltern etwas davon zu erzählen, aber eigentlich wollten sie es auch nicht wissen. Meine Mutter fragte mal bei der KK nach, weil ich so verwahrlost und gestört aussah, gab sich aber mit deren Erklärung zufrieden. Ich habe dort viele gräßliche Situationen erlebt, über die ich auch heute noch nicht reden kann. Ich habe mir Bilder dieses Kinderheims angesehen, ist inzwischen ein Mutter-Kind-Heim……..ich habe es bis heute nicht geschafft, dorthin zu fahren, noch nicht mal in die Nähe. Aber ich hoffe, dass ich es irgendwann schaffen werde und dann damit abschließen kann.

    Mit freundlichen Grüßen

    Belinda Glock

  • Georg Bergmann sagt:

    Hallo Frau Roehl,

    ich bin zum Thema „Kinderverschickung“ auf Sie gestoßen. Bin Betroffener des Seehospizes Norderney Ende der 50er Jahre. Habe an dem Thema schon länger gearbeitet und vor 3 Jahren ein Betroffenenmeeting in Bremen veranstaltet. Im Augenblick stehe ich im Kontakt mit dem Mutterhaus in Bad Harzburg um eine öffentliche Entschuldigung für die entsprechenden Straftaten und Traumatisierungen in der Einrichtung auf Norderney zu erreichen. Habe mich bislang mehr oder weniger als Einzelkämpfer um eine öffentliche Aufarbeitung gesehen und bin an der Tagung auf Sylt interessiert und ggfs auch bereit daran mitzuwirken. Ich würde mich um eine Kontaktaufnahme ihrerseits freuen. Tel: 0421 554841 oder georgbergmann@arcor.de

    Herzlicher Gruß

    Georg Bergmann

  • Armin Prauser sagt:

    Hallo Frau Röhl, ich würde mich gerne in diese Thematik einreihen. Ich war in den 60er Jahren in Bad Reichenhall in einem Kinderheim für Asthma. Das würde ich gerne mit einbringen. Wie kann ich mich an Ihrer Arbeit beteiligen, benötige ich einen zugangscode?

    Ich freue mich auf Ihre Nachricht und wünsche ein schönes Wochenende.
    Armin Prauser

  • anja sagt:

    Sie können hier ihre Erlebnisse beschreiben, wenn Sie sie anderen mitteilen wollen, ich bin dabei alle Kommentierenden nach Heim-Orten zu sortieren und nach Jahren, gut wäre also, wenn vorkäme, wann sie wie lange und in welchem Alter waren, was ihre Erlebnisse waren und wie es sie veränderte, als sie zurückkamen. Wenn Sie wollen, schreiben sie aber auch ganz spontan, was Ihnen einfällt. Ich schreibe ab und an eine Sammelmail an alle, es wäre gut, wenn sich alle auch gegenseitig erreichen könnten, um sich jetzt schon was fragen zu können, ich versuche das im Forum Romanum anzulegen, aber es klappt noch nicht, wie ich möchte. Auf dem Kongress, den wir planen, können sich die Kommentierenden erstmalig kennenlernen und dann in Gruppen den jeweiligen Verschickungsheimen zuordnen. Es wäre dann auch gut, wenn alle Bilder und Briefe mitbrächten, als wertvolle Belege und einen Anfang zur aktiven Aufarbeitung. Ich gehe hier alle paar Tage rein und schalte die Kommentare frei, danke, dass Sie Interesse zeigen, es ist Tausenden Kindern so gegangen wie uns damals, davon bin ich überzeugt,
    Grüße
    Anja Röhl

  • Gudrun Döring sagt:

    Ich bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen und da kam die Erinnerung. Ich bin Jahrgang 1955 und wurde im Jahr 1965 von der DAK verschickt.Wir sind mit dem Zug *nachts* in den Schwarzwald gefahren . Von Hamburg aus schon eine lange Fahrt mit Kindern verscihiedener Altersgruppen.Geschlafen wurde in den Abteilwagen wohl kaum, denn ich war bei d der Ankunft in Freiburg hundemüde. Von dort ging es mit einem Kleinbus nach Fal

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