Anja Röhl

Anja Röhl mit Theaterblog

 

 

 

 

 

 

 

 

Freie Autorin

Dies ist meine Seite als freie Autorin, ich schreibe seit 2007 fürs Feuilleton, meist junge welt ( linke Tageszeitung) über Theaterstücke, ich habe bisher zwei Bücher geschrieben, einen autobiografischen Roman, „Die Frau meines Vaters“  über meine Kindheit und meine Erinnerungen an Ulrike Meinhof und einen kritischen Reisebericht, „Granny in New York“ über die Granny for Peace- Bewegung und New York.  Weitere Bücher suchen noch Verlage oder sind in Planung. Jüngstes Projekt, an dem ich arbeite: Das Elend in den Verschickungsheimen der 60er Jahre. Dazu gibt es nebenstehend eine eigene Seite.

——————————————————————————————————————————

Warum schreibe ich Theaterkritiken?

Weil ich das Theater für eine ungemein wichtige Kulturform halte, sie ist näher an den Menschen als Kino und TV, sie ist unmittelbarer als ein Buch, man kann mitgestalten. Sie muss aber allen Menschen zugänglich, sie darf kein Vergnügen für Eliten sein. Meine Theaterempfehlungen oder -Kritiken beginnen gleich hier, viel Spaß!


A k t u e l l s t e   T h e a t e r r e z e n s i o n e n :

Jeder stirbt für sich allein am Hans-Otto-Theater in Potsdam

Hans Fallada zu dramatisieren, seine Romane für das Theater oder Film zu adaptieren, ist eine dankbare Aufgabe, denn er hat seine Dialoge schon selbst geschrieben. Man muss nur die Beschreibungen und Erzählsequenzen in Bilder umsetzen, dann hat man das Stück schon. Er selbst sah alle Bücher als Filme vor seinem geistigen Auge, das ist überliefert.  

Der Stoff „ Jeder stirbt für sich allein“ ist in besonderem Maße dafür geeignet, seine innere Struktur gibt schon die Aufteilung in Akte eines griechischen Dramas vor, Ausgangspunkt ist der Tod eines Sohnes, der im Krieg, den er nie wollte, fiel,  aus der heraus sich alles weitere entwickelt: Eine Entwicklung der Eltern von biederen unpolitischen Duldern zu heimlich Widerstand Leistenden. Dann Hochgefühl, Absturz, Reifung durch Erkenntnisse und Tod durch Hinrichtung. Das Publikum wird zum Denken gebracht durch die Widersprüche, in die sich die Protagonisten verwickeln, was am Beispiel des Kommissars, „des Einzigen, den die Karten der Quangels überzeugt haben“, wie er kurz vor seinem Selbstmord konstatiert, deutlich wird.

Konzentriert und nüchtern

Das Hans-Otto-Theater gibt das Stück konzentriert und nüchtern, keine Videos, kein Blut, kein Schlamm, in dem sich wer wälzt, kein Feuer, keine Bomben, kein Hitlergebrüll. Nur ein sich je nach Bedarf langsam drehender breiter Klotz aus Holz, in dem Wohnungen übereinander Häuser skizzieren, in dem eine lange, graue Mauer Straße vorstellt, indem ein Zimmer Arbeit zeigt, dazu Treppenhäuser, fertig, alles andere bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen.

Sieht, wohin es in dieser Gesellschaft geht

Zu Beginn laufen und schlendern alle Mitwirkenden mehrfach durchs Bild, Straßenstimmung darstellend. Die Briefträgerin Kluge, mit der das Buch beginnt, führt auch hier ein, sie wird durch Nadine Nollau besetzt, die eine bestimmte Eigenschaft Fallada‘scher Frauen sehr schön zeigt, das Selbstbewusst-Kluge, gepaart mit einer starken Mütterlichkeit, was er in all seinen Lämmchenfiguren realisiert hat. Sie sieht, wohin es in der Gesellschaft geht und wandert aufs Land aus, wo man unabhängiger leben kann, wie sie sagt.

Sehr überzeugend

Das Ehepaar Quangel ist glänzend und sehr passend besetzt, Jon- Kaare Koppe ist zwar nicht so groß, wie man sich Quangel immer vorgestellt hat, aber seine starre Sturheit, seine subdepressive Stimmung, die Trauer nicht rauslässt, seine Körperhaltung, seine in einem langen Leben erworbene Klugheit des Menschenverstands, seine beredte Schweigsamkeit, all das bringt er ungeheuer gut. Auch Katja Zinsmeister, vielleicht etwas zu jung für diese Rolle, meistert ihre Aufgabe gut, sehr überzeugend ist sie besonders in dem schonungslosen Kampf, den sie zu Beginn mit ihrem Mann führt, ausgelöst durch den Satz: „ Du und dein Führer…“, der geschickt zu etwas hinweist, nämlich zur bereits vor Längerem erfolgten Bestechung zumindest der Arbeiteraristokratie, Quangel ist Werkmeister, durch die Versprechungen der Nazis.

Die Entwicklung seiner Figur unprätentiös gemeistert

Auch Komissar Escherich, eine Schlüsselfigur, wird durch Arne Lenk sehr gut gespielt, seine Anpassung an die Nazis, die sich die ganze Zeit über noch ein winziges Stückchen Eigenentscheidungsfreiheit bewahrt hatte, weicht mit einem Schlag, als er die Widerlichkeit seiner Oberen in Gänze erkannt hat, dazu die Größe Quangels, einer Stärke in Selbsterkenntnis, die folgerichtig nur noch einen Ausweg kennt, den Selbstmord. Diese Entwicklungen seiner Figur meistert er unprätentiös, fast unauffällig, sehr gut, dass er sie nicht so hochspielt.

Kein Schnickschnack eingebaut

Die Machart des Stückes ist modern, im Sinne von Brecht, Boal, Dario Fo, es wechseln die Spieler sukzessive ins Erzählende, treten wahlweise aus ihren Rollen heraus, distanzieren sich von ihrer Figur, wählen die personelle Erzählweise und schlüpfen danach wieder in ihre Rollen hinein. Das Ganze unauffällig, fast unbemerkt. Es gefällt mir, dass hier kein Schnickschnack eingebaut ist, also, das plötzlich zehn Quangels auftauchen, kein verwirrender Rollenwechsel eingebaut, keine Mehrfachbesetzung einer Figur. Das ist nicht nötig, der Stoff ist auch so spannend, man würde es nur zerfasern.

Es erinnert sehr an „Frucht und Elend des dritten Reiches“ von B.B., es wirkt exemplarisch. Bravo an die Regisseurin Annette Pullen und ihr Team. Eine gute Inszenierung, lohnt sich!

————————————-

9 Tage wach

Der Spiegel Bestseller, der autobiografische Roman „9 Tage wach“, von Eric Stehfest, erlebte nun in der Neuköllner Oper in der Fassung von John von Düffel, plus Komposition und Musik des Christopher Verworner und Claas Krause, unter der Regie von Fabian Gerhardt, seine Uraufführung. (11. April)

Das Musiktheaterstück handelt von Drogen und Abstürzen, es wird getanzt und gekrochen, die Bühne ist eine schiefe Ebene aus Stahl.

Freude gelingt nicht

Nach einer trostlosen Jugend bei einer alleinerziehenden Mutter nahe Dresden, sucht sich der Held Eric, ein passionierter Skater, immer wieder mit irgend etwas zu beschäftigen,was ihm Freude macht, es gelingt nicht. Alkohol, Haschisch und Crack geben ihm kurzfristige Genüsse, die ihn leerer als vorher zurücklassen. Verknalltheiten enden im Chaos. Eines Tages kommt er auf die Droge Christel Meth und bleibt mit ihr in einem atemberaubenden Zustand „9 Tage wach“, danach will er sterben, stirbt aber nicht, wird stattdessen Schauspieler und macht am Ende Karriere, vorher noch jahrelange Quälerei durch Entziehungskuren. 

Kratzt nur an der Oberfläche

Ich weiß nicht was, aber schon an der Geschichte störte mich irgend etwas, sie ist wohl so genau passiert, aber das Zudröhnen mit Drogen scheint irgendwie auf den Stoff abgefärbt zu haben, er kratzt nur an der Oberfläche, bleibt leer, tot, geht nirgends in die Tiefe. Die Neuköllner Oper hat daraus ein Musiktheaterstück gemacht, in dem viel Diskomusik vorkommt. 

Inhalt beginnt zu zerfasern

Das Stück hat mich leider auch nicht überzeugt. Abgesehen davon, dass die gesungene Sprache, obwohl schlagkräftig, kaum verständlich ist, beginnt der Inhalt im Laufe des Stückes zunehmend zu zerfasern, zT wird er völlig unverständlich, bzw. nur für die verstehbar, die auch das Buch kennen. Die Musik, nach anfänglich vielversprechendem sehr schönem Schlagzeug-  und Trommelbeginn bleibt im Ganzen viel zu schlagerhaft.

Choreografie bestens

Sehr gut zum Inhalt passt allerdings die Choreografie, wie die Protagonisten sich auf der schiefen Ebene winden, wie sie ineinander stürzen, wie sie fremdbestimmt-marionettenhaft auf der Bühne wie blind und taub herumstolpern, das ist sehr gut gemacht.

Besser reines Musiktheater

Im Prinzip hätte das Stück nur choreografiert, als Pantomime mit Musik gespielt werden können, also als reines Tanztheater gegeben werden sollen, das wäre gut und viel, viel besser gewesen. Der Text hat eher gestört. Erfüllt auch nicht die aus dem Titel herrührenden Erwartungen, die Handlungen dieser 9 Tage versinken im allgemeinen Gedröhne, bleiben insgesamt seicht, flach und pubertär,ohne jede Tiefe.

Bilder leider auch nicht gelungen

Die Bilder, besonders die Verzerrungen, mit denen man YouTube-Laienfilme kopieren wollte, finde ich auch nicht so gelungen. Nachdem man einmal ein menschliches Gesicht zur Fratze gemacht hatte, wurde das dann zur Masche, das wurde einem allein schon aufgrund der Unästhetik über. 

Schade, man hätte vielleicht mehr draus machen können, denn der Wunsch, Jugend zu erreichen, ist gut, die eher älteren Anwesenden fanden das auch unbedingt notwendig. Jedoch gut gewollt ist nicht immer gut gemacht.

————————————————————————————————————————

Das Nacktschneckengame im Grips-Theater

Siebte Klasse, Sexualkundeunterricht. Aber nicht für alle: Selma (Katja Hiller) und Anni (Lisa Klabunde) haben sich mit Edgar (Marius Lamprecht) und Junis (Jens Mondalski) auf die Toilette verdrückt, sie meinen, sie wüssten schon alles bzw. wollen lieber praktisch werden.

Allerdings wissen sie noch nicht so genau, worauf sie Lust haben. Ihre Kenntnisse sind lückenhaft und von gesellschaftlichen Erwartungen überfrachtet. Dann, auf einmal, driften die vier ab in eine magische Welt und landen, klein wie Ameisen, im Innern einer Nacktschnecke. Die Bühne von »Das Nacktschnecken-Game« ist nun eine grüne Traumlandschaft, mit schwingenden Teilen, die ausschauen wie Nervenbahnen im Unterhautgewebe.

Eine klebrige Substanz?

Die zwei Pärchen  – Junis und Ani, Selma und Edgar –  quälen sich seltsam unwirklich durch eine klebrig wirkende Substanz, erst langsam kommen sie wieder hoch und zu Bewusstsein und ekeln sich fürchterlich. Eine Stimme aus dem Off verkündet, wie im Märchen, Aufgaben. Sie sollen die Nacktschnecke von innen erforschen und sie dazu bringen, dass sie sich mit einer anderen Schnecke paart. Dann erst kämen sie frei.

Selma schreit, die anderen erstarren. »Wie viele Leben haben wir?« fragt Edgar. Das Publikum lacht, die Kurve ist genommen – ein mit Symbolen aufgeladenes, gleichwohl witziges Spiel, ein Ausflug ins Unbewusste und zu den unterhalb normaler Aufklärung liegenden, wirklich relevanten Fragen zur Sexualität.

Angstvoller Ekel vor dem weiblichen Geschlecht?

»Mädchen ekeln sich wohl weniger, weil sie selbst so viel Ekliges an sich haben?« fragt Junius Anni, die zwar entgeistert guckt, sich aber klug und selbstbewusst zu wehren versteht. Junius spricht allerdings ein für sexuelle Beziehungen zwischen Mann und Frau typisches Problem an – das des männlichen, oft angstvollen Ekels vor dem weiblichen Geschlecht. Mit all seinen Falten und der Feuchtigkeit erinnert die Vulva Männer an eine Wunde, in zahllosen Religionen gilt die Frau deshalb als unrein.

Die Begehren und Liebe noch nie erlebt haben

Der Mensch ekelt sich nicht nur vor Ausscheidungen und Körperöffnungen eines Fremden, sondern auch vor der Haut des anderen. Den Finger eines Fremden könnten wir nicht in den Mund nehmen, ohne uns zu ekeln, schrieb Thomas Mann. Die Liebe, so Mann, überwinde die Ekelschranke, die wir voreinander aufgebaut haben. Aber eben nicht zwingend. Viele Partner ekeln sich voreinander, vor allem in Zeiten flüchtiger Sexualkontakte. Und Jugendliche, die Begehren und Liebe noch nie erlebt haben, stellen sich die Angelegenheit häufig furchtbar eklig vor.

Weshalb für ein Stück über sich erst langsam anbahnende körperliche Annäherung unter Jugendlichen ausgerechnet die Nacktschnecke als Symbol gewählt wurde, liegt also auf der Hand: Sie ist klebrig-eklig.

Skurrile und witzige Phantasie, nie Lehrveranstaltung

Wie sich die beiden Paare zurechtfinden, ihre Aufgaben zu lösen beginnen, wie sie dabei ins Gespräch kommen oder zu einem ersten Kuss, und es dabei die ganze Zeit um Aufklärung geht, man aber nie an eine wissenschaftliche Lehrveranstaltung denken muss – das hat was. Und ist der so skurrilen wie witzigen Phantasie geschuldet, mit der »Das Nacktschnecken-Game« von Regisseurin Maria Lilith Umbach inszeniert wurde, nach dem gleichnamigen Stück der Autorin und Kolumnistin Kirsten Fuchs.

Bis du nicht mehr aufstehen kannst

Sex als Gewaltandrohung: Die Jungen sollen 100 verschiedene Begriffe für Geschlechtsorgane aufschreiben. Toilettenzeichnungen fallen ihnen ein, die Begriffe sind sexistisch, brutal, es sind abfällig Bemerkungen über Frauen: »Ich fick dich, bis du nicht mehr aufstehen kannst!« Gewalt durch Sex? Das Gesetz, nach dem sich dies entwickelt, geht so: Ekel, der die weibliche Vulva besetzt, fördert Angst, Angst wird durch Gewalt abgewehrt, Gewalt verhindert Liebe und Genuss.

Noch immer nicht überwunden

So erklärt das Stück ganz nebenbei, weshalb Sexualität so oft mit Gewalt vermischt wird? Die weibliche Vulva wird dann nur noch als ein zu durchbohrendes Etwas betrachtet, der Penis als ein Gewaltorgan, liebevolle Sexualität so bereits im Ansatz verhindert. Das alte Bild von der Sexualität als etwas Schmutzigem ist immer noch nicht überwunden.

Sexualität anders sehen

Eine kluge symbolische, so witzige wie wichtige Reise ins Unbewusste im Gewand eines PC-Games ist dem Grips-Theater hier durchaus gelungen. Vielleicht erleichtert es Jungen und Mädchen (ab zwölf), besser mit Gefühlen wie Angst und Ekel umzugehen, Hemmungen abzulegen, Sexualität anders zu sehen. Damit wäre auf jeden Fall etwas gewonnen. Eine echte Befreiung. Nicht zu mehr Verwertbarkeit weiblicher Körperöffnungen in Kaufakten, sondern zu mehr Behutsamkeit, Liebe und Zärtlichkeit in der körperlichen Lust.

————————————————————————————————–

Zwei Männer ganz nackt

Das Theater Vorpommern ist zu loben, besonders, da es andauernd mit Sparandrohungen zu kämpfen hat: Es spielt in Stralsund, Greifswald und Putbus, es hat  großartige Häuser, es hat ein eindrucksvolles Ensemble. Und es hat auch einen Standpunkt, der liegt immer auf Seiten der Armen, Erniedrigten und Beleidigten, es interessiert sich für regionale Probleme und ordnet diese ins große Ganze ein. Es lohnt sich statt Kino oder TV in dieses Theater zu gehen!

Es bietet auch Abwechslung: Klassik (Antigone, Premiere am 6.4.19 in Greifswald) Tragik, Kömodie, Humor (Kabarett Sägefische), Ballett, Musicals und Konzerte, Theaterfrühstücke und Kindertheatervorstellungen, es bleibt in vielen Gesprächen, in Vor- und Nachbereitungen, mit dem Publikum in enger Tuchfühlung.

Es ist kein Theater für Eliten, es ist ein echtes Volkstheater. Folglich hat es auch immer mit der Politik zu kämpfen, die es am liebsten los sein will.

Es ist ein kritisches Theater, mutig greift es Themen der Zeit auf und reflektiert sie, es ist ein Theater, was eine Botschaft hat, die es formuliert: Die Welt besser zu machen.

Ich sah mir kürzlich dort drei Aufführungen an, und kann einen Besuch dort nur empfehlen!

InZwei Männer, ganz nackt“ wird männliche Sexualität karikierend beleuchtet. Es ist zugleich die Sexualität unserer Zeit, schnell lässt man sich auf jemanden körperlich ein, nachts schleppt man jemanden ab, am nächsten Morgen wacht man neben einem Fremden auf.

In der Komödie von Sébastien Thiéry, französischer Autor, wachen zwei Männer, ein Chef und sein Angestellter eines morgens nackt, miteinander im Bett, in der Wohnung des Chefs auf. Sie sind geschockt. Was mit einer Angestellt-in vielleicht noch nachvollziehbar gewesen wäre, sozusagen im Bereich des Normalen gelegen hätte, ist hier jetzt ein peinlicher Skandal, der die beiden sofort in die höchste Komik katapultiert, denn keiner von ihnen kann sich erklären, wie das gekommen sein könnte, keiner von ihnen fühlt sich schwul.

Thiéry analysiert in diesem Stück ein interessantes Hierarchie-Phänomen zwischen Männern, nämlich das der latenten Homoerotik in männerdominiert geprägten Geschäftsverhältnissen. Da geht es um Anpassung, Opportunismus, Anerkennung, da geht es um Selbstwertstärkung und Anschleimung beim Chef, da geht es um Wassallentum, da ähnelt alles einer ewigen Suche nach väterlicher Anerkennung, die ins Homoerotische abgleitet.

In diesem Fall geraten sie immer von neuem in die peinliche Situation, spielen die ganze Zeit nackt auf der Bühne, bedecken sich nur zeitweise durch herabhängende Tücher und der Entdeckung durch die Ehefrau sind die köstlich-komischsten Momente gewidmet. Sie moniert allerdings nicht das Homosexuelle daran, sondern nur die Leugnung, die angeblichen Blackouts, die verzweifelt behaupteten Erinnerungslücken.

Tiefe Einblicke in Abspaltungen

Das Stück enthält tiefe Einblicke in die häufig vorkommenden Abspaltungen männlicher Sexualität, wie auch deren Warencharakter. Es kontrastiert diese den Wünschen und Ideen der Frau, die aber niemals im ganzen Stück eine etwa bittende oder dramatisch-hysterische Rolle inne hat, sondern wunderbar abgeklärt-analysierend und überaus schlagfertig und witzig mit der Situation umgeht.

Glänzend komisch

Das Stück wurde von Oliver Scheer glänzend komisch inszeniert, die drei Darsteller, Jan Bernhardt, als der Chef, Herr Kramer, Ronny Winter als Nicolas Prioux, sein Angestellter und Maria Steurich (Gast), als seine Frau, Catherine Kramer, spielen glänzend, in einem Rutsch durch, höchst konzentriert, in Körpersprache und Stimme super klar und kabarettistisch, und sie schaffen es, ihre Personen jeweils sehr unerwartet und daher geistreich zu entwickeln. Ein Stück, was belebt und hinterfragt, was Spaß macht und zum Denken anregt.

———————————————————————————

Weißer Raum – ein Eismeer

Im nächsten Stück, große Bühne, im „Weißer Raum“, geschrieben vom jungen Theaterautor Lars Werner, inszeniert von Reinhard Göber, geht es um Rechtsradikalismus.

Die Bühne ist dem Caspar-David-Friedrich-Bild „Eismeer“ angelehnt, in weiß gehalten, aber die Eisschollen sind in diesem Falle übereinander gestapelte Möbel.

Kennt die Szene

Lars Werner hat einen autobiografischen Zugang zum Rechtsradikalismus, er saß als aktives Mitglied der linken Szene in Dresden vor noch nicht allzu langer Zeit im Klassenzimmer mit genau den Leuten zusammen, die ihn am Abend imJugendzentrum überfallen haben. Man merkt Ihm an, dass er die Szene kennt, die Sprache, die Gesten, die Haltungen, alles wirkt sehr echt, sehr authentisch.

Fade Ödnis 

Der Inhalt des Stücks ist eine kompliziert verwickelte Geschichte, die sich einem erst allmählich erschließt und so spannungsreich wie ein Krimi daher kommt. Zu Beginn sitzt der überaus gelangweilte Sicherheitsmensch Uli ( sehr schön zerrissen spießbürgerlich gespielt von Mario Gremlich) auf einem Klappstuhl an einem stillgelegtem Bahnhof und ärgert sich über die fade Ödnis seines Heimatortes, in dem es kein Leben mehr zu geben scheint. Er begegnet einem Freund, Robert, ( Stefan Hufschmidt), der auch schon bessere Tage gesehen hat und nun als Pförtner arbeitet und dessen eigenartig umwölkte Existenz, seine eigentliche Arbeit als Spitzel oder auch nicht, nie ganz aufgeklärt wird.

Einen Afrikaner erschlagen?

Nach einem kurzen Plausch, bei dem es um den Sohn von Uli geht, der alsRechtsradikaler im Knast sitzt, bleibt Uli wieder allein und hört plötzlich einen Frauenschrei. Er springt auf, ruft, und läuft offenbar dorthin. Die Szene endet. Man erfährt aus dem nachfolgenden Zusammenhang, dass er einen Afrikaner erschlagen hat, der sich einer Frau, der Journalistin des Ortes, Marie, (sehr gut in all ihrer Widersprüchlichkeit gespielt von Maria Steurich), anzüglich genähert hatte. Danach Besuch im Knast bei seinem Sohn, der ihn als Redner „für die Bewegung“ rekrutiert.

Schuld, Mitschuld, Korruption

Das Stück verhandelt Fragen der Schuld, der Wort-Gewalt, die in echte ausartet, des Sensationsjournalismus und des Feminismus gleichermaßen. Die Journalistin Marie will nicht, dass der Mörder eines Afrikaners sich als ihr Retter aufspielt und sie dadurch eine Mitschuld trifft. Sehr gut ist auch die Figur des Jochen (Markus Voigt) konzipiert, des Redakteurs, der Marie immer wieder antreibt, sich mit dem Fall weiter recherchierend zu beschäftigen, da das die Auflage hebt. Die ganze Korruption der Journaille wird dadurch sichtbar gemacht.

Zweite rechtslastige Generation nach der Wende

Auch die rechte Gewaltvergangenheit des Vaters in den 90er Jahren kommt andeutungsweise in den Blick, was erschreckend klar macht, das nun, seit der Wende schon die zweite rechtslastige Generation in den „Neuen Bundesländern“ herangewachsen ist. Generationen, die sich abgehängt fühlen, aber auch der Verwahrlosung preis- und der kompletten Nichtakzeptanz der Besetzer-Gesetze hingeben, die ihre gesellschaftliche Klasse ins aus katapultiert haben.

Kälte und blühende Landschaften

Gesellschaftliche und moralische Zerrüttung wird deutlich, dazu eine ungeheure Kälte in allen Beziehungen. Statt blühende Landschaften ein Eismeer, in dem jeder des anderen Feind ist und Freundschaft zwar krampfhaft gesucht wird, in Ideologien, wie in der Familie, jedoch tatsächlich nicht erreicht wird. Sehr intensiv ist zb die Szene, wo der aus dem Knast entlassene Patrick nach seinem eigenen Sohn ruft, den zu besuchen, ihm die Exfrau, unterstützt durch die Mutter verweigert.

Erst kürzlich Kleistpreis

Die Inszenierung des Stückes „Weißer Raum“, Premiere 16.3.19 in Greifswald, und am 6.4.19 in Stralsund, ist deutschlandweit die zweite nach der Uraufführung in Recklinghausen, eine dritte Aufführung soll es demnächst in Hamburg geben. Der junge Lars Werner hat für sein Stück erst kürzlich den Kleistpreis bekommen. Hier wurde, wie Oliver Lisewski (Dramaturgie) und Reinhard Göber erklären, die letzte Szene des Stückes,in der einige Knoten aufgelöst werden, weggelassen. Das Publikum soll selber zu denken haben, fanden sie.
Sehr lohnenswerte Inszenierung!    Weitere Theaterempfehlungen hier

———————————————————————————

Zum Verschickungsheim-Projekt hier und hier

 

 

Kommentare

Es gibt 6 Kommentare für "Anja Röhl mit Theaterblog"

  • https://pagewizz.com/anja-rohl-liest-die-frau-meines-vaters-36846

    Fertich! Vielen Dank für die tiefen Einblicke in Ihr Leben! Wenn etwas nicht in Ordnung ist mit dem Text, gerne Bescheid sagen, hier kann man noch immer was ändern…Lieben Gruß, Gabi

  • Hannelore sagt:

    Guten Morgen Anja,
    Ferien – Kurheim, 1962-65 habe ich mein Anerkennungsjahr im Schwarzwald abgeleistet, meistens mit Kindern von 7-11 Jahren. Die Kinder waren sicher gut versorgt und aufgehoben, auch wenn die „Überzeugungsmethoden“ mancher Gruppenleiterinnen zum Essen fragwürdig waren. Immerhin wurde der Erfolg am Ende des Aufenthalts auch in Zunahme des Körpergewichts gemessen!
    Mir persönlich ist nur noch im Kopf, wie sehr mir die wenigen, aber oft tottraurigen Dreijährigen leid taten!

  • hartwig Nissen sagt:

    //Die ist kein Kommentar sondern ein kurzer Brief, eine Kontakt aufnahme//

    Hallo, Anja Roehl – ich habe den Link zu Ihnen bekommen von Frau Dettinger (Verein Heimkinder) Ich bin Autor und bin bei Recherchen für einen Roman, der sich mit ermittlungen in SH befasst, die plötzlich ins 3.reich reichen, auf ein Kinderheim auf Amrum gestoßen, das es schon damals gab. Frau D. meinte Sie koennte mir dazu
    etwas sagen. Vielleicht schreiben Sie mir kurz eine e mail? Vielleicht können wir telefonieren? )Ich werde auch zu Recherchen bald nach SH und Dänemark kommen, und könnte Sie evtl. auch treffen, wen Ihnen das behagt….
    Herzliche Grüße von Hartwig Nissen

  • anja sagt:

    Bin interessiert, melden Sie sich per mail bei mir, die mail steht auf dieser Seite unter Impressum

  • Belinda Glock sagt:

    ich habe ihre Seite heute entdeckt…. über die Kinderverschickungen (Hessen-Kinder) in den 60er Jahren . Leider gehöre ich dazu. Sie sammeln Berichte darüber und ich habe vor einigen Jahren angefangen, Informationen zu suchen. Ich war sehr froh, als ich vor einigen Jahren die Seite Küstenforum entdeckte, auf der Menschen schrieben, die dort waren, im Heim Köhlbrand und im Heim Ehlers, St.-Peter-Ording. Da haben viele Menschen geschrieben, die das gleiche erlebt haben wie ich, die heute, im Alter von über 50, immer noch an dieser Zeit und diesen Erlebnissen leiden. Es tröstet mich, dass etliche Köhlbrand-Geschädigte auch nach 40 Jahren wie ich in einer psychosomatischen Klinik waren. Ich war 6. Und wurde von meinen Eltern für 6 Wochen dorthin geschickt. Es war die grausamste Zeit meines Lebens. Ich habe mich, nachdem ich wieder zu Hause war, immer im Bad eingeschlossen, wenn ich mich wusch. Ich konnte keine Berührungen meiner Eltern ertragen, jegliche Art von Nähe ertrage ich auch heute nicht, ich hatte und habe eine ausgeprägte Abneigung gegen Frauen. Meine Briefe wurden zensiert, wenn meine Eltern anriefen, stand ein weiblicher Drachen neben mir, die Päckchen, die mir meine Eltern sandten, wurden konfisziert. Wenn einem das Essen nicht schmeckte, wurde man gezwungen, es zu essen. Erbrochenes bekam man wieder auf den Teller. Wenn man nicht sofort den Befehlen gehorchte, wurde man geschlagen, wer nachts ins Bett machte, musste in den Keller. Wir waren am Meer und in den 6 Wochen 2 mal am Strand. Wir wurden 6 Wochen lang indoktriniert, von Frauen, die früher in SS-Lagern Dienst taten, wie ich vor einigen Jahren erfuhr. Ich traute mich erst nicht, meinen Eltern etwas davon zu erzählen, aber eigentlich wollten sie es auch nicht wissen. Meine Mutter fragte mal bei der KK nach, weil ich so verwahrlost und gestört aussah, gab sich aber mit deren Erklärung zufrieden. Ich habe dort viele gräßliche Situationen erlebt, über die ich auch heute noch nicht reden kann. Ich habe mir Bilder dieses Kinderheims angesehen, ist inzwischen ein Mutter-Kind-Heim……..ich habe es bis heute nicht geschafft, dorthin zu fahren, noch nicht mal in die Nähe. Aber ich hoffe, dass ich es irgendwann schaffen werde und dann damit abschließen kann.

    Mit freundlichen Grüßen

    Belinda Glock

  • Georg Bergmann sagt:

    Hallo Frau Roehl,

    ich bin zum Thema „Kinderverschickung“ auf Sie gestoßen. Bin Betroffener des Seehospizes Norderney Ende der 50er Jahre. Habe an dem Thema schon länger gearbeitet und vor 3 Jahren ein Betroffenenmeeting in Bremen veranstaltet. Im Augenblick stehe ich im Kontakt mit dem Mutterhaus in Bad Harzburg um eine öffentliche Entschuldigung für die entsprechenden Straftaten und Traumatisierungen in der Einrichtung auf Norderney zu erreichen. Habe mich bislang mehr oder weniger als Einzelkämpfer um eine öffentliche Aufarbeitung gesehen und bin an der Tagung auf Sylt interessiert und ggfs auch bereit daran mitzuwirken. Ich würde mich um eine Kontaktaufnahme ihrerseits freuen. Tel: 0421 554841 oder georgbergmann@arcor.de

    Herzlicher Gruß

    Georg Bergmann

Kommentar hinzufügen