Anja Röhl

Ab heute heißt du Sarah – Jubiläumsvorstellung im Gips Theater

Sehr eindrucksvoll war gestern die 350.-Jubiläums-Gripsvorstellung des Stückes: Ab heute heißt du Sara. Das Stück wurde gespielt (montagehaft, in Bildern, nach Brecht´scher Methode (ähnlich Furcht und Elend des dritten Reiches) inszeniert, und anschließend saßen alle Hauptdarstellerinnen der letzten 27 Jahre mit der 93-jährigen Autorin des Buches: Ich trug den gelben Stern im Halbrund und beantworteten Fragen. 

Ein bewegender Abend, denn die Dramatisierung im Grips hat eine Menge bewirkt: Inge Deutschkron zog durch diese Arbeit wieder nach Deutschland/Berlin und blieb dort, über Hunderttausend Jugendliche und Erwachsene sahen das Stück an, das Thema Kinder und Jugendliche während der Nazizeit wurde neben dem Fall Anne Frank, in einer zweiten großen Geschichte in die Öffentlichkeit transportiert.

Durch List, Selbstbewusstsein und Frechheit

Die geladenen Hauptdarstellerinnen berichteten von ihrer Erfahrung während der Proben. Eine davon war, Inge Deutschkron selber kennengelernt zu haben, Sie lernten, sich „wie Inge fühlen“ wie man in der damaligen Zeit durch List, Selbstbewusstsein und Frechheit vielleicht manchmal,wenn man Glück hatte, überlebte.  Grundsätze der illegalen Arbeit, des Versteckens, der Menschenkenntnis und der Vorsicht mussten  entdeckt und entwickelt werden von einer 11-jährigen, die ihre ganze Jugendzeit während der 12 Jahre der Naziherrschaft verbringt.

Mit Gewalt, Gehässigkeiten und Terror Kinder infiziert

Sie erlebt den Abstieg ihres Elternhauses, sie erlebt, wie sich die Erwachsenen anpassen, ducken, wie sie im Staub kriechen vor den neuen Herren, die mit Gewalt, Gehässigkeiten und Terror selbst die kleinsten Kinder infizieren.  Daraus entwickelt Inge einen persönlichen Widerstandswillen und schafft es dadurch immer wieder, sich und ihre Mutter durch Schlauheit und Raffinesse zu retten.

Meist einfache Leute

Die letzte Sequenz beschreibt ihren Weg als Illegale, nachdem alle Juden für die Gaskammern abgeholt wurden,  von einem Versteck zum anderen hetzend, dazu die vielen Helfer, meist einfache Leute, allen voran der blinde Herr Weidt, der in seinem Betrieb für Bürsten einer enorm hohen Anzahl von Menschen geholfen hat. Seiner Fähigkeit sich durchzuschlagen ist ein einmaliges Denkmal gesetzt, aus der Popularität dieses Theaterstücks hat sich später die Initiative für das heute in den Hackeschen Höfen in Berlin gelegenen Weidt-Museum ergeben.

Woran erkennt man? Am Ohr?

Zur Jubiläumsvorstellung war die Hauptdarstellerin Kathrin Osterode erkrankt und Regine Seidler, die normalerweise die Ella Deutschkron spielt, hat ihre komplette Rolle übernommen.  Das war gekonnt und sie spielte sie mit großer Leidenschaft. Aber auch die Ella musste ersetzt werden, das hat ebenfalls aus dem Stand heraus eine andere Spielerin gemacht: Hanna Petkoff, ebenfalls glanzvoll, auswendig, ohne jede Unsicherheit.  Es gab überhaupt nur eine Spielerin, die mit Textbuch auf der Bühne war, dies fiel aber kaum auf, war als Zeitung getarnt und die Rolle wurde trotzdem mit viel Leben gefüllt. Thomas Ahrens als Vater Deutschkron, als gemeiner Möbelabholer und noch in weiteren jeweils völlig gegensätzlichen Charakteren, spielt zusammen mit Dietrich Lehmann nun schon lange nach seiner Pensionierung seit 27 Jahren in diesem Stück mit, Lehmann besticht durch ein punktgenaues Imitat eines Verwaltungsbeamten, er erklärt auf köstliche Weise, woran man seiner Meinung nach einen Juden erkennt, am Ohr, verhaspelt sich dann aber, da er sich doch nicht so sicher ist, woran denn nun, und für das Einstempeln des J in den Ausweis genau dasselbe Argument vorbringt, eine sehr witzige und einnalig die Naziideologie entlarvende Sequenz) Dann spielt er noch den Nazibonzen, und den Widerstandskämpfers Weidt. Großartig-leidenschaftliche Spielkunst!

Aus der Dialektik seiner Charaktere

Das Stück lebt also aus der Dialektik seiner Charaktere, das macht es Brechtinszenierungen ähnlich, es wirkt auch durch winzige Kleinigkeiten typisch, es stellt Entwicklung in vielerlei Form dar und es enthält prototypisch einen Ausblick auf eine Zukunft, da sich die Hauptpersonen trotz Unterdrückung nicht unterkriegen lassen.

Das weggestrichene Lied

In der nachfolgenden Diskussion deklamiert Thomas Ahrens ein weggestrichenes politisches Lied, aus dem Publikum wird verlangt, dass das wieder reingenommen werden müsse. Das Lied stellt Zusammenhänge her und ist kämpferisch, war es den heutigen Jugendlichen nicht mehr zuzumuten? Ich meine: Sowas brauchen sie gerade!

 

Kommentar hinzufügen