Anja Röhl

Alle vier Jahre mal ein Kreuz

Demokratie heißt Volksherrschaft

Demokratie heißt Volksherrschaft und bei uns herrscht das Volk analphabetisch, durch Kreuze. Alle vier Jahre ist es soweit, dass wir die Erlaubnis bekommen für einige Minuten in ein Wahllokal zu gehen um besagtes Kreuz machen zu dürfen, dann haben wir wieder vier Jahre lang den Mund zu halten. Die Politik machen bei uns Parteien, das sind so was Ähnliches wie Vereine mit einem bestimmten Programm, bei denen kann man mitmachen, einen Posten ergattern und auch mal was zu sagen haben. Dort werden viele Anträge begründet und abgestimmt und so kommt ein Programm auf dem Papier zustande, mit dem sich gut Wahlkampf führen lässt, über deren Umsetzung jeder anderer Meinung ist, was später in geheimen Ausschüssen beraten wird. Auf dem Programm sagen viele Parteien dasselbe, handeln tun sie durchaus unterschiedlich.

Warten bis zum nächsten Kreuzchen

Da das Volk vier Jahre warten muss bis zum nächsten Kreuzchen, hat es gelernt, gut zu beobachten, es schaut zum Beispiel, ob die Parteien das halten, was sie versprechen. Da kann es nur lachen, denn trotzdem alle Parteien „die Arbeitslosigkeit bekämpfen“ wollten, steigen die Zahlen der Arbeitslosen stetig an, was an der Faulheit der Leute liegen soll, wie die Politiker sagen und nicht daran, dass das Kapital durch das Anhäufen von immer mehr Profit in das Stadium eingetreten ist, was Marx das Barbarische nannte. Eine Art Größenwahn. Es dauert aber länger, das Handeln der Politiker genau zu beobachten, ob das gut oder schlecht für die Menschen ist und dann zeigt es sich ja erst nach dem Kreuzmachen, dass diese im Handeln möglicherweise Nieten sind. Dann hat man ein Problem und ist an der Nase herumgeführt, denn das nächste Mal darf man erst in vier Jahren wieder sein Kreuz machen. Politiker sollen auch eine Chance haben, heißt es.

Marianne Linke scheute nicht vor Kritik an Holter

Für Marianne Linke in MV war es gut, dass sie schon bekannt war, als sie gegen „Die Kanzlerin“ antrat. Viele erinnerten sich an ihre Tätigkeit im Schweriner Landtag, viele fanden sie glaubwürdiger als die, die uns seit Jahren regiert. Obgleich Letztere in einer Partei ist, hinter der das Geld steht, die die Medien in der Hand hat, der unbegrenzte Gelder zur Verfügung stehen und die sogar noch den Ostbonus hat. Marianne Linke aber ist nur die Kandidatin einer Partei, hinter der die Armen, Unzufriedenen und letzten DDR-Nostalgiker stehen, die der Verfassungsschutz für gefährlicher als die Rechten hält, deren Wahlkampf in jeder Hinsicht boykottiert wurde, und die kurz vorher sogar noch von ihrer eigenen Partei als Natter, die man am Busen gezüchtet hätte, bezeichnet worden war, weil sie wagte Kritik an hohen Funktionären zu äußern. Mit all dem hat sie die Linke in Stralsund, Rügen und Nordvorpommern auf  28, 6 % hoch gehoben, alle Achtung!

Stimmverluste  leichter als Stimmgewinne?

Wer Stimmen verliert, braucht sich keine Gedanken weiter zu machen, die Schuld schiebt er auf die Mitarbeiter, die falsch ausgesucht waren, die Wähler, die noch zu wenig aufgeklärt sind, die Medien, die ihm keine faire Chance geboten haben und Feinde in den eigenen Reihen, die ihn nicht leiden konnten und seinen Wahlkampf blockiert haben. Er kann sich zurücklehnen und überlegen, wovon er nun, da sich seine Zukunft nicht in den höheren Sphären der Politik abspielen wird, leben wird, er kann sich aus der Politik zurückziehen und andere machen lassen, er kriegt einen auf den Deckel, dann geht er. Wer Stimmen zugewinnt, hat es schwerer, auf ihm lasten die Hoffnungen vieler Tausender, die  nicht enttäuscht werden dürfen. Über 30.000 Menschen haben heute zum Beispiel, trotz tausendmal stärkerer Parteienwerbung der hochkarätigen Regierungsparteien, allein nur, weil sie ihrer eigenen Eingebung vertrauten, Marianne Linke als Kandidatin gewählt, obgleich sie wussten, dass diese gegen „Die Kanzlerin“ keine reale Chance hat. Sie haben es getan, weil sie sie für die bessere Politikerin halten. Nur halb so viele haben zum Beispiel die nette SPD-Kandidatin gewählt, obgleich diese sogar aus den höchsten Kreisen Unterstützung hatte, auch Günter Grass im Ozeaneum, mit schweren Anzugsmenschen, die eine Menge Leibwächter nötig hatten.

Man kann für Überraschungen sorgen

Man kann also doch immerhin etwas bewirken mit seinem Kreuz, man kann es anders machen. Sogar anders als die Meinungsforschungsinstitute prophezeien. Man kann für Überraschungen sorgen. Man muss sich dann Beschimpfungen gefallen lassen, dass man noch zu sehr in der Vergangenheit lebe, dass man am „Unrechtsstaat“ festklammere, dass man ewig gestrig sei und einer diktatorischen Idee hinterherlaufe. Die man gewählt habe, seien Stalinisten, Karrieristen, oder Terroristen, bei der Stasi oder alles zusammen. Aber das hilft alles nichts. In Wahrheit ist es anders, es sind die „modernen Zeiten“, die die Menschen zu den linken Ideen zurückbringen. Die vierjährig stummen Beobachter werden kritischer, Wut staut sich auf, die Lage wird erkannt, da will sich etwas wenigstens ein Stückchen weit bewegen.

Wählerstimmen bedeutenVerantwortung

30.000 haben heute auf die Schultern von Marianne Linke dieses Stückchen Hoffnung gelegt. Weil sie  ihren ehemaligen Chef kritisierte, weil es ihre Überzeugung ist, dass es falsch sei, die HartzIV-Regelung als richtig zu verteidigen, weil sie die Isolation in ihrer eigenen Partei riskierte, weil sie sagt, dass die DDR-Verteufelung nicht der realen DDR von gestern gelte, sondern die Angst zeige, die das Kapital heute vor den langsam erwachenden Menschen hat. Die Sorgen und Nöte von vielen Menschen klammern sich nun an Marianne Linke und der Linken als Partei hier im Norden fest.  Sie haben diese Partei gewählt, obgleich täglich Diskriminierungen linker Ideen durch den Äther gehen und sie sogar noch als Wähler beschimpft und beleidigt werden, nur weil man befürchtet, dass linke Ideen wieder im Kommen sind, dass die Menschen das Ende der Geschichte doch nicht so einfach schlucken wollen. Sie dürfen nicht wieder enttäuscht werden!

Das Zukünftige sichtbar machen

Jetzt gilt es in praktischen Handlungen, auch den kleinsten, immer deutlich werden lassen, dass es in jeder „Reform“ darauf ankommt, dass das Zukünftige, was man erreichen will, zum Beispiel Gleichberechtigung und Gerechtigkeit,  heute schon fühlbar wird, selbst im allerkleinsten Schritt. Bündnisse sind dazu nötig, müssen aber kein Einknicken bedeuten, es kommt nur darauf an, mit wem man sie eingeht. Nötig sind sie mit Bürgerinitiativen, mit unabhängigen Initiativen, mit armen Menschen und deren Organisationen, die Selbstorganisation fördern, mit einem einzigen großen Ziel: Der Veränderung des Bestehenden hin zu mehr Gerechtigkeit.  Dass wir eines Tages mehr machen dürfen als alle vier Jahre ein analphabetisches Kreuz und den Kapitalismus überwinden!

Kommentare

Es gibt 3 Kommentare für "Alle vier Jahre mal ein Kreuz"

  • Christiane sagt:

    Ja Anja – gut aber den Wahlkampf und das Ergebnis verlangen Kontinuität, das Vertrauenzu festigen und das haben die LINKEN durch jahrelange Kleinarbeit und Überzeugungsarbeit erreicht. Da helfen keine besserwissenden Zirkel, sondern Auseinandersetzung auf der Straße, am Infostand und „Klinkenputzen“. Alle vier Jahre reicht nicht, da wurde schon zwischendurch geackert. Die Kritik an H.Holter hat M.L. Stimmen gebracht, aber auch gekostet. Kontinuität in der Arbeit für mehr Gerechtigkeit,
    Bildung, gegen Altersarmut und nicht um Posten, Titel und Mandate, ob mit oder ohne Schlips, das erwarten die Wähler von uns.

    Antwort dazu: Ich glaube, dass das Kapital mit seinen ständig verschlechternden Bedingungen, selbst dafür sorgt, dass die Menschen mehr Sympathien für linke Ideen entwickeln, darunter stellen sie sich oft was ganz Konkretes vor: Mehr Gerechtigkeit zum Beispiel. Wichtig wird dann aber, dass man diesen Vorstellungen auch nach der Wahl gerecht wird und nicht, wie zB Holter nachher einknickt. Das nehmen die Menschen übel und dann, das lehrt die Geschichte, kippt Enttäuschung schnell in Wut gegen die, von denen man sich getäuscht fühlt.

  • Detlef Harnack sagt:

    Ich möchte hier dem Artikel weder widersprechen noch zureden – auch nicht dem Kommentar. Aber ich möchte eines meiner Manuskripte als Ergänzung hinzu fügen:

    Die zehn Gebote für den kritischen Bürger:

    1)Es gibt keine Meinungsfreiheit.

    2)Wir haben keine Demokratie.

    3)Anarchisten sind die wertvollsten Elemente unserer Gesellschaft.

    4)Gesetze sind dazu da, um auf ihre Verfassungskonformität und ihre Realitätsbezogenheit überprüft zu werden.

    5)Die Verfassung ist dazu da, um auf ihre Konformität zur Internationalen Menschenrechtskonstitution und ihre Realitätsbezogenheit überprüft zu werden.

    6)Der Staat und seine Organe haben grundsätzlich zunächst einmal unrecht; akzeptiere deren Aktionen erst nach gründlicher Überprüfung auf Gesetzlichkeit und Verfassungskonformität – ggfls. leiste (verfassungsmäßig basierten) Widerstand.

    7)Der Staat und seine Organe haben grundsätzlich für den Bürger 100%ig transparent zu sein; akzeptiere Auskunftsverweigerung und Geheimhaltung grundsätzlich nicht – betrachte sie auf Grund basisdemokratischer Grundsätze als humanitär illegal und reagiere entsprechend.

    8)Für die Leistungen des Staates zahlst Du Steuern – damit sind diese Leistungen finanziell ab geglichen. Akzeptiere keine weiter gehenden Gebühren, denn diese sind eine versteckte Doppel-Besteuerung und selbige ist illegal.

    9)Wenn der Staat von Dir Auskünfte begehrt, bedeutet dies Arbeit für Dich – es muss legal sein, für die sachgerechte Erteilung der Auskünfte eine angemessene Gebühr vom Staat zu verlangen, da der Staat keine Steuern an Dich zahlt.

    10)Merke: Betreibe den Gleichheitsgrundsatz generell und umfassend – das ist legal. Der Staat hat nicht mehr Rechte als Du selbst, was Deinen eigenen Lebensbereich an geht; alles andere ist verfassungswidrig, oder, wenn die Verfassung dies dennoch vor sieht, menschenrechtswidrig.

  • kiki sagt:

    Liebe Anja,

    vielen Dank für Deinen Blog. Selbst wenn meine Erfahrungen nicht so dramatisch waren wie Deine, tut es gut, zu lesen, dass andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

    Lange schon hatte ich das Bedürfnis, mir den Marienhof anzusehen. Vergangene Woche war es dann so weit. Der Marienhof existiert noch, ist jetzt aber ein Sanatorium. Marienhof Wyk Das Haupthaus im Fehrstieg 43 sieht genauso aus wie früher und heißt immer noch „Friesenhaus“. Heute ist dort ein Ferienheim der Polizei untergebracht. Gern schicke ich Dir Fotos.

    Im Januar 1971 wurden mein Bruder (4 Jahre) und ich (5 Jahre) in den Marienhof Wyk auf Föhr verschickt, weil meine Mutter operiert wurde und sich während ihres Krankenhausaufenthalts niemand um uns kümmern konnte. Ich weiß noch, wie sehr sie weinte, als sie uns in Lauenburg mit Schildern um den Hals in den Zug setzte. Zuvor hatte sie in mühevoller Kleinarbeit Namensschilder in unsere Kleidung genäht. – Wenn ich mir heute Kinder in dem Alter ansehe, erscheint es mir unvorstellbar grausam, diese Zwerge in die Obhut fremder Erzieher fernab von Zuhause zu geben. – Nach unserer Ankunft wurden wir getrennt! Mein Bruder sollte im „Friesenhaus“ bleiben. Er weinte so bitterlich, dass sich die Erzieher erbarmten und ihn schließlich bei mir im „Inselhaus“ unterbrachten. (Es existiert noch immer unter diesem Namen und liegt auf dem Gelände des Sanatoriums direkt am Strand.)

    Auch ich hatte aufgrund des strengen Regiments der Erzieher den Eindruck, dass sich unter ihnen Altnazis befanden. Wer ungezogen ist, würde in den dunklen Keller gesteckt, drohte man uns. Ich glaube, ein Junge wurde während unseres Aufenthalts dort eingesperrt. Auch wir mussten uns in 2er-Reihen aufstellen, wenn es zum Essen oder in den Waschraum ging. Das war allerdings auch in der Vor- und Grundschule der Fall. Und auch „in der Ecke stehen“ war eine gängige Strafe – in der Schule wie auf Wyk. Während des Essens musste ich in die Ecke mit dem Rücken zum Raum, nachdem ich mit meinem Nachbarn herumgealbert hatte. Ich erinnere mich auch an die Rohkostsalate. Bis heute hasse ich Apfel-Karotten-Salat. Zum Glück gestattete man mir, ihn ins Klo zu spucken. In der „Schwedenhalle“ mussten wir halbnackt mit geschlossenen Augen und Schutzbrille vor der Wand mit der Höhensonne stehen. – Heute basteln dort Kurgäste. – Den Geruch nach verbranntem Ozon werde ich nie vergessen, denn auch zu Hause hatten wir so ein Ding. Mittlerweile weiß man, dass die damals übliche harte UV-Strahlung Hautkrebs auslösen kann.

    Leider musste ich meinen 6sten Geburtstag im Marienhof verbringen. Besonders traurig war ich darüber, die Päckchen nicht selbst empfangen zu haben und öffnen zu dürfen. Ich erhielt wie alle anderen Kinder auch eine Zuteilung des Inhalts. Gern hätte ich selbst geteilt. Die Briefmarken auf den Postkarten von unserer Familie wurden herausgeschnitten – für arme Kinder, erzählte man uns. Noch Jahre später mussten mein Bruder und ich weinen, wenn wir uns diese Postkarten vorlasen. Wer weiß, was wir ins Unterbewusstsein verdrängt haben.

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