Anja Röhl

Anders als du glaubst – Berliner Compagnie – Rezension

Ein kleines Theater in Kreuzberg »Berliner Compagnie«, wartet seit Jahrzehnten mit politischem Theater ohne Zeigefinger auf. Kein Agitprop, dafür genaue Kenntnisse sind die Basis jeder Produktion, die sich am epischen Theater Brecht und am Konzept der Selbstentwicklung von Improvisationstheater nach Augusto Boal orientieren.

Ihre Stücke sind immer selbst geschrieben. Sie werden gemeinsam entwickelt. Mit ihnen touren sie durch ganz Deutschland. Globalisierungsgegner laden sie ein, Flüchtlingsorganisationen und Afrikasoligruppen. Aber zuerst spielt die Berliner Compagnie ihre Stücke im heimischen Zimmertheater in Kreuzberg, mit Blick auf das legendäre Bethanien, das einst von Ton Steine Scherben und ihren Anhängern besetzt und besungen wurde.

Analyse und Auseinandersetzung

»Anders als du glaubst« heißt ihre neueste Produktion. Es geht um die Analyse von und die Auseinandersetzung zwischen den drei großen Weltreligionen und Hauptideologien, jeweils durch eine Person vertreten: Eine Muslima, eine Christin, einem Rabbi, einem linken Atheisten und einem nihilistischen Skeptiker, die bei einer Podiumsdiskussion gemeinsam in die Luft fliegen und nun im Himmel auf die Erde hinabschauen und sich einzumischen versuchen. Nachdem sich zunächst nach ihrem Tod alle gegenseitig beschimpfen, wird ihnen klar, dass sie sich nicht mehr töten können und sie machen sich auf den Weg das Gute, was in ihren Religionen und Philosophien steckt, herauszufinden und es im Nathan´schen Sinne (wie in der berühmten Ringparabel) zur Wirkung zu bringen.

Die Toten wandeln unter den Lebenden

Dazu steigen sie nacheinander in Krisengebieten der Welt ab (Bukina Faso, Mali, Somalia, Israel, Uganda, Ruanda, Nigeria, The Gambia und Ghana) Ein skurriles Spiel beginnt, die Toten wandeln unter den Lebenden. Manchmal lachen sie sich kaputt, manchmal weinen sie, immer versuchen sie einzugreifen, oft vergeblich oder die Situation verschlimmernd, sie scheitern und ärgern sich.

Von Nutznießern der Macht und des Eigentums

Deutlich wird, dass ihre Religionen und Ideologien immer von Nutznießern des Eigentums und der Macht in anderem Sinne verwendet werden als gedacht, denn jedes hat sich aus einer ursprünglich mal systemkritischen Befreiungs- und Armutsbewegung entwickelt, jedes wollte trösten, lindern, Ungerechtes kritisieren, zum Gerechten hin verändern. Doch alles hat sich im Laufe der Zeit immer wieder mit Machtinteressen ungut verwebt. Dazu wird viel Aufdeckendes über die jeweils aktuellen Konfliktherde gesagt.

Figurengestaltung zugleich ernsthaft und karrikierend

Herausragend und sehr glaubwürdig spielt die junge Muslima, Selin Kavak, aber auch die christliche Pfarrerin, Angelika Warning,  macht ihre Sache gut, Ähnlichkeiten mit einer wegen Alkohol am Steuer zurückgetretenen Bischöfin sind rein zufällig. Die Figurengestaltung ist zugleich ernsthaft und karrikierend, sie sperren sich dadurch jeder Identifizierung, sie bleiben die Spieler, die sie sein sollen und die etwas zeigen wollen. Gesetzmäßigkeiten, Exemplarizität, etwas, was uns zum Nachdenken anreizen soll.

In großer Angst von ihren Sockeln zu stürzen

Köstlich die Szene, auch bildlich sehr schön, wo die fünf Darstellenden auf den einzigen Requisiten des ganzen Abends, fünf dunklen Marmorklötzen, umeinander turnen, sich dabei fast herunterwerfen, gleichzeitig festhalten, immer im Schwindel sind, in großer Angst, von ihren Sockeln zu stürzen, und dabei disputieren sie unentwegt weiter, versuchen sich, wie in einem seltsamen Tanz, gegenseitig zu verdrängen, und klären so den Zuschauer auf eine sinnlich erfahrbare Weise unterhaltsam auf.

Umfangreiches Themenheft

Wem das nicht reicht, der kann das wie immer umfangreich recherchierte Programmheft studieren. Darin werden alle hier verhandelten Themen vertieft. Das dürfte für ein Unisemester Geisteswissenschaften locker reichen.

Gott ist ein achtjähriges Mädchen

Gott spielt übrigens auch eine Rolle. Es ist kein strafender Übervater, sondern eine achtjährige Mädchenstimme aus dem OFF, die den Erwachsenen sagt, worauf es ankommt im Leben. Nie moralisierend, immer witzig-selbstironisch. Man denkt an Klaus und Erika Mann, an Mer Khamis’ Bühne, an Spaniens neueste Erfindung der Zimmertheater in Madrid. Dieses hier ist avantgardistisch, obschon es schon Jahrzehnte existiert, ohne jede Protektion.

Nächste Vorstellungen: 14.2.,15.2.,,21.2., 22.2..

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