Anja Röhl

Aufklären ohne zu entmutigen – zur Bedeutung Ulrike Meinhofs 2014

7.10.14, jw-feuilleton

Nicht der Wirklichkeit, der Wahrheit nachgehen – Ulrike Meinhof

(in: Bambule, Berlin 1971, S. 97)

Viele junge Leute wissen nicht mehr, dass Ulrike Meinhof bis 1970 als Journalistin eine große Breitenwirkung im gesamten deutschsprachigen Raum entfaltet hatte. Ihre Texte wurden von vielen Menschen gelesen, das Spektrum ihrer Leserschaft ging vom wertkonservativen, christlichen Intellektuellen bis zum subproletarischen Jugendlichen. Kaum jemand kritisierte so scharf, pointiert und überzeugend Restauration und Reaktion in der Bundesrepublik.

Was auch nicht mehr bekannt ist: Sie war eine wichtige Protagonistin der Heimkinderbefreiungsbewegung in Westdeutschland. (s.u.a. in Wensierski, Peter: Schläge im Namen des Herrn, 2006) Durch ihre Reportagen wurde das Elend der Heimkinder überhaupt erst kenntlich – als ungebrochene faschistische Kontinuität von Zucht, Ordnung und Wahn. Über Mädchen aus einem Westberliner Heim hat sie 1970 mit Eberhard Itzenplitz ein Fernsehspiel gedreht, das erst 24 Jahre später ausgestrahlt wurde. Denn zehn Tage vor dem ursprünglichen Sendetermin in der ARD hatte sich Ulrike Meinhof an der erfolgreichen Gefangenenbefreiung von Andreas Baader beteiligt. Danach war sie in den Untergrund abgetaucht. Sie wurde wegen »Mordversuch« gesucht.

Identität nie geklärt

Denn bei der Baader-Befreiung, die in einem wissenschaftlichen Institut in Westberlin stattfand, wo sich Ulrike Meinhof zusammen mit dem Häftling Andreas Baader treffen konnte, um über ein gemeinsames Buchprojekt zu reden, war dem Institutsangestellten Georg Linke in die Beine geschossen worden. Und zwar von einem vierten Mann, dessen Identität nie geklärt werden konnte (anders als die der Befreierinnen Ingrid Schubert, Irene Goergens und Gudrun Ensslin). Sie alle waren mit Baader durch ein geöffnetes Fenster gesprungen und dann mit zwei Autos geflüchtet.

20.000 Verfahren wegen vermeintlich staatsfeindlicher Handlungen

Diese Gefangenenbefreiung wurde unter vielen Jugendlichen und Intellektuellen bejubelt. Sie sahen darin eine endlich erfolgte Gegenwehr gegen die vom Staat ausgehenden Repressalien. Im Zuge der Proteste Ende der 60er Jahre gab es 20 000 Verfahren gegen junge Menschen wegen vermeintlich staatsfeindliche Handlungen – weil sie Mehl auf Politiker geworfen hatten oder Flugblätter für Arbeiter oder gegen den Krieg in Vietnam oder die Apartheid in Südafrika verteilt hatten.

Hinter den Eltern stehen die Lehrer

In diesem gesellschaftlichen Klima gründeten Baader, seine Befreier und noch paar andere 1970 die Rote Armee Fraktion mit der Hoffnung auf eine revolutionäre Umwälzung. Sie glaubten, »rote Armee aufbauen« zu können, wie es in ihrem Papier zur Befreiung hieß. Sie wollten die gesellschaftlichen »Konflikte auf die Spitze treiben«. Das Konfliktpotential stellten sie sich so vor: »Hinter den Eltern stehen die Lehrer, das Jugendamt, die Polizei. Hinter dem Vorarbeiter steht der Meister, das Personalbüro, der Werkschutz, die Fürsorge, die Polizei. Hinter dem Hauswart steht der Verwalter, der Hausbesitzer, der Gerichtsvollzieher, die Räumungsklage, die Polizei.«

Gegen den Krieg in Vietnam

Man positionierte sich gegen den Krieg der USA in Vietnam, dem damals schon zwei Millionen Zivilisten zum Opfer gefallen waren. Die RAF richtete sich gegen den Staat, nicht gegen die Individuen: »Die Frage, ob die Gefangenenbefreiung auch dann gemacht worden wäre, wenn wir gewusst hätten, dass ein Linke dabei angeschossen wird – sie ist uns oft genug gestellt worden – kann nur mit Nein beantwortet werden.«

Der westdeutsche Staatsapparat bezeichnete die RAF als »Kriminelle«, verfolgte sie aber als Staatsfeinde mit neuartigen Gesetzen, Fahndungsmethoden und Haftstrafen, die umstandslos auf die gesamte linke Szene ausgeweitet wurden. Und die linke Szene war damals noch sehr stark.

Von 6900 Ausschwitz-Beschäftigten 29 verurteilt

Eine heutige Geschichtsschreibung hätte dringend zu klären, inwieweit damals tatsächlich die Gefahr einer realen Refaschisierung drohte, denn zahllose Ämter in Legislative, Exekutive und Judikative waren immer noch mit Funktionären aus der Nazi-Zeit besetzt. Die wenigen verurteilten NS-Täter wurden ab Beginn der 50er Jahre vorzeitig aus den Gefängnissen entlassen worden. Von den 6900 Auschwitz-Beschäftigten wurden beispielsweise nur 29 verurteilt, davon neun in der BRD und 20 in der DDR.

Widerstandsrecht?

Als Mitglied der RAF wurde Ulrike Meinhof am 9. Mai 1976 erhängt in ihrer Zelle im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim gefunden. Die Gruppe hatte für ihre Verteidigung, das grundgesetzlich garantierte Widerstandsrecht, gegen einen ihrer Einschätzung nach erneut faschistisch agierenden Staat in Anspruch genommen. Doch der Staat ließ sich auf eine politische Diskussion nicht ein, gerade weil der politische Charakter seiner Repressionsbemühungen nicht zu leugnen war. Nicht nur von ihren Unterstützern wurden die inhaftierten RAF-Mitglieder Politische Gefangene genannt. Vom Staat wurden sie in Isolationshaft gehalten.

Ihre journalistischen Texte verschwanden aus dem öffentlichen Bewusstsein

Wurde das intellektuelle Wirken Ulrike Meinhofs von den bürgerlichen Medien zunächst aufgespalten in die »bürgerliche« Journalistin und die »verrückt gewordene« RAF-Mitgründerin, so war es in der BRD bald allgemein verdächtig, sich überhaupt mit ihr zu beschäftigen. Ihre journalistischen Texte, die sie bis 1969 für die Zeitschrift Konkret verfasst hatte, ( Meinhof, Ulrike: Die Würde des Menschen ist antastbar, Berlin 2004) verschwanden fast ganz aus dem öffentlichen Gedächtnis. Ihre Veröffentlichungen zur Heimpädagogik werden zwar manchmal erwähnt, aber so gut wie nie zitiert, ebenso kennt man ihre Texte zur Frauenarbeit nicht,  und undenkbar scheint es, sie in Fach- oder Schulbüchern zu zitieren.

Doktorarbeit aus Finnland

In der Öffentlichkeit herrschen negative Bewertungen vor. Meist erfährt man nur etwas über sie im Rahmen der Darstellungen des »bewaffneten Kampfes«. Ihr journalistisches Werk bleibt ausgeklammert.  Neben den Populär-Biografien, die zunächst vor allem mit bibliografischem Anhang, der sich aus Veröffentlichungen ihres Ex-Mannes speiste, über sie gedruckt wurden, kam es zu der Biographie von Jutta Ditfurth und seit 2010 zu der ins Deutsche übersetzten Doktorarbeit der Finnin Katriina Lehto-Bleckert.  Erst die letzten beiden Biografien beschäftigen sich eingehend mit ihrem journalistischen Werk. Die Doktorarbeit der Letho-Bleckert ist dabei sehr empfehlenswert und enthält umfangreiches unbekanntes Quellenmaterial sowie eine Fülle von Originalzitaten aus Briefen.

Eigene Lösungen auszuprobieren

Meinhofs journalistischen Texte sind aber wichtig, sie hatten auch deshalb einen so großen politischen Einfluss auf das Bewusstsein der neuen und alten Linken, der Linksliberalen und auf einen Teil des evangelisch-wertkonservativen Spektrums, weil sie den Lesern nicht Meinung aufgedrängen, sondern Wissen darlegen, begründet und dezidiert belegt.

Pointiert, genau und wissenschaftlich belegt

Sie zeigte schon in den 60-iger Jahren mit großer Argumentationsdichte  die Kontinuität typischer Wege von Benachteiligung auf: Kriegselend, Kriegstrauma, alleinerziehende Mütter, uneheliche Kinder,  Ungerechtigkeit der weiblichen Entlohnung der Arbeit, Fürsorgeerziehung, Heimaufenthalt, Psychiatrie- und Sträflingsschicksal. Dabei zeigte sie an jedem Punkt die gesellschaftliche Verantwortung der Politik für diese Phänomene. Sie wandte sich gegen die wissenschaftlich längst wiederlegte Annahme der aus der Nazi-Zeit stammenden Theorie der Vererbbarkeit devianten Verhaltens. Sie argumentierte dabei pointiert, genau und wissenschaftlich belegt in jedem popuär-journalistischen Kommentar.

Sie machte in ihren Kolumnen jeweils konstruktive, praktisch machbare politische Vorschläge und beschäftigte sich viel mit der Gegenkraft, die die unterdrückten Menschen schon von sich aus zeigten. Hier bewies sie großes Einfühlungsvermögen in Menschen. Dies sowohl in Führungskräfte, Staatsmänner, als auch in Menschen aller Schichten, deren Lage sie genauestens analysierte und beschrieb. Den Menschen aus den „Randgruppen“ widmete sie ihre besondere Aufmerksamkeit, war sie doch mit Herbert Marcus der Meinung, dass aus ihnen einst, wie vorher aus den organisierten Proletariern, bedeutende gesellschaftsverändernde Kräfte ausgehen würden. (s.a.: Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied, Berlin 1967 und München 2004)

Oft bezog sie sich auf Meinungsumfragen, Wahlergebnisse

Oft bezog sie sich zu Beginn ihrer Kolumnen auf Meinungsumfragen, Wahlergebnisse, öffentliche Reaktionen, sie wertete sie aus und zog ihre Schlüsse daraus, sie machte den Leser und seine Reaktionen zu einem Thema, sie spiegelte, was diese dachten und taten, wieder, sie analysierte die versteckten und heimlichen Reaktionen der Menschen, selbst die, die man als defensiv empfand, (wie psychosomatische Krankheiten) als Versuche, sich aufzulehnen und abzugrenzen, gegen das, was man ihnen aufdrängen wollte durch die Politik.

Aufklären ohne zu entmutigen

Ihre Kolumnen enthielten als Quintessenz, dass die Menschen im Grunde schon oft dabei sind, eigene Lösungen auszuprobieren. Sie appellierte nicht an die Fähigkeit ihrer Mündigkeit, im Sinne einer moralischen Aufforderung, sondern zeigte, inwiefern sich die Menschen schon da und dort und in besonderer Weise mündig gezeigt hatten.

Ulrike Meinhof konnte aufklären, ohne zu entmutigen. Das ist eine ganz besondere Fähigkeit. Denn Aufklären ist oft eine undankbare und mühselige Aufgabe.

Die literaturhistorische und ideengeschichtliche Auswertung der journalistischen Texte von Ulrike Meinhof steht aus. Das Urteil, das im Mai 1970 öffentlich über sie verhängt wurde, sollte nach 44 Jahren endlich einer Analyse weichen.

Quellen:

Meinhof, Ulrike: Bambule, Fernsehspiel; Buch (Bambule – Fürsorge, Sorge für wen?) Südwestfunk, 1970; Als Drehbuch erschienen Wagenbach, Berlin 1971, Neuauflage 2002).

Peter Brückner: Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse. Wagenbach, Berlin 1976

Erdem, Isabel:  Staatlicher und publizistischer Umgang mit der Stadtguerillabewegung in der BRD,Neue Kritik aus Schule und Hochschule • Heft Nr. 6 • Februar 2004 )

RAF, Das Konzept Stadtguerilla, April 1971; Dokumentiert in: Rote Armee Fraktion – Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 30

http://www.zeit.de/2013/29/berufsverbote-radikalenerlass-1972: Nazis rein, Linke raus

Spiegel, 25.8.14: Von ca 6900 Ausschwitzbeschäftigten waren nur 29 verurteilt worden, davon 9 in der BRD und 20 in der DDR

Letho, Katriina:Ulrike Meinhof 1936-1976, tectum verlag 2011)

Paul Brune: Heimkinder, Straffällige, Psychiatriekranke. NS-Psychiatrie und ihre Folgen, DVD + Begleitheft, 2005)

*Warum wurde nach dem Mann, der bei der Baader-Befreiung geschossen hat, nie gefahndet, warum wurde seine Identität nie zweifelsfrei aufgedeckt? Siehe dazu die spärliche Forschungslage:

http://www.rafinfo.de/hist/kap04.php: „Die vier Befreier – Ingrid Schubert, Irene Goergens, Gudrun Ensslin und der Mann, der auf Linke geschossen hatte (seine Identität wurde nie geklärt) entkamen zusammen mit Baader und Meinhof durch ein Fenster und fuhren in zwei Wagen davon.“ 

Regine Igel: Terrorismus-Lügen, München 2012, S. 49–56: …vermummter Mann, der die Schüsse abgab, bei dem es sich nach Recherchen der Journalistin Regine Igel um den 1939 geborenen Hans-Jürgen Bäcker gehandelt haben soll. Klar ist es also nicht und wurde je nach ihm mit einem riesigen Fahndungsplakat inklusive 10.000 DM Belohnung gesucht?

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