Anja Röhl

Der Unsinn der Ritalin-Diagnose

in junge welt vom 19.11.2009 / Wissenschaft & Umwelt

Wählt man im Hirn immer die falschen Straßen, werden sie breiter: Eine Polemik gegen den massenhaften Ritalin-Konsum

In Zeiten des Massenfernsehkonsums und der »Hartz IV«-Kinderarmut hat sich die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu einer handfesten Massenhysterie ausgewachsen. Verschrieben wird gerne das Amphetamin-ähnliche Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin. Im Jahr 1985 gab es in der BRD etwa 150 Ritalin-Kinder. 2006 waren es ungefähr 600 000. Es gab selbstverständlich auch in den 80er Jahren Konzentrationsschwächen, Aggressionen und Unruhe bei Kindern. Viele verschiedene Ursachen wurden diskutiert. Heute zieht man sich immer mehr auf die Veränderungen im Hirnstoffwechsel zurück. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther hat in seinen »Alm-Projekten mit Ritalinentzug« bewiesen, daß einfache Outdoor-Aktivitäten Ritalin ersetzen können. Die Botenstoffunregelmäßigkeiten an den Synapsen sind nicht genetische Ursache der ADHS, sondern Folge von Angst, Vernachlässigung, Fernsehkonsum u.ä.. Verschrieben wird dagegen Ritalin.

Verhaltensgestörtenpädagogik war immerhin noch bemüht um Ausdifferenzierung

Seelische Probleme von Kindern wurden in der Pädagogik von jeher als Verhaltensstörungen bezeichnet, eine Diagnose, der auch nach Meinung ihrer exponierten Vertreter etwas Diskriminierendes anhaftet, da sie in der Regel aus einem pädagogischen Gefüge heraus gestellt wird (ob jemand die Gemeinschaft stört, unkonzentriert ist, durch Anderssein auffällt) und sich nicht am subjektiven Leiden des einzelnen orientiert. Trotzdem bemühte sich die Wissenschaft der Verhaltensgestörtenpädagogik noch um Ausdifferenzierungen und multifaktorielle Ursachenforschung. Viele Ratschläge liefen auf elterliche Erziehungsbemühungen hinaus. Diese Mühen scheinen sich heute mehr und mehr zu erübrigen. »Verhaltensstörungen« werden unter ADHS subsumiert, die betroffenen Kinder werden über die Eltern zum Ritalinkonsum angeregt. Das künstliche Aufputschmittel bringt sie zum »Wieder-Funktionieren«.

Wie eine Seuche

ADHS hat sich ausgebreitet wie eine Seuche. Jeder Arzt weiß nach einer fünfzehnminütigen Kurzdiagnose – ohne jedes pädagogische Wissen, denn er hat ja Medizin studiert –, daß diesem und jenem Kind nur Ritalin helfen kann. Das Eindringen der Medizin in dieses pädagogische Fachgebiet hat zu einer Pathologisierung ungeheuerlichen Ausmaßes geführt und zu einer Verbreitung dieser »Krankheit«, die dem Gesetz folgt, daß da, wo sich Ärzte niederlassen, mehr Menschen krank werden. ADHS gilt als multifaktoriell bedingtes Störungsbild mit einer erblichen Disposition. Auf neurobiologischer Ebene wird von »striatofrontaler Dysfunktion«, von »verringerter Aktivierung im rechtsseitigen präfrontalen System« und »vermindertem Glucose-Umsatz im linken Frontallappen« sowie einer »erhöhten Dopamintransporter-Konzentration« gesprochen (et al. in: Lancet 354; Dreel et al. in: Eur. J. Nucl. Med. 25). Klaus-Henning Krause vom Friedrich-Baur-Institut an der Ludwig-Maximilians-Universität München hat sich mit dem dopami­nergen System von ADHS-Patienten beschäftigt und nachgewiesen, daß in den präsynaptischen Membramen zu viele Transporterproteine für Dopamin vorhanden sind. Folge: Zuviel Dopamin wird aus dem synaptischen Spalt in die präsynaptische Nervenzelle zurücktransportiert. Was also ist ADHS? Eine Krankheit. Welche Erleichterung für Eltern, Lehrer, Erzieher und die Betroffenen selbst!

Ursache oder Folge?

Diese neurobiologischen Forschungen besagen aber nur eines: Es gibt bei den ADHS-Kindern ein Dopaminproblem. Inwiefern ist dieses Problem nun aber Ursache oder Folge von anderen Problemen? Das wäre der zu klärende Tatbestand. Dazu sagen die Forscher nichts. Und so steht die Lösung bereit: Das Dopaminungleichgewicht »normalisiert sich durch die Behandlung mit Methylphenidat« – schluckt Ritalin! Man redet von »Begleitfaktoren« und weiteren Bedingungen, aber durch den körperlichen Befund an den Synapsen und Untersuchungen, nach denen Geschwister von ADHS-Erkrankten angeblich drei- bis fünfmal so häufig erkranken, wird suggeriert: vererbt. Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, ein niedriges Geburtsgewicht, Infektionen, Schadstoffe, Erkrankungen oder Verletzungen, Alkohol und Nikotin sinken auf den Status von begleitenden Risikofaktoren herab. Die Vererbungsthese wird bereitwillig aufgenommen. Sie ist bequem. Da muß man nichts tun, sich keine großen Gedanken um verborgene Ursachen machen, die man aufdecken müßte. Da muß man sich nicht mitverantwortlich fühlen. Da ist die »Krankheit« schuld, und es braucht Tabletten.

Dopaminungleichgewicht als Folge von Deprivation

Es gibt schon lange auch Forschungsergebnisse, die Dopaminprobleme auf Deprivation, Anregungsarmut, Bindungsschwächen oder Angstgefühle zurückführen (sogar in Stellungnahmen der Bundesärztekammer zur ADHS). Der Hirn- und Lernforscher Manfred Spitzer (Universitätsklinikum Ulm) spricht in seinen Vorträgen viel von Veränderungen am Synapsenspalt durch Einübung. Seiner Meinung nach wachsen Synapsen durch Gebrauch. Wählt man immer die falschen Straßen, werden diese breiter. Er hält den Fernseh- und PC-Konsum der Kinder und deren oft eintönige Lebensumwelt für wesentlich. Das könnte jedenfalls den enormen Anstieg dieser Verhaltensauffälligkeit erklären.

Wiederkehr der Eugenetik ?

Einst schloß man aus Augen- und Haarfarbe, Kopf- und Nasenformen auf Charaktereigenschaften. Ungezählte Messungen wurden vorgenommen. Am Ende standen Millionen ermordeter Menschen. Heute bemüht sich die Pharmaindustrie, deutlich zu machen, daß genetisch bedingte Hirnstörungen hinter den Problemen von Kindern und Jugendlichen stecken. Soziale Verelendung? Ach was! Sonder- und Heilpädagogik, Förderprogramme, Inklusion und Integration? Überflüssig. Pharmazeutik gegen die Hirnstörungen und Ausschluß der Unverbesserlichen. Fröhliche Wiederkehr der Eugenetik!

Quellen:

  1. Otto Speck: Hirnforschung und Erziehungshilfe – Neurobiologische Chancen und Begrenzungen, in: VHN, 3/2009, Reinhardt Verlag
  2. Marianne Leuzinger-Bohleber, Yvonne Brandl, Gerald Hüther (Hrsg.): ADHS – Frühprävention statt Medikalisierung. Theorie, Forschung, Kontroversen. Schriften des Sigmund-Freud-Institutes Bd. 4. Göttingen 2006,
  3. Gerald Hüther: Biologie der Angst – Wie aus Streß Gefühle werden. Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen 2005, ISBN 3-525-01439-2
  4. Richard DeGrandpre: Die Ritalin-Gesellschaft. ADS: Eine Generation wird krankgeschrieben. Weinheim/Basel 2002, Beltz. ISBN 3-407-85796-9
  5. Manfred Spitzer: Lernen und Gehirn: Der Weg zu einer neuen Pädagogik von Gerhard Roth, Manfred Spitzer, und Ralf Caspary von Herder, Freiburg (Broschiert – Mai 2009
  6. Links:
  7. http://www.dradiowissen.de/adhs-die-erfundene-krankheit.35.de.html?dram:article_id=15924
  8. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/adhs-burnout-depression-forscher-warnen-vor-millionen-scheinpatienten-a-836033.html
  9. http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/pharmazie/news/2012/02/12/ein-goldesel-fuer-die-pharmaindustrie/6489.html
  10. http://pravdatvcom.wordpress.com/2013/05/09/beichte-auf-dem-sterbebett-adhs-gibt-es-gar-nicht/
  11. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/adhs-hamburger-kinder-bekommen-am-meisten-methylphenidat-a-914125.html

Kommentare

Es gibt 8 Kommentare für "Der Unsinn der Ritalin-Diagnose"

  • hallo frau röhl …
    hier eine ihrer seminarteilnehmer 🙂 aus genau diesem grund sind sie eine mit der bestern seminarleiter die ich bis jetzt kennenlernen durfte … eine frau die mit liebe und voller überzeugung ihres tuns ihr wissen an uns weiterleitet…

    liebe grüße von stefanie beyer und P.S.:

    immer dran denken 😉 ich war von diesem kind nicht mehr genervt , weil ich das kind in seinem verhalten verstanden habe 🙂

  • rechtschreibfehler sind unbeabsichtigt und einfach zu überlesen 😉

  • […] Thema können Sie beim DKSB Stralsund einen Vortrag zu buchen, diskutieren Sie mit uns über den “Unsinn der Ritalin-Diagnose” . Für Kitas, Schulen, Lehrer und andere […]

  • Sg. Frau Röhl,

    Ich habe ADHS seit meiner Kindheit, und wenn ich ein Buch über ADHS für Erwachsene in die Hand nehme, so lese ich dies wie eine Autobiographie. Ich las Ihre Webseite mit Begeisterung. Denn wieder einmal konnte ich feststellen, dass es nur Befürworter oder Gegner geben kann. Bei uns Menschen ist das ebenso. Schwarz oder Weiß. Ich weiß nicht aus welcher Fachrichtung Sie wirklich kommen. Ob sie nun Psychologie, Medizin oder Neurobiologie studiert haben, doch eines weiß ich genau: Selbst als die Seefahrer, die beweisen konnten, dass die Erde keine Scheibe war, von Ihrer Reise längst zurückgekommen waren … beschimpfte man sie seitens der Fakultäten (und das waren alles Professoren und Wissenschaftler) noch immer als Ketzer.

    Ein Herr Gerald Hüther hat nichts anderes bewiesen, als das wenn ADHS-Betroffene weniger Umwelteinflüssen (wie Handyspiele, Gameboy, Fernsehen, Computer … etc. etc.) ausgesetzt sind – und diese durch Freizeitaktivitäten ersetzt werden, wo auch noch Dopamine durch viel Bewegung abgebaut werden – übrigens ein guter Tip für viele ADHS-ler : einfach 2 mal am Tag work-outs – damit lassen sich dann Verbesserungen bis zu 30% erzielen) – fast wie normale Menschen „funktionieren“. Das ist es aber auch schon! Das hilft den Kindern welche diese Störung haben aber wenig.

    Ich selbst bin auch kein Freund von Drogen – sondern würde mir wünschen, wenn es andere Möglichkeiten gäbe. Mein ganzes Leben musste ich mich „durchschwindeln“, verlor Jobs weil ich unkonzentriert und vor allem vergesslich war. So etwas wie einen geistigen To-do Zettel habe ich nicht. Spätestens beim Auto angelangt, habe ich bereits vergessen wo ich hinfahren wollte … sicherlich aber das nächste Anfahrtsziel.

    Ich wünschte Ihnen diese, das Leben zeichnenden Unzulänglichkeiten mal für ein Monat auszuprobieren. Sie hätten schon in kurzer Zeit Freunde und vor allem Ihren Job verloren … vor allem aber würden sie das Thema wohl etwas anders betrachten.

    Meines Erachtens liegt der wahre Fehler darin, dass kein Mediziner Ritalin so einfach verschreiben sollte, denn wie sie selbst sagen (und wir ja alle wissen sollten) ist oder sollte die Diagnose von ADHS eine sehr aufwendiges Procedere sein, das man bestimmt nicht in 15 min. erledigt haben DARF. Die Richtlinien zu solch einem Diagnoseverfahren sind aber schon seit langem festgelegt. Wenn diese Mediziner also Ritalin so leichtfertig verschreiben, dann sollen jetzt nicht diejenigen dafür büßen müssen, welche Ritalin zu Ihrem Vorteil verschrieben bekommen, weil solche Leute wie Sie, die eben nur Schwarz oder Weiß sehen können, oder falsche Rückschlüsse wie Herr Hüther machen. Ganz im Gegenteil es sollten Ärzte daran gehindert werden, derartig voreilig und schnell diese Medikamente zu verschreiben.

    Ich würde Ritalin gerne mal austesten – bekomme es aber aufgrund der österreichischen Gesetzeslage nicht. Wahrscheinlich würde ich mich dann besser konzentrieren können, nicht mehr so impulsiv sein, aufgrund der dann ruhigeren (Adrenalinfreieren) Lebensweise auch nicht so zerstreut und pünktlicher sein.

    Ich spreche einige Fremdsprachen, bin IT-Fachmann und habe viel andere Fähigkeiten … bin aber leider, obwohl ich mich immer wieder aufraffe um dagegen anzukämpfen – denn eines kann man mir nicht nachsagen – „faul zu sein“ – nicht im Stande einen Job zu halten. Und dabei wäre Ritalin doch günstiger für den Staat als mir Arbeitslose zu bezahlen.

    Christian

  • anja sagt:

    Ich betrachte das Thema durchaus differenziert, das Problem ist, dass der Mensch immer eine aus vielen Millionen Einflüssen zusammengesetzte Persönlichkeit ist, die Idee, mit der Diagnose ADHS eine einfache biologische Erklärung für Unkonzentriertheit u.ä. gefunden zu haben, ist zwar bestechend, aber sie wird sich als grundsätzlich unzulänglich erweisen, Dopaminmangel und/oder -überschuss sind Stress-Symptome, die bei vielen verschiedenen psychiatrischen Syndromen zu finden sind, der Streit, was war zuerst, das biologische Ungleichgewicht der Hormone oder der durch eine Mischung von tausend verschiedenen Ursachen hervorgerufene äußere Anlass, der das Ungleichgewicht der körpereigenen Substanzen hervorrief, ist schon im Zusammenhang mit dem Diabetis recht gut erforscht, man muss sich das nicht monokausal vorstellen , sondern in Form eines Regelkreises, der sich selbst verstärkt, sollte ich auf Sie zu einseitig gewirkt haben, tut es mir leid, keineswegs wollte ich sagen, dass die Betroffenen selbst Schuld an ihren Störungen sind! Ritalin ist übrigens eine Art Aufputschmittel, ähnlich wirkt auch Kaffee trinken,
    Beste Grüße,

  • […] Der Unsinn der Ritalin-Diagnose […]

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