Anja Röhl

Die Zeitschrift L – mag ich nicht

In der populären, sich selbst zur „erfolgreichsten“ und „größten Lesbenzeitschrift“ (etwas mehr als 16.000 Auflage) erklärenden Glanzzeitschrift L. schreiben seit Längerem immer mehr kritische Frauen, inserieren Frauenbildungsstätten und werden Altlesben mit bewegter politischer Vergangenheit vorgestellt. Dazwischen allerdings finden sich lustige Sex-Spielzeuge die Penissen nachgebildet sind, in neckischen Farben und drolligen Nonnenformen, womit man die Kirche verhöhnen zu müssen glaubt, Sadoanzeigen von gefesselten nackten Frauen ohne Kopf, die man keinem Kind zeigen kann und andere Späßchen mehr, die auch noch als „erotic“ bezeichnet werden und die spießige, verstaubte Alt-Emanzen eben, weil sie verklemmt sind, nicht ab können, was die Jüngeren schnöde belächeln sollen. Schon seit Jahren tritt regelmäßig eine Frau auf den bundesweiten Lesbenberatungstreffen auf und führte ein Seminar zur Lockerung angeblicher Prüderei durch, wo sie Plastikpenisse herumreicht, Gelcremes und Läppchen austeilt, die kichernd von Hand zu Hand gehen, Geräte, die einer auch dann noch Sexualverkehr ermöglichen soll, wenn sie sich schon vor ihrer Partnerin ekelt.

Wozu einen Penis?

Welch eine Wandlung! Seit wann braucht eine Frau zum Lieben einen Penis? Waren es nicht gerade die Frauen, die einst in Frage stellten, das körperliche Liebe nur mithilfe des männlich erigierten Penis durchgeführt werden könnte? Und wenn ich also schon einen Penis benutzen soll, dann, muss ich ehrlich gesagt sagen, wäre mir der menschliche, der immerhin warm und weich ist, doch noch lieber als einer aus kaltem Plastik, wo das Lieben zur gegenseitigen Onanie verkommt. Aber, da ist ein Markt entdeckt worden und der ist, zur Freude entsprechender Konzerne, längst übergeschwappt auf die FrauenLesbenSzene, die sich ehemals durch glasklare und eindeutige Positionen gegen Pornografie, Gewalt, demütigende Frauendarstellungen und die Vorherrschaft des Patriarchalen in den Medien positionierte. Wie konnte es dazu kommen?

Gegen eine Sexualität der Unterordnung

Anke Schäfer, 73 Jahre alt, Gründerin mehrerer Frauenbuchläden, Frauenhäuser und Institutionen, langjährige feministische Lesbe, heute bei Safia aktiv, ist gegen die Teilnahme von Männern in Lesbenzusammenhängen, auch wenn sie im Kleid steckten, auch wenn sie schwul wären, auch wenn sie sich Transgender oder Umoperierte nennen würden, denn Männer hätten eine andere Sexualität als Frauen. Nicht von „Natur“ aus, sondern durch Sozialisiation. Ihre Sexualität sei sozialisiert auf das Muster Poligamie sowie Unter- und Überordnung. Würde das in Frauenzusammenhänge eindringen, würde das Patriarchale damit aus der Kritik genommen, eine Sexualität der Unterordnung widerspreche der auf Gleichwertigkeit basierenden Frauenliebe. Diese verblüffende Wahrheit machte mir klar, warum ich mich in Schwulenzusammenhängen deplaziert fühle. Ich sitze dann da, neben 40 Männern, als einzige Frau und fühle mich wie in eine fremde Welt versetzt. Wird doch hier die lesbische Frauenliebe, mit Selbstverstümmelung, Poligamie, Pädophilie, Sadomasochismus, Leder-Fetischismus, mit gewalttätigen und meist, da sie nicht wirklich befriedigen, suchterregenden Sex-Praktiken, mit teuren Instrumenten und Interieurs, mit Technik, Frauen- und Kinderhandel, in einem Atemzug genannt und hat so gar nichts mehr damit zu tun, was ich darunter verstehe.

Schwule Männer schneller Opfer der Sexindustrie?

Die schwulen Männer scheinen der Sexindustrie leider schneller und schon fast gänzlich zum Opfer gefallen zu sein, denn sie halten menschenfeindliche und selbsthasserische Praktiken für die „natürlichsten“ Varianten des Sexuallebens. Die CSD-Demonstrationen für Gleichwertigkeit und Toleranz, wurden selbst im kleinsten Provinzstädtchen von der Sexindustrie überrollt und sind sie zu mächtigen Aufmärschen boomender Industriezweige  geworden, die Konsum statt Liebe predigen, und teure Apparate vergöttern. Eine Verbindung zwischen Liebe und Sex erscheint ihnen nachgerade anrüchig. Im Gegensatz dazu die Tradition der Frauenliebe: Viele historische Frauenpaare haben uns vorgemacht, wie Frauen in solidarischen Freundschaftslieben ein ganzes Leben lang zusammenbleiben konnten, ohne das Muster „Unterordnung“ praktiziert zu haben, wir haben in den siebziger Jahren angefangen Unter- und Überordnung in erotischen Zusammenhängen anzuprangern. Leider ist gelungen, die antipatriarchale Schwulenbewegung von einst zu unterwandern und zu einer SM-Szene umzufunktionieren. Und das ist deshalb gelungen, weil Männer oft viel stärker mit den herrschenden Gesellschaftsschichten identifiziert sind, weil sie sich als Teil von ihnen sehen, da sie immerhin noch auf Frauen herabgucken können.

Männergewalt unumstößliche  Tatsache

Frauen werden im Laufe ihres Lebens zu 90 % Opfer von Männergewalt und vergessen das nicht so schnell. Diese Erlebnisse machen sie nicht schwach, sondern stark und aufmerksam gegen sexuelle Praktiken der Erotisierung von Unterdrückung, Macht und Zwang. Sie wehren sich gegen Sexpraktiken der Unterordnung. Ihre Entscheidung Frauen zu lieben ist meist eine freiwillige, mit der sie sich dem patriarchalen Prinzip widersetzen und ausscheren aus den unterdrückenden Strukturen zwischen Mann und Frau, die die herrschende Klassengesellschaft aufrecht erhalten helfen. Das machen sie entweder bewusst, als feministische Lesbe, oder unbewusst, als einzelne verletzte oder einfach nur stolze und aufrechte, nach Gleichwertigkeit und Gerechtigkeit strebende Frau. Diesem Anliegen fühlen sich auch heute noch viele Frauen, die Frauen lieben, die die lesbische Community aufgebaut haben, noch verpflichtet, wie lange aber? Tragisch ist, dass in den letzten Jahren eine amerikanisierte Glanzbroschüre die letzten autonomen Lesbenzeitschriften vom Markt gefegt hat, um fortan den Kurs zu bestimmen, den Frauen beim Lieben und auch sonst einschlagen sollen. Wie konnte das geschehen?

Wessen Interessen?

Wessen Interessen werden hier vertreten? Welches sind die Herausgeber dieser Zeitschrift? Das findet selbst heraus und ihr werdet staunen.

Lesben sind langweilig

Im Frühjahr 2006 schrieb diese Zeitschrift, sozusagen als „Antiwerbung“ zur größten unabhängigen, nichtkomerziellen Lesbenveranstaltung, dem  LFT (Lesbenfrühlingstreffen), dass es auf solch ein „verstaubtes Lesbentreffen“ kaum noch ankäme, da da sowieso kaum Frauen hingingen. Als dann doch 1500 Frauen dort waren, war dies ihnen noch nicht einmal eine Zeile wert. Kann es sein, dass deshalb emanzipierte Lesben und Schwule so oft als langweilig beschrieben werden, da sie der Sexindustrie kein Geld einbringen? Stellt euch vor, sie kommen ohne Geräte beim Lieben aus!

Hakenkreuze und Blut

Kann es sein, dass Leuten, die Geld verdienen wollen, Sexspielzeuge verkaufen nicht mehr ausreicht? Muss es als nächstes Eskalation, Blut und ein Hakenkreuz auf nackter Haut sein? Im schwullesbischen Magazin des selben Konzerns, der Siegessäule 1/06 , auf S.32 und 33, unter der Überschrift „Familienalbum“ konnte man Folgendes lesen: „Ich sehe einen Mann, der sich Gitter aus Nadeln vor Augen und Mund gestochen hat und einen Jugendlichen, dem Blutspuren wie Tränen über die Wangen laufen“. In derselben Ausgabe das Foto eines nackten jungen Mannes, der sich neben das Genital ein Hakenkreuz tätovieren ließ, sich den Arm aufgeschlitzt hat und sein Blut auf Hakenkreuz und Genital laufen lässt.

Gedenkartikel für Nazis

Kein Wunder, dass in einer anderen Homo-Zeitschrift, „Box“ 2004 , ein Gedenkartikel für die schwulen Nazis Röhm und Kühnen abgedruckt war. Frauenliebende Frauen, Lesben, Mädchen, denkt nach, wem ihr euer schwer verdientes Geld in den Rachen werft. Wieso müssen Männer Lesbenmagazine herausbringen, können wir das nicht selber?  Lasst euch auch nicht an der Nase herumführen, dass Gewalt zur sexuellen Lust und Erfüllung gehöre, was doch seit undenkbaren Zeiten immer nur ein Symptom für Enttäuschung, Verzweiflung und Selbsthass war.

Quellen: Berliner Institut für Faschismusforschung BIFFF

Kommentare

Es gibt 8 Kommentare für "Die Zeitschrift L – mag ich nicht"

  • Fraulenzen sagt:

    Danke an Anja Röhl für diesen hervorragenden artikel und rezension zu L-mag mag ich nicht . Ich mag diese zeitschrift auch nicht — ein unpolitisches boulevard-magazin, das mit viel reklame für die sex- und pornoindustrie werbung betreibt und dildos mit dem namen `dufter kumpel` an die lesbe bringen will.
    Auch das entspricht nicht meinem lesbischen frauenbild. Ich habe den eindruck, dass dieses magazin genau in das patriarchale muster passt – als lesbe fühle ich mich hier nicht repräsentiert und wende mich ab..
    llg Fraulenzen

  • Dana sagt:

    Ich mag die L-Mag auch nicht, wusste aber nicht, wer dahinter steckt. Deshalb danke für den wirklich guten Bericht darüber.

    Bei uns – ich arbeite ehrenamtlich in einem Frauencafe – ist heute beschlossen worden, dass wir diese Zeitschrift nicht mehr ausstellen und auch nicht mehr verkaufen.

    Da ist nur zu hoffen, dass andere es nachmachen werden und sie ordentliche Einbrüche haben werden. Dieser Text gehört in entsprechenden Foren bekannt gemacht.

    Feministische Grüsse von Dana

  • Amy sagt:

    Ja, die Verbreitung dieser Informationen ist wichtig und wird schon angegangen. Ungeheuerlich die Realität, wie weit die kommerz. sex-porno-industrie fortgeschritten ist und die `Bosse` die FrauenLesbenSzene unterwandern wollen und Lesben/Frauen für ihre zwecke missbrauchen.

    Auch aus diesem Grund finde ich es unverantwortlich, wenn sich eine porYes-Bewegung in den `Kreislauf` der inzwischen erschreckend weit fortgeschrittenen pornographisierten Kultur hineinbegibt. Das bedeutet für mich Unterordnung und verschafft der gesamten Porno-Sex-Industrie ein weiteres Alibi. Ein boomender Industriezweig, der auch vor den Kinderzimmern und Schulhöfen nicht halt macht – ein Industriezweig, der mit Gewalt, Frauenverachtung und Frauenhass einhergeht….

    Feministische Grüsse von Amy

  • Evelyn sagt:

    Was hier vorgestellt wird, das ist genau das Gegenteil von dem, was wir brauchen: Nämlich Beispiele für eine selbstbestimmte, facettenreiche und psychisch aufbauende Frauenliebe – die Konstanz zeigt, Verbindlichkeit und Rückhalt im patriarchalen Umfeld. Ein Gegenmodell also zu den Bildern der menschenverachtenden Porno-Industrie. Die Geschichte ist voll dieser tragfähigen Beispiele, diese Kultur ist aber dort, wo es wieder einmal nur um Geld und Sexualisierung der ganzen Gesellschaft geht durch den ultimativen Kick, ein bloßer Gegenstand der Verachtung.

  • Gabi sagt:

    Ich finde keine Worte mehr?????überall haben sie hre Hände im Spiel und verseuchen mit ihrer Frauenverachtenden Politik die ganze Welt.Danke das ihr mir die Augen geöffnet habt.

  • Gabi sagt:

    Frauen habt keine Angst die Wahrheit zu leben und auszusprechensie ist ein wichtiger Beitrag .für unser weiterkommen damit dienen wir anderen Frauen als Vorbild.

  • Andrea sagt:

    Liebe Anja,

    dein Artikel trifft wieder den Nagel auf den Kopf!
    Wer kauft denn „L“ ?
    Oder besser gesagt: Wer kauft jetzt noch „L“?

  • Starberry sagt:

    Ich finde L-Mag auch nicht besonders gut, nicht nur wegen der Dildowerbung. Auch wegen dem Frauenbild, das dort vermittelt/ ausgestellt wird. Ich finde, dort wird die butch-and-femme Schiene zu sehr gefahren. Damit werden alte, patriachalische Rollenmuster in das Leben von Frauen/ Lesben hineingebracht. Das muss finde ich nicht sein.

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