Anja Röhl

Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch – Rezension

Companie

Ein kleines Off-Theater im Hinterhof der Muskauer Straße 20 A, wo die Berliner Compagnie spielt, eines der ältesten linken Theaterspielstätten Westberlins. In einer Wohngemeinschaft, die Bühne durch schwarze Tücher abgetrennt, wo als Bühnenbild eine einzige Leiter dient, die Haus, Bahre, Zelt, Trümmergrundstück, Karren und Zuflucht darstellt, wird die Geschichte des dreißigjährigen Krieges in Afghanistan erzählt, erlebt von der Familie von Safora und Raschid, deren Kindern, Hakim, Asisa, Amir, Leila und Nasima und deren Nachkommen, Yunus, Schirin, Nana und Sonja.

Menschen müssen Namen und Gesicht bekommen, damit wir uns das Entsetzliche vorstellen können. Menschen müssen wir lieben und trauern sehen, damit wir ihnen nah kommen. Von der afghanischen Revolution im Jahre 1978 bis zum Jahre 2046, wo eine Atombombe auf den Irak fällt, wird Geschichte am Beispiel einer Familie beschrieben. Zuerst erhellt sich  Vergangenheit, dann klärt sich die Gegenwart, schließlich lässt einen der Ausblick in die Zukunft schaudern. Wer den Roman „Drachenläufer „ las, kann nachempfinden, wie  das einst blühende Land und seine Menschen sich in Bilder auflösen kann, die einem nie wieder aus dem Kopf gehen. In diesem Fall schafft die Berliner Compagnie es, mit Hilfe von Verwandlungs- Erzähl- und Spielkunst, einigen wenigen Kostümen und einer einzigen hölzernen Leiter, Geschichte nachfühlbar zu gestalten. Wunderschön: Der Gesang des mohn-süchtigen russischen Soldaten: Unsterbliche Opfer …,. Humorvoll: alle Einlagen, in denen Politiker karikiert werden.

Das ist unser Krieg

Zwanzig Zuschauer sitzen wie gebannt auf den mit Kissen belegten Bänken, beklemmt wankt man nachher von den Stufen herab: Das ist unser Krieg, den unsere Regierung, die sich doch so menschenfreundlich demokratisch gibt, von ihren gläsernen Regierungstempeln aus steuert, während unter ihnen an den Spreewiesen friedlich die Liebespaare schlendern. Fragt uns keiner nachher, was habt ihr getan? Wo wart ihr gewesen? Die Berliner Companie fragt uns das mit diesem Stück. Sie fragt uns das, indem sie uns einfach nur eine Geschichte erzählt, die sich dort jeden Tag vor unseren Augen abspielen könnte, wenn wir hinschauen würden. 6 Schauspieler spielen die Geschichte eines ganzen Landes und wir sehen alles vor uns, alles! Als ist, als seien wir durch die schwere, eiserne Tür der Hinterhof-WG nach Afghanistan gereist um zu sehen, zu verstehen, zu fühlen, mit dem einen großen Ziel, nachher nicht mehr mitzumachen.

 Gute Arbeit, solide schauspielerische Leistung, beste Recherche: Zum Nachlesen gibt es ein ganzes Buch mit Belegen. Unbedingt sehenswert!  Und noch etwas schafft die Berliner Compagnie: Die Beklemmung beim Miterleben, wie die Familie am Ende beinahe ganz ausgelöscht wird, kippt nicht ins Resignative, sondern macht einem Wut und Mut.

 Nächste Vorführungen: Freitag, 19.2., Sonntag, 21.2., Montag, 22.2.  Das Theater ist hauptsächlich als Gasttheater unterwegs, es kann gemietet werden: für Gewerkschafts-, Rosa-Luxemburg-, Jugend-, und Anti-Kriegs-Gruppen bestens geeignetes Polittheater mit auch noch vielen anderen guten Stücken: Kontakt über: karin-fries@berlinercompagnie.de

Um Deine Nachbarn zu überfallen

Brauchst du Öl, Räuber.

Wir aber hausen an der Straße

Die zum Öl führt,

Deine Nase aus dem Tank hebend

Nach Öl zu schnüffeln

Hast du unser kleines Land gesehen.

Du hast unsere Oberen zu dir befohlen.

Nach einem Feilschen von zwei Stunden

Haben sie uns an dich verkauft (…)

Unser ganzes Land

Mit seinen Gebirgen und seinen Flüssen

Nahmst du in dein Maul auf einmal

Und die Berge stachen dir aus der Backenhaut

Und die Flüsse liefen dir aus dem Maul

Und dann zermalmtest du es mit deinen Raubtierzähnen

                                                                                                                                                       Bertold Brecht, 1941

Kommentare

Es gibt 1 Kommentar für "Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch – Rezension"

  • Bundi Orsolina sagt:

    Liebe Leute,
    wie ist doch ein „altes+ Gedicht immerwieder neu wahr.
    Es wäääääre wunderbar , wenn Eure Stücke vermehrt in der Schweiz
    gespielt würden.
    Wenn ich mehr dazu tun könnte so würde ich es tun.
    Bitte meldet Euch doch
    – Roger Merquin , Dampfzentrale in Bern
    – Beatrix Bühler,AUA wir leben, Bern
    – Schlachthaus Theater, Bern
    – VIDMARhallen Bern
    -Kaserne Basel
    – Theaterhaus Gessnerallee Zürich
    – Südpol Luzern
    – Theater Roxy Birsfelden, Basel
    Die entsprechenden Mail-Adressen über Google.
    Nun grüsse ich Euch herzlich und empfehle Euch weiter so oft und soviel wie es nur geht.
    Orsolina Bundi-Lehner

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