Anja Röhl

Dunkelkammer im Ballhaus Naunynstraße – Rezension

19.1.16 jw /Feuilleton

Maschinen fühlen keinen Schmerz  –  Inspiriert vom `Troika-Imperialismus´, ein deutsch-griechischer Abend

Zu Beginn sitzen ein Deutscher, Frank Seppeler, und ein Grieche, Michail Fotopoulos, an zwei Metallgestellen, die die Höhe von Tischen haben. Später werden die Requisiten zu Bettgestellen, Unterständen oder markieren einen Schützengraben. Es ist, als säßen die beiden da und gäben sich ihren Erinnerungen hin, monologisierend statt miteinander im Gespräch, dazu verdammt, im Traum oder vereinsamt in der Kneipe nachzuspielen, was ihnen geschah. Man kann einen Krieg nicht ohne seelische Wunden überleben, verdeutlicht dieser gelungene, dichte Theaterabend.

Die Collage aus hundert Jahre alten Texten von Erich Maria Remarque, dem Griechen Stratis Myrivilis und anderen ergreift einen sehr. Bühne, Kostüme und Spiel bleiben in der Inszenierung von Regisseur Kostis Kallivretakis aufs Wesentliche beschränkt. Erstaunliche Kraft entfaltet die Dichtung des hierzulande fast unbekannten Myrivilis: »Heute Nacht kämpfen nicht dreißigtausend Griechen gegen dreißigtausend Deutsche, sondern sechzigtausend weiche menschliche Körper gegen unzählige stählerne Maschinen. Das sind die beiden wirklichen Gegner, die Menschen auf der einen, die Maschinen auf der anderen Seite. Und der Sieg ist letzteren gewiss. Die Maschinen fühlen keinen Schmerz, lieben nicht, haben keine Phantasie, keine Ahnung von der Lust am Leben und der Lieblichkeit der Sonne.«(Aus: »Das Leben im Grabe«, 1920, soeben bei Edition Romiosini neu herausgekommen.)

Das ist große Literatur, welche die beiden Darsteller durch Gestik und Mimik gut umsetzen. Sie zittern, verkriechen sich unter den Tischen, schreien plötzlich, spielen typische Kriegshandlungen nach. Es sind erschreckende Bilder, die vor dem inneren Auge des Zuschauers ablaufen.

Seit Jahren Krieg in Griechenland

Der 46jährige Regisseur hat Ende 2014 am Gorki-Theater das Stück »Remember Distomo« auf die Bühne gebracht. Nach der Uraufführung seiner neuen Collage mit dem Titel »Die Dunkelkammer« erklärte er bei einer Diskussion, die EU führe seit Jahren Krieg in Griechenland. Das habe ihn inspiriert, sich mit dem Ersten Weltkrieg zu beschäftigen.

Müssen immer die Maschinen siegen?

Auf dem Heimweg denkt man an gegenwärtige und künftige Massaker. Ist es wirklich so, dass immer die Maschinen siegen werden? Nicht, wenn wir es anders wollen! Wenn wir einig sind, haben wir schließlich alle Macht der Welt. Unsere Regierenden führen diese Kriege. Unsere Gesellschaften sind tief gespalten. Die in Arbeitslosigkeit und Armut Abgeschobenen lassen sich schon wieder gegen linke und humanistische Werte aufhetzen. Und die Großindustrie, tausendfach konzentrierter als vor hundert Jahren, reibt sich die Hände, zusammen mit ihren Bütteln aus Presse und Politik. Das muss nicht so sein, nur, solange wir uns dem ohnmächtig ausgeliefert fühlen. Ein Schritt gegen die Ohnmacht ist es, den Schmerz zu zeigen. Und das wird hier getan. Schonungslos.

Nächste Vorstellungen: Ab 10.2.16

Kommentare

Es gibt 1 Kommentar für "Dunkelkammer im Ballhaus Naunynstraße – Rezension"

  • […] – „Die Dunkelkammer“ wurde bereits im Dezember uraufgeführt, vom 10. bis 13. kann man im Ballhaus Naunynstraße wieder in sie hinabsteigen. In dem griechisch-deutschen Stück des Regisseurs Kostis Kallivretakis versuchen zwei Kriegsheimkehrer die Maschinerie Krieg zu begreifen. Kriegstraumata des 20. Jahrhunderts verknüpfen sich mit gegenwärtigen Ausnahmezuständen. […]

Kommentar hinzufügen