Anja Röhl

Gestützte Kommunikation

In: unterwegs 2/2012

Als der kleine Schustersohn Braille einst die Blindenpunktschrift erfand, die sich fortan unter den Betroffenen wie ein Lauffeuer verbreitete, da tobte die Gelehrsamkeit der alterwürdigen Beamten und alle Lehrer kamen überein, diese Schrift solle verboten werden.

Man sagte, das isoliere den Blinden, überfordere ihn, bzw. täusche dem geistig „niedrig Stehenden“  hochtrabende Möglichkeiten vor, die derjenige nie und nimmer erreichen könne und schade den Institutionen, der Lehrerschaft und den Hilfsverbänden, weil sie an den Bedürfnissen ihrer Mündel vorbeigehe und sich also Nutznießer auf Kosten der armen Kranken über deren Fähigkeiten lustig machten. Außerdem halte es die Menschen davon ab zu lernen. Insofern sei die Braille-Erfindung nichts als unnütz und gänzlich untauglich, da viel zu schwer und abstrakt, niemals zu lernen. Luis Braille starb mit 40 Jahren, er hat niemals erlebt, wie seine Methode sich über die ganze Welt verbreitete und eben dadurch heute blinde Menschen nicht mehr als geistig behindert angesehen werden, wie es damals noch Stand der Wissenschaft war und üblich zu denken.

Wer nicht sprechen kann, versteht Bedeutungen

Als am Ende des letzten Jahrhunderts begonnen wurde, mit Nichtsprechenden zu kommunizieren, ohne dass diese die Sprechwerkzeuge benutzen mussten, indem man also Möglichkeiten schuf, dass sie sich schriftlich verständigen konnten,  zweifelte man damit indirekt an, dass wer nicht sprechen, auch nicht denken und verstehen könne, was man lange geglaubt hatte und zT heute noch glaubt.  Aber warum soll, wer nur unverständlich oder gar nicht sprechen kann oder mag, nicht hören und Sprach-Bedeutungen abspeichern und lernen können, und diese nicht später auch mittels Schriftzeichen und Tasten von sich geben? Denn wer nicht hören und nicht sprechen kann, versteht Bedeutungen durch Sehen, Abschauen, Nachahmen und Schlussfolgern. Und selbst, wer nicht hören, nicht sehen und nicht sprechen kann, der ertastet, erriecht, erfühlt und ein derart also taubblinder Mensch kann durch geeignete Förderung, Liebe und Wertschätzung, in einer Atmosphäre ständiger Ermutigung, wie man am Beispiel Helen Keller sieht, höchste Kulturleistungen mittels Assistenten erbringen.   

Ich will kein Inmich mehr sein

Es waren behinderte Menschen und ihre Eltern (Birger Sellin: Ich will kein Inmich mehr sein / Rohde: Ich Igelkind) ), sowie aufmerksame Krankengymnasten (siehe bei: Tavalaro, Julia: Bis zum Grunde des Ozeans), die eines Tages herausfanden, dass bisher nichtsprechende Menschen, die einen durchaus geistig behinderten Eindruck machten, unter schlimmen Stereotypien litten und viele andere störende Besonderheiten hatten, durch eine bestimmte Methode mittels Tastatur einer Schreibmaschine oder eines Alphabetbrettes, die Schriftsprache und sich damit auszudrücken, erlernen konnten.

Facilitated Communication

Man nannte diese Methode „Gestützte Kommunikation“, sie es ist die deutschsprachige Entsprechung des englischsprachigen Fachbegriffs „Facilitated Communication“ (kurz: FC). Sie braucht einen Kommunikationshelfer, der die Schriftsprache beibringt, der ermutigt und ermuntert und die betreffende Person, Schreiber oder Nutzer genannt, berührt. Diese körperliche Hilfestellung, die zT nur am Ellbogen stattfinden muss, oder an der Schulter, gibt den Auslöser oder Antrieb, dass der Nutzer die Tasten bedient und etwas schreibt. Es muss ein starkes Vertrauensverhältnis zwischen beiden herrschen, denn der Autist, vielfach hat man es mit Autisten erfolgreich durchgeführt, benötigt eine Sammlung und Konzentrationshilfe auf das Wesentliche, das mit Hilfe der stützenden Berührung gegeben wird.

Beginn bei Menschen mit Cerebralparese und Autismus

In ihrer heutigen Form wurde die Gestützte Kommunikation Ende der 1970er Jahre von der Australierin Rosemary Crossley entwickelt, die einen Weg zur Kommunikation mit einer jungen cerebralparetischen Frau suchte. Später wurde die Methode auch bei Menschen mit Autismus und Down-Syndrom angewandt, heutzutage unabhängig von der medizinischen Diagnose allgemein bei Personen mit einer schweren Kommunikationsbeeinträchtigung. Das Erstaunlichste war nun, dass diese Methode sich ebenso lauffeuerähnlich unter betroffenen Autisten und Nichtsprechenden ausbreitete, wie einst die Blindenschrift, es schien, als hätten Autisten, die jahrzehntelang geschwiegen hätten, nur darauf gewartet, diese distanzierte Kommunikationsmöglichkeit zu nutzen um sich endlich ausdrücken zu können.

Wie Nichtdenken-Könnende behandelt

Im Nu entstanden Bücher, Zeitschriften, Briefwechsel von Betroffenen und ganze Zirkel bildeten sich und es wurden auch Dinge aufgedeckt, die als unschön empfunden wurden, denn die bisher Nichtsprechenden, die ja von ihren Betreuern bis dahin oft auch als Nichtdenken – Könnende behandelt worden waren, beschrieben nun, wie sie behandelt wurden, was ihnen angetan, wie mit ihnen geredet, und umgegangen wurde und da kam eine Menge Kritik an Pflege und Betreuung, an Heimen und Verwahrung auf. Und viel Althergebrachtes wurde in Frage gestellt.

Es kam zu einer Gegenbewegung

US-Forscher aus dem Umfeld der Verhaltensforschung führten Laborexperimente durch, die Stützer und Gestützem unterschiedliche Aufgaben gaben und daher ihr Zusammenspiel verwirrten, so dass am Ende angeblich bewiesen wurde, dass die schriftlichen Aussagen aller gestützten Personen vom Stützer induziert waren und nicht wirklich ein Spiegel des selbständigen Denkens des betroffenen Autisten oder Nichtsprechenden. Es war schwer gegen die Wissenschaft, die mit Vergleichsuntersuchungen, Zahlen und Statistiken auftrumpfte, anzukommen, doch verbreitete sich die Technik dennoch unter den Betroffenen und unerklärlich blieb, warum die Betreffenden denn über Stunden an den Apparaten bleiben sollten, wenn es ihnen nur anbefohlen oder aufgedrängt sein sollte, ebenso unklar blieb auch, warum sich die Betreffenden über ihre Ergebnisse freuten, warum sich Freundschaften über die Briefinhalte, die mittels FC geschrieben wurden, bilden konnten, warum sich zum Teil Symptome von Isolation und Selbstaggression zurückbildeten, Glück und Zufriedenheit und echte Literatur durch das Schreiben und Mitteilen ergaben.

Als Scharlatanerie abqualifiziert

Die Weiterentwicklung der gestützten Kommunikation hat schweren Schaden genommen, man hat die so ungeheuer erfolgreiche Technik als Scharlatanerie abqualifiziert und damit in breitem Maße Mütter, Betreuer, Sonderpädagogen und Krankengymnasten verunsichert. Da, wo sich schon Schulen gebildet hatten, etwa in Süddeutschland, wo Menschen als Stützer an Instituten ausgebildet wurden und werden, wird nun betont, dass ständige Fortbildungen der Stützpersonen und viele andere Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden, damit es zu keiner einseitigen Stützersteuerung kommt. Außerdem wird betont, dass das Ziel immer das Wegfallen des Stützers sei und stetig daraufhin gearbeitet werden solle.  Dazu werden in regelmäßigen Abständen Aufgabenstellungen eingebaut, aus deren Antworten sich ableiten lässt, dass diese nur von den FC-Nutzern selbst stammen können.

Kommunikation ist immer ein Interaktionsvorgang

Es wurde nun gegen die Methode angeführt, dass allein schon der Prozess der FC-Anbahnung, automatisch zur Stützersteuerung führe, da es sich immer um ein sensomotorisches Zusammenspiel zweier Menschen handele, das kaum noch voneinander zu trennen sei.  Dies nun allerdings trifft nach Schulz von Thun, wie jeder weiß, auf jeglichen Kommunikationsvorgang zu, denn Menschen sind keine Maschinen. Jede Kommunikation, von der ersten nonverbalen zwischen Mutter und Säugling, bis zum hochphilosophischen sokratischen Dialog, ist immer ein Interaktionsvorgang, menschliche Kommunikation wächst durch Gegenseitigkeit. Steht auf der einen Seite nur ein mürrischer Mensch, der Befehle herunterleiert, so muss man sich nicht über trotzig-verweigernde Reaktionen, Lügen und unterdrückte Aggressionen wundern, ist da aber einer, der ermutigt, liebt, aufmerksam ist, so findet auch der gegenüber Kraft sich vertrauensvoll auszudrücken, sei es mit Augen, Händen, Armen oder Beinen.

Zutrauen und Ermutigung

Jemanden darin stützen, dass er Zutrauen zu sich selbst fasst und seinen eigenen Gedanken Ausdruck verleihen kann, mag zwar manchmal auch unbequem sein, ist aber mE die einzige Möglichkeit einer inclusiven, menschlichen Umgangsform unter Gleichberechtigten und Gleichwertigen, mit gleichen Rechten ausgestatteten Menschen in einer Welt.

Literatur

  • Biermann, Adrienne: Gestützte Kommunikation im Widerstreit. Berlin: Edition Marhold 1999.
  • Biklen, Douglas: Communication Unbound: How Facilitated Communication is Challenging Traditional Views of Autism and Ability/Disability. New York: Teachers College Press 1993
  • Bundschuh, Konrad/Basler-Eggen, Andrea: Gestützte Kommunikation (FC) bei Menschen mit schweren Kommunikationsbeeinträchtigungen. München: Ludwig-Maximilians-Universität 2000.
  • Crossley, Rosemary: Gestützte Kommunikation: Ein Trainingsprogramm. Weinheim, Basel: Beltz 1997.
  • Dillon, Kathleen M.: Facilitated Communication, Autism, and Ouija, in: Skeptical Inquirer 17 (3) 1993, S. 281-287; dt.: Ouija, in: Randow, Gero von (Hg.): Der Fremdling im Glas und weitere Anlässe zur Skepsis, entdeckt im „Skeptical Inquirer“, Reinbek: Rowohlt 1996, S. 107-121
  • Donnellan, Anne M./Leary, Martha R.: Movement Differences and Diversity in Autism/Mental Retardation. Madison (WI): DRI Press 1997
  • Eichel, Elisabeth: Gestützte Kommunikation bei Menschen mit autistischer Störung. Dortmund: Projekt-Verlag 1996.
  • Gmür, Pascale und Schmid, Otmar: Meine Denksprache. Menschen, die nicht reden können, finden Worte. Dokumentarfilm zur gestützten Kommunikation. 2005. 57 Minuten, als DVD und VHS erhältlich. www.fc-zentrum.ch
  • Lang, Monika: Gestützte Kommunikation – Versuch einer Standortbestimmung. In: Geistige Behinderung 2/2003, S. 139-147.

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