Anja Röhl

Wer Bunker baut, wirft auch Bomben – Erinnerung an den Maler Herbert Weitemeier

12.3.15 / jw Feuilleton/

Kunst aus Gegenden, die man Städte nennt: Ein vergessener Maler aus Berlin-Kreuzberg.

Die Ansicht einer Kreuzberger Häuserfront. Ineinander verschachtelte Altbauten. Die Häuser wirken gekrümmt. Sie schlängeln sich, scheinen wie Erdschichten ineinander geschoben. Als breche sie jemand auf und lege ihr Inneres frei. Dazwischen Menschen, winzig klein. Sie schwanken einzeln, zwischen den Schächten, tanzen, fliehen und stürzen herab. Sie sind Gespenster, die sich mit Vögeln vermischen, auffliegen und in Richtung Himmel größer werden.

Schaut man genauer hin, sind die Häuser Gesichtern ähnlich. Dunkle Löcher die Fenster, grau verwischt die Fassaden. Alles ist schwarz, braun, dreckig, halb kaputt. Plakatfetzen hängen an der Wand, sie spenden hellere Farben. Im Hintergrund thront ein Bunker wie eine Burg. Darauf steht mit roter Schrift geschrieben: »Wer Bunker baut, wirft auch Bomben!« Eine Abwandlung von: »Wer Bücher verbrennt, verbrennt am Ende auch Menschen«. Beides steckt in dem Bild: Krieg, Zerstörung, Wiederaufrüstung, neue Zerstörung. Das Bild hat Herbert Weitemeier 1994 gemalt, vier Jahre vor seinem Tod.

Die Kohlfurter

Die Kohlfurter Straße in Berlin-Kreuzberg ist kurz. Man übersieht sie leicht. Sie liegt inmitten eines Neubaukomplexes, der in den 1960er Jahren geplant wurde. Die Straße entstand hundert Jahre früher, als Häuser in Billigbauweise für Fabrikarbeiter aus Polen hochgezogen wurden, mit schmalen Häusern und bescheidenen Wohnungen. Die Straße geht vom Wassertorplatz ab und führt zum Kanal hin. Nach Norden ist sie durch die Hochbahntrasse begrenzt, die den Verlauf der ehemaligen Berliner Stadtmauer markiert, die über die Hauptverkehrsader Skalitzer Straße nach Süden führt.

Ehrgeizige Architekten, denen Millionen versprochen wurden, wollten hier in den 60er Jahren einen völlig neuen Stadtteil bauen. An die 30. 000 Bewohner sollten aus ihren Altbauten, die der Krieg übrig gelassen hatte, »umgesetzt« werden. Nach Bekanntgabe der Pläne investierten die Hausbesitzer nicht mehr. Die Mieter sollten wegziehen. Hausbesitzer ließen ihre Häuser verrotten oder räucherten die Mieter aus. So kam es, dass sich in den sechziger, frühen siebziger Jahren in Kreuzberg ein Bild zeigte, ähnlich wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit: Flächen voller Ruinen, Brachlandschaften, Schutthalden. Dagegen formierte sich die Hausbesetzerbewegung. Nur ihr ist es zu verdanken, dass die Baupläne ins Stocken gerieten.

Das Haus Kohlfurter Straße Nummer 39 ist ein Überbleibsel. Es hat die sogenannte Stadterneuerung mit der Abrißbirne überlebt. Dort wurde am 12.3.1935 der Maler Herbert Weitemeier geboren. Sein Vater zeigte ihm, wie man zeichnet. Er war begabt. Dann kam der Krieg, und er sah den Vater nur noch, wenn der Urlaub von der Front bekam. Den Krieg merkte man auch sonst. Als Herbert sieben war, beherrschte der Bombenalarm seinen Tagesrhythmus.

Einfach weg

Ende 1944 wurden er und sein Bruder sieben nach Aussig, dem heutigen Ústí nad Labem in Tschechien,  zu einer entfernten Verwandten gebracht. Dort schien alles ruhig, die Tante war nett, bloß eines Tages war sie nicht mehr da. »Einfach weg«, sagte die Nachbarin, und Herbert fasste sofort den Entschluss, nach Berlin zurückzukehren. Er und sein Bruder zogen mit den Flüchtlingsströmen und erlebten sechs Monate Furchtbares. Er hat davon immer wieder träumen müssen: Tiefflieger, Tote und immer Prügel und Gebrüll. Auf dem Weg nach Berlin landen die beiden Brüder in irgendeinem Heim, sie wurden von Nonnen bewacht, angebunden, geschlagen, ausgefragt, ausgeschimpft und wieder geschlagen. Und doch können die beiden fliehen. Seit dieser Zeit heißt er Jimmy.

Durch die erodierenden Frontlinien marodierten Kinder. Sie lebten fast wie Tiere und klauen, wo sie hinkommen. Am besten war es noch, wenn sie sich zu Banden zusammenschlossen, wie Brecht es im Kinderkreuzzug besungen hat.

Wie sie es geschafft haben, endlich zu Hause anzukommen, ist nicht bekannt. Aber man weiß, dass die beiden ständig in Streit gerieten. Der Krieg hatte sich in ihnen erhalten. Und draußen war alles kaputt. Ruinen statt Häuser, und wo Straßen waren, gibt es nur enge Wege zwischen Bergen aus Steinen. Ihr Haus in der Kohlfurter Straße stand noch. Eine kleine Schwester war gestorben, die ältere drängte ihn zu zeichnen. Zu essen und zu heizen gab es nichts, das musste alles geklaut werden, und der Vater kam nicht und würde auch nie mehr kommen. Die Mutter und die Schwester zogen gemeinsam fünf Jungen groß.

Schutthalden und Ruinen waren ihre Spiel- und Handelsplätze. Die Kinder spielten mit Splittern, Eisenteilen, Haushaltsschrott und vielleicht Waffen, die man überall finden konnte, mit Zigaretten, die zum Tauschen nützlich waren und mit Alkohol, der das Vergessen erleichterte.

Als Herbert 13 Jahre alt wurde, wollte er als Artist in den Zirkus. Statt dessen ging er als Lehrling in eine Tischlerei. Die Schwester sagte, er solle sein Talent nicht verschwenden. Am Ende besteht er die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule, ohne Abitur. Darauf war er sehr stolz.

Das Malenmüssen

Man sagt, Kriegskindern könne man nichts vormachen, am wenigsten denen, die sich ihre Bilder des Grauens erhalten hatten, und die nicht vergessen konnten. Sie mussten, wie Weitemeier, produzieren, sie konnten nicht anders.

Die reine Kunst ist nicht sein Thema. Er war ein Realist, die abstrakte Kunst sagte ihm nichts. Er wollte zeichnen und malen und hatte dazu tausend Pläne. Die Zeit, die er an der Uni verbrachte, bis sie ihn rauswarfen, fehlte ihm beim Malen oder beim Geldverdienen. So sah er das.

Er ging für ein halbes Jahr an die Pariser Kunsthochschule. Um in Frankreich leben zu können, malte er bunte Blumen- und Strandimpressionen, die er an Touristen verkaufte. In Deutschland verrichtete er Gelegenheitsarbeiten, die nichts mit Malerei zu tun hatten. Davon konnte er immer eine Weile leben und malen.

Wenn er zu viel malte, geriet er in Not. Dann musste er seinen Rasierapparat und seinen Heizlüfter verpfänden, und abends bei Kerzenlicht sitzen, nur damit er mehr Farbe und Leinwand kaufen konnte. Meist malte er auf großen Sperrholzplatten, die er mit dunkel bemalten Leisten als Rahmen versah. Fast immer wählte er riesengroße Bildformate, für die er eine Leiter brauchte.

Die Wirtin der »Kleinen Weltlaterne«, seiner Stammkneipe in der Kohlfurter Straße, überredete er, Bilder von ihm und anderen Malern auszustellen. Daraus wurde eine ganze Bewegung. Es gab Aufmerksamkeit. Die »Kreuzberger Boheme« war ein loser Zusammenschluss von Malern und Autoren, Druckern und Grafikern, Lebenskünstlern und anderen Verrückten, die allesamt »etwas sagen wollen«.

Ab 1960 hatte er Einzel- und Gruppen Ausstellungen bis in die 90er Jahre. In seinen Bildern malte er das, was er erfahren hatte, und das, was er sah. Kriegserlebnisse malte er nie, sie kommen aber indirekt vor, scheinen durch. Etwa in seinen urbanen Wüstenruinen: »Gegenden, die man Städte nennt« sagte sein Freund Roland Neumann dazu. Peter Sauernheimer hat 1979, anlässlich einer Ausstellung von Jimmy in Charlottenburg versucht, poetische Worte zu finden für das, was die Bilder für ihn waren: »Wirf einen Blick auf die Prozession der zerbrechlichen Häuser, im Meer versunkenen Felsen ähnlich, und doch wohnen Menschen darin / Geh in die Höfe, wo das kleine Gras vergeblich gegen die Gelbsucht kämpft«.

Eine zeitlang lebte Jimmy in Südfrankreich, mit einer Frau und einem Sohn. 1995 bekam er Amyotrophe Lateralsklerose, eine seltene Nervenkrankheit, diagnostiziert. In deren Verlauf erlitt er eine von den Händen ausgehende Lähmung. Eine Katastrophe. Bis 1996 malte er noch, dann fiel ihm der Pinsel aus der Hand. 1997 organisiert sein Sohn Sebastian in Vallauris an der Cote D’Azur eine letzte große Ausstellung für ihn. Er starb 1998.

Weitemeiers Kunst spricht für sich. Sie erzählt Geschichten, nicht eine, mehrere. Sie langweilt nicht, man kann sich an ihr festsehen. Man entdeckt immer neue Sachen. Man kann sich in seinen Bildern bewegen. Dieses Werk ist heute weitgehend vergessen, das muss sich ändern. Eine Ausstellung ist in Vorbereitung. Heute abend treffen sich seine Freunde um 18 Uhr in der Kreuzberger »Weltlaterne«, in der Kohlfurter Straße 37.

Am 16.4. 15 im Museum Friedrichshain-Kreuzberg um 19 Uhr:  Gedenkveranstaltung für Herbert Weitemeier, Adalbertstraße 95 a, 10999 Berlin, anmelden unter:

030 50585233


Kommentare

Es gibt 7 Kommentare für "Wer Bunker baut, wirft auch Bomben – Erinnerung an den Maler Herbert Weitemeier"

  • Peter Gormanns sagt:

    hola, buenas dias, frau röhl. erst mal vielen dank für ihren aufschlussreichen artikel über jimmy.
    ich war mit jimmy seit anfang der 90er jahre, bis zu seinem tode befreundet. wir hatten zusammen ein ausstellung in der schöneberger weltlaterne, er mit seinen bildern und ich mit meinen kreuzberg-sw-fotos.
    ein anderer gemeinsamer freund, karl-heinz fassbender rief mich an ostern an, dass eine gedenkausstellung im kreuzberg-museum geplant sei und jimmys lebensgefährtin barbara ihn gefragt hat, ob ich noch fotos beisteuern könnte. da ich seinen brief mit der e-mail von barbara noch nicht empfangen habe, hab ich jetzt den kontakt mit ihnen gesucht.
    ich lebe in spanien und habe hier noch ein paar A3 porträts aus seinen letzten jahren, die ich ihnen schicken kann. da die zeit knapp ist und die post nicht so zuverlässig, könnte ich die auch einscannen und direkt an das museum schicken. man kennt mich dort, da meine kreuzberg-fotos zum jahr der europäischen fotografie 2013, in der marheineke-halle gezeigt wurden. ich hatte damals kontakt mit ulrike treziak, ellen röhner und erik steffen. mit freundlichen grüssen, peter gormanns

  • meining fahlke sagt:

    Ich besitze ein Bild von Herbert Weitemeier, welches ich so gegen 1970 bei ihm während einer Ausstellung gekauft hatte. Es zeigt etwas die Hinterhöfe von Kreuzberg.

    Wem könnte ich ein Foto senden, um den heutigen Wert ermittel zu können?

    Liebe Grüße von Meining FAHLKE, Wien

  • meining fahlke sagt:

    Als alter Kreuzberger, der die Nachkriegszeit erlebt hat, sind diese Weitemeier-Bilder für mich ausdrucksstark. Wegen der Motive und den etwas düster, aber stimmig ausgewählten Farben.

  • anja sagt:

    Bitte dazu auf die Webseite gehen : http://www.herbert-weitemeier.de und dann die Angehörigen fragen

  • Annette Stöckel sagt:

    schade dass ich von der Gedenkveranstaltung nichts wusste, ich wäre gerne mit meinem Vater hingegeangen. Er war eng mit Herrn Weitemeier befreundet. Die Wohnung meiner Eltern hängen voll mit seinen Bildern.
    Leider ist mein Vater vor kurzem verstorben.

    Annette Stöckel

  • Evelyn sagt:

    Leider wußte auch ich nichts von der Gedenkfeier, hoffe aber auf eine Wiederholung.
    Ich erfreue mich täglich an zahlreichen Werken dieses außergewöhnlichen Künstlers.
    Herbert war ein Freund meiner Familie ab den 60er Jahren. Er und auch seine damalige Frau waren oft bei uns zuhause,
    Sie liebten die guten Kochkünste meiner Mutter und Herbert gab mir gute maltechnische Ratschläge.
    Seit vielen Jahren male auch ich mit großer Freude.
    in meiner Familie wird Herbert Weitemeier immer in Erinnerung bleiben.
    In Berlin und weit über die Grenzen hinaus sollten seine Werke nie in Vergessenheit geraten.

  • Gerd Neumes sagt:

    Ich habe leider nichts von der Gedenkveranstaltung gewusst. Ich wäre gerne gekommen.
    Ich habe Jimmy vom Beginn der achtziger Jahre bis zu seinem Tod gekannt.
    Ich besitze etliche auch großformatige Ölgemälde und Drucke von ihm.

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