Anja Röhl

Ich bin nicht Rappaport – Hamburger Kammerspiele – Rezension

Ich bin nicht Rappaport – Das erste Stück unter der künstlerischen Leitung von Sewan Latchinian in den Hamburger Kammerspielen

Den Theaterintendanten der Hamburger Kammerspiele, Axel Schneider, hat der Ruf Latchinians, unbequem zu sein, nicht abgeschreckt. „Es ging in Rostock um die Schließung mehrerer Sparten. Das hat er verhindert. Das war eine Leistung für die Kulturstadt Rostock“, sagt Schneider. Außerdem habe Latchinian erreicht, dass das eher unbekannte Theater in Senftenberg zum „Theater des Jahres“ gewählt wurde. „Das sind Qualifikationen, die bundesweit Beachtung gefunden haben!“  Der Intendant freut sich über seinen neuen Mitarbeiter und wir freuen uns mit ihm, denn nach vierjähriger Pause ist Sewan Latchinian nun wieder in der Theaterwelt präsent.

Wedekind, Brecht, Klaus Mann

Die „bewegte“ Geschichte des kleinen Theaters im Hamburger Universitätsviertel begann 1918 als eine moderne, expressionistische Bühne, u.a. zeigte sie das Erstlingswerk von Klaus Mann, führte fünf Jahre lang Gustav Gründers als Ensemblemitglied, und Autoren wie Wedekind, Brecht, Schnitzler und H.H. Jahn wurden gegeben. Auch berühmte Künstlerinnen sah man hier: Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch, Käthe Dorsch, Asta Nielsen. Aus einer jüdische Loge im selben Haus entwickelte sich nach 33 das Theater zum Zentrum der jüdischen Gemeinde im Viertel und nach Schließung des Theaters, fand dort am 11.7.42 eine Sammlung von 375 jüdischen Mitbürgern zur Massendeportation nach Auschwitz statt. 

Uraufführung: Draußen vor der Tür

Nach 45 übernahm die lange verfolgte Jüdin Ida Ehre (Überlebende des KZ-Fuhlsbüttel) die Intendanz, ausdrücklich setzte sich Ida Ehre zum Ziel, ein Theater der Menschlichkeit zu machen und  „Probleme der Welt zu zeigen, von denen wir 12 Jahre lang nichts wissen durften“ (Zitat nach Programmheft). Hier fand die legendäre Uraufführung von Borcherts: „Draußen vor der Tür“ statt. Im Folgenden konnte man hier u.a. Theaterstücke von Jean Paul Sartre, T.S.Eliot, Thornton Wilder sehen, sie stehen für aufklärerische 60er Jahre Strömungen. 1995 -2203 hatte dann u.a. Ulrich Tukur die Intendanz. 

Sewan Latchinian antwortete einem Journalisten auf die Frage, warum gerade die  Kammerspiele, mit den köstlich ironischen Worten: „Auch im Osten wussten wir, dass Ida Ehre nach dem Krieg ‚Draußen vor der Tür‘ von Wolfgang Borchert aufgeführt hatte.“ 

Er selbst hatte hier einst Peter Zadeks Inszenierung von Sarah Kanes „Gesäubert“ mit Ulrich Mühe und Susanne Lothar erlebt und freut sich darüber, zu erleben, „was mit Theater noch zu machen ist“ Vor seiner Leitungsübernahme ab Oktober 19, stand Latchinian dort schon als Schauspieler auf der Bühne. (17.3. im Stück „Die Nervensäge“), dann als Regisseur, (Nein zum Geld). Nun das erstes Stück unter seiner künstlerischen Leitung, die bitterböse Altenkomödie aus dem New Yorker Centralpark: „Ich bin nicht Rappaport“.

Unterbezahlter Hausmeister

Unter einer einfach farblichen Bühnenbildskizze einer Parklandschaft, finden sich auf einer, Bänke andeutenden, Steinansammlung zwei gegensätzliche Alte. Der eine proletarischen Ursprungs, Handwerker, Hausmeister, lebt unterbezahlt als Hausmeister in einer Kellerwohnung, so dass ihn die Hausbewohner nicht bemerken und durch einen jüngeren ersetzen, wühlt zu Beginn des Stückes in den Mülltonnen. Er möchte nicht auffallen und anecken, und ist schwarz. 

Bürgerlich-anarchischer Aufschneider

Der andere ein auf bürglich-anarchistisch machender Aufschneider, der nach einem Leben in miesen Jobs sich nun im Alter gleich mehrere Persönlichkeiten zugelegt hat. Mal ist er der Anwalt Dr. Engels, mal ein Minister, mal ein Staatssekretär, mal Mafiaboss.  Er gehörte der 60er Jahre-Bewegung an und träumt vom Sich-wehren in jeder Situation, redet von der Befreiung des Proletariats, und ist weiß. 

Verbindung: Das Alter

Klassen- und Rassengegensätze prallen knirschend aufeinander. Während der weiße Kleinbürger den schwarzen Proletarier befreien helfen will, will der Letztere nur endlich seine Ruhe vor dem Schwätzer. Verbinden tut sie das Alter, beide sind fast blind, recht klapprig, schnell KO zu hauen. Die Hüften sind angeknackst, die Jüngeren wollen sie ins Altersheim verfrachten, die Tochter droht gar, den verrückten Vater zu entmündigen. Dieser gibt köstliche Beispiele der wachen Geisteskraft von Altersschwachen. 

Ganz ohne Videoinstallationen

Wenn man daraus keine klamaukige Komödie machen will, sondern eine mit Tiefgang, so braucht es gute Schauspieler, eine verdichtete Dramaturgie, eine perfekte Choreografie. Alles dies ist in diesem Stück gelungen. Die Spieler haben sich ihre Figuren von ihren Widersprüchlichkeiten her angeeignet, die Figuren sind durchweg dialektisch angelegt, also die Widersprüche in jeder Szene und Geste werden betont, alsdann agieren sie oft überraschend, unerwartet, berührend, komisch, ernst, traurig, politische Einsichten fördernd. Aktuelle Bezüge (zur heutigen Immobilienmarkt-Politik) schafft das Stück ganz ohne Videoinstallationen, Überblendungen, Puppenzubehör und Technik-Schnick-Schnacks, keine formalen Überbetonungen, dafür ist Latchinian nicht zu haben. Alles ist schlicht, einfach, klar, wahres Brecht-Theater. 

Donnernder Applaus tönt am Ende über der Parkbank, auf der nach dem Scheitern aller Ideen zur Verbesserung des Schicksals, die beiden Alten ihren Ideen nachspinnen. Eine Hymne an die Weisheit und Klugheit und Würde des Alters, in einer Zeit, wo alte Menschen zunehmend nur noch als Kostenfaktor gesehen werden. Sehr zu empfehlen! Hingehen! 

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