Anja Röhl

Inklusion nicht als Sparmodell

Inklusion ist eine gesamteuropäische Bewegung, die unmittelbar auf die Integration folgte.

Die Integration war etwas, das die Sonder- und Heilpädagogik seit 1945 in dieser und jener Weise anstrebte. Seitdem innerhalb von nur wenigen Jahren unter den Nazis allein in Deutschland 70.000 behinderte und verhaltensgestörte Menschen sofort und weitere 200.000 als „erbkrank“ und damit als „lebensunwert“ eingestuft und von den Nationalsozialisten systematisch ermordet wurden (erst T4-Aktion, dann wilde Euthanasie), bemühten sich die wenigen übrig gebliebenen Berufsverbände, die Hochschulen, die christlichen Verbände (Diakonie) und neu gegründeten Elternvereinigungen (Lebenshilfe) darum, die behinderten und beeinträchtigten Menschen wieder in die Gesellschaft zurückzuholen und sie als vollwertige Mitglieder zu behandeln.

Behinderungen hatte man nicht mehr gesehen

Das war nicht einfach, denn das Bewusstsein in der Bevölkerung musste sich zunächst erst einmal wieder heben. Behinderungen hatte man nicht mehr gesehen, oder man hatte sich bemüht, sie zu verstecken, man hatte auch Angst vor behinderten Menschen und konnte sie sich nur weit entfernt von den Städten in geschlossenen Anstalten vorstellen. Die übrig gebliebenen Institutionen waren von abwertenden Vorstellungen aus der Nazizeit geprägt und so brauchte es lange Zeit, das betrifft Ost- und Westdeutschland gleichermaßen, bis sich in den 60-iger/70iger Jahren durch Umbruchsituationen in der Gesellschaft, Enthüllungsgeschichten aus Heimen und „Anstalten“, beeinflusst auch von Bestrebungen in Italien (Franco Basaglia) langsam die Vorstellungen gegenüber behinderten Menschen ins Humane veränderte und man Berührungsängste ab, und Institutionen anders und wirkungsvoller ausbaute.

Zunächst Standdardverbesserungen 60-iger bis 80-iger Jahre

Dabei verbesserte man zunächst den Standard in den bestehenden Einrichtungen, man baute Wohn- und Werkstätten aus, man baute Schwimmbäder, Physiotherapie, Spezialschulen, man förderte, man stellte Fachkräfte ein und baute Ausbildungsgänge aus. All diese Bemühungen richteten sich aber überwiegend an, wie man damals dachte, „förderfähige“  Menschen, man sonderte die „Nicht-Förderfähigen“ von dieser Gruppe immer noch ab und hielt diese eher in geschlossenen Extraabteilungen, in der chronischen Psychiatrie, in abgelegenen Hospitälern. Es herrschte immer noch eher die von der Verhaltenspsychologie beeinflusste Lehrmeinung vor, dass, wenn man von außen keine Reaktion bei Menschen bemerken würde, diese auch innerlich keine Gedanken und  Empfindungen haben könnten. Ärzte interpretierten gelegentlich auftretende Reaktionen als „Reflexe“, um die man sich kaum wirklich kümmern müsse.

Aus Skandinavien kam das Normalisierungskonzept

Aus Skandinavien kommend, entwickelte sich schon ab Mitte der 70-iger Jahre eine zaghaft entstehende Gegenbewegung, die als erstes in München von Prof. Theodor Hellbrügge aufgegriffen und mit Hilfe einer Elterninitiative ausgebaut wurde, die Integrationsbewegung. Hellbrügge hatte beobachtet, dass sich auch schwerbehinderte Babys in gemischten Kindergruppen besser entwickelten, als wenn sie nur im Umfeld anderer schwerbehinderter Menschen groß würden. So entstanden die ersten Projekte: Die „Schulen der Aktion Sonnenschein“ (München) und die Flämingschule (Berlin). Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Integrations-Bewegung, die sich in den 80-iger Jahren zunächst auf die Grundschulen in größeren Städten ( Berlin, Hamburg, München, Bremen u.a.), wo behinderte Kinder je nach Wohngebiet und Prozentanteil in der Bevölkerung direkt in die Grundschulen aufgenommen werden sollten und in den Hochschulen (Institut für Integration an der FU), gegen viel Widerstand aus Politik und Verwaltung langsam ausbreitete.

Integrationsbewegung war auch schon von Sparzwang bedroht

Schon damals war von administrativer- und Verwaltungsseite plötzlich die Rede davon, dass man die teuren Behinderteneinrichtungen dann ja nicht mehr bräuchte. Daher wurde gewarnt vor der Lösung:  „Integration als Sparmodell“, denn selbstverständlich müssten die behinderten Kinder auch in den Integrationseinrichtungen individuell und von Sonderschullehrern und Heilpädagogischen Fachkräften assistierend betreut werden.

Da man aber die geistig Behinderten von dieser administrativen Phase der Integration damals noch größtenteils ausnahm,  und die Förderschulen als Sammelbecken für Kinder, die oft aus rein sozialen Gründen nicht in größeren Gruppen unterrichtet werden konnten, noch brauchte, wurden die Sonderschulen nicht geschlossen.

Allmähliches Enthospitalisieren der Anstalten und Großkliniken

Dafür löste man ab Mitte der 80-iger Jahre im Zuge der aus Italien einwirkenden Anti-Psychiatrie die Großkliniken in Richtung Wohngruppen auf, das schwappte dann nach der Grenzöffnung auch auf die DDR-Institutionen über, wo dieser Prozess ab den 90-iger Jahren dann auch ähnlich anlief.

Die Integrationsbewegung in den Schulen blieb allerdings, auch als sie sich etablierte, ständig bedroht von Kürzungen und Einsparungen und eng begrenzt auf die nur lernbehinderte und verhaltensgestörte Kinder (man kürzte hier zB den Lehrerstand pro Klassenschlüssel immer weiter hinunter, die Klassenstärken nahmen zu, was den integrativen, pädagogischen Bemühungen zuwider lief).

Inklusion, eine neue skandinavische Stufe der Akzeptanzbewegung von Menschen mit Behinderungen

Die zweite Welle, die von Skandinavien zu uns überschwappte, inzwischen aber die gesamte europäische Union erreicht hat, war die Inklusionsbewegung. Sie entstand aus den Behinderteneinrichtungen heraus, die mit den schwerer behinderten Menschen zu tun hatte. Warum sollten nicht alle Menschen, egal, wie stark oder schwach sie sich äußern oder bewegen konnten, dazu gehören, eingeschlossen sein, von allen anderen Menschen „umarmt“ werden?

Hirnphysiologische Studien, psychologische  und pflegerische Konzepte

Diese Ideen entstanden auch aufgrund der sich weiter entwickelnden hirnphysiologischen Forschung, da man feststellte und auch beweisen konnte, dass Menschen mit einem äußeren Verhalten von Menschen, mit geistigen Behinderungen oft nur stark Äußerungseingeschränkt sind. Ursachen wie Bindungsstörungen, traumatische Erfahrungen in Heimen und Kliniken wurden in den Blick genommen. Das „verschlossene“ Innere mit unbekannten Fähigkeiten, mit menschlichen Emotionen, mit Gefühlen für Würde und Erniedrigung und unbekannter Intelligenz wurde entdeckt. Das alles wird aber nur durch intensive „Beziehungsarbeit“ und den unerschütterlichen Glauben an das Menschliche sichtbar.  Andreas Fröhlich und Christel Bienstein haben hier viele eindrucksvolle Forschungsarbeit geleistet. (siehe unter dem Stichwort: Basale Kommunikation und Stimulation)

Die Begriffe „Normalisierung“ und „Normierung

So begann man nun auch die Menschen mit schweren Behinderungen mit in die Welt der „Normalität“ einzubeziehen. Man versuchte auch, besonders im heilpädagogischen und Pflegebereich, das aus Dänemark und Schweden kommende Prinzip der „Normalisierung“ ernst zu nehmen und anzuwenden, man gründete Wohngemeinschaften mit Behinderten, die sich in der „Normalwelt“ befanden, man entwickelte Möglichkeiten, auch Menschen mit geistigen Behinderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu beschäftigen. Aber auch hier ist größte Vorsicht geboten, dass nämlich auch diese Ansätze nicht zum Anlass genommen werden, dass gut ausgestattete Förderzentren, dass Werkstätten, die ein Arbeiten ohne Arbeitsstress und entfremdete Arbeitsbedingungen ermöglichen,  und viele Hilfsmittel, die Erleichterung bedeuten, nicht mit Hinweis auf diese „Normalisierung“ geschlossen und kaputt gespart werden. Denn der Begriff  „Normalisierung“ kann sehr schnell ausgelegt werden als:  „Normierung“ und damit heißen: Du bist anders, du passt nicht rein, passe dich an oder du hast keine Chance.

Einfühlsam, wertschätzend und an den Bedürfnissen des Menschen, nicht der Institution ausgerichtet

In diesem Zusammenhang müssen wir uns immer klar werden, das Gerechtigkeit nicht heißt: Für jeden das Gleiche, sondern für jeden das, was er braucht, aufgrund seiner ganz individuellen Unterschiedlichkeit. Unterschiedlichkeit in seiner Ausgangslage und in seinen daraus gewachsenen unterschiedlichen Bedürfnissen. In diesem Sinne ist eine gut verstandene Inklusion-Umarmung, eine, die sich einfühlsam, wertschätzend und mit Hochachtung auch mit dem am stärksten eingeschränkten Menschen bemüht. Jeweils individuell die Lösung finden, die nah an den Bedürfnissen dieses Menschen liegt.  Wenn ein Mensch es braucht, mehrmals am Tag gewiegt, in den Arm genommen und ermutigt zu werden, dann muss dafür die Zeit und Personal da sein und darf dies nicht als „Bevorzugung“ oder Verwöhnung angesehen werden, zum angeblichen Nachteil anderer. Personalmangel darf nicht die Methoden unserer Pädagogik und inklusiven Bestrebungen beeinflussen.

Inklusion als Haltung muss in stärkenden Handlungen münden

Insofern ist Inklusion weniger eine von oben aufgedrängte Sache, als vielmehr eine humane Haltung und Einstellung, die unabhängig von der Einrichtung überall praktiziert werden kann, die aber sich erst in der Praxis beweisen und bewähren muss, wo Menschen aufeinandertreffen. Unterschiedlichkeiten sollten weniger bewertet, klassifiziert, diagnostiziert und negativ herausgehoben, weniger in Schubladen gesteckt und ein für allemal festgelegt,  als vielmehr wahrgenommen, akzeptiert, geachtet und immer wieder neu entdeckt  werden.  Wenn einer 20 Jahre nicht gesprochen hat, so kann er eines Tages plötzlich doch vielleicht  sprechen, wenn er es ganz stark will, wenn einer ihn dazu herausfordert, weil er an ihn glaubt oder ihn als Menschen anspricht. Wenn einer angeblich keine Buchstaben kennt, so probiert man aus, in welchem Schwierigkeitsgrad er es doch schafft, sich selbst damit auszudrücken.

Seine eigenen Beobachtungen immer wieder hinterfragen, nach den Gründen für ein Verhalten suchen

Man sollte sich im Zuge der Selbsterziehung angewöhnen, seine Beobachtungen der anderen Menschen jederzeit auch infrage zu stellen, durch Neues ergänzen, immer wieder neugierig und mit ebenso großen Erwartungen an die Menschen mit Behinderungen heranzugehen, als man auch an die Menschen ohne Behinderung herangeht. Immer muss danach gestrebt werden, die Ursachen für ein Verhalten zu erforschen. „Warum?“ lautet die Kernfrage, die sich ein Mitarbeiter, ein Assistent, ein Begleiter von Menschen mit Enschränkungen immer wieder stellen muss. Alles hat seine Gründe und man muss ihnen nachgehen. Erst dann kann Inklusion ernst genmmen werden. Solange Menschen aber mit Tabletten ruhig gestellt werden müssen, weil Personalmangel herrscht, solange kann von wirklichem Einschließen keine Rede sein kann.

Niemals behaupten, man wüsste was einer nie können wird

Es darf also niemals im Kopf der Gedanke sein: Der kann das und das nie, dazu reicht es nicht, das bringt sowieso nichts, sondern es sollte jedem die Chance gegeben werden, sich so, wie er selbst es will, zu entwickeln und seine Interessen herauszufinden, dazu aber braucht es ausgebildetets Fachpersonal, zur Begleitung, zur Anregung.

Nicht Förderdrill und Förderzwang

Das ist eine Form der Inklusion, die wir jederzeit praktizieren können, die bedeutet nicht: Förderdrill und Förderzwang, die bedeutet aber, die Hoffnung auf Einfühlung nicht aufzugeben und den Menschen mit Einschränkungen vollständig anzunehmen, eine tief urchristliche Forderung übrigens, die leider oftmals in Vergessenheit gerät.

Ich bin sehr skeptisch, wenn sonderpädagogische Schulen über Nacht geschlossen werden und Schüler aus Klassengemeinschaften, Lehrer aus Kollegien herausgerissen werden. Im Mund führen Verwaltung und Politik dazu die Inklusion an, in der Realität diktiert aber meist der Rotstift die Politik.

Öffnung von Behinderteneinrichtungen

Nehmen wir uns Skandinavien zum Vorbild, dort haben sich im Zuge der Inklusion die Sonderschulen sukkzessive für „Normalkinder“ geöffnet, die so von klein auf an mit sogenannten behinderten Menschen zusammen aufwachsen und lernen, deren Unterschiedlichkeiten, ebenso wie ihre eigenen zu akzeptieren und zu lieben.  Die Öffnung der Sondereinrichtungen zu diagnostischen und psycho-sozialen Förderzentren für alle Menschen ist eine Lösung, die zB in Trondheim gefunden wurde, aber auch in Oslo, Stockholm und in Dänemark.  Warum ist soetwas bei uns nicht möglich?

Besondere Menschen brauchen mehr Zeit, mehr Personal, besser ausgebildetes Personal, jede Inklusion geht nur so zu realisieren, niemals mit Einsparungen. Wir Heil- und Sonderpädagogen wissen das, weil es uns unsere tägliche Zusammenarbeit mit den besonderen Menschen sagt. Aber die Kommunalpolitiker, die im Zuge der Inklusion gut ausgestattete Förderzentren mit Schwimmbädern zu Hotelanlagen umbauen lassen, um die Schüler in die umliegenden Normalschulen auszusiedeln, die in maroden Plattenbauten mit einer Klassenfrequenz von 33 Schülern dann nur wieder auf der letzten Bank sitzen und verzweifeln, die brauchen unseren ziemlich tatkräftigen Widerspruch.              

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