Anja Röhl

Kopfüber – der Film zur „ADHS“-Konstruktion – Filmrezension

Berlinale 2013 / Filmbesprechung in Ossietzky

Einer der besten Film der diesjährigen Berlinale kommt im November in die Kinos.

Der Film beschreibt die Geschichte eines sozial benachteiligten Kindes, Sascha. Die Benachteiligung wird nachvollziehbar und damit gleichzeitig als veränderbar deutlich gemacht. Das ist heutzutage etwas Besonderes, denn es hat die irrige und längst wiederlegte Ansicht Konjunktur, dass auffällige Kinder einen Genschaden im Gehirn haben und mit Medikamenten behandelt gehören.

Dies Kind ist aber, wie so viele andere auch, einfach nur benachteiligt. Benachteiligt durch seine Wohngegend, dadurch, dass es aus einer Mehrkindsfamilie kommt, durch Aufwachsen bei einer alleinerziehenden Mutter, durch eine Familie, die permanent von Arbeitslosigkeit getroffen und bedroht ist, dadurch, dass es nicht richtig und gut und rechtzeitig lesen gelernt hat, durch permanenten häuslichen Nikotin- und Fernsehgenuss, durch Schulwechsel, durch Kleinkriminalität des älteren Bruders und dadurch, dass es männlichen Geschlechts ist. Wäre es diesen Bedingungen nicht ausgesetzt gewesen, und das passiert kurzzeitig in dem Film, weil einmal einer an ihn glaubt, dann hätte er sich anders entwickelt, positiver.

Die Bedingungen sind die Typischen, die sich unter der vorherrschenden Prekarisierung herausgebildet haben und wogegen alle anreden, aber keiner etwas tut, es sind seit Langem bekannte, eindeutige Benachteiligungsparameter. Dass sich dadurch bei diesem Kind Probleme zeigen und welche, beschreibt der Film eindringlich, eben dadurch, dass sie sich zeitweise auflösen, und dazu nur ganz wenig gehört.

Der kindliche Schauspieler ist in diesem Film einfach überragend, er ist es, der auf die roten Teppiche gehört und in die Fernsehsender, er als Symbol für die wachsende Zahl benachteiligter Menschen in unserer Gesellschaft. Sein Ausdruck im Gesicht changiert in sämtlichen Gemütslagen, von erstarrt bis traurig, von wütend bis gewitzt, sehr fröhlich, sehr verzweifelt und immer, jede Minute des Films, authentisch, glaubwürdig, echt.

Selbstverständlich wird das Kind nun als krank bezeichnet, eine freundliche Ärztin stellt, angeregt durch die Lehrerin und zur großen Entlastung der Mutter und auch des betroffenen Kindes die rettende Diagnose, dass nicht etwa die Bedingungen, gegen die das Kind sich hilflos fühlt, sondern der eigene Körper, den man mit Medikamenten füttern kann, die Schuld an seinem Verhalten trägt. Vier Monate nimmt der Junge die Tabletten, dann kann er zwar besser lesen, dafür aber nicht mehr lachen, und mit seiner Freundin tolle Hörspiele machen und Abenteuer erleben kann er auch nicht mehr, seinen einzigen Trost hat er also verloren.

Auch der Helfer Frank, an den er sich erst gerade gewöhnt hatte, der wird ihm nun genommen, da es ihm besser geht. Für ihn sind das konkrete Verschlechterungen, die er als Bestrafungen erlebt, nur weiß er nicht für was. Seine Mutter zieht von dannen, obgleich er mit gutem Zeugnis kommt, da sie ihren Freund wichtiger nimmt als ihn, alles Scheiße und er fällt zurück in sein altes Leben, wo er nämlich, wie man plötzlich begreift, vollkommen der realen Problemsituation adäquat reagiert hat, nämlich mit Wut, weil er all das Ungerechte spürt, was ihm geschieht und es ihn ununterbrochen demütigt.

Das ist sein ganzes Problem, da helfen auch nicht die Tabletten, im Gegenteil, sie decken zu.  Deshalb wirft er sie auch fort, mit den Worten: „Die machen, das man nicht mehr lacht!“.  Ein nachdenkenswerter Film, auch sehr mutig, immerhin gegen eine millionenschwere Lobby angeschrieben. Ob das der Grund ist, den Film ins Kinderprogramm zu verdammen, so dass er nie in die großen Kinos kommt? Aber den Film können auch Kinder verstehen und haben ihn gut gefunden, der Beifall ist langandauernd, aber wichtiger ist er für die Erwachsenen, die immer noch allzuoft zu stark an die Allmacht der Tabletten glauben. Er wird dort Diskussionen auslösen, wo man Sand in die Augen geschüttet bekommt und einem Glauben gemacht wird, mit Tabletten könne man gegen soziales Unrecht angehen. Gut im Bereich der Erzieher- und Sozialarbeiterausbildung einsetzbar!

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