Anja Röhl

Würdigung des Dichters Herburger

Würdigung zum einjährigen Todestag von Günter Herburger

Am 3.5.19 um 17 Uhr begehen wir im Kiehlufer 43, bei Röhl, in Berlin-Neukölln, Nähe Wildenbruchplatz, den einjährigen Todestag des Dichters Günter Herburger mit einer kleinen intimen Salon-Lesung aus Briefen und dem Werk Capri.  Wir wollen uns jedes Jahr eines seiner Werke vornehmen, es ein wenig studieren und daraus kurze Passagen vorlesen. Wir, das sind Freunde von ihm, die sein Andenken wahren und sein Werk nicht dem Vergessen ausliefern wollen. Wir haben Platz für 15 Leute, wir freuen uns über jeden Besuch. Wer Lust hat, bringt etwas zum Essen mit, für Getränke und Musik wird gesorgt.

Würdigung des Dichters Herburger in Isny

Isny ist eine kleine Stadt im Allgäu, sie hat viele Türme und Tore, viele alte Steinhäuser und Sonnenlicht und Herbstblätter. Auf ihrem Friedhof liegt seit einiger Zeit der Dichter Günter Herburger. Nicht unter Tujabäumen, wie er es immer gewünscht hatte, denn die sind abgesägt worden.

Unter dem Motto: „Da wo ich geboren bin, werde ich wieder sein!“ fand am gestrigen Mittwoch, am 7.11.18 ( Mittwoch letzter Woche) eine Lesung zu seinen Ehren statt, den der örtliche Literaturkreis organisiert hat. Die Lesung war aus zweierlei Gründen außerordentlich: Einmal, weil die acht Leute sich innerhalb von nur drei Monaten in ungeheurer Schnelligkeit und mit großem Fleiß durch ein Lebenswerk von fast 50 Büchern gearbeitet haben, zum zweiten, weil es ihnen mit der von ihnen erarbeiteten thematischen Herangehensweise (jeder übernahm einen besonderen Themenkreis aus Herburgers Werk, suchte dazu Textstellen heraus), gelungen ist, Herburgers Werk nicht nur örtlich, sozial, thematisch und ideengeschichtlich zu verorten, sondern auch seine nur schwer verständlichen Texte zu erklären, verständlich zu machen, Neugier beim Publikum zu wecken.

Heimatsuchender, vaterloser Sohn

Isny hat den Dichter Günter Herburger sein Leben lang begleitet, er war dort zunächst als vaterloser Sohn mit seiner Mutter zusammen, ihr zur Hilfe und zum Trost, aufgewachsen, dann aus der Enge der Provinz geflohen, dann aber immer und immer wieder gekommen. Zuerst seine alte Mutter zu besuchen, dann mit seiner Familie, um sein „Mutterhaus“ erneut zu bewohnen. Zahllose seiner Texte beziehen sich auf diese Stadt und die starken Wurzeln, die er in sich fühlt, die ihn an diese Gegend binden.  Das Haus seiner Familie ist ein weißes Jugendstilhaus mit Glasmustern in halbrunden Fensterscheiben, besitzt einen schönen Garten, eine Glasveranda. Es war das Rückzugsgebiet eines Mammutschriftstellers, der Vater, Langstreckenläufer, Dichter war, der unverschämt, aufmüpfig und wild war.  Auch ein Heimatsuchender. Denn es trieb ihn genauso stark fort, wie zurück, seine Reisen um die ganze Welt und seine Freude am Laufen zeugen davon.

Zweiundsechszig Romane, Gedicht- und Erzählbände, Kinderbücher

Unter solchen Themen fand der Leseabend im Isny-er Schloss statt, in einem altertümlich bemalten Saal. Neben einer Jagdgöttin war ein schwarzer Vorhang gespannt, auf dem Tisch davor die Schreibmaschine, denn Herburger hat nie einen Computer angerührt,  rechts davon sein Gesamtwerk in einer hohen Glasstele, es sind (62, inklusive der Taschenbuchausgaben ) Bücher, Romane, Gedicht- und Erzählbände und Kinderbücher. Auf einem Büchertisch vorn links im Saal liegen einige von ihnen zum Verkauf aus, zahlreiche werden auch gleich an die Besucher verkauft.

Herburger noch nie so gut verstanden

Das Konzept war:  Günter Herburger in Häppchen. Das ist aufgegangen. Eine Frau im Publikum rief, sie habe Herburger noch nie so gut verstanden wie durch diese Darbietung. Es ging um Gesellschaftliches, es ging um Isny, es ging um ihn als Vater, es ging um seine Visionen von einer anderen, besseren Welt. Die Vortragenden machten die lokalen Bezüge seiner Texte sichtbar, indem sie den Vorhang der Verschleierung ein wenig hoben. Kleine Erklärungen, Anekdoten, thematisch ausgewählte Zitate und Bonmots, Gedichte.  Herburger hat ein ungeheuer vielschichtiges Werk hinterlassen. Er selbst wünschte keinerlei Erklärungen zu seinen Texten, die hätten ihn eher erbost:  „Unfug“  hätte er geschrien, aber das hilft jetzt nicht mehr, nun muss er es sich gefallen lassen, nun macht das Lesepublikum mit seinem Werk, was es will.

Herburger darf nicht vergessen werden

Der Literaturkreis in Isny hat es jedenfalls gut gemacht. Das zahlreich vorhandene, den ganzen Saal ausfüllende Publikum dankte es durch großen Applaus. Das Werk des Dichters darf nicht vergessen werden, dafür wollen sich die Kulturvertreter mit Frau Korad der Stadt Isny einsetzen. Es soll immer wieder etwas geben, was an Günter Herburger, den Dichter aus Isny, erinnert.

Friedrich Hechelmann, Herburgers Buchillustrator

Im Nebentrakt lief eine Ausstellung seines Freundes Friedrich Hechelmann, ebenfalls aus Isny, ein Maler. Blau-verwischte Bilder, etwas mystisch, etwas kitschig, Herburger liebte es. Hechelmann hat ein Großteil von Herburgers Werk illustriert.

Durch Schreibgebirge durchwühlen

Herburger hat zahlreiche Literaturpreise gewonnen, er hinterlässt ein umfangreiches Werk, was seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung harrt, dazu zwei mal fünf Meter Korrespondenz in zwei Reihen im Literaturarchiv Marbach.  Bei seinem Tod im Mai diesen Jahres hatte er keinen Verlag. Er galt als unlesbar, das wollen die Isnyer ändern. Wenn die Verlage ihn nicht drucken wollen, dann wollen sie in seinem Werk nach Dingen suchen, die sie gebrauchen können.  Und das haben sie getan, ein erfolgreicher, neugierig machender Abend, dem weitere Aktivitäten folgen sollen. Durch die Schreibgebirge von Günter Herburger muss man sich durchwühlen wie durch die von Elfriede Jellinek. Beide sind verzweifelte Zukunftspropheten und kämpfen gegen die zerstörerische Macht einer auf Heuchelei gegründeten Welt. Beide werden getrieben, sind Gestalter eines Werks, was aus ihnen herausbricht ohne ihr Wollen, in ununterbrochenem Fluss und ohne das es einzudämmen ist. Herburgers Werk muss nun verdaut werden, zum Publikum gelangen in einer Form, dass die hohe Sensibilität sichtbar wird, mit der er an Menschen seiner Umgebung und der Welt, an Sachverhalte wie der Zerstörung der Landschaft, des Lebens der Tiere, an die Gesellschaft und an aktuelle Fragen, die uns zu interessieren haben, heranging.

Konfiszierliche Bücher

Ein schöner Mann war er, ein weicher Mann, ein Mensch, der unter den Leiden, die über die Menschheit gebracht wurden, litt, ein Kurier, ein Überbringer schlechter und guter Nachrichten, das sich die Welt ändere.  Im Kopf hatte er noch viele „konfiszierliche Bücher“ wie einst sein Freund Heine, sie strebten heraus, Einhundert Jahre wollte er werden, um sie alle noch ans Licht zu befördern. Das ist nun nicht mehr zur Ausführung gelangt, nun beginnt unsere Aufgabe: Etwas mit ihm anzufangen, etwas daraus zu machen, was er uns gab.

Das Doppelgrab der Herburgers liegt neben dem seiner Mutter und seines Bruders. Dort muss man nun Wintergewächse pflanzen, hörte ich und grub ein kleines mit roten runden kleinen Äpfelchen ein. Dann fotografierte ich Isnyer Türme, deren es viele gab.

Ärger mit den Stadtvertretern

Am Abend schmunzelten die Isynier Literaturfreunde, und nennen den Dichter Schlitzohr, da er in seinem letzten Buch schon wieder die Brüder Tammler drin hatte – jeder kennt die hier, sie haben halb Isny aufgekauft und ein wenig kaputtsaniert und ihre Freunde sitzen im Stadtrat und machen dazu Männchen. Auch sprach man von Nüssen und dass damit Isny gemeint gewesen sei und es dafür  „Ärger“ mit den Stadtvertretern gegeben habe und ich muss lachen und denke an Thomas Mann in Lübeck und Thomas Bernhard in Österreich, wo sich auch welche wiedererkannten.

Nicht ins Nichts entlassen

Die Zukunft, die in Herburgers Werk immer magisch verklärt wird, mit umgedrehten und vielfach gebrochenen Motiven verziert, spielt in seinen Werken immer eine große Rolle, er war im Grunde ein optimistischer Mensch. Nie entlässt er den Leser seiner Bücher ins Nichts. Der stark in der Allgäuer Berglandschaft Verwurzelte hatte durchaus Hoffnung in Bezug auf die Zukunft, obgleich er sich keiner Illusion hingab und gerade weil er schärfster Kapitalismuskritiker war, und trotz düster-realistischer Vorahnungen. Die Erde, meinte er, würde sich spielend erholen können, sofern sie die Verursacher endlich daran hindern würde weiter zu machen wie bisher. Aber auch dem Mensch traute er viel zu, wenn er es mit Witz und Phantasie versuchen würde.  Die Perspektive war bei ihm, ähnlich wie der rote Faden in seinen Büchern, oft vielfach gebrochen, verdreht, verknäuelt, zersplittert, unter Schotter verborgen. Sie wurde von seinen allesamt ebenfalls gebrochenen und oft mit Makeln behafteten Protagonisten, die sich als Kompetenzen erwiesen, freudig mit der Lupe betrachtet, dann auseinandergenommen, neu zusammengesetzt und in den Raum, beinahe ins All geworfen.

Es wäre lohnenswert und die Isyner Literaturfreunde (Arbeitskreis Literatur im Kulturforum Isny e.V.)      haben es vor, die Lesungslaudatio an Herburger zu einer kleinen Broschüre zusammenzustellen, aus einem Mitschnitt soll ein kleiner Film entstehen.

Mit einem Lachen, mit dem Ausruf: „Unfug!“, zusammen mit einer wegwischenden Handbewegung, garniert mit dem Fluch: „Herrgottsack!“, den der Isnyer Dichter von seiner Großmutter gelernt hat, würde Herburger selbst dieses Epistel enden lassen. Er fand es eitel, dass man nach seinem Tod noch etwas vorstellen wollte. Die Isnyer aber wollen doch dafür sorgen, dass das, was er den Menschen zu sagen hatte, nicht vergessen wird. Man darf gespannt sein!

 

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