Anja Röhl

Made in Bangladesh

18.1.13 / politischer Kommentar

Vor zehn Tagen brannte eine Kleiderfabrik namens Tzreen Fashion nieder, mehr als 100 Leute kamen ums Leben. Ein tragischer Unfall oder Vorsatz? 

220 000 Sweatshirts sollten im Monat Dezember an C&A, Kik, Karstadt ausgeliefert werden. Die Baugenehmigung sah drei Stockwerke vor. Hunderte von Arbeitern versammeln sich seither Tag für Tag vor der Rauch geschwärzten Fabrik und schreien ihre Trauer und Wut gegen die verbrannten Mauern.

Ein achtjähriges Mädchen steht ganz vorn bei den Polizisten am Tor. Sie hat beide Eltern verloren. Ihr Vater hat sich per Handy von ihr verabschiedet: „Ich werde sterben“. Sie bleibe hier, sagt das Mädchen, bis sie das Gehalt ihrer Eltern bekommen habe. Seit vier Monaten habe Tazreen keine Gehälter gezahlt. Im rußigen Schutt liegt ein „Kinder-Sommerset, zweiteilig“ für 7,99 EU,  Rehana Aktar, 30, hat überlebt, weil sie am Tag der Katastrophe krank war. Vier Verwandte verbrannten bei lebendigem Leibe in den Flammen der Textilfabrik aus einem einzigen Grunde, weil es dann für die Besitzer „höhere Kosten“ und weniger Millionen-Profite gegeben hätte: Keine Notausgänge, keine Feuerlöscher, keine Sprungtücher, keine Rettungsleitern und sechs Stockwerke mehr als baupolizeilich erlaubt.

Die großen Modemarken sind stärker als Bangladeshs Regierung ( Hasan Ashraf, 35, geboren in Dhaka, Forscher im Netzwerk Asien und Europa): „Westliche Hersteller übernehmen keine Verantwortung. Die Produktionskette ist feingliedrig und verwickelt,  es ist fast unmöglich sie zu überwachen. Wenn in der vereinbarten Zeit nicht geliefert würde, sei der Gewinnverlust zu bezahlen, als Folge würden in Fabriken die Türen zugesperrt, bis die Produktion durchgezogen ist. Der Verbraucher ist ein Verführter. Die Klamotten kommen in Wahrheit nicht aus der Galerie sondern aus der Galeere.“

Wer ein Wühltisch-T-shirt für 2,99 kauft, der muss wissen, das an solchem Kleidungsstück Blut klebt.

Um 18.45 hörte Mohammed Rajib, 22, eine Glocke, die Vorarbeiter sagten: Macht weiter!

Paar Minuten später: Schreie, Weinen, Rufe, die Vorarbeiter und Manager waren verschwunden. Aus dem Treppenhaus kam eine Rauchsäule, die nahm den Atem. Dann fiel das Licht aus, die Leute flüchteten nach oben ins vierte Stockwerk. Dort drängten sich 250 Menschen um ihre Handys. Arbeiter rissen die Stahlstreben aus der Verankerung in den Wänden um dadurch einen Weg nach draußen frei zu machen. Rajib sprang.

Der Verbraucher des Westens ist in dem krakenhaften System der Textilströme der zweite Übeltäter, der unfreiwillige Komplize, er folgt angeblich seiner gierigen Natur. Erst empört er sich, dann greift er zum Schnäppchen. Man hat ihn aber  genau dazu abgerichtet. Mit den 300.- die ihm monatlich zugewiesen sind, kann er sich internationale Soildarität nicht leisten.Die dagegen aufbegehrende Arbeiterführerin Kalpona Akter zählt die Todesdrohungen nicht mehr, die sie bekommt.

Vor Wochen starben in Karachi, Pakistan, 250 Menschen bei einem Zulieferer von Kik. In Bangladesh ist die Textilbranche mächtiger als einst in Deutschland der bergbau. 42 % der parlamentsabgeordneten besitzen selbst Textilfabriken, zu ihnen gehören Medienunternehmen und Zeitungen.

Laut dem Fachmagazin „Cotton Bangladesh“ kostet eine Arbeitsstunde 23 Cent. Die Polizei arbeitet mit Gestapomethoden, erschieße immer wieder Arbeiter, die sich auflehnen. Die meisten Menschen dort sind auf diese Arbeitsplätze angewiesen. Jedoch schon 12 Cent mehr pro T-shirt reichen, laut verdi, damit die Frauen in Bangladesh 50 Eu mehr im Monat verdienen.

Jede tote Arbeiterin kostet den Fabrikherrn 17.000 Eu, das ist der Durchschnitt der Entschädigung, die dann, wenn sie eingefordert, eingeklagt und mittels teurem RA durchgesetzt wird, gezahlt wird. Angeblich habe alles der Verbraucher in der Hand, sagt Tschibo-Chef Lohrie ( Quelle: STERN, nr. 50,S. 34 ff) Ist es so? Haben wir es in der Hand, was dort unten in unserem Namen geschieht? Nein, das haben wir nicht, aber wir können etwas dazu beitragen, dass es nicht mehr weitergeschieht. Von dem Moment an, wo wir es wissen. Das ist unsere verdammte Pflicht!

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