Anja Röhl

Sexueller Missbrauch – (k)ein Thema

Siehe auch „Die Zeit ist reif“

Jahrhunderte hat man über Kindesmissbrauch geschwiegen, dann hat man es als Hirngespinst abgetan, später erfand Freud, da er sich eine solche Menge von sexuellen Übergriffen, wie ihm anvertraut wurden, nicht erklären konnte, den Ödipuskomplex. In den frühen 60-iger Jahren hat die so genannte sexuelle Revolution auch die Pädophilie in ein positives Licht getaucht, sie sollte nur sanft genug vonstatten gehen, aber sanfter Missbrauch zerstört menschliche Seelen auf eine ganz besondere Weise. Es gab ein Mädchen, dass mit 12 Jahren von ihrem Vater auf liebevoll-zärtliche Weise entjungfert wurde, später hat sie ihren Ehemann mit dem Beil erschlagen, als er die Tat aufdecken wollte. Sie blieb ein Leben lang seelisch an diesen Vater gefesselt. Das ist das Drama des sanften Missbrauchs, früher beschönigend Inzest genannt.

In den 80-iger Jahren haben von Missbrauch betroffene Kinder, in der Überzahl Mädchen, erstmalig Menschen gefunden, die ihnen geglaubt haben, dass es negative Folgen gibt, wenn Kinder, bevor sie eine eigene Sexualität haben, mit dem Begehren Erwachsener in Sprache, Handlung und Gewalttat konfrontiert wurden und es waren die feministischen Frauen und Therapeutinnen, die erstmals Schritte der Hilfe zur Selbsthilfe entwickelten, um die ehemaligen Opfer freier und selbstbewusster zu machen.

Sie waren auch die ersten, die überhaupt zugehört haben, ohne Vorwürfe zu machen, wie es in Erziehungsinstitutionen, Heimen, Kirchen, Polizei und Justiz bis dahin allgemein üblich war. Ihre Versuche, das Thema öffentlich zu machen, brachte ihnen aber den Ruf der Hysterie, Männerfeindlichkeit und Übertreibung ein. Es stellte sich dann heraus, dass wer von „Missbrauch“ spricht, einen „Gebrauch“ von Mädchen logischerweise richtig finden müsste, seither hat der Begriff „sexualisierte Gewalt“ den Fokus der sexuellen Übergriffe auf Mädchen und Kinder mit dem der Erwachsenen zusammengedacht und dadurch aus dem Blick genommen und verwischt. In den 90-iger Jahren schien es das Thema öffentlich kaum zu geben, da glaubte man, wenn Kinder fleißig lernen „Nein“ zu sagen, dann halten sich auch die Tätzer zurück. Seit der Jahrtausendwende fielen die Wildwassergruppen der Missbrauchs-Opferhilfe wie alle von Frauen selbst aufgebauten Sozialeinrichtungen dem Sparwahn zum Opfer, mit nur noch minimalen Möglichkeiten, verschwand ihr Einfluss und ihr Bekanntheitsgrad und mit dem allmählichen Verschwinden und Diskreditieren des Themas aus der Öffentlichkeit, verringerten sich also wiederum die Möglichkeiten, dass Hilfesuchende Hilfe bekamen und dass ihnen geglaubt wurde.

Während all der Zeit konnte sich, weil die Gesellschaft als Ganzes, in Politik und Öffentlichkeit das Thema „vergessen“ hatte, ein wild wuchernder Frauenhass in einschlägigen Magazinen, auf Videos, später im Internet, in erschreckender Weise ausbreiten, und damit sank die Hemmschwelle auch für derlei Taten gegenüber Kindern. Immer mehr jüngere Mädchen, zu einem kleinen Teil auch männliche Kinder waren und sind betroffen.

Früher glaubte man, nur die brutale Vergewaltigung sei mit Missbrauch zu bezeichnen, heute wissen wir, dass schon sexuelles Berühren von Kindern, schlüpfriges Reden, sich an ihnen aufzugeilen, ihnen Pornografie aufzudrängen, ihre Umgebung zu sexualisieren, das all das schwerste Schäden in der Beziehungs- und Liebesfähigkeit dieser Kinder hinterlässt. Wenn, wie im Fall der katholischen Kirche, wo unter den Kirchenbänken kleine Schriften über die Sünde, sich selbst zu berühren, ausliegen, nun ein Massenmissbrauch von Kindern zutage gefördert wird, der in derlei Institutionen Erzogenen, ja, dass der Vatikan davon durchzogen ist, wie man ja immer schon vermutete, aber nie beweisen konnte, dann ist das gut und nicht schlecht. Denn endlich, endlich trauen sich die Betroffenen zu sprechen, sich zu melden, haben Mut bekommen, sich zu öffnen. Erstmalig wird deutlich, wohin doppelbödige und den Körper verleugnende Ideologien führen, erstmalig wird deutlich, dass da, wo Kinder zu Eigentum werden, wo sich Kinder streng und hierarchisch dem Willen der Erwachsenen beugen müssen, der sexuelle Missbrauch nicht weit ist.

Erstmalig also beginnen sie, es nicht mehr als ihre eigenen Schuld anzusehen, was ihnen Erwachsene angetan haben. Und es scheint sich auszuweiten. Internate, Heime, Erziehungsanstalten. Überall da, wo Familienersatz stattfindet. Wissen wir doch aus der Missbrauchsforschung seit langem, dass die Familie der gefährlichste Ort für Kinder ist, so sind nun erstmalig „Familienersatzorte“ ins Licht der Öffentlichkeit geraten. Die Odenwaldmissbräuche sind zwar schon 99 aufgedeckt worden, haben aber jetzt die Öffentlichkeit wie kein anderer Skandal beschäftigt. Kunststück, lässt sich doch hier gleich mit der gesamten Reformpädagogik abrechnen, was man schon seit den Autoritätsthesen des Bueb vorhatte.  Da trauen sich nun erstmalig Betroffene im Erwachsenenalter zu sprechen, schon werden sie gegen die gesamte Linke funktionalisiert.  Bereitwillig werden nun die Missbrauchsfälle der Alternativpädagogik angehängt.

Das ist ein Fehler, die Alternativpädagogik hat sich immer um Aufklärung von Gewalt und Kindesmissbrauch bemüht, wir wären heute nicht so weit bei der öffentlichen Diskussion um das Wohl des Kindes, wenn es nicht den nichtautoritären Blick auf das Kind, weg von den alten Schuldzuschreibungen (faul, dumm, verdorben) gegeben hätte. Alice Miller hat mit ihren bahnbrechenden Schriften (Das Drama des begabten Kindes, Am Anfang war Erziehung, u.a.) erstmalig den Blick auf das dem Kind durch Erwachsene zugefügte Leid gelenkt und damit die Ödipuskonstruktion ausgehebelt.  Aber natürlich ist Missbrauch keineswegs auf katholischen Institutionen beschränkt, auch Internate sind keine bedauerlichen Zufallsorte, sie sind nur abgelegen. Abgelegen und weit weg von Eltern und Hilfsorganisationen, weit weg von Menschen, die den Opfern Glauben schenken könnten.

Doch ist es ein Zufall, dass erstmalig jetzt, wo in so großer Anzahl auch Knaben betroffen sind, Sängerknaben, Messdiener, Chorknaben, diesem Thema eine derart große mediale Aufmerksamkeit geschenkt wird? Neun von zehn Kindern, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind, sind Mädchen. (Kriminologisches Institut Hannover). Doch Mädchenmissbrauch allein hatte es bisher nicht so leicht in die Schlagzeilen zu kommen. Im Falle von Mädchen ist schnell die Rede von Verführung, von Koketterie, vom Ersatz für die Mutter, die die „sexuellen Dienstleistungen“  „verweigerte“. Da finden sich Ausreden und Ausreden.

Es mag ja medienwirksam sein, wenn sich allerorten Kommissionen gründen, Hauptsache daraus folgt auch, dass Politik und Justiz vernünftig handelt. Denn wichtig ist, Selbsthilfegruppen zu institutionalisieren, großzügiger mit Stellen und Geldern ausstatten, in den Schulen Sprechstunden anzubieten, in Kindergärten und Familienberatungsstellen auf Warnhinweise reagieren und nicht, wie vielfach passiert, Augen und Ohren vor dem verschließen was nicht sein darf, nur weil Erwachsene nie zum Opferkreis gehören, ebenso wie Eltern und Väter.

Projekte, die sich diesem Ziel widmen, dürfen nicht am Rande ihrer Selbstausbeutung belassen, sondern müssen gefördert werden. Das wäre wichtiger als medienwirksame Entschuldigungen. Betroffene Kinder müssen sich an kompetente Fachleute wenden können, die sich Zeit nehmen, die  ihnen zuhören. Sie müssen konkrete Hilfe bekommen und nicht, allein und ohne Verteidiger durch Prozesse gehen müssen.  Eine Hotline „Kindesmissbrauch“ sollte nicht nur eingerichtet, sondern auch mit Menschen bestückt werden, die auf diesem Gebiet spezialisiert sind, es müssen Betroffene Betroffene beraten, nicht aber Auf- und Abwiegler,  Behördenmenschen oder Sensationslüsterne.

Acht mal muss ein Kind Menschen erzählen, dass sie so etwas wie „sexualisierte Gewalt“ erlitten hat, bevor man ihr glaubt, selbst die eigenen Mütter gehören zu den am stärksten Abwiegelnden.  Als Erwachsene können sie sich die Hilfe selber holen, als Kinder brauchen sie unsere Hilfe. Auch die Täter zur Therapie bewegen, heißt vorbeugen, ihnen überhaupt eine Therapie ermöglichen und zwar eine, wo sie auf die Ursachen ihrer Taten kommen.

Momentan wird Betroffenen geglaubt. Sie machen sich gegenseitig Mut. Eine Zeit der großen Solidarität unter den Opfern.

Doch im Falle der eigenen Väter, wie es leider nur allzu häufig der Fall ist, werden Betroffene, wie eh und je der Lüge und der Verleumdung bezichtigt. Es sind Erwachsene, die an die Öffentlichkeit gehen und gegangen sind. Solange sie klein waren, haben sie sich nicht getraut, denn man redete ihnen ein, dass sie einverstanden gewesen seien, ja, dass sie es selbst so gewollt, es provoziert hätten. Solange sie Kinder sind, schämen sie sich. Das  Thema bleibt unsichtbar. Wir müssen aber den Kindern im Moment des Missbrauchs helfen, wir müssen vorbeugen, nachher kann man nur wenig tun.

Sexualität und Macht entkoppeln

Was haben die heute betroffenen Kinder von der öffentlichen Diskussion um den Missbrauch? Dass wir über die Bedingungen nachdenken, die Menschen zu Tätern machen. Nicht um Täter zu be- oder entlasten, sondern, dass wir für Bedingungen kämpfen können, in denen weniger  Menschen zu Tätern werden. Die Bedingungen erkennen, die dem Missbrauch Vorschub leisten, diese analysieren, sie bewusst zu machen. Das ist die allererste Bedingung ihrer Infragestellung und Veränderung.

Was also, wäre zu fragen,  befördert den sexuellen Missbrauch von Kindern? Zum Beispiel, dass man Kinder, kleine „Lolitas“, wie es heißt, abbildet und zum Sexsymbol macht? Natürlich, aber vor allem durch die Kombination von Sexualität und Macht. Wodurch also ändern wir auf lange Sicht etwas? Dadurch, dass Sexualität und Macht entkoppelt wird. Auf allen Ebenen. Konsequent.

Sexualität ist eine Funktion der Liebe, wenn es zu einer Funktion von Macht wird, dann führt das geradewegs zum sexuellen Missbrauch von Mädchen und Kindern. Die Hierarchisierung unserer Gesellschaft hat sich, im Zuge der Kapitalisierung und damit Ausbeutung in sämtlichen Bereichen, wohin man nur sieht, immer auf Kosten Schwächerer, und unter Rückbildung sämtlicher, die Hierarchisierung auffangenen sozialen Maßnahmen, extrem verschärft. Sie wird sich noch weiter verschärfen. Aber diese Aufteilung der Gesellschaft in eine Stufenleiter aus unten und oben, wo jeder steil über sich einen Höheren hat, von dem er getreten wird, führt in eine Unmenschlichkeit, von der die Missbrauchsfälle nur einen kleinen, aber  grausamsen, weil so gut versteckten Teil darstellen.

Überall in der Welt ist sexuelle Gewalt in jeder Form zudem mit Krieg und kriegerischen Eigenschaften eng verschwistert. Diesen Eigenschaften wird Vorschub geleistet, in dem Krieg zum Alltag gehören soll und zwar seit Jahren, überall. Auch dem gilt es sich entgegenzustellen.

Kommentare

Es gibt 5 Kommentare für "Sexueller Missbrauch – (k)ein Thema"

  • […] hat man über Kindesmissbrauch geschwiegen, dann hat man es als Hirngespinst abgetan, später erfand Freud, da er sich eine solche […]

  • Detlef Harnack sagt:

    Interessanter Artikel, dem ich zu großen Teilen zustimmen kann – allerdings bei den Prozentzahlen hege ich leichte Zweifel. Mag sein, dass diese stimmen – dann aber wahrscheinlich nur für Deutschland. Hier in Irland, wo ich seit über neun Jahren lebe, sieht es anders aus – und das hat mit der stärkeren Position der katholischen Kirche zu tun: Hier sind 90% (amtliche Statistik) der ‚Missbrauchten‘ männlichen Geschlechtes – und der ‚Missbrauch‘ beschränkt sich nicht nur auf sexualisierte Gewalt (oder gewalttätige Sexualität), sondern auch auf physischen Ge- und Missbrauch von Kindern als billige Diener, Landarbeits-, Hausarbeits- und Putzkräfte und als physisch-psychische ‚Blitzableiter‘ für Lehr- und Sorge-Kräfte, denen allzu gern ein, zwei oder drei Mal die ‚Hand ausrutscht‘.
    Für die geneigte Leserschaft: Hier nahm vor ca. 15 Jahren die Aufdeckungskampagne über diese Skandale in den katholischen Kirchen in Europa ihren Anfang – ein Anfang, der hoffentlich zur lückenlosen Aufklärung ALLER Fälle führt.
    Noch etwas möchte ich hier kommentarlos zur Diskussion einwerfen:
    Laut amtlichen Statistiken mehrerer Europäischer Länder ist in ALLEN bekannten FKK-Vereinen (also Vereine, in denen – auch – Kinder schon früh mit körperlich gesunder Nacktheit in Berührung kommen) in den vergangenen 20 Jahren KEIN EINZIGER Fall von sexualisierter Gewalt bekannt geworden. Ein Denkansatz?!

  • anja sagt:

    Ich kann hier jetzt deine Zahlen nicht nachprüfen, es ist sowieso nicht sinnvoll bei diesen Themen so viel mit Zahlen zu operieren, für die FKK-Comunity würde ich nicht so unbedingt meine Hand ins Feuer legen, man soll nie nie sagen und wer behauptet, in seiner Gruppe, wäre noch nie ein einziger Fall…usw., der belügt sich selbst.

  • […] Sexueller Missbrauch kein Thema ————————————————————————————- […]

  • Anna sagt:

    Interessanter Artikel. Auch sehr herzzerreissend. Wer eigene Kinder hat, stellt sich unmittelbar vor, die wären von so einem Verbrechen mal betroffen. Ein unerträglicher Gedanke.

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