Anja Röhl

Shortcut to justice – über die Macht der Solidarität in Indien – Filmrezension

Eine Frau ist in Indien unter besonders brutalen Bedingungen von sechs Männern in einen Bus gezerrt und dort sexuell gefoltert und zu Tode gequält worden, währenddessen drehte der moderne Reisebus seelenruhig durch die Straßen der Großstadt seine Runden.

Es hieß dann verharmlosend: „Vergewaltigung“, dazu sagte mein Vater früher immer lachend: „Vergewohltätigung“ und damit wollte er ausdrücken, dass um diese Sache zu viel Gerede gemacht wird und sowas doch eigentlich ganz nett für eine Frau wäre. Seitdem hörten wir tagelang von Frauen-Demonstrationen in Indien. Auch Männer beteiligten sich an ihnen. Das Land kam lange nicht zur Ruhe. Es wurden Beratungsstellen, Schutz- und Therapieräume, aber vor allem Verfolgung der Täter, und ernstzunehmende Ahndung der Tat gefordert, an all dem scheint es in Indien zu mangeln und das scheint den Tausenden Frauen, die es seitdem auf die Straße trieb, unter den Nägeln zu brennen.

Etwas wie Zigaretten rauchen

Und nicht nur das, die Einstellung ist es, die sie anprangern und bekämpfen, denn man sieht dort Vergewaltigung von Frauen als Kavaliersdelikt an, etwas wie Zigaretten rauchen, essen und trinken, eine Frau gebrauchen, die Einstellung, die in den lachenden Kriegszoten meines Vaters durchklang, die scheint auch in Indien massenhaft verbreitet zu sein. Brutalisierte und sexualisierte Gewalt gegen Frauen kommt derart häufig vor, sagen die Frauendeklarationen, dass es schon allein deshalb „normal“ zu sein scheint.

Ein Land, wo Frauen nicht viel gelten

Polizisten machen es, Ehemänner, Leute, die nachts aus einer Kneipe kommen, alle. Es ist ein Gelegenheitssport, ein Männlichkeitsritual, eine Mutprobe. In einem Land, wo Frauen nicht viel gelten, wo sie als Kinder an alte Männer zwangsverheiratet werden, wo sie auf der untersten Stufe aller untereinander angeordneten Kasten stehen, da ist eine solche Verbreitung gewalttätiger Exzesse an Frauen die Norm geworden.

Viele Menschen glauben, dass es in einem solchen Land dann auch den Opfern nicht mehr viel ausmacht, dass sie sich sozusagen daran gewöhnt haben, resigniert sind, sich abgefunden haben mit so ein bißchen „Vergewohltätigung“.

Aber nein, nicht so die Frauenbewegungen in Indien. Seit Jahrzehnten kämpfen sie. Und sie kämpfen mit viel Power. Aber die alten Strukturen sind zählebig. Religion und soziale Verelendung im Vormarsch. Und das fördert leider den Rückschritt.

Der kürzeste Weg zur Gerechtigkeit

Wer etwas Gutes hierzu anschauen will, der sollte sich den Film „shortcut to justice“ besorgen, ein 2009 gedrehter Dokumentarfilm, der von einer der zahllosen Frauen-Selbstermächtigungs-Initiativen berichtet.

Dieser hier liegt im Bereich einer Art selbsterfundenen Gerichts unter bäumen, eine Art öffentliche Mediation. In Anbetracht der Tatsache, dass in Indien ein Richter auf 100.000 Menschen kommt, und das Land daher quasi ein Land ohne Rechtssystem ist, wie die Frauen sagen, haben sich die „Frauen für Gerechtigkeit“ gegründet. Einmal in der Woche kommen sie nun im Armenviertel Kalyan Nagar zusammen und verhandeln einen Fall von Ungerechtigkeit oder Gewalt gegen Frauen. Der Film hat das festgehalten.

Die Frauen hören vor allem zu

Die Betroffenen kommen zusammen, flankiert von Familienangehörigen und engen Freundinnen, die „Frauen für Gerechtigkeit“, erkennbar an den bunten Saris, kommen über den Platz und setzen sich zu ihnen. Dann wird verhandelt. Als erstes spricht die Frau und trägt ihr Anliegen vor, die Frauen der Initiative hören zu, dann sagt der Ehemann etwas, die Schwiegermutter, weitere Personen, dann wieder die Frau. Statt Strafe geht es hier um Wiedergutmachung und Folgekosten, etwas, das auch hierzulande im Standardwerk für pädagogische Berufe, dem Hobmair,93, für die Kindererziehung empfohlen wird, Strafen führen zum Heucheln, heißt es da, zur Verstellung, zum Petzen und Denunzieren, sie steigern Aggressivität und Feindseligkeit, aber um ein negatives Verhalten abzustellen, braucht es Einsicht und das wird niemals durch Strafe befördert.

Wiedergutmachung

Also debattieren die Frauen hier unter den Bäumen Wiedergutmachungs-möglichkeiten. Wie könnte in Zukunft so ein ungerechtes Verhalten vermieden werden, fragen sie, warum hat die Frau kein Recht darauf gefragt zu werden? Ob sie sich klarmachen, wie demütigend es ist, so und so behandelt zu werden? Im Wesentlichen stellen sie nur Fragen und hören zu, die Einsicht kommt dem Publikum und den Betreffenden ganz von alleine. Ein modernes Azdak-Märchen, wo wie im kaukasischen Kreidekreis einmal anders Recht gesprochen wird als üblicherweise. Kein Recht aus Büchern, aufgebaut auf uralten Paragrafen, sondern eins der Menschen, das hier und jetzt entwickelt wird, kein Recht, das man sich kaufen kann, sondern eins, das man umsonst bekommt und das doch unbezahlbar ist.

Es wird nicht gestraft

Aber es wird nicht nur unter Bäumen gesessen und Ehestreit geschlichtet, es kommt auch zu Handlungen. Man sieht einen Möbelwagen das Eigentum einer Frau retten, die eben von ihrem  Mann mittellos hinausgeworfen wurde. Die Kamera hält auf die schimpfende Schwiegermama. Viele Helfer gibt es, die einen steuern den Wagen, die anderen sortieren die Töpfe und Gegenstände, so viele Helferinnen, dass die Frauen, die die Hilfe bekommen, keine Angst vor der Gegenpartei haben brauchen.  Der kürzeste Weg zur Gerechtigkeit ist der dieser Fraueninitiative, nicht nur bekommen hilfesuchende Frauen Zuspruch, Hilfe und Trost, nein, sie bekommen eine reale Chance zur Veränderung ihrer Lage. Die Frauen kommen in einer ganzen Gruppe und dann wird das Recht debattiert.  Und es ist keine Selbst- im Sinne von Lynchjustiz, denn es wird niemals gestraft. Es ist Mediation, Schlichtung, aber mehr als das, das Regulativ der Gruppe kommt ins Spiel, Solidarität.

Die Macht der Solidarität und die Öffentlichkeit als Schutz

Ich fühle mich an das Kindergericht von Janusz Korczak erinnert, seine Kinder entwickelten 99 verzeihende Paragrafen, die allesamt auf Wiedergutmachung und Folgekosten aufgebaut waren, da musste man dem, den man gekränkt hatte, ein Geschenk machen oder etwas abgeben, für seinen Gegner etwas tun und vorher wurden alle Aspekte genauestens debattiert, mit Vielen, so dass ein genaues Bild herauskam. Diese Frauen legen die Charta der Menschenrechte zugrunde und wollen sie auch für die Frauen angewendet wissen. Die Kinder kannten nur einen strafenden Paragrafen und das war die Öffentlichkeit: Höchste Strafe war ihnen, wenn das Vergehen eine Woche lang am schwarzen Brett allen Kindern sichtbar gemacht wurde. Die Frauen dieser Initiative debattieren gleich in der Öffentlichkeit, das stellt ihrer Erfahrung nach den besten Schutz für die Frauen dar.

Ein Film über die Macht der Solidarität, die jetzt wohl vielerorts angebracht wäre, nicht nur in Indien. Die einzige Waffe der Armen gegen das Unrecht, immer und in jedem Fall.

Shortcut to justice, von Daniel Burkholz und Sybille Fezer, 2009, DVD,lautet: www.roadside-dokumentarfilm.de

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